{"id":10355,"date":"2010-12-01T00:00:45","date_gmt":"2010-11-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10355"},"modified":"2022-07-26T14:24:05","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:05","slug":"loch-im-kirchendach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2010\/12\/loch-im-kirchendach\/","title":{"rendered":"Loch im Kirchendach"},"content":{"rendered":"<p>In Spanien muss man kein\/e HistorikerIn sein, um zu wissen, dass                 Joseph Ratzinger mit diesem Ausspruch auf die Zweite Republik                 (1931-1939) und die Zeit des B\u00fcrgerkrieges (1936-1939) anspielte.               <\/p>\n<p>Mit verschiedenen Gesetzen war damals versucht worden, den im                 europ\u00e4ischen Vergleich extrem gro\u00dfen Einfluss der katholischen                 Kirche auf Politik und Kultur zu brechen: ihren Grundbesitz zu                 enteignen, sie aus dem Banken- und vor allem aus dem Bildungswesen                 zu verdr\u00e4ngen. Das gr\u00f6\u00dfte Trauma aus der Sicht der Kirche blieben                 aber wohl die antiklerikalen Ausschreitungen zu Beginn des B\u00fcrgerkrieges.                 In den revolution\u00e4ren Wirren wie auch Strategien der Linken gegen                 den Putsch unter General Franco wurden Kirchen gepl\u00fcndert und                 in Brand gesetzt und auch Geistliche ermordet. <\/p>\n<p>Wenn die liberale Tageszeitung <i>El Pa\u00eds<\/i> den Besuch Ratzingers                 mit den Worten kommentiert, der Papst &#8222;belebe das Phantasma des                 Antiklerikalismus&#8220;, scheint das selbst ein Versuch zu sein, die                 Wogen glatt zu halten. ((1))                 Denn um ein blo\u00dfes Phantasma handelt es sich kaum.<\/p>\n<p>Dass der Antiklerikalismus real war, zeigt auch die Arbeit des                 K\u00fcnstlers Pedro G. Romero &#8222;Archivo F.X.&#8220;. <\/p>\n<p>Das ungew\u00f6hnliche Archiv, an dem Romero seit mehr als zehn Jahren                 arbeitet, war zeitgleich mit dem Papst-Besuch auf der Manifesta                 8 im S\u00fcdspanischen Cartagena zu sehen. ((2))               <\/p>\n<p>Das h\u00e4tte das ultrakonservative Kirchenoberhaupt noch mehr beunruhigen                 m\u00fcssen: Indem das Archiv Bilder und Berichte aus der Zeit zwischen                 1845 und 1945 versammelt, macht es deutlich, dass der Antiklerikalismus                 in Spanien keinesfalls ein alleiniges Ph\u00e4nomen der 1930er Jahre                 war. <\/p>\n<p>Das Archiv enth\u00e4lt mittlerweile mehr als 6.000 Bilder, die Pr\u00e4sentation                 in Cartagena war vor allem lokalen Ereignissen in der Region Murcia                 gewidmet, in der Cartagena liegt. Weder die Republik noch die                 Spanische Revolution von 1936 waren also isolierte Phasen in Sachen                 anti-kirchlichen Engagements.<\/p>\n<p>Romeros Archiv allerdings w\u00e4re wohl keine Kunst, wenn es die                 Bilder einfach nur sammeln w\u00fcrde. Im Feld der zeitgen\u00f6ssischen                 Kunst findet seit Jahren eine lebhafte Auseinandersetzung \u00fcber                 das Archiv im Allgemeinen und die T\u00e4tigkeiten des Archivierens                 statt. <\/p>\n<p>Das Archiv wird dabei nicht nur als Aufbewahrungsort von Gegenst\u00e4nden                 begriffen. Vielmehr, hei\u00dft es in einem der Standardwerke zum Thema,                 sei es als ein &#8222;Ort [zu verstehen], an dem sich, um mit Derrida                 zu sprechen, die Zeichen versammelt finden.&#8220; ((3))                 Die Zeichen m\u00fcssen geordnet und mit Bedeutung versehen werden.                 Dinge aller Art, so die Grundannahme, sprechen nicht f\u00fcr sich,                 sondern erhalten und ergeben nur innerhalb ihrer Ordnung einen                 Sinn. Ver\u00e4ndert sich der ordnende Kontext, wird sich auch der                 Sinn der Gegenst\u00e4nde verschieben.<\/p>\n<p>Hier setzt auch Romero an und ein. Die Bilder von ausgebrannten                 Kirchen, eingerissenen Gem\u00e4lden und besch\u00e4digten Heiligenbildern                 sind in seinem Archiv nicht nach dem benannt, was sie zeigen.                 Auch sind sie nicht chronologisch geordnet. Stattdessen hat Romero                 sie nach Assoziation sortiert, die ihm angesichts der Bildinhalte                 oder mit ihnen verbundenen Konnotationen kamen. <\/p>\n<p>Beides, also die wirkliche Begebenheit und die Bezugnahme des                 K\u00fcnstlers, ist jeweils neben bzw. unter dem Foto zu lesen. Beispiel:                 Das Bild von 1937 mit dem Titel &#8222;Ren\u00e9 Magritte&#8220; zeigt eine Madonnenfigur                 aus Holz aus dem 15. Jahrhundert, der das Gesicht abgeschlagen                 und statt Jesuskind in die Arme gelegt wurde. <\/p>\n<p>Wo vorher das Gesicht war, ist nun eine schraffiert wirkende                 Fl\u00e4che, der Jesusfigur fehlt der Oberk\u00f6rper, das Marienantlitz                 ist an deren F\u00fc\u00dfen falsch platziert. Kennt man die Bilder des                 belgischen Surrealisten Magritte, ist auch die Irritation durch                 leichtes Versetzen der gewohnten Anordnungen aus dessen Malerei                 durchaus wiederzuerkennen. &#8222;Arc de Triomphe for Workers&#8220; zeigt                 auf einem Bild vom September 1936 eine ausgebrannte Kirche, im                 Vordergrund ein Rundbogen, dahinter zu sehen: Ein Loch im Dach.                 Benannt ist das Bild nach einer Arbeit des K\u00fcnstlers Gordon Matta-Clark,                 der in 1970er Jahren geometrische Figuren in Geb\u00e4ude schnitt.               <\/p>\n<p>Sein als &#8222;Anarchitektur&#8220; bezeichnetes Werk verband, grob gesagt,                 eine Befragung der Form in der Moderne mit einer Kritik an der                 Herrschaft durch Architektur.<\/p>\n<p>Beide Beispiele schaffen vielleicht schon einen Endruck von Romeros                 Vorgehen. So wie der originale Bildinhalt akribisch notiert ist,                 folgen auch die titelgebenden Assoziationen einer relativ strengen                 Logik. Sie stammen n\u00e4mlich vornehmlich aus der Kunstgeschichte                 des 20. Jahrhunderts, und zwar aus deren gesellschaftspolitisch                 engagierten bzw. motivierten Teilbereichen. Romero kn\u00fcpft also                 zwei Geschichten aneinander: Die der radikalen Bilderzerst\u00f6rung,                 des antiklerikalen Ikonoklasmus, mit derjenigen der radikalen                 Bildfindung, also der avantgardistischen und postavantgardistischen                 Versuche, der um sich selbst kreisenden Kunstwerkproduktion ein                 produktives Ende zu setzen.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler hebt somit die Bedeutung hervor, die der Umgang                 mit Bildern nicht nur f\u00fcr \u00e4sthetische, sondern auch f\u00fcr politische                 und soziale Gemeinsamkeiten hat.<\/p>\n<p>Ergibt sich der Bildwitz der Archivinhalte in vielen F\u00e4llen nur                 unter der Voraussetzung einer Kenntnis der modernen Kunstgeschichte,                 reicht f\u00fcr andere Bild-Text-Kombinationen auch eine gewisse Vertrautheit                 mit der Geschichte der radikalen Linken. <\/p>\n<p>Unter dem Titel &#8222;Anti-globalisaci\u00f3n&#8220; findet sich das Bild einer                 beidseitig abfotografierten 10-Centimos-M\u00fcnze vom Mai 1937. Die                 gestanzte Schrift auf der R\u00fcckseite ist zu einem Teil abgekratzt:                 es fehlt das Wort &#8222;cat\u00f3lica&#8220;, \u00fcbrig bleibt &#8222;cooperativa mut\u00faa&#8220;                 (&#8222;gegenseitige Kooperation&#8220;). Den in den 1930er Jahren beschlagnahmten                 M\u00fcnzen wurde der Hinweis auf die katholische Organisation entwendet,                 was \u00fcbrig blieb, erinnerte eher an Piotr Kropotkins &#8222;gegenseitige                 Hilfe&#8220; als an christliche N\u00e4chstenliebe. <\/p>\n<p>Damit findet sich im &#8222;Archivo F.X.&#8220; auch der Anspruch auf eine                 andere Wirtschaftsform, der in den Protesten gegen die Welthandelsorganisation                 in Seattle 1999 seinen globalisierungskritischen Ausdruck auf                 die Stra\u00dfe brachte. Wie die eingekratzten Buchstaben &#8222;F.A.I.&#8220;                 (f\u00fcr Federaci\u00f3n Anarquista Ib\u00e9rica, Iberische Anarchistische F\u00f6deration)                 auf einer Heiligenfigur sind auch die entfernten Lettern auf den                 M\u00fcnzen Spuren des Sozialrevolution\u00e4ren, die im neuen, k\u00fcnstlerischen                 Kontext vielleicht effektiver archiviert sind als zwischen irgendwelchen                 Buchdeckeln.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Papst im Nachhinein den von der damaligen katholischen                 Kirche &#8211; mit Ausnahme der des Baskenlandes &#8211; unterst\u00fctzten Aufstand                 der Gener\u00e4le und schlie\u00dflich auch die im Namen des katholischen                 Spanien begr\u00fcndete Franco-Diktatur implizit rechtfertigte, ist                 Romeros Archiv durchaus auch ein geschichtspolitisches Gegenmodell.                 Denn es klagt den Ikonoklasmus nicht an, sondern stellt ihn durch                 die Verkn\u00fcpfung mit den wesentlichen radikalen Str\u00f6mungen der                 modernen Kunst als Teil einer emanzipatorisch-utopischen Suche                 dar. <\/p>\n<p>Indem es sich in die Diskussionen einklinkt, welche Rolle den                 Bildern bei solchen Suchbewegungen zukommt, verweist es auch auf                 das, was Kunst heute u.a. leisten kann: Ordnungen kombinieren                 und durcheinander bringen, verwirren und damit ein paar neue Bedeutungen                 und Sinn stiften.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Spanien muss man kein\/e HistorikerIn sein, um zu wissen, dass Joseph Ratzinger mit diesem Ausspruch auf die Zweite Republik (1931-1939) und die Zeit des B\u00fcrgerkrieges (1936-1939) anspielte. 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