{"id":10331,"date":"2010-12-01T00:00:30","date_gmt":"2010-11-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10331"},"modified":"2022-07-26T14:24:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:05","slug":"ziviler-ungehorsam-kennt-keine-staatsgrenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/ziviler-ungehorsam-kennt-keine-staatsgrenzen\/","title":{"rendered":"Ziviler Ungehorsam kennt keine Staatsgrenzen"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Warum habt ihr euch daf\u00fcr entscheiden,                 gegen den Atomm\u00fclltransport zu protestieren?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Ich finde es absurd und abwegig, 123 Tonnen hochradioaktivem                 M\u00fcll quer durch Frankreich und Deutschland zu transportieren,                 um ihn zu einem Standort zu bringen, der nicht einmal mehr Sicherheitsgarantie                 bringt als der bisherige Lagerungsort.<\/p>\n<p>Dieser Atomm\u00fclltransport ist auch der radioaktivste gewesen:                 die Radioaktivit\u00e4t ist zweimal gr\u00f6\u00dfer als das bei der Tschernobylkatastrophe                 1986 freigesetzte radioaktive Inventar. Die Bev\u00f6lkerung an der                 Strecke wird durch solche Atomtransporte immensen Gefahren ausgesetzt.                 Ich wohne in Savoyen, seit zwei Jahren protestieren wir gegen                 die Durchfahrt von Transporten mit abgebrannten Brennelementen                 von Italien zur Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Da war es                 f\u00fcr uns also logisch, gegen diesen Transport zu protestieren,                 genauso wie bei den anderen Transporten. Zudem ging es uns darum,                 Solidarit\u00e4t mit der Bev\u00f6lkerung in Deutschland, die sich die Verseuchung                 des Landes f\u00fcr die Ewigkeit nicht gefallen lassen will, zu zeigen.<\/p>\n<p><b>GWR: Warum diese Aktionsform?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Diese Aktionsform ist Teil einer Bewegung, die                 sich zivilen Ungehorsam auf die Fahnen geschrieben hat. Die Aktion                 war zwar aus rechtlichen Gr\u00fcnden illegal, auf Grund der Gefahren                 der Atomindustrie und der nicht vorhandenen Transparenz war sie                 allerdings legitim.<\/p>\n<p>Mit einer Ankettaktion kann man zudem den Zug &#8211; nachdem alle                 Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden und er angehalten hat                 &#8211; f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit zum Stillstand bringen, ohne die Gleise mit                 vielen Menschen zu besetzen. <\/p>\n<p>Die Aktion hatte das Ziel, die Atomproblematik in Europa zu thematisieren.                 Radioaktivit\u00e4t kennt keine Grenzen.<\/p>\n<p><b>GWR: Eine solche Aktion will gut vorbereitet sein&#8230;<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Na klar, das ist eine sehr \u00fcberlegte Handlung,                 die Sicherheit muss garantiert sein, wie bei den anderen Aktionen.                 Unser Ziel war es, eine direkte physische Konfrontation mit der                 Staatsmacht zu verhindern.<\/p>\n<p><b>GWR: Wie lief es am Tag X?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Wir haben Sicherheitsvorkehrungen getroffen und                 als die Sicherheit gew\u00e4hrleistet war, haben wir Stahlrohre unter                 die Schienen geschoben. F\u00fcnf AktivistInnen ketteten sich anschlie\u00dfend                 mit Vorh\u00e4ngeschl\u00f6ssern, deren Schl\u00fcssel sie nicht bei sich trugen,                 fest.<\/p>\n<p>Die Blockade wurde blitzschnell und sicher aufgestellt.<\/p>\n<p>Wir haben dann ein Banner entrollt. Darauf stand auf Deutsch                 &#8222;Unser Widerstand kennt keine Staatsgrenzen. Castor 2010 Die Erste&#8220;.                 Bis zu diesem Zeitpunkt lief alles wunderbar.<\/p>\n<p><b>GWR: Haben die Polizeikr\u00e4fte lange gebraucht, bis sie eintrafen?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Die PolizistInnen sind innerhalb von wenigen Minuten                 in kleinen Gruppen angekommen.<\/p>\n<p>Es folgten die Gardes Mobiles, eine Spezialeinheit der Milit\u00e4rpolizei                 und dann die CRS (Bereitschaftspolizei), die aus dem Zug, der                 in Schrittgeschwindigkeit zu uns kam, ausstiegen.<\/p>\n<p>Die Gendarmen haben damit angefangen, die nicht festgeketteten                 AktivistInnen zu r\u00e4umen, die JournalistInnen wurden weggeschickt.                 Die CRS haben sich dann f\u00fcr uns interessiert. Sie haben gro\u00dfe,                 blaue Planen als Sichtschutz vor der \u00d6ffentlichkeit ausgebreitet.<\/p>\n<p>Die PolizistInnen haben ziemlich schnell nach diversen Werkzeugen                 gegriffen, u.a. nach einer Winkelschleifmaschine, um die Rohre                 eins nach dem anderen durchzutrennen. Das war ziemlich beeindruckend                 und wir wussten nicht, wie es enden w\u00fcrde. Die CRS waren sehr                 angespannt und wollten uns so schnell wie m\u00f6glich r\u00e4umen, damit                 der Zug weiterfahren kann. Diese Eilfertigkeit erfolgte zum Nachteil                 unserer Sicherheit. <\/p>\n<p>Wir haben uns zwar selbst in die Situation gebracht und festgekettet,                 aber die Verantwortung, unsere k\u00f6rperliche Unversehrtheit zu garantieren,                 lag trotzdem bei der Polizei.<\/p>\n<p><b>GWR: Lief es dann schief?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Es waren zwei Stunden psychologischer Druck. Dazu                 kommt, dass die Polizei uns mutwillig verletzt hat, als sie die                 Stahlrohre durchtrennte. Was mich betrifft, ich trage Verbrennungen                 des dritten Grades auf der R\u00fcckseite der linken Hand davon.<\/p>\n<p><b>GWR: Habt ihr die Polizei nicht darauf aufmerksam gemacht,                 dass sie euch gerade Verbrennungen zuf\u00fcgt?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Doch, ich habe die Polizei vorgewarnt: Ich habe                 vor Schmerzen geschrien, aber das hat zu Beginn \u00fcberhaupt nichts                 gebracht. Nach einer Weile haben sie zwischendurch wenige Sekunden                 Pause gemacht und dann umso tatkr\u00e4ftiger weiter geflext. <\/p>\n<p>Ich habe auch die anderen schreien geh\u00f6rt, als ihre Rohre durchtrennt                 wurden. Wir wurden bei dem Polizeieinsatz alle verletzt, zwei                 weitere Personen wurden noch schwerer verletzt.<\/p>\n<p>Eine Person erlitt eine Verbrennung des dritten Grades, der dritten                 Person wurden zwei Sehnen durchgetrennt, sie wurde im Krankenhaus                 operiert.<\/p>\n<\/p>\n<p><b>GWR: Wurdet ihr nach der R\u00e4umung zum Krankenhaus gebracht?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Die Feuerwehr hat mich dahin gebracht. Meine Ingewahrsamnahme                 wurde mir bei meiner Ankunft im Krankenhaus von Caen erkl\u00e4rt,                 noch bevor ich von den \u00c4rzten untersucht wurde&#8230; Ich bin ca.                 zwei Stunden im Krankenhaus geblieben. <\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend wurde ich zur Polizeiwache gefahren und in einer                 Haftzelle eingesperrt. Wir wurden am Tag darauf dem Haftrichter                 vorgef\u00fchrt.<\/p>\n<p><b>GWR: Was hat die Staatsanwaltschaft gefordert?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Die Ank\u00fcndigung der Regierung, mit strenger Repression                 auf Aktionen der AtomkraftgegnerInnen zu reagieren, wurde umgesetzt.               <\/p>\n<p>Der Haftrichter hat schlie\u00dflich beschlossen, dass wir freigelassen,                 aber einer strengen richterlichen Kontrolle unterstellt werden.                 Wir mussten zudem bis zum 15. November eine Kaution in H\u00f6he von                 16.500 Euro zahlen, um die Untersuchungshaft abzuwenden. Ansonsten                 h\u00e4tten wir bis zum Prozess am 8. Dezember in U-Haft gesessen.<\/p>\n<p><b>GWR: Habt ihr eine solche Entscheidung erwartet?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Wir haben mit einem Gerichtsprozess gerechnet.                 Das ist oft der Fall bei solchen Aktionen.<\/p>\n<p>Aber das Ausma\u00df der Repression ist ungew\u00f6hnlich. Wir rufen zu                 einer gro\u00dfen Mobilisierung f\u00fcr den Prozess auf, um unsere Ablehnung                 der Atomkraft und der dazugeh\u00f6rigen Repression zu bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Was die Kaution angeht, der Vorgang ist ziemlich widersinnig,                 weil die Staatsanwaltschaft einger\u00e4umt hat, dass wir bei unserem                 Prozess anwesend sein wollen. Die richterliche Kontrolle &#8211; insbesondere                 in der Form einer Kaution &#8211; dient eigentlich nur dazu, die Anwesenheit                 der Angeklagten bei ihrem Prozess zu gew\u00e4hrleisten. Das Vorgehen                 zeigt, dass man uns unter Druck setzen will.<\/p>\n<p><b>GWR: Ihr habt auch beschlossen, vor Gericht zu klagen?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Ja, es ist nicht akzeptabel, dass die Polizei                 im Rahmen einer gewaltfreien Aktion Gewalt anwendet und DemonstrantInnen                 mutwillig verletzt. Aus diesem Grund haben wir mit Unterst\u00fctzung                 der Aktionsgruppe GANVA eine Strafanzeige wegen schwerer K\u00f6rperverletzung                 in Amt eingereicht.<\/p>\n<p>War der Wille der Regierung und der Atomlobby, diesen Transport                 um jeden Preis durchzusetzen, ein Rechtfertigungsgrund f\u00fcr eine                 solche Gewalt seitens der Ordnungskr\u00e4fte? Wollte die Polizei diese                 Gewalt verbergen, als wir hinter den blauen Planen ger\u00e4umt wurden?<\/p>\n<p><b>GWR: Denkt ihr, dass ihr mit eurer Anzeige gegen die Polizei                 Erfolg haben k\u00f6nnt?<\/b><\/p>\n<p><i>Damien:<\/i> Wir werden sehen, welches Gewicht die Atomlobby                 auf die franz\u00f6sische Justiz hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Warum habt ihr euch daf\u00fcr entscheiden, gegen den Atomm\u00fclltransport zu protestieren? Damien: Ich finde es absurd und abwegig, 123 Tonnen hochradioaktivem M\u00fcll quer durch Frankreich und Deutschland zu transportieren, um ihn zu einem Standort zu bringen, der nicht einmal mehr Sicherheitsgarantie bringt als der bisherige Lagerungsort. 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