{"id":10394,"date":"2011-01-01T00:00:49","date_gmt":"2010-12-31T22:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10394"},"modified":"2022-07-26T14:12:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:31","slug":"der-nackte-arsch-der-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/01\/der-nackte-arsch-der-demokratie\/","title":{"rendered":"Der nackte Arsch der Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein bemerkenswerter Vorgang, wenn nicht China, sondern                 die Library of Congress ihren LeserInnen den Internet-Zugang zu                 WikiLeaks blockiert und angehende DiplomatInnen an der School                 of International and Public Affairs der Columbia Universit\u00e4t vom                 State Department ermahnt werden, im Sinne einer zuk\u00fcnftigen erfolgreichen                 Karriere die neuesten Enth\u00fcllungen nicht \u00f6ffentlich zu besprechen.<\/p>\n<p>Im Irak stationierte US-SoldatInnen, die online auch nur auf                 Berichte \u00fcber die WikiLeaks-Enth\u00fcllungen zugreifen wollen, werden                 blockiert oder durch ein Popup-Fenster davor gewarnt, dass sie                 nun eine Seite lesen werden, die \u00fcber einen Gesetzesversto\u00df handelt.<\/p>\n<p>All dies macht, eingedenk der Pressekonzentration einiger weniger                 Medienkonzerne, auch den Unterschied sichtbar zwischen dem Besitz                 einer eigenen Meinung und dem Vorliegen von Strukturen, die eine                 Herausbildung dieser effektiv vereiteln, sowie \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnissen,                 die eine Selbstverpflichtung zum Nicht-Wissen-Wollen einfordern.               <\/p>\n<p>Diese Zw\u00e4nge erlauben es oft gar nicht, kostendeckend eine Meinung                 besitzen zu k\u00f6nnen. Offener Widerspruch kann Arbeitslosigkeit                 oder gar den sozialen Tod nach sich ziehen.<\/p>\n<p>Wohl auch deshalb findet sich auf der Seite des State Departments                 die Information, dass WikiLeaks nicht als journalistisches Medium                 anerkannt wird. <\/p>\n<p>Die Debatte um die neuesten Enth\u00fcllungen, nachdem bereits am                 Jahresanfang ungeschminkte Berichte \u00fcber die blutigen Kolonial-Kriege                 gegen die Zivilbev\u00f6lkerung in Afghanistan und dem Irak in den                 sog. War-Logs ver\u00f6ffentlicht wurden, beweisen demnach nur eins:                 die Unf\u00e4higkeit der globalisierten Gesellschaft, mit sichtbar                 gemachten Widerspr\u00fcchen ihrer freiheitlich-demokratischen Ordnung                 umgehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den etablierten Medien, die herausgerissen                 wurden aus ihrer Monopolstellung als Zulieferer dessen, wor\u00fcber,                 wann und wie berichtet werden darf. <\/p>\n<p>Anstatt als Konsequenz Fragen an das herrschende System zu stellen,                 kaprizieren sich diese auf h\u00f6fische Anekdoten aus den Hinterzimmern                 der Berlusconis und Westerwelles.<\/p>\n<p>&#8222;Das war doch l\u00e4ngst bekannt&#8220;, beschwichtigen weise KommentatorInnen.                 Besorgte PolitikerInnen sprechen von einem &#8222;massiven Vertrauensbruch&#8220;.                 Erkl\u00e4ren dabei aber nicht, warum nicht die L\u00fcge selbst dieses                 Vertrauen zerst\u00f6rt, sondern erst ihre Bl\u00f6\u00dfe. Wieder andere beschw\u00f6ren,                 die Enth\u00fcllungen bes\u00e4\u00dfen &#8222;keinen Erkenntniswert&#8220;. <\/p>\n<p>Doch es ist nicht ihr \u00fcberaus politischer Inhalt, dem Bedeutung                 abgesprochen werden kann, vielmehr mangelt es den sog. ExpertInnen                 durch die Dekadenz des eingebetteten JournalistInnenalltags an                 Vorstellungskraft und Urteilsverm\u00f6gen. Dessen Verwerfungen sind                 zwar hierzulande nur den Mitgliedern der Bundespressekonferenz                 (BPK) oder akkreditierten JournalistInnen vorbehalten. <\/p>\n<p>Wer jedoch einmal eine Einladung von der Bundespresseball GmbH                 erhalten hat, dem auch der Weg zu den Pressecentern der entbehrungsfreien                 Medienwelt der H\u00e4ppchen und Massagesalons (wie beim G8-Gipfel                 in K\u00fchlungsborn 2007) offen steht, der ist gezwungen, eine politische                 Wahl zu treffen. So liefern vor allem die Reaktionen der blasierten                 JournalistInnen, aber auch das weit verbreitete Stillschweigen                 einer in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis radikalen Linken weitaus mehr                 Erkenntnisse \u00fcber die Funktionsmechanismen der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re                 und die Integrationskraft des Kapitalismus als die nun nicht nur                 antizipierten, sondern schwarz auf wei\u00df vorliegenden Fakten aus                 dem Tagesgesch\u00e4ft nicht nur der US-amerikanischen Politik.<\/p>\n<p>Damit werden die Strukturen der Kommunikationswelt innerhalb                 der kapitalistischen Gesellschaftsformationen offen gelegt.<\/p>\n<p>Es ist auch nicht die F\u00fclle an Material, die eine fundierte Analyse                 verhindert. Der Kaiser ist nackt. Doch die h\u00f6fische Gesellschaft                 und der Kaiser selbst bewundern die Qualit\u00e4t der durch wiederholten                 Betrug, L\u00fcgen und Manipulation gestrickten Gew\u00e4nder.<\/p>\n<p> Auch dann, wenn diese den nackten Arsch der westlichen Demokratie                 entbl\u00f6\u00dfen. <\/p>\n<p>Die wenigen KritikerInnen dieses Kost\u00fcms sind wohl nicht w\u00fcrdig                 oder einfach nur dumm, wenn sie behaupten, Frieden sei in Wirklichkeit                 Krieg, Diskussionen \u00fcber Frauen- und Menschenrechte seien reine                 Augenwischerei.<\/p>\n<p>Doch anders als in Hans-Christian Andersens Vorlage, bei der                 es eben ein Rossknecht ist, der die Wahrheit ausspricht, denn                 als jemand am unteren Rand der Rangordnung steht ihm gar nicht                 die politische Wahl zwischen Ansehen, Wohlstand oder Wahrheit                 zu, sind es heute gerade jene, die es besser wissen sollten, die                 den Mund halten.<\/p>\n<p>Die Eitelkeit und innere Unsicherheit, nichts sehen zu wollen,                 ist kein Zufall. Der Schwindel fliegt bekanntlich erst durch den                 Ausruf eines Kindes auf, also nicht jener gro\u00dfen anerkannten Medien,                 sondern durch die Ver\u00f6ffentlichung eines globalen Samizdates.<\/p>\n<h3>Wieso k\u00f6nnen JournalistInnen, PolitikerInnen und selbst die                 sonst so wortgewandte Linke mit WikiLeaks nicht umgehen?<\/h3>\n<p>Weil die hergestellte Transparenz zwar die Widerspr\u00fcche der &#8222;demokratischen&#8220;                 Selbstwahrnehmung offen legt, jedoch eine Gesellschaft, die nicht                 einmal den gescheiterten Versuch einer alternativen Gesellschaftsformation                 unternommen hat, mehr darauf bedacht ist, ihre jetzige, m\u00fchevoll                 erk\u00e4mpften Besitzst\u00e4nde zu sichern und in der Rangordnung nicht                 noch tiefer abzusacken. <\/p>\n<p>Einzige Konsequenz m\u00fcsste heute sein, das System als unertr\u00e4glich                 abzuschaffen. Doch was t\u00e4ten dann all die &#8222;Gutmenschen&#8220;, die das                 Leben des Kapitalismus verl\u00e4ngern wollen, indem sie ihn ertr\u00e4glicher                 machen m\u00f6chten? <\/p>\n<p>In der heutigen hegemonial aufgeteilten Diskurs-\u00d6ffentlichkeit                 reicht Wahrheit anscheinend nicht mehr aus. Das System macht Wahrheit                 nicht mehr anschlussf\u00e4hig. So als ob man beim Tennis mit den Regeln                 des Fu\u00dfballs Kritik betreiben will. <\/p>\n<p>Ern\u00fcchternd muss festgestellt werden, dass die Taktik des WikiLeaks-Sprechers                 Julian Assange, die Dokumente vorab privilegiert den gro\u00dfen Medien                 wie Spiegel, New York Times oder Le Monde zur Verf\u00fcgung zu stellen,                 ein Fehler war. Man kann nicht ein Samizdat sein und zugleich                 die Hegemonie mit ihren Entstehungsvoraussetzungen bek\u00e4mpfen.                 Transparenz der Arkan-Politik ist gerade deshalb notwendig, weil                 die gro\u00dfen Medien-H\u00e4user eben bislang nicht in der Lage waren,                 Licht in das wahre gewaltvolle, kriegerische und heuchlerische                 Gesicht der westlichen Demokratien zu bringen. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns dabei bewusst werden, dass das bew\u00e4hrte Mittel,                 Gegen\u00f6ffentlichkeit herzustellen, unter den global herrschenden                 Verh\u00e4ltnissen des Kapitals nicht ein Allheilmittel darstellt.                 In der DDR oder VR Polen reichte die Gegendarstellung schon aus,                 um das System zum Tanzen zu bringen.<\/p>\n<p>Heute erf\u00fcllen immer noch unabh\u00e4ngige kleinere Zeitschriften                 wie zum Beispiel die <i>Graswurzelrevolution<\/i>, die seit Jahren                 gegen die hiesige Hegemonie ank\u00e4mpfen, eine wichtige Funktion.                 So w\u00e4ren ohne die GWR zum Beispiel wichtige Informationen \u00fcber                 die NATO-Kriegspolitik unterdr\u00fcckt. <\/p>\n<p>Es waren auch die kleinen Zeitschriften wie der <i>Ossietzky<\/i>                 oder der ostdeutsche <i>telegraph<\/i>, die sehr fr\u00fch zum Beispiel                 das Thema Hartz IV oder bundesdeutsche Geheimdienste auf die Agenda                 brachten, w\u00e4hrend die gro\u00dfen das Thema verschliefen. <\/p>\n<p>Gegen\u00f6ffentlichkeit heute kann jedoch nur ein erster Schritt                 sein, den zweiten Schritt m\u00fcssen wir wagen, nachdem wir die Schreibfeder                 aus der Hand gelegt haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein bemerkenswerter Vorgang, wenn nicht China, sondern die Library of Congress ihren LeserInnen den Internet-Zugang zu WikiLeaks blockiert und angehende DiplomatInnen an der School of International and Public Affairs der Columbia Universit\u00e4t vom State Department ermahnt werden, im Sinne einer zuk\u00fcnftigen erfolgreichen Karriere die neuesten Enth\u00fcllungen nicht \u00f6ffentlich zu besprechen. 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