{"id":10264,"date":"2010-11-01T00:00:12","date_gmt":"2010-10-31T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10264"},"modified":"2022-07-26T14:14:33","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:33","slug":"nazi-opfer-bewegungsaktivist-held-der-aufklarung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/11\/nazi-opfer-bewegungsaktivist-held-der-aufklarung\/","title":{"rendered":"Nazi-Opfer, Bewegungsaktivist, &#8222;Held der Aufkl\u00e4rung&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Liebe Freundinnen und Freunde, <\/h3>\n<p>wer Paul Wulf gekannt hat, der wei\u00df, dass er ein Au\u00dfenseiter                 war. F\u00fcr viele war er nur ein kauziger und anstrengender Typ.                 Viele, auch viele Linke haben ihn zu seinen Lebzeiten nicht ernst                 genommen. <\/p>\n<p>Das hat sich jetzt ge\u00e4ndert, auch dank Silke Wagner, dank der                 von uns gemeinsam entwickelten Skulptur &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von                 unten&#8220;, die wir hier jetzt endlich der \u00d6ffentlichkeit wieder pr\u00e4sentieren                 k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Paul Wulf<\/h3>\n<p>Paul Wulf wurde 1921 geboren. Er war in einem proletarischen                 Elternhaus aufgewachsen. Seine Eltern waren so arm, dass sie ihn                 schlie\u00dflich 1928 als Siebenj\u00e4hrigen in ein Heim geben mussten.               <\/p>\n<p>In der Zeit, die er in verschiedenen Heimen verbrachte, wurde                 ihm Bildung de facto verwehrt. 1938 ist er als angeblich &#8222;Schwachsinniger&#8220;                 auf bestialische Weise zwangssterilisiert worden. Das hat ihn                 zu einem Antifaschisten gemacht. Zeit seines Lebens hat ihn das                 bewegt. Er ist einer von \u00fcber 350.000 Menschen, die von den Nazis                 als &#8222;Lebensunwerte&#8220; zwangssterilisiert wurden. <\/p>\n<p>Er war einer der ganz wenigen, die dieses Thema immer wieder                 auf die Agenda gebracht haben, die andere Leute mit der Geschichte                 konfrontiert haben, die informiert und aufgekl\u00e4rt haben. <\/p>\n<p>Paul Wulf war ein gl\u00fchender Aufkl\u00e4rer. Er verstand sich selbst                 als &#8222;Anarchist und Kommunist&#8220; und war aktiv in den sozialen Bewegungen,                 auch als Anti-Atom-Aktivist und Hausbesetzer. <\/p>\n<p>Seine antifaschistischen Ausstellungen haben viele Menschen bewegt.                 Paul hat aufgekl\u00e4rt \u00fcber die Verbrechen des Nationalsozialismus                 und die system\u00fcbergreifenden Faschisten, die ihre in der NS-Zeit                 begonnenen Karrieren in der Bundesrepublik oft nahtlos fortsetzen                 konnten. <\/p>\n<p>Schon zu seinen Lebzeiten gab es viele Menschen, denen diese                 direkte Form von Aufkl\u00e4rung ein Dorn im Auge war. Und nat\u00fcrlich                 gibt es auch heute noch viele Menschen, die sich eher an biologistischen                 Brunnenvergiftern und Rassisten wie dem Ex-Banker Thilo Sarrazin                 orientieren als an dem Anti-Eugeniker und Menschenfreund Paul                 Wulf. <\/p>\n<p>Die Paul Wulf gewidmete Skulptur wurde als &#8222;linksextremistisches&#8220;                 \u00c4rgernis geschm\u00e4ht. <\/p>\n<p>&#8222;Wir wollen nicht st\u00e4ndig an die Vergangenheit erinnert werden&#8220;,                 so begr\u00fcndete 2007 ein M\u00fcnsteraner Politiker der damaligen CDU\/FDP-Ratskoalition                 seinen nun gescheiterten Versuch, den Erhalt der Skulptur zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Skulptur ist ein \u00c4rgernis f\u00fcr viele, die sich eher an den                 vielen, den Militarismus verkl\u00e4renden Kriegerdenkm\u00e4lern hier an                 der Promenade orientieren als an dem Antimilitaristen Paul Wulf.               <\/p>\n<p>In der letzten Nacht gab es einen Anschlag auf die Skulptur.                 Die Brille wurde, wie schon bei den Skulpturprojekten 2007, zerst\u00f6rt,                 Plakate wurden besch\u00e4digt. Gleichzeitig mussten wir in den letzten                 Tagen hier an der Promenade vermehrt &#8222;Rudolf Hess&#8220;-Aufkleber der                 &#8222;Nationalen Sozialisten M\u00fcnster&#8220; an Laternen entdecken und abrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch das andere, das tolerante, weltoffene, menschenfreundliche                 M\u00fcnster.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Skulpturprojekte 2007, an der sich 36 international                 bekannte K\u00fcnstlerInnen mit neuen Werken beteiligten, entwickelte                 sich die Paul Wulf-Skulptur zum Publikumsliebling. Sie schaffte                 es sogar auf die Titelseite der <i>International Herald Tribune<\/i>.                 Die Obdachlosenzeitung <i>drau\u00dfen!<\/i> w\u00e4hlte sie zur menschenfreundlichsten                 Skulptur und verlieh ihr den &#8222;Berberpreis&#8220;. Und die Leserinnen                 und Leser der <i>M\u00fcnsterschen Zeitung<\/i> w\u00e4hlten &#8222;Paul&#8220; zur beliebtesten                 Skulptur der &#8222;Skulptur Projekte M\u00fcnster&#8220;, die 2007 von rund 575.000                 kunstinteressierten Menschen aus aller Welt besucht wurde.<\/p>\n<p>Paul, der zu Lebzeiten von so vielen nur bel\u00e4chelt wurde, wird                 heute endlich von vielen Menschen ernst genommen. Seine Lebensgeschichte                 bewegt. Viele Menschen haben Paul Wulf und die ihm gewidmete Skulptur                 in ihr Herz geschlossen. <\/p>\n<p>Ich freue mich, dass sich so viele f\u00fcr den Erhalt der Skulptur                 eingesetzt haben. \u00dcber 100 Menschen haben Geld f\u00fcr die Wiederaufstellung                 gespendet, darunter Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, aber auch Prominente                 wie der M\u00fcnster Tatort-Kommissar Axel Prahl.<\/p>\n<p>Das finde ich gro\u00dfartig. <\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Euch in diesem Zusammenhang etwas pr\u00e4sentieren, das                 Ihr noch nicht kennt. 2007, inspiriert durch die Paul-Skulptur,                 haben die &#8222;K\u00e4ngurus&#8220;, eine Grundschulklasse der Wartburgschule,                 mit ihrer Lehrerin ein Projekt zum Thema &#8222;Paul Wulf&#8220; gemacht.                 Sie haben ihren eigenen Paul gebastelt und aufgeschrieben, was                 sie ungerecht finden, was sich \u00e4ndern muss. Ihre W\u00fcnsche haben                 sie dann auf ihre selbst gebastelte Skulptur geklebt: &#8222;Wenn andere                 \u00fcber mich bestimmen, finde ich das ungerecht&#8220;, &#8222;Ich will, dass                 es in der Welt keinen Krieg mehr gibt&#8220;, \u2026 (siehe Abbildung).<\/p>\n<p>Es ist toll zu sehen, wie Paul Wulf heute, 11 Jahre nach seinem                 Tod, gerade bei Kindern und Jugendlichen wirkt.<\/p>\n<p>Bewegend finde ich oft auch die Reaktionen von Menschen, die                 hier an der Skulptur stehen bleiben und die darauf plakatierten                 Dokumente auf sich wirken lassen.<\/p>\n<p>Mich hat ein Obdachloser angesprochen, der meinen hier plakatierten                 Text zu Paul gelesen hat. Er hat gesagt, er habe das gelesen und                 dann w\u00e4ren ihm die Tr\u00e4nen gekommen, weil ihm dieses Schicksal,                 dieses Leben von Paul Wulf so bewegt hat. Paul, der einerseits                 Opfer war, aber immer wieder als K\u00e4mpfer in gewisser Weise aus                 dieser Opferrolle herausgetreten ist, der sich immer getraut hat                 zu sagen, was ihm Grausames angetan wurde, der benannt hat, wer                 verantwortlich f\u00fcr solche Verbrechen war. Die meisten der heute                 noch lebenden Zwangssterilisierten trauen sich nicht, in der \u00d6ffentlichkeit                 zu sagen, was ihnen angetan wurde.<\/p>\n<p>Paul Wulf hat das immer getan. Und von daher ist er auch ein                 &#8222;Held der Aufkl\u00e4rung&#8220;, der sich das Bundesverdienstkreuz, das                 ihm 1991 f\u00fcr seine antifaschistische Aufkl\u00e4rungsarbeit verliehen                 wurde, mehr als verdient hat.<\/p>\n<p>Er hat auch verdient, dass sich die \u00d6ffentlichkeit in den n\u00e4chsten                 Jahren intensiv mit seinem Leben und seiner politischen Arbeit                 besch\u00e4ftigen wird, auch mit seinem Handeln als Antifaschist, als                 libert\u00e4rer Aktivist in den Sozialen Bewegungen.<\/p>\n<p>Ich danke Euch daf\u00fcr, dass Ihr das zusammen mit vielen erm\u00f6glicht                 habt.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Dank geb\u00fchrt Silke Wagner. <\/p>\n<p>Als Freundeskreis Paul Wulf haben wir uns 1999 direkt nach Pauls                 Beerdigung zusammengeschlossen. Wir haben versucht, \u00d6ffentlichkeitsarbeit                 zu machen, um das Andenken an unseren Freund lebendig zu halten.                 Wir haben Gedenkveranstaltungen gemacht, 1999 eine Paul Wulf-Brosch\u00fcre                 und 2007 im Verlag Graswurzelrevolution das Buch &#8222;Lebensunwert?                 Paul Wulf und Paul Brune. NS-Psychiatrisierung, Zwangssterilisierung                 und Widerstand&#8220; herausgegeben. Wir haben eine Initiative ergriffen                 zur Umbenennung des nach einem NS-Arzt benannten &#8222;Wilhelm J\u00f6tten                 Wegs&#8220; in &#8222;Paul Wulf Weg&#8220;.<\/p>\n<p>Aber ohne die K\u00fcnstlerin Silke Wagner, mit der wir die Skulptur                 und das Projekt &#8222;M\u00fcnsters Geschichte von unten&#8220; seit 2006 gemeinsam                 entwickelt haben, w\u00e4re Paul heute wahrscheinlich noch so unbekannt                 wie vor den Skulptur Projekten 2007. &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Freundinnen und Freunde, wer Paul Wulf gekannt hat, der wei\u00df, dass er ein Au\u00dfenseiter war. F\u00fcr viele war er nur ein kauziger und anstrengender Typ. Viele, auch viele Linke haben ihn zu seinen Lebzeiten nicht ernst genommen. 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