{"id":10345,"date":"2010-12-01T00:00:18","date_gmt":"2010-11-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10345"},"modified":"2022-07-26T14:14:32","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:32","slug":"emma-goldman-hatte-seidene-unterwasche-eingekauft-die-todschick-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/emma-goldman-hatte-seidene-unterwasche-eingekauft-die-todschick-war\/","title":{"rendered":"&#8222;Emma Goldman hatte seidene Unterw\u00e4sche eingekauft, die todschick war&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Sabine Hunziker (GWR): Meine erste Frage dreht sich um die                 revolution\u00e4re Gewalt. Alexander Berkman \u00e4u\u00dferte sich zur anarchistischen                 Tat. Im Unterschied zum Feudalismus war im modernen Kapitalismus                 weniger die politische Unterdr\u00fcckung als die \u00f6konomische Ausbeutung                 der Ursprung der Unfreiheit der Menschen. Die Politik hatte im                 Kapitalismus die Rolle des Handlangers.<\/b><\/p>\n<p><b>Auch Emma Goldman hatte sich in ihrer Autobiographie mit der                 Figur Judith aus dem apokryphen Buch Judith aus dem Alten Testament                 verglichen, die den Kopf des Generals des babylonischen K\u00f6nigs                 abschneidet. Bei diesem Beispiel beschrieb sie ihre Wandlung,                 als sie nach diesem Prinzip des Widerstandes zu viele K\u00f6pfe h\u00e4tte                 abschneiden m\u00fcssen. Marlen, kannst du diese Wandlung in der Gewaltfrage                 kurz kommentieren?<\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger<\/i>: In einer vergangenen Lesung war ein                 Besucher \u00e4u\u00dferst schockiert dar\u00fcber, dass Berkman den Fabrikbesitzer                 t\u00f6ten wollte. Zu dieser Zeit gab es ja viele terroristische Akte.               <\/p>\n<p>Dabei hatte die anarchistische Bewegung, wie Goldman anmerkte,                 selber begriffen, dass diese Morde nicht weiterf\u00fchren k\u00f6nnen.                 Die anarchistische Tat endete meistens mit der Verurteilung der                 Angreifer. Aber die Tat \u00e4nderte nichts. Wir werden heute auch                 mit dem Terrorismus terrorisiert, wobei der Terror an sich schlimm                 ist. Aber zur Weiterentwicklung zur Revolution hat der Terrorismus                 ja nicht so wahnsinnig viel beigetragen.<\/p>\n<p><b>GWR: Gerade in diesem Beispiel sah man in der Autobiographie                 die Unterschiede zwischen den fast lebenslangen Gef\u00e4hrten Berkman                 und Goldman. <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Berkman war sicher der ideologisch                 strengere als Goldman. Man muss aber auch sehen, dass die Erwartungen                 an die M\u00e4nner in der anarchistischen Bewegung gr\u00f6\u00dfer waren als                 an die Frauen. Aber in diesem Bezug ist die anarchistische Geschichte                 noch zu wenig aufgearbeitet. <\/p>\n<p>Trotzdem arbeitete Emma Goldman spezifisch zu bestimmten Themen                 wie zum Beispiel im Bereich Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung. Ungewollte Schwangerschaften                 waren f\u00fcr die Frauen damals ein gro\u00dfes Problem. Die Situation,                 dass das Wissen \u00fcber die Verh\u00fctung kaum verbreitet und die Abtreibung                 verboten war, politisierte Goldman. Ab diesem Zeitpunkt hat sie                 sich dann in Form von Vortr\u00e4gen und politischen Forderungen um                 das Thema gek\u00fcmmert. Sie setzte sich f\u00fcr das Recht f\u00fcr Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung                 ein. In diesen Momenten kamen die Leute zu Goldman und h\u00f6rten                 ihr zu, weil sie eine der Ersten war, die offen dazu sprach. Alexander                 Berkman h\u00e4tte nie \u00fcber Homosexualit\u00e4t gesprochen. Er h\u00e4tte gekniffen.                 Goldmans Arbeit war thematisch mehr in die Breite gestreut. Sie                 hat diese Themen offengelegt, weil die Menschen damit zu ihr gekommen                 sind. <\/p>\n<p><b>GWR: Sie hatte also andere Themen in den anarchistischen Diskurs                 reingebracht, die vorher vergessen oder tabu waren. Goldman hat                 sich mit menschlichen und lebensnahem Themen besch\u00e4ftigt. <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Sie fand, dass eine Tanzveranstaltung                 zu veranstalten genauso wichtig war wie ein Streik. Beide Anl\u00e4sse                 f\u00f6rdern die Unterst\u00fctzung der Menschen. Ein wichtiges Beispiel                 daf\u00fcr ist in der Autobiographie die Diskussion \u00fcber die Sch\u00f6nheit.               <\/p>\n<p>Es stellte sich die Frage, ob Sch\u00f6nheit, Kunst und Literatur                 f\u00fcr den revolution\u00e4ren Prozess wichtig sind. <\/p>\n<p><b>GWR: Da finde ich interessant, dass Goldman die Kunst, das                 Theater und die Literatur nicht im Sinn der Kritik zur Kulturindustrie                 von Adorno und Horkheimer analysiert hat. Sie hat die Kultur der                 Herrschenden konsumiert und sie war fasziniert davon. Ich habe                 in der Autobiographie keine Passage der Kritik dazu gefunden.                 <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Emma Goldman hatte keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste.                 Sie wurde von reichen G\u00f6nnern unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ein G\u00f6nner lud sie einmal ein, um mit ihm zusammen in teuren                 Gesch\u00e4ften einzukaufen. Und da hatte Emma Goldmann seidene Unterw\u00e4sche                 eingekauft, die todschick war. Man h\u00e4tte ganz andere Sachen mit                 diesem Geld machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch als gelernte Schneiderin liebte Emma Goldman die aktuelle                 Mode. Das fand sie in Ordnung. Sie hatte auch einen Opernmantel                 mit einem teuren Futter. Emma Goldman fand Opern gro\u00dfartig. Opern                 waren damals das aktuelle Medium und sozusagen das Popkonzert                 des 19. Jahrhunderts. Goldman war ein emotionaler Mensch. Aus                 diesem Grund wurde sie von Kunst und Literatur so angesprochen.                 Sie konnte nicht nur Theorie machen. <\/p>\n<p>Sie brauchte Lebendigkeit, Freunde und Gesang. Sie hat viel gesungen.                 Es wird berichtet, dass sie immer Russenlieder gesungen und viele                 Platten mit russischem Liedgut hatte. Sie war leidenschaftlich,                 hatte auch geflucht oder einen grimmigen Gesichtsausdruck gemacht.               <\/p>\n<p>Sie kriegte immer ein grimmiges Gesicht, wenn Unrechtes passierte                 oder wenn sie etwas machen musste, was sie nicht wollte. Man sieht                 diesen Gesichtzug von Goldman oft auf den Bildern. Wenn man die                 grimmige Emma auf einem Foto sieht, denkt man gleich; oh da will                 ich nicht zwischen die Klauen geraten. <\/p>\n<p><b>GWR: Auf der R\u00fcckseite der aktuellen Autobiographie ist ja                 auch ein Foto, wo Emma Goldman mit einem sehr starken und selbstbewussten                 Auftreten zu sehen ist. <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Die Klassenunterschiede hat Emma Goldman                 nicht akzeptiert. Wenn sie bei armen Leuten war, dann war sie                 bei armen Leuten. Und wenn sie an der Uni sprach, in h\u00f6heren Schichten                 oder in Lady-Clubs hat sie auch keine Unterschiede gemacht und                 ihre vorbereiteten Themen vorgetragen.<\/p>\n<p><b>GWR: Kannst du noch etwas zu einem Thema von Emma Goldman                 sagen? Interessant w\u00e4re die freie Liebe. <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Die freie Liebe war zu der Zeit weiter                 verbreitet, als wir heute denken. Es gab viele Frauen, die sagten,                 ich will das auch. Ich will die gleichen Rechte und ich nehme                 mir einen Liebhaber.<\/p>\n<p>Wenn ich den Jetzigen nicht mehr will, nehme ich mir einen Anderen.               <\/p>\n<p>Auch die eher fr\u00fcheren Verluste der Ehepartner f\u00f6rderten den                 Wechsel von Sexualpartnern. Meine Gro\u00dfmutter wurde auch im 19.                 Jahrhundert geboren. Sie hatte einige uneheliche Kinder geboren.                 Es war eine Zeit, in der f\u00fcr die Frauen Freir\u00e4ume m\u00f6glich waren.                 Je fortschrittlicher diese Frauen waren, desto mehr haben sie                 selbstbestimmt ihre Sexualit\u00e4t ausgelebt.<\/p>\n<p><b>GWR: Und wie hat Emma Goldman die freie Liebe gelebt? <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Mir kommt eine Passage in den Sinn,                 in der Emma Goldman sich einen j\u00fcngeren Liebhaber genommen hat.                 Pl\u00f6tzlich ist dann die Situation gekommen, bei der die freie Liebe                 Grenzen hatte. Goldman war dem jungen Mann dann pl\u00f6tzlich doch                 zu alt. Emma Goldman wurden immer wieder Grenzen bei der freien                 Liebe aufgezeigt. <\/p>\n<p>Das Beispiel zuvor zeigt, dass der Altersunterschied pl\u00f6tzlich                 doch wichtig wurde. Doch sie nahm es humorvoll. Sie verlor ihren                 Humor nie. <\/p>\n<p>Goldman hat in jeder Lebenslage Menschen gesucht, mit denen sie                 von Herz zu Herz leben konnte. Das ging bei ihr immer so. Am Ende                 ihres Lebens war sie noch mit einem blinden Mann zusammen, den                 sie innig liebte. Ihre Liebe war gepr\u00e4gt vom Grundsatz, dass sie                 kein Kind kriegen wollte.<\/p>\n<p>Goldman gestaltete ihr Beziehungsleben, wie sie wollte. Sie war                 mit den M\u00e4nnern so lange zusammen, wie es f\u00fcr sie stimmte und                 so lange wie sie f\u00fcr sie da waren. Emma Goldman wollte nie f\u00fcr                 immer und ewig mit jemandem zusammen sein. <\/p>\n<p><b>GWR: Was ist dir bei der Arbeit an der Autobiographie am Leben                 der Emma Goldman besonders aufgefallen? <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Es gibt Ereignisse, die Emma Goldman                 in ihrer Autobiographie nicht erw\u00e4hnt hatte. Es gibt Stellen,                 die nicht realit\u00e4tsgetreu wiedergegeben wurden. Emma hatte mal                 zum Beispiel ein lesbisches Techtelmechtel.<\/p>\n<p><b>GWR: Das hat sie verheimlicht? Ich mag mich daran erinnern,                 dass sie in Wien zur Zeit ihrer Krankenschwesterausbildung in                 einer Vorlesung in der Uni sa\u00df. Da wurde auch Homosexualit\u00e4t thematisiert.                 <\/b><\/p>\n<p><b>Emma Goldman hatte sich dabei \u00fcber das Publikum gewundert.                 Die M\u00e4nner sahen aus wie Frauen und die Frauen wie M\u00e4nner.<\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Ja, das Publikum in der Vorlesung war                 aus der Queer-Szene. Emma Goldman hatte auch mal eine Frauenbeziehung                 gehabt. Nur muss es ihr wohl etwas zu hei\u00df geworden sein, diese                 Sexualbeziehung in der Autobiographie zu erw\u00e4hnen. <\/p>\n<p><b>GWR: Weshalb hat Emma Goldman diese Partnerschaft verschwiegen?                 Sie war ja sonst immer so offenherzig. <\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Ich nehme an, dass Goldman mit dem                 Weglassen bestimmter Dinge betroffene Leute sch\u00fctzen wollte. Denn                 als sie ihre Autobiographie ver\u00f6ffentlicht hatte, haben die meisten                 darin Erw\u00e4hnten noch gelebt. Emma hat mit dieser Autobiographie                 viel Privates ver\u00f6ffentlicht. Das Erscheinen des Buches muss skandal\u00f6s                 gewesen sein. <\/p>\n<p>Es ist ein Problem, dass das Leben um Emma Goldman noch nicht                 ausgeforscht ist. <\/p>\n<p>Es gibt jede Menge von Bibliographien. Im Amsterdamer <i>Internationalen                 Institut f\u00fcr Sozialgeschichte<\/i> (IISG) liegen die Nachl\u00e4sse                 von Goldman und Berkman. In den 1930er Jahren wurden die Dokumente                 dem Institut gegeben. Im Nachlass sind viele Briefe und anderes                 Textmaterial enthalten, die noch nicht aufgearbeitet sind.<\/p>\n<p>Goldman war internationalistisch und hatte in vielen verschiedenen                 Sprachen geschrieben. <\/p>\n<p>Es muss schwierig sein f\u00fcr einen Wissenschaftler, unter diesen                 Umst\u00e4nden eine Gesamtbiographie zu verfassen. Viel Material ist                 zudem verloren oder nicht mehr erh\u00e4ltlich. <\/p>\n<p>Ich sto\u00dfe bei meiner Forschung immer wieder auf neues Material                 von Emma Goldman. Da m\u00fcssten mal ein paar Frauen ihre Doktorarbeiten                 dar\u00fcber schreiben.<\/p>\n<p><b>GWR: Warum denn nicht M\u00e4nner?<\/b><\/p>\n<p><i>Marlen Breitinger: <\/i>Meinst du, die machen das (lacht)?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabine Hunziker (GWR): Meine erste Frage dreht sich um die revolution\u00e4re Gewalt. Alexander Berkman \u00e4u\u00dferte sich zur anarchistischen Tat. Im Unterschied zum Feudalismus war im modernen Kapitalismus weniger die politische Unterdr\u00fcckung als die \u00f6konomische Ausbeutung der Ursprung der Unfreiheit der Menschen. Die Politik hatte im Kapitalismus die Rolle des Handlangers. 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