{"id":10348,"date":"2010-12-01T00:00:34","date_gmt":"2010-11-30T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10348"},"modified":"2022-07-26T14:14:32","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:32","slug":"grosartig-und-absolut-lesenswert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/grosartig-und-absolut-lesenswert\/","title":{"rendered":"Gro\u00dfartig und absolut lesenswert"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem eine deutsche Ausgabe von Emma Goldmans Autobiografie                 bereits 1978-1980 im Karin Kramer Verlag erschienen ist, hat Edition                 Nautilus die Lebenserinnerungen der amerikanischen Anarchistin                 jetzt in einer \u00fcberarbeiteten \u00dcbersetzung neu herausgebracht:                 Auf fast tausend Seiten erz\u00e4hlt Goldman von ihren Erlebnissen,                 ihren Ideen, ihren Beziehungen und ihren K\u00e4mpfen. <\/p>\n<p>Angefangen im Jahr 1889, als sie als 19-J\u00e4hrige nach New York                 kommt, bis zum Jahr 1928, als sie sich kurz vor ihrem 60. Geburtstag                 in ein Landhaus in Saint Tropez zur\u00fcckzieht, um zu schreiben.<\/p>\n<p>Es gibt kaum ein anderes Buch, das so offen und detailliert Einblick                 in die damalige anarchistische Bewegung, in ihre internen Konflikte                 und ihren Alltag gibt. Emma Goldman war eine zentrale Figur, bei                 ihr liefen viele F\u00e4den zusammen, sie war gewisserma\u00dfen das \u00f6ffentliche                 Gesicht des Anarchismus in jener Zeit. <\/p>\n<p>Unerm\u00fcdlich machte sie &#8222;Propaganda&#8220; f\u00fcr die Idee einer herrschaftsfreien                 Gesellschaft, hielt hunderte von Vortr\u00e4gen im Jahr, gab die Zeitung                 &#8222;Mother Earth&#8220; heraus, reiste kreuz und quer durch die USA und                 immer wieder auch nach Europa, um f\u00fcr ihre Ideen zu werben und                 Beziehungen zu kn\u00fcpfen zwischen den lokalen Gruppen. <\/p>\n<p>Interessant sind ihre Erinnerungen auch, weil Goldman ein Bindeglied                 darstellt zwischen den &#8222;alten&#8220; Vertreterinnen und Vertretern des                 Anarchismus im 19. Jahrhundert &#8211; Johann Most, Peter Kropotkin,                 Louise Michel, Errico Malatesta traf sie pers\u00f6nlich &#8211; und seiner                 Fortentwicklung im 20. Jahrhundert. Gleichzeitig verbindet sie                 in ihrer Person die europ\u00e4ischen Wurzeln, denen sie durch ihre                 russisch-j\u00fcdische Herkunft verbunden war, und die US-amerikanische                 Kultur, in der sie aufgewachsen ist und sich politisch sozialisiert                 hat.<\/p>\n<p>Goldmans besondere St\u00e4rke liegt darin, dass bei ihr die Trennung                 zwischen Theorie und Praxis ihren Sinn verliert. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verfasste sie auch &#8222;theoretische&#8220; Werke, aber in &#8222;Gelebtes                 Leben&#8220; schildert sie, wie politische Ideen entstehen, wie sie                 sich im Austausch mit anderen weiter entwickeln und dann wieder                 Auswirkungen auf das konkrete Leben und Handeln haben. Und diesen                 Prozess dokumentiert Goldman nicht nur, sie analysiert und durchdenkt                 ihn auch. <\/p>\n<p>Klarsichtiger als viele andere erkennt sie, dass das Entscheidende                 f\u00fcr politische Einflussnahme in der Vermittlungsarbeit liegt.                 Also darin, die Grundannahmen anarchistischer Weltanschauung nicht                 nur zu postulieren oder theoretisch auszuarbeiten, sondern sie                 auf die konkrete Lebensrealit\u00e4t der Menschen zu \u00fcbertragen und                 in dieser Welt plausibel zu machen. Wie schwierig das ist und                 welche Fallstricke es dabei zu meistern gilt, ist ein wesentlicher                 Fokus, unter dem Goldman ihren Aktivismus Revue passieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In der Rezeption ihres Wirkens teilt Emma Goldman das Schicksal                 vieler einflussreicher politischer Denkerinnen: Sie wird vorwiegend                 als Teil eines heterosexuellen Paares wahrgenommen. Was im Bezug                 auf Hannah Arendt Martin Heidegger und f\u00fcr Simone de Beauvoir                 Jean-Paul Sartre ist, das ist bei ihr Alexander Berkman. <\/p>\n<p>Die Memoiren selbst r\u00fccken dieses Bild etwas zurecht, denn es                 wird deutlich, dass Goldman und Berkman eigentlich gar nicht so                 viel Zeit miteinander verbrachten. <\/p>\n<p>Berkman ist einer der ersten, den Emma Goldman als junge Frau                 in New York kennenlernt, da ist er 17, ein &#8222;Junge&#8220;, wie sie schreibt.                 Sie verlieben sich ineinander, doch nicht ohne Konflikte, da Berkman                 f\u00fcr Goldmans Geschmack zu moralistisch ist, zum Beispiel Menschen                 gegen\u00fcber, die sich nicht vollkommen kompromisslos &#8222;der Sache&#8220;                 verschreiben. Seinen Mordanschlag auf den Industriellen Henry                 C. Frick unterst\u00fctzt Goldman jedoch vorbehaltlos &#8211; da ist er 20                 und sie 22.<\/p>\n<p>Berkman muss f\u00fcr 14 Jahre ins Gef\u00e4ngnis. Unterdessen entwickelt                 sich Goldman zu einer gefragten Rednerin und politischen Agitatorin.                 Zigtausende im ganzen Land wollen ihre Vortr\u00e4ge h\u00f6ren, sie wird                 ber\u00fchmt und einflussreich. Es ist nicht leicht f\u00fcr die beiden,                 ihre Beziehung nach Berkmans Freilassung wieder aufzunehmen. Und                 das Kl\u00fcgste, was sie tun k\u00f6nnen, ist wohl, es gar nicht erst zu                 versuchen: Sie erhalten ihre Verbundenheit, indem sie sich nur                 hin und wieder sehen. <\/p>\n<p>Es gibt viele andere M\u00e4nner in Goldmans Leben, und sie berichtet                 ausf\u00fchrlich davon. Diese enge Verwobenheit von Privatleben und                 politischem Engagement ist schon h\u00e4ufig als Goldmans Eigenart                 bemerkt und kommentiert worden. Sie leidet darunter, dass es nicht                 viele M\u00e4nner gibt, die ihre Ideale teilen und gleichzeitig an                 einer Liebesbeziehung interessiert sind: Die einen sehen sie als                 asexuelle K\u00e4mpferin, die andere nur als Geliebte oder potenzielle                 Mutter ihrer Kinder. <\/p>\n<p>Aber es geht nicht nur um revolution\u00e4re Aufrichtigkeit im pers\u00f6nlichen                 Umgang und in Intimbeziehungen &#8211; auch wenn sich da so manch anderer                 Revolution\u00e4r ein Beispiel nehmen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Die Liebe, und das ist bisher weniger in den Fokus gekommen,                 ist f\u00fcr Goldman auch so eine Art Lebenselixier. Ben Reitman zum                 Beispiel, ihr junger und faszinierender, wenn auch aus revolution\u00e4rer                 Sicht wenig standfester Liebhaber: In den Jahren, in denen die                 beiden ein Paar sind, h\u00e4lt Goldman besonders viele Vortr\u00e4ge, wird                 von der Polizei verfolgt und von den Medien angefeindet. <\/p>\n<p>Sie stellt fest, dass ihre Verliebtheit ihr Kraft und Energie                 gibt, um die Strapazen und wiederholten monatelangen Gef\u00e4ngnisaufenthalte                 durchzustehen. Also bleibt sie mit Reitman zusammen, trotz seiner                 offenkundigen Fehler und seiner Unzuverl\u00e4ssigkeit. <\/p>\n<p>Was Emma Goldman hingegen mit Alexander Berkman verbindet, ist                 das gegenseitige Vertrauen, auch in konfusen Zeiten einen klaren                 Kopf zu behalten. <\/p>\n<p>Mit das Spannendste an diesen Memoiren ist, dass sie Einblick                 geben in die politischen Kontroversen innerhalb der anarchistischen                 Bewegung. Johann Most zum Beispiel verurteilt politische Attentate.                 Peter Kropotkin rechtfertigt den Ersten Weltkrieg. <\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige m\u00e4nnliche Genossen halten Goldmans Einsatz f\u00fcr Geburtenkontrolle                 und sexuelle Freiheit f\u00fcr kontraproduktiv. Immer wieder ist sie                 also damit konfrontiert, dass enge Weggef\u00e4hrten und Weggef\u00e4hrtinnen,                 mit denen sie sich ideologisch verbunden glaubte, in konkreten                 Tagesfragen zu diametral anderen Einsch\u00e4tzungen der Situation                 kommen. Nur Berkman steht verl\u00e4sslich auf ihrer Seite, und nur                 ihm vertraut sie vorbehaltlos.<\/p>\n<p>Das bew\u00e4hrt sich auch in der wohl gr\u00f6\u00dften Krise, n\u00e4mlich an der                 Einsch\u00e4tzung der bolschewistischen Revolution in Russland. <\/p>\n<p>Ende 1919 wird Goldman zusammen mit Berkman und 250 anderen aufgrund                 von &#8222;Anti-Anarchismus-Gesetzen&#8220; aus den USA ausgewiesen und nach                 Russland abgeschoben.<\/p>\n<p>Trotz anf\u00e4nglicher Begeisterung f\u00fcr die Revolution brauchen Goldman                 und Berkman nur ein gutes Jahr, um zu verstehen, dass die Sowjetunion                 eine politische Katastrophe ist &#8211; eine Einsicht, die in der europ\u00e4ischen                 Linken damals von kaum jemandem geteilt wird. Auch von der Sozialdemokratie                 nicht. Goldmans Vortr\u00e4ge \u00fcber ihre Erlebnisse in Sowjetrussland                 wollen im Europa der 1920er Jahre nur wenige Menschen h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Eine sehr erfreuliche Erkenntnis beim Lesen des Buches ist, dass                 ungeheuer viele Frauen darin vorkommen. Durch die bisherige m\u00e4nnerzentrierte                 Geschichtsschreibung ist ja vielfach der Eindruck entstanden,                 politische Bewegungen seien in fr\u00fcheren Zeiten, von einigen &#8222;au\u00dfergew\u00f6hnlichen&#8220;                 Frauen vielleicht abgesehen, ma\u00dfgeblich von M\u00e4nnern betrieben                 worden. <\/p>\n<p>Goldmans Erinnerungen belehren da eines Besseren. Sie hat von                 fast ebenso vielen Frauen wie M\u00e4nnern zu berichten, die in den                 verschiedenen St\u00e4dten, Gruppen, Organisationen aktiv waren, und                 mit denen sie sich austauschte und zusammenarbeitete. Hier ist                 noch ein gro\u00dfer Schatz zu heben, sowohl f\u00fcr die historische Frauenforschung                 als auch f\u00fcr die Geschichte des Anarchismus. Hilfreich daf\u00fcr ist,                 dass es in der Neuausgabe jetzt ein Namensregister gibt. <\/p>\n<p>Ebenfalls sch\u00f6n sind die zahlreichen Fotografien in der Buchmitte.                 Davon abgesehen ist die Neuausgabe in editorischer Hinsicht aber                 eine Entt\u00e4uschung. Das Vorwort von Ilija Trojanow, der \u00fcber alles                 M\u00f6gliche schreibt, aber nicht \u00fcber Emma Goldman (die er als Denkerin                 f\u00fcr &#8222;wenig originell&#8220; h\u00e4lt), ist banal bis \u00e4rgerlich. Warum hat                 man nicht zum Beispiel die Mit-\u00dcbersetzerin Marlen Breitinger                 um eine Einf\u00fchrung gebeten, die doch Goldmans Nachlass erforscht                 hat? (Siehe Interview in dieser GWR, Seite 16)<\/p>\n<p>So aber gibt es keinerlei Hilfe beim Zugang zu Goldmans Lebenserinnerungen.                 Der Text wurde, von einer Zeittafel abgesehen, einfach abgedruckt,                 wie er ist. Dabei bleiben so viele Fragen offen: Wie ist Goldmans                 Leben nach Abfassung der Memoiren weitergegangen? Immerhin hat                 sie ja noch \u00fcber zehn Jahre gelebt und unter anderem an so interessanten                 Ereignissen wie dem spanischen B\u00fcrgerkrieg teilgenommen. <\/p>\n<p>Oder: Wie sind diese Memoiren historisch einzuordnen? <\/p>\n<p>Sie sind ja sehr subjektiv, und da dr\u00e4ngt sich unweigerlich die                 Frage auf, was davon tats\u00e4chlich belegt ist, wo sie sich vielleicht                 irrte, was sie weglie\u00df oder welche anderen Ansichten auf das Beschriebene                 es gibt. <\/p>\n<p>Es gibt auch keine inhaltliche Einf\u00fchrung in die damalige Zeit                 oder in anarchistisches Denken. <\/p>\n<p>Goldman selbst bem\u00fchte sich zwar darum, verst\u00e4ndlich zu schreiben                 und Hintergr\u00fcnde zu erkl\u00e4ren. Aber seither sind ja achtzig Jahre                 vergangen. Anarchistisches Minimalgrundlagenwissen &#8211; zum Beispiel                 warum sie gegen den Achtstundentag sind (eine Meinung, die Goldman                 dann \u00fcberdenkt) &#8211; kann auch bei politisch Interessierten heute                 nicht mehr vorausgesetzt werden. <\/p>\n<p>Eine Neuauflage h\u00e4tte die Chance geboten, ein bisschen Kontext                 zu Goldmans Memoiren beizusteuern und sie in eine Beziehung zur                 anarchistischen Ideengeschichte insgesamt zu setzen. <\/p>\n<p>Doch daran hatte der Verlag offenbar kein Interesse. Stattdessen                 stellt er Goldman plattit\u00fcdenhaft als &#8222;starke und unabh\u00e4ngige                 Frau, die sich vom Korsett aller Konventionen befreite&#8220;, vor &#8211;                 stereotyper geht es kaum. Interessant w\u00e4re doch gewesen, was Emma                 Goldman, diese eine, individuelle Frau, dachte und tat. Setzt                 man sich wirklich mit ihren Ideen auseinander? <\/p>\n<p>Denkt man dar\u00fcber nach, was sie f\u00fcr den Anarchismus inhaltlich                 bedeuten? Oder sieht man in Emma Goldman nur eine Art Pin-Up-Girl,                 mit dem sich das eigene B\u00fccherregal schm\u00fcckt?<\/p>\n<p>Auch das Format ist ungl\u00fccklich: 926 Seiten in einem Band, das                 ergibt anderthalb unhandliche Kilogramm, in denen man nicht gem\u00fctlich                 schm\u00f6kern kann und die auch in kein Reisegep\u00e4ck passen. <\/p>\n<p>Eigentlich kann man das Buch nur am Schreibtisch sitzend studieren,                 was seinem Charakter \u00fcberhaupt nicht angemessen ist. Ich habe                 f\u00fcr die Vorbereitung dieser Rezension deshalb zeitweise auf die                 alte dreib\u00e4ndige Karin-Kramer-Edition zur\u00fcckgegriffen. <\/p>\n<p>Das alles ist sehr schade. Denn Emma Goldmans Lebenserinnerungen                 sind gro\u00dfartig und absolut lesenswert, gerade weil sie in ihrer                 Radikalit\u00e4t nicht nur einfache Zustimmung hervorrufen, sondern                 ebenso kritische Fragen provozieren. Und zum Selberdenken anregen.               <\/p>\n<p>Die Lekt\u00fcre ist sehr zu empfehlen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem eine deutsche Ausgabe von Emma Goldmans Autobiografie bereits 1978-1980 im Karin Kramer Verlag erschienen ist, hat Edition Nautilus die Lebenserinnerungen der amerikanischen Anarchistin jetzt in einer \u00fcberarbeiteten \u00dcbersetzung neu herausgebracht: Auf fast tausend Seiten erz\u00e4hlt Goldman von ihren Erlebnissen, ihren Ideen, ihren Beziehungen und ihren K\u00e4mpfen. 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