{"id":10318,"date":"2010-12-01T00:00:58","date_gmt":"2010-11-30T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10318"},"modified":"2022-07-26T14:24:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:05","slug":"prickelndes-marseille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/prickelndes-marseille\/","title":{"rendered":"Prickelndes Marseille"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schwer, alle aktuellen sozialen Bewegungen in Marseille zu beschreiben. \u00dcber einige wird \u00fcberregional berichtet, andere erscheinen kaum in den Medien. Die St\u00e4rke dieser Bewegungen macht aus, dass sie sich nicht auf K\u00e4mpfe innerhalb ihrer Branche beschr\u00e4nken, sondern allen gemeinsam ist, dass sie gegen die reaktion\u00e4re Rentenreform k\u00e4mpfen.<\/p>\n<h3>Eine Tour der K\u00e4mpfe<\/h3>\n<p>Zuerst gab es die punktuellen Streiks (&#8222;gr\u00e8ves ponctuelles&#8220;: von den Gewerkschaften festgesetzte Streiktage in gr\u00f6\u00dferem zeitlichen Abstand, meist an Dienstagen\/Donnerstagen unter der Woche oder Samstagen am Wochenende; d.\u00dc.).<\/p>\n<p>Sie schafften es, von Mal zu Mal mehr Leute auf gewerkschafts\u00fcbergreifender Basis zu versammeln (d.h. die Funktion\u00e4re aller Gewerkschaften arbeiteten in einem B\u00fcndnis zusammen, unter F\u00fchrung der kommunistischen CGT und der sozialdemokratischen CFDT, und verfassten gemeinsam Aufrufe; d.\u00dc.). Nat\u00fcrlich lie\u00dfen es die an sonnigen Samstagen stattfinden Demonstrationen auch zu, dass Privatfamilien dazukamen, aber die Streiktage unter der Woche waren deshalb nicht weniger machtvoll.<\/p>\n<p>Ich \u00fcbergehe jetzt mal den Streit um die TeilnehmerInnenzahlen &#8211; die Polizeiangaben liegen systematisch um den Faktor zehn unter denen der Gewerkschaften -, denn alle sind sich \u00fcber eine Tatsache einig: Die Mobilisierungen haben bis jetzt (Ende Oktober; d.\u00dc.) zu immer mehr TeilnehmerInnen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Aber die punktuellen Streiks w\u00e4ren fr\u00fcher oder sp\u00e4ter erlahmt, darum sind die ArbeiterInnen zum unbefristeten Streik \u00fcbergegangen (&#8222;gr\u00e8ve reconductible&#8220;: unbefristeter oder fortgesetzter Streik; hier wird auf einer Versammlung an jedem Tag \u00fcber die Fortsetzung des Streiks am Folgetag entschieden; d.\u00dc.).<\/p>\n<p>Die Ank\u00fcndigungen dazu trafen t\u00e4glich ein, aus allen Branchen, und vor allem nach dem 12. Oktober, ein Datum, das zu einem Wendepunkt in der Mobilisierung wurde. Es ist nicht \u00fcberraschend, dass in den Berufen, in den Frauen \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind (und in denen sie oft genug nur prek\u00e4re Arbeitsvertr\u00e4ge haben), oder in Berufen, die k\u00f6rperliche Robustheit verlangen (Lokf\u00fchrer usw.), das Hinausschieben des Renteneinstiegsalters auf das Leben der ArbeiterInnen unmittelbare Auswirkungen hat.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die gewerkschafts\u00fcbergreifende Funktion\u00e4rsfront haupts\u00e4chlich auf punktuelle Streiks oder Demos au\u00dferhalb der Arbeitstage orientiert, finden f\u00fcr die ArbeiterInnen an der Basis und in den Betrieben die Aktionen und die Streiks tagt\u00e4glich statt.<\/p>\n<p>So haben die Angestellten der Steuerbeh\u00f6rden ihren Streik zwischen dem 12. und 16. Oktober fortgesetzt, den sie eine Woche zuvor begonnen hatten; die KollegInnen vom Finanzamt haben am 13. Oktober morgens ihren 24-st\u00fcndigen Streik fortgesetzt; die Angestellten der st\u00e4dtischen Verwaltung und st\u00e4dtischer Einrichtungen (besonders die Kantinenarbeiterinnen) setzen seit dem 23. September t\u00e4glich ihren 24-st\u00fcndigen Arbeitsausstand fort und haben bereits angek\u00fcndigt, dass sie ihn bis zum 23. Oktober nicht aufheben wollen.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr ihre Kolleginnen der umliegenden St\u00e4dte Istres, Port-de-Bouc, Miramas und Port Saint-Louis; die Lohnarbeiter des \u00d6lterminals im gro\u00dfen Meereshafen von Marseille sind seit dem 27. September im unbefristeten Streik; die Hafenarbeiter von Marseille und Fos (\u00d6l- und Chemiehafen westlich von Marseille; d.\u00dc.) haben ihre Entscheidung erneuert, ihre Arbeit an Wochenenden auszusetzen; die Arbeiter von Boluda, einer Schlepperfirma, sind in unbefristetem Streik wie auch die Matrosen der SNCM (Mittelmeer-F\u00e4hrgesellschaft nach Korsika); bei der SNCF (franz\u00f6sische Staats-Eisenbahnen; d.\u00dc.) stimmen jeden Morgen alle Angestellten \u00fcber die Fortsetzung des Streiks ab.<\/p>\n<p>Im schulischen Erziehungswesen von Marseille hat eine Vollversammlung am 12. Oktober f\u00fcr einen unbefristeten Streik gestimmt und weitergehende Aktionen beschlossen; GymnasiastInnen haben seit dem 14. Oktober die Zug\u00e4nge zu einem runden Dutzend Gymnasien blockiert.<\/p>\n<p>Die Blockaden, welche die Wirtschaft am schwersten treffen, sind die Hafenblockaden: 40 Frachtschiffe liegen in Fos vor Anker, 20 vor Marseille und drei Lastk\u00e4hne in der Rhone.<\/p>\n<p>Im Hafenbecken von Marseille liegen zwei Containerschiffe und zwei Cargo-Frachter an der Leine, drei weitere warten in der Bucht. Vier Autof\u00e4hrschiffe nach Korsika, die durch die Streikbewegung der Matrosen betroffen sind, haben ihre Aktivit\u00e4ten eingestellt. Die anderen Schiffe ihrer F\u00e4hrgesellschaften liegen blockiert vor Korsika.<\/p>\n<p>Hier wird ein sensibler Punkt im Funktionieren einer Wirtschaft getroffen. Das beweist schon die Schwadron der mobilen Gendarmerie, welche die Blockade eines \u00d6llagers von Fos am Samstag, den 16. Oktober, um 3 Uhr 30 morgens durchbrochen hat.<\/p>\n<p>Doch davon angestachelt haben die Hafenarbeiter nur beschlossen, alle Zug\u00e4nge zum gro\u00dfen Meereshafen von Marseille zu blockieren. Keine Handelsware kommt da im Moment rein noch raus.<\/p>\n<p>Am Samstag, den 16. Oktober, finden unz\u00e4hlige Vollversammlungen statt, um die Fortsetzung der Streiks f\u00fcr die Woche ab dem 18. Oktober zu beschlie\u00dfen. Es stehen sch\u00f6ne Kampftage bevor, denn die M\u00fcllarbeiter beginnen zu streiken (ihr Streik sollte drei Wochen dauern und zwischendurch den Einsatz von Milit\u00e4r und speziellen Sicherheitskommandos zur M\u00fcllr\u00e4umung hervorrufen; d.\u00dc.), die studentischen Vollversammlungen an der Uni beginnen, und die der PostbeamtInnen, die nat\u00fcrlich nicht vergessen werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<h3>Analyse der Bewegung<\/h3>\n<p>Trotzdem w\u00e4re es verkehrt, in Euphorie zu verfallen. Es gibt Streitigkeiten und nicht jede\/r ist mit dem unbefristeten Streik einverstanden, auch wenn viele ihn fordern.<\/p>\n<p>Zuerst ist die Mentalit\u00e4t der Gewerkschaftsfunktion\u00e4re, die sich gewerkschafts\u00fcbergreifend treffen, zu beklagen. Ihre Aufrufe sprechen lediglich von der Fortsetzung der Mobilisierung zu Demonstrationen, ohne offen den unbefristeten Streik zu erw\u00e4hnen. Sie bevorzugen die symbolischen Aktionen am Ende des Tages &#8211; Fackelz\u00fcge gegen die Rentenreform &#8211; oder am Ende der Woche: die Samstagsdemos.<\/p>\n<p>In den Vollversammlungen besonders des Erziehungswesens sehen wir immer wieder dieselben Gesichter, wenn es darum geht, die Debatten zu organisieren.<\/p>\n<p>Sie haben die langj\u00e4hrige Erfahrung, jene Vorschl\u00e4ge zu \u00fcbergehen, die ihnen nicht ins Konzept passen, und sie spielen sich gegenseitig die B\u00e4lle zu, um eine Entscheidungsabstimmung zu erzwingen.<\/p>\n<p>Die anwesenden AnarchistInnen und revolution\u00e4ren SyndikalistInnen tun alles, damit der Kampf selbstorganisiert wird, aber die Maschinerie der B\u00fcrokratInnen l\u00e4uft solide und gut ge\u00f6lt. Wenn ein syndikalistischer Genosse eine Arbeitsgruppe vorschl\u00e4gt, ist niemand dagegen, aber wenn diese Arbeitsgruppe dann Vorschl\u00e4ge unterbreitet, werden sie so zurechtgebogen, dass die machtbesessenen Politb\u00fcros ihre Arbeit fortsetzen k\u00f6nnen, die Selbstverwaltung des Kampfes zu unterminieren.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens ist es kein Zufall, dass wir an diesen Manipulationspunkten unter anderen die AktivistInnen der NPA (Neue Antikapitalistische Partei; trotzkistische Partei, fr\u00fcher hie\u00df sie LCR, Revolution\u00e4r-kommunistische Liga; d.\u00dc.), der Front de Gauche (Wahlb\u00fcndnis der KPF, Kommunistische Partei Frankreichs; d.\u00dc.) und etwas zur\u00fcckhaltender auch der LO (Arbeiterkampf: eine weitere trotzkistische Partei; d.\u00dc.) am Werke sehen.<\/p>\n<p>Heute ist die gewerkschafts\u00fcbergreifende Front eine Bremse f\u00fcr die Ausweitung des Streiks. Die ArbeiterInnen streiken in der Regel einfach los, doch zu viele warten auf ein Zeichen ihrer Gewerkschaftsfunktion\u00e4re, um mitzumachen. Als Beispiel nenne ich den Streik der Kantinenarbeiterinnen, die sich seit dem 23. September in um sich greifenden Streiks befinden, aber ohne ihre beiden gr\u00f6\u00dften Gewerkschaften FO (Force Ouvri\u00e8re &#8211; sozialdemokratisch-trotzkistisch) und CGT. Darum sind gleichzeitig mehr als die H\u00e4lfte der Kantinenarbeiterinnen nicht im Streik.<\/p>\n<p>Besonders die FO spielt hier oft eine Verwirrung stiftende Rolle. Wenn diese Gewerkschaft einen Kongress abh\u00e4lt, laden ihre Funktion\u00e4re auch schon mal als besonderen Gast den B\u00fcrgermeister von Marseille, M. Gaudin ein, einen reaktion\u00e4ren UMP(die Partei Sarkozys; d.\u00dc.)-Mann, der dem Opus-Dei-Orden nahe steht. Und heute, wo sie die sch\u00e4rfsten RednerInnen auf den Vollversammlungen stellen, die zum Generalstreik aufrufen, organisiert aber kein FO-Syndikat einen unbefristeten Streik.<\/p>\n<p>Man musste drei Wochen lang warten, bis sie sich schlie\u00dflich dazu entschieden hatten, mitzumachen.<\/p>\n<p>Die ersten Hindernisse f\u00fcr die Mobilisierung bleiben die Unternehmer und die Polizei. Wir haben schon gesehen, wie Letztere mobilisiert wurde, wenn es sich darum handelte, einen Streik zu brechen (bei den \u00d6llagern am Hafen).<\/p>\n<p>Die Ersteren wiederum haben bewusst L\u00fcgen verbreitet \u00fcber zu hohe L\u00f6hne f\u00fcr die Hafen-Kranf\u00fchrer, um dadurch deren Streikbewegung unpopul\u00e4r zu machen. Mittlerweile mussten sie mit ihren wahrheitswidrigen Behauptungen wieder zur\u00fcckrudern und zugeben, dass sie zu weit gegangen waren. Aber die Verwirrung war schon ges\u00e4t worden.<\/p>\n<p>Was die in Marseille mit Inbrunst gef\u00fchrten K\u00e4mpfe um die Zahl der DemoteilnehmerInnen betrifft, hat eine Polizeigewerkschaft der FO die Zahlen der Pr\u00e4fektur in Zweifel gezogen und sie der Manipulation geziehen. Es ist tats\u00e4chlich so, dass die erste Sorge dieser Gewerkschaft nicht etwa ist, wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Angaben zu machen, sondern dass die Polizei wom\u00f6glich nicht mehr als glaubw\u00fcrdig gilt.<\/p>\n<h3>Perspektiven<\/h3>\n<p>Was k\u00f6nnen wir aus alledem schlie\u00dfen? Die Entschlossenheit der Streikenden ist nach wie vor intakt. Am Dienstag, den 19. Oktober soll in ganz Frankreich gestreikt werden, am Donnerstag, den 21. Oktober an der Uni Aix-Marseille, und unz\u00e4hlige Aufrufe zum unbefristeten Streik werden ohne Unterlass ver\u00f6ffentlicht!<\/p>\n<p>K\u00e4mpfen wir also weiter an unseren Arbeitspl\u00e4tzen und in den Vollversammlungen. Sorgen wir daf\u00fcr, dass sie durch die streikenden ArbeiterInnen selbst organisiert werden. Vergessen wir nicht die direkten Aktionen, um unsere Entschlossenheit unter Beweis zu stellen. Tun wir alles, damit der Streik nach den Herbstferien weitergeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schwer, alle aktuellen sozialen Bewegungen in Marseille zu beschreiben. \u00dcber einige wird \u00fcberregional berichtet, andere erscheinen kaum in den Medien. Die St\u00e4rke dieser Bewegungen macht aus, dass sie sich nicht auf K\u00e4mpfe innerhalb ihrer Branche beschr\u00e4nken, sondern allen gemeinsam ist, dass sie gegen die reaktion\u00e4re Rentenreform k\u00e4mpfen. Eine Tour der K\u00e4mpfe Zuerst gab &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/prickelndes-marseille\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Prickelndes Marseille - graswurzelrevolution","description":"Es ist schwer, alle aktuellen sozialen Bewegungen in Marseille zu beschreiben. \u00dcber einige wird \u00fcberregional berichtet, andere erscheinen kaum in den Medien. Di"},"footnotes":""},"categories":[581,1026,1042],"tags":[],"class_list":["post-10318","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-354-dezember-2010","category-geld-oder-leben","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10318"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10318\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}