{"id":10321,"date":"2010-12-01T00:00:40","date_gmt":"2010-11-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10321"},"modified":"2022-07-26T14:24:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:05","slug":"erste-bilanz-eines-gewollten-scheiterns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/erste-bilanz-eines-gewollten-scheiterns\/","title":{"rendered":"Erste Bilanz eines gewollten Scheiterns"},"content":{"rendered":"<p>Auch wenn die gro\u00dfen Gewerkschaftsfunktion\u00e4re Thibaud (CGT-Chef;                 kommunistisch) und Ch\u00e9r\u00e8que (CFDT-Chef; sozialdemokratisch) und                 Konsorten das Spiel mit den Streiks bereits abgepfiffen haben,                 um ihrem Komplizen Sarkozy zu versichern, dass die Legitimit\u00e4t                 des Parlaments nicht durch die Stra\u00dfe angetastet wird, bleibt                 die Hoffnung, dass die Revolte \u00fcber die diensteifrige B\u00fcrokratie                 obsiegt. <\/p>\n<p>In dieser Situation haben die AnarchistInnen recht, alles darauf                 zu setzen, dass die Glut des &#8222;Wir lassen nicht nach!&#8220; noch einmal                 das Feuer entfachen wird; aber sie m\u00fcssen von nun auch offen die                 Akte des Verrats, die Verzichtserkl\u00e4rungen und die Irrt\u00fcmer ansprechen,                 die das Duo Thibaud-Ch\u00e9r\u00e8que von der CGDT (Amalgam aus CGT und                 CFDT; d.\u00dc.) zusammen mit jenen Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren begangen                 haben, die sich das Halseisen des &#8222;\u00fcbergewerkschaftlichen B\u00fcndnisses&#8220;                 haben anlegen lassen.<\/p>\n<h3>Neuauflage des bereits Gescheiterten: Das \u00fcbergreifende B\u00fcndnis                 der Gewerkschaftsfunktion\u00e4re<\/h3>\n<p>Hierf\u00fcr ist ein klein wenig Erinnerungsarbeit vonn\u00f6ten: Ende                 2009 hat Sarkozy angek\u00fcndigt, die Rentensysteme reformieren zu                 wollen. Zur selben Zeit hoben die Vorst\u00e4nde von CGT und CFDT das                 \u00fcbergewerkschaftliche B\u00fcndnis wieder aus der Taufe, mit der UNSA                 (Nationale Union autonomer Gewerkschaften; etwas unabh\u00e4ngiger                 als CGT und CFDT, trotzdem reformistisch, Schwerpunkte bei B\u00fcroangestellten                 und Ingenieuren; d.\u00dc.) und der FSU (F\u00f6deration der Einheitsgewerkschaft;                 organisiert LehrerInnen und ForscherInnen im \u00f6ffentlichen Dienst;                 d.\u00dc.) eher im Zentrum; sowie der CGC (Gewerkschaft der leitenden                 Angestellten im \u00f6ffentlichen Dienst; d.\u00dc.), der CFTC (s\u00e4kular-christliche                 Gewerkschaften; d.\u00dc.) und SUD (Solidarisch, Einheitlich, Demokratisch:                 Basisgewerkschaft, die sich 2000 gegr\u00fcndet hat und aus den Streiks                 von 1995 hervorgegangen ist; d.\u00dc.) eher an der Peripherie. <\/p>\n<p>Das selbe \u00fcbergewerkschaftliche B\u00fcndnis war bereits zu Anfang                 2009 aufgegeben worden, weil es seine Unf\u00e4higkeit offenbart hatte,                 die rigorose Einsparungspolitik der Regierung zu bek\u00e4mpfen. <\/p>\n<p>Dieses ganze Gewerkschaftskonglomerat hat f\u00fcr sich die Parole                 aufgestellt: &#8222;Jobs, L\u00f6hne, Renten!&#8220; <\/p>\n<p>Als die Regierung und die Unternehmerverb\u00e4nde ank\u00fcndigen, dass                 sie die Rentensysteme angreifen wollen und dass auf diese Art                 von den ArbeiterInnen die Krise des Kapitalismus bezahlt werden                 soll, f\u00e4llt ihnen nichts Besseres ein, als Forderungen zu anderen                 Themen aufzustellen, die zwar legitim sein m\u00f6gen, genauso aber                 auch zeitlos sind. In Wirklichkeit sind es die Stra\u00dfe und die                 DemonstrantInnen, welche die Gewerkschaftschefs dazu zwingen,                 auf die zentrale Thematik zur\u00fcckzukommen: die Renten. <\/p>\n<p>Trotzdem dauert es bis zum 24. Juni, nach einer Gespr\u00e4chsphase                 von Seiten der Regierung und auch nach Absprachen der Regierung                 mit der Konkurrenz der FO (Force Ouvri\u00e8re, reformistisch-trotzkistisch,                 aber au\u00dferhalb des Gewerkschaftsb\u00fcndnisses stehend; d.\u00dc.), bis                 das gewerkschafts\u00fcbergreifende B\u00fcndnis zu punktuellen Streiks                 und Demonstrationen aufruft. Das B\u00fcndnis h\u00e4tte eigentlich nun                 gen\u00fcgend Zeit gehabt, um ohne Druck seitens der \u00d6ffentlichkeit                 ihre Forderungen aufzustellen. <\/p>\n<p>Doch in der Zwischenzeit hatte die CFDT bereits die Angestellten                 im \u00f6ffentlichen Dienst fallengelassen und deren vorteilhafte Pensionsrechte                 auf das allgemeine Niveau des Rentensystems heruntergestuft. Au\u00dferdem                 forderte die CFDT eine Reform, die einem gerechten Beitragsverteilungssystem                 zuwiderlief. Genau das bekam sie schlie\u00dflich durch einen Gutteil                 des Gesetzestextes, der vom Senat angenommen worden ist. <\/p>\n<p>Daraufhin h\u00e4tte das gewerkschafts\u00fcbergreifende B\u00fcndnis eigentlich                 aufgek\u00fcndigt werden m\u00fcssen, aber das zu erwarten, hie\u00dfe den Deal                 zwischen Thibaud und Ch\u00e9r\u00e8que zu verkennen, mit dem die ArbeiterInnenklasse                 gleichgeschaltet und in das Zeitalter der Marktwirtschaft integriert                 werden sollte.<\/p>\n<h3>Der Reformist mit stalinistischer Grundausbildung<\/h3>\n<p>Bernard Thibaud kann mit diesem Deal gegen\u00fcber seiner eigenen                 Hardlinerfraktion seinen faktischen Verzicht auf das geheiligte                 Prinzip der Gewerkschaftseinheit, das die Alternative zum \u00fcbergreifenden                 B\u00fcndnis mit CGT-CFDT-Dominanz w\u00e4re, legitimieren. <\/p>\n<p>Und um intern jeder Rebellion gegen ihn einen Riegel vorzuschieben,                 versammelt er seit M\u00e4rz 2010 die ihm nahestehenden CGT-F\u00f6derationen                 zweimal die Woche au\u00dferhalb aller Organisationsstatuten, um dadurch                 die Linie vorzugeben. <\/p>\n<p>Die Funktion\u00e4re von Montreuil, dem Hauptsitz der CGT, und von                 Thibaud, die im Anwenden stalinistischer Taktiken ausgebildet                 worden sind, haben noch immer die Kontrolle nicht verloren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bequemt sich das \u00fcbergewerkschaftliche B\u00fcndnis angesichts                 des Vorhabens der Regierung, das Renteneinstiegsalter um zwei                 Jahre zu verschieben (von 60 auf 62 Jahre; d.\u00dc.), um die ArbeiterInnen                 nicht verzweifeln zu lassen, wie es hei\u00dft, dazu, f\u00fcr den 7. September                 zur Aktion aufzurufen, und zwar f\u00fcr eine andere Reform, ohne eine                 R\u00fccknahme des Regierungsprojekts zu fordern, und auch nicht, um                 zum Streik aufzurufen. Im Gegenteil: Zusammen mit dem Aufruf zum                 7. September l\u00e4sst das B\u00fcndnis gleich wissen, dass es Ende September                 an der Demo der Europ\u00e4ischen Gewerkschaftskommission (CES) in                 Br\u00fcssel teilnehmen wird, und die CGT macht dies gar zu einem Hauptziel                 ihrer Mobilisierungsaufrufe.<\/p>\n<p>Im Klartext hei\u00dft die Message an ihre Unterorganisationen: &#8222;Es                 gibt zwar den 7. September, aber auch den 29. September, also                 legt nicht alle Eier in denselben Korb.&#8220;<\/p>\n<p>Was diese Sesselpupser jedoch nicht vorhergesehen hatten, war                 der Wille der ArbeiterInnenklasse, endlich loszuschlagen: Der                 7. September wird ein Mobilisierungserfolg, der die Taktik der                 B\u00fcrokratInnen weit hinter sich l\u00e4sst und sie zwingt, schon nach                 14 Tagen einen neuen Aktionstag mit der Variante einer zus\u00e4tzlichen                 Samstagsdemonstration zu programmieren, um die Kontrolle \u00fcber                 die Bewegung nicht zu verlieren. Die Message, die davon an die                 Regierungsmacht ausgeht, ist klar: &#8222;Wir bleiben beim polizeilich                 eingehegten Protest, wir greifen die Wirtschaft nicht an, wir                 handeln verantwortlich.&#8220; <\/p>\n<p>Die Antwort l\u00e4sst nicht auf sich warten und Sarkozys Premierminister                 Fillon begr\u00fc\u00dft die Verantwortungsbereitschaft der gewerkschaftlichen                 F\u00fchrer (Thibaud und Ch\u00e9r\u00e8que). <\/p>\n<p>Der Aktionstag wird ein neuerlicher Erfolg, Streikende und DemonstrantInnen                 werden immer zahlreicher. Das gewerkschafts\u00fcbergreifende B\u00fcndnis                 sieht sich unter Druck gesetzt, einen neuen Aktionstag f\u00fcr den                 12. Oktober anzuk\u00fcndigen, mit nachfolgender Demo am Samstag, dem                 16. Oktober. <\/p>\n<p>Eine Ausrede, um nicht \u00fcber die Ebene der Gro\u00dffirmen hinaus die                 Belegschaften aller Betriebe mobilisieren zu m\u00fcssen, kommt dadurch                 wie gerufen, dass die Demos am Samstag nicht \u00fcber die TeilnehmerInnenzahlen                 vom Tag unter der Woche hinausgehen, mitunter sogar darunter bleiben.               <\/p>\n<p>Doch gleichzeitig verf\u00e4ngt das Ritual der angek\u00fcndigten Aktionstage                 ohne landesweiten Aufruf zum Streik sowie der nachfolgenden Samstagsdemos                 in einer ma\u00dfgeblichen Fraktion der ArbeiterInnenklasse nicht mehr                 und sogar innerhalb von CGT, der FO und von SUD werden seit dem                 12. Oktober Aufrufe zum unbefristeten Streik ausgegeben. <\/p>\n<p>Auch der Streikanteil der internen Str\u00f6mungen der CGT, die gegen                 die Linie von Thibaud sind, ist un\u00fcbersehbar, z.B. im industriellen                 Sektor: bei den BahnarbeiterInnen, den Hafen- und \u00d6llagerarbeiterInnen                 und \u00fcberhaupt bei den Gewerkschaftsstrukturen auf Departementsebene.                 Gruppen aus SUD und FO beteiligen sich dort, wo sie gut organisiert                 sind, und vereinigen sich mit allen ArbeiterInnen, die Sarkozy                 richtig in den Arsch treten wollen. <\/p>\n<h3>Ein Streik gegen den Willen der Funktion\u00e4re<\/h3>\n<p>In jedem Fall ist der unbefristete Streik gegen den Willen des                 gewerkschafts\u00fcbergreifenden B\u00fcndnisses gef\u00fchrt worden und nach                 den Worten von Umweltminister Borloo w\u00e4re er fast erfolgreich                 gewesen. Denn Borloo gab \u00f6ffentlich zu, dass Frankreich nur um                 wenige Stunden am v\u00f6lligen Spritmangel an den Tankstellen vorbeigeschrammt                 ist. <\/p>\n<p>Das vorl\u00e4ufig letzte Kommuniqu\u00e9 des \u00fcberregionalen B\u00fcndnisses                 f\u00fcr die Aktionstage vom 28. Oktober und vom 6. November ist noch                 einmal besonders lehrreich. Die CGT-CFGT-CGC-CFTC-UNSA-FSU-Phalanx                 ruft auf zur &#8222;Erhaltung der G\u00fcter und der Personen&#8220; und \u00fcbernimmt                 damit f\u00fcr eine gewerkschaftliche Aktion die Formulierung, die                 der Staat als Verhaltensanweisung f\u00fcr seine BeamtInnen ausgegeben                 hat!<\/p>\n<p>Wann endlich wird sich auf die Charte du Travail bezogen?<\/p>\n<p>(Die Charte du Travail von Amiens im Jahre 1906 ist eine noch                 heute popul\u00e4re Referenz und beinhaltet neben dem Kampf um Tagesverbesserungen                 auch die Forderungen nach Abschaffung der Lohnarbeit und nach                 der Unabh\u00e4ngigkeit der Gewerkschaften von der Politik; d.\u00dc.).               <\/p>\n<p>Auch das Rollenspiel zwischen Ch\u00e9r\u00e8que und der Chefin des Unternehmerverbandes,                 Laurence Parisot, im Fernsehen (sie reichten sich im Sender France                 2 die Hand; d.\u00dc.), wo sie ihren Verlautbarungen nach die Phase                 des Konflikts hinter sich lassen wollten, um dann ein wenig \u00fcber                 die Einstellungsm\u00f6glichkeiten der Jugendlichen zu streiten; oder                 Thibaud, der es in einer Videokonferenz f\u00fcr die Zeitung &#8222;Les Echos&#8220;                 einfach zulie\u00df, dass Kapitalistenchefin Parisot seine Genossen                 Hafenarbeiter aus Marseille beschimpfte, sind nur zwei weitere                 Beispiele daf\u00fcr, dass diese Herren wirklich zu Allem f\u00e4hig sind,                 um die Pfr\u00fcnde aus ihren Repr\u00e4sentationsposten zu retten.<\/p>\n<p>Immerhin: Auch wenn die soziale Bewegung hier zu Ende gehen und                 die Rentenreform durchgesetzt werden sollte, dann hat es wenigstens                 die Demonstration dessen gegeben, dass Millionen von ArbeiterInnen                 diese ganze Kl\u00fcngel-Gesellschaft satt haben. <\/p>\n<p>Dass entschlossene AktivistInnen dazu in der Lage sind, die gut                 ge\u00f6lte Arbeitsteilung und den vorauseilenden Verzicht des Funktion\u00e4rsduos                 Thibaud-Ch\u00e9r\u00e8que scheitern zu lassen.<\/p>\n<p>Dass der Aufruf von \u00c9mile Pouget (1860-1931) an die AnarchistInnen,                 mit den Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, noch immer aktuell                 ist und dass unsere Kampfmittel &#8211; die direkte Aktion und die souver\u00e4ne                 Vollversammlung &#8211; noch immer das Geh\u00f6r der ArbeiterInnen finden.                 Es liegt an uns, unsere Ideen und unsere Organisationen weiterzuentwickeln,                 um die soziale Revolution m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn die gro\u00dfen Gewerkschaftsfunktion\u00e4re Thibaud (CGT-Chef; kommunistisch) und Ch\u00e9r\u00e8que (CFDT-Chef; sozialdemokratisch) und Konsorten das Spiel mit den Streiks bereits abgepfiffen haben, um ihrem Komplizen Sarkozy zu versichern, dass die Legitimit\u00e4t des Parlaments nicht durch die Stra\u00dfe angetastet wird, bleibt die Hoffnung, dass die Revolte \u00fcber die diensteifrige B\u00fcrokratie obsiegt. 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