{"id":10398,"date":"2011-01-01T00:00:45","date_gmt":"2010-12-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10398"},"modified":"2022-07-26T14:14:31","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:31","slug":"schon-dass-wir-druber-geredet-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/01\/schon-dass-wir-druber-geredet-haben\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6n, dass wir dr\u00fcber geredet haben"},"content":{"rendered":"<p>Mit den Parksch\u00fctzern hatte sich zwar die vielleicht einflussreichste Gruppe der S21-GegnerInnen von den Gei\u00dfler-Runden und ihrer &#8222;Friedenspflicht&#8220; distanziert.<\/p>\n<p>Jetzt stehen eben diese Parksch\u00fctzer unter Rechtfertigungszwang, unter dem Verdacht der Halsstarrigkeit, des Fundamentalismus, und nicht die gigantomanischen S21-PlanerInnen, die ein f\u00fcnfzehn Jahre altes Projekt pl\u00f6tzlich aus der Schublade ziehen, B\u00fcrgerbegehren und Volksentscheide mit formalistischen Tricks abw\u00fcrgen und ihr Verhalten f\u00fcr demokratisch legitimiert, mehr noch als eine Frage der Staatsraison deklarieren.<\/p>\n<p>Man kann Stefan Mappus zu diesem Heiner Gei\u00dfler-Coup nur gratulieren. Wenn es einen Preis f\u00fcr die am geschicktesten eingef\u00e4delte Stimmungswende geben w\u00fcrde &#8211; den PR-Lazarus k\u00f6nnte man ihn nennen &#8211; Stefan Mappus h\u00e4tte ihn zweifelsohne verdient.<\/p>\n<h3>Historische Wurzeln und Bez\u00fcge<\/h3>\n<p>Doch wer ist eigentlich auf diese grandiose Idee der Vermittlung des Unvermittelbaren gekommen?<\/p>\n<p>Es war NICHT der Spin-Doktor Dirk Metz, der seit einigen Wochen Stefan Mappus zu Diensten ist &#8211; jener gewiefte und skrupellose Strippenzieher Metz, der lange Jahre daran gearbeitet hat, den hessischen Ministerpr\u00e4sidenten Roland Koch als Law-and-Order-Aush\u00e4ngeschild der CDU zu profilieren und den viele in Stuttgart f\u00fcr den geistigen Urheber der Kn\u00fcppelorgie im Schlosspark halten.<\/p>\n<h3>Die Mediation hingegen geht auf das Konto der baden-w\u00fcrttembergischen Gr\u00fcnen<\/h3>\n<p>Das ist kein Zufall. Denn die Methode der Schlichtung, hier gespielt durch einen im Kern autorit\u00e4ren, allm\u00e4chtigen Vermittler, der als weiser Mann oder Volkstribun daher kommt, hat mindestens drei historische Wurzeln: Einmal ist sie dem b\u00fcrokratisch \u00fcberformten (bzw. entstellten) deutschen Streikrecht entlehnt, das zu bestimmten Eskalationsstufen eines Arbeitskampfs bzw. Tarifstreits eine Schlichtung vorsieht.<\/p>\n<p>Gei\u00dfler hatte sich zuvor im vielleicht wichtigsten deutschen Gewerkschaftskampf der vergangenen 10 Jahre, dem Konflikt zwischen Lokf\u00fchrergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn AG, als Vermittler einen Namen gemacht.<\/p>\n<p>Die andere Wurzel liegt in der Alternativ-Bewegung nach 1968, die auch die Partei der Gr\u00fcnen hervor gebracht hat, in Hippie-Kommunen, Alternativ-Betrieben, Wohnkollektiven, B\u00fcrgerinitiativen etc.<\/p>\n<p>Dort herrschte stets ein besonderes Augenmerk auf Redeverhalten, Kritik von Machtstrukturen, eine Lust am Ausdiskutieren und oft auch ein nervenzerfetzender Drang bzw. Zwang zur Harmonie. Und es gibt sicher nicht wenige (ehemalige) AbonnentInnen der <em>Graswurzelrevolution<\/em>, die aus der Mediation und \u00e4hnlichen sozialpsychologischen Methoden inzwischen einen Beruf gemacht haben und dieses Handwerk urspr\u00fcnglich in alternativen Strukturen erlernt haben.<\/p>\n<p>Eine dritte historische Spur f\u00fchrt m\u00f6glicherweise zu den Runden Tischen der untergehenden DDR, die von Wiedervereinigung und D-Mark-Einf\u00fchrung vollst\u00e4ndig \u00fcberrollt wurden.<\/p>\n<h3>Mediation als Waffe &#8211; Beispiel Gate-Gourmet<\/h3>\n<p>Im Jahr 2010 haben UnternehmensberaterInnen, Personalabteilungen, PR-StrategInnen, StadtplanerInnen und auch die Polizei die besonderen M\u00f6glichkeiten der Mediation l\u00e4ngst erkannt und nutzen diese f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Ihr gr\u00f6\u00dfter Nutzen besteht in der Verschleierung von Machtverh\u00e4ltnissen und im Aufbrechen der Renitenz der strukturell Benachteiligten.<\/p>\n<p>In der arbeitenden Bev\u00f6lkerung beginnt es sich langsam herum zu sprechen, dass Coaching-Wochenenden und Team-Bildungs-Seminare durchaus nichts Gutes bedeuten.<\/p>\n<p>Dem bislang l\u00e4ngsten deutschen Arbeitskampf, dem Kampf der Belegschaft des LTU-Caterers Gate-Gourmet am D\u00fcsseldorfer Flughafen 2005, gingen eben solche Methoden voraus. Durchgef\u00fchrt durch den Unternehmensberatungsmulti McKinsey.<\/p>\n<p>Man l\u00e4dt die Arbeitenden zu mond\u00e4nen Wochenenden mit Hotel und lecker Essen ein, sagt sch\u00f6n &#8222;Du&#8220; zueinander, macht lustige Spielchen. Man gewinnt ihr Vertrauen, f\u00fcttert sie an wie scheue wilde Tiere, forscht sie aus, kartographiert sie &#8211; und dann strukturiert man ihren Arbeitsplatz um &#8211; k\u00fchl, berechnend, erbarmungslos. Schmei\u00dft die Low-Performer raus oder besser noch: treibt sie in die K\u00fcndigung, indem man ihnen das Gef\u00fchl gibt, den Anforderungen und dem Gruppendruck nicht standhalten zu k\u00f6nnen und nicht etwa Opfer eines b\u00f6sartigen Plans zu sein, sondern objektiv unf\u00e4hig, nicht passend f\u00fcr diesen Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Bei Gate-Gourmet waren diese sozial-psychologischen Techniken getrieben von einem gigantischen Profit-Druck, den der Hedge-Fonds &#8222;Texas Pacific Group&#8220; auf die Belegschaft wirken lie\u00df.<\/p>\n<p>Dass daraus ein erbitterter Streik wurde, darf heute durchaus als Vorbote einer Zeitenwende gelten. Irgendwann ist auch beim geduldigsten Arbeiter &#8211; selbst in Deutschland &#8211; mal Schluss.<\/p>\n<h3>Die Form kann den Inhalt nicht ersetzen<\/h3>\n<p>Jetzt, nach dem Gei\u00dfler-Desaster, gilt es, diesem Mediations-, Teambildungs- und Coachingzauber auch in sozialen Bewegungen und sogenannten alternativen Arbeitspl\u00e4tzen, auch in libert\u00e4ren Organisationen die Stirn zu bieten.<\/p>\n<p>&#8222;Sch\u00f6n, dass wir dr\u00fcber geredet haben&#8220; reicht heute absolut nicht mehr aus. Eine merkw\u00fcrdige Verirrung libert\u00e4rer Organisationsformen besteht darin, dass Treffen vor allem dann f\u00fcr gut befunden werden, wenn die Art des Redens vermeintlich konfliktfrei, egalit\u00e4r und spannungsarm war. Und wenn m\u00f6glichst viele zu Wort gekommen sind. Aspekte, die wichtig sind &#8211; dieser Text soll nicht als Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen R\u00fcckfall in autorit\u00e4re Strukturen verstanden werden &#8211; eine durchaus entscheidende Frage an ein Treffen muss aber dennoch bleiben: Was ist heraus gekommen? Was hat sich bewegt? Was ging voran?<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise muss es f\u00fcr einen Fortschritt hin und wieder auch mal ordentlich im Karton rappeln. Es sei denn, wir einigen uns darauf, dass wir unsere Treffen tats\u00e4chlich nicht abhalten, um die Wirklichkeit zu ver\u00e4ndern, sondern als sozialpsychologische Sonderma\u00dfnahme, als soziale W\u00e4rmstube und Feel-good-event.<\/p>\n<p>Eine Mediation &#8211; sowohl im gewerkschaftlichen als auch im Hippie-Sinne &#8211; n\u00fctzt immer denen, die in der st\u00e4rkeren Position sind. Das sind meist die AuftraggeberInnen, am Arbeitsplatz also die UnternehmerInnen und Vorgesetzten. In sozialen Konflikten wie in Stuttgart oder im Wendland sind die Ressourcen Geld, Macht, Wissen und Medien ebenfalls eindeutig asymmetrisch verteilt.<\/p>\n<p>Eine Mediation im urspr\u00fcnglichen Sinne der Alternativbewegungen ist nur m\u00f6glich, wenn eine wirkliche Gleichberechtigung der Beteiligten existiert und der Mediator (die Mediatorin) unabh\u00e4ngig und unbefangen ist.<\/p>\n<p>Eine Mediation unter hierarchischen Bedingungen und mit asymmetrisch verteilter Macht ist abzulehnen. Wenn wir uns diesen Sonderma\u00dfnahmen &#8211; z.B. am Arbeitsplatz &#8211; nicht entziehen k\u00f6nnen, gilt es, h\u00f6chste Wachsamkeit einzunehmen und sich taktisch m\u00f6glichst geschickt zu verhalten, sie wenn m\u00f6glich durch eine Mischung aus \u00dcberaffirmation, Verstellung und Renitenz zu sabotieren. Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re der Krankenschein.<\/p>\n<h3>Gr\u00fcne mal wieder ganz gro\u00dfe Klasse<\/h3>\n<p>Die Gr\u00fcnen haben sich mit der Einberufung der Gei\u00dfler-Mediation im Konflikt Stuttgart 21 ein weiteres Denkmal gesetzt &#8211; nach der Bombardierung Jugoslawiens 1999, dem fadenscheinigen &#8222;Atomkonsens&#8220; (2002), der Einf\u00fchrung der Hartz-Gesetze (2003-2005).<\/p>\n<p>Sie haben ein Verfahren eingeleitet, mit dem sie wieder einmal ihr eigenes Lager &#8211; oder was man daf\u00fcr gehalten hat &#8211; geschw\u00e4cht haben. Die Besonderheit diesmal: Die Gr\u00fcnen haben vermutlich nicht aus machtpolitischem Kalk\u00fcl gehandelt, sondern aus Bl\u00f6dheit. Sie kommen sich toll dabei vor, sich selbst live im Fernsehen und im Netz zu sehen. &#8222;Auf Augenh\u00f6he&#8220; mit den Herrschenden reden zu d\u00fcrfen. Respekt zu erhalten. Bekannt zu werden.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den absto\u00dfendsten Symptomen der b\u00fcrgerlich-repr\u00e4sentativen Demokratie, dass dieses lauwarme, spie\u00dfige Gutmenschentum, das die Gr\u00fcnen so geschickt mal mit &#8222;Bauchschmerzen&#8220;, mal ohne verk\u00f6rpern, beim Wahlvolk derzeit so gut ankommt.<\/p>\n<p>Nur wenige scheinen zu f\u00fchlen, dass dieses Gutmenschentum im Kern h\u00f6chst aggressiv ist, weil es seine historische Mission darin erf\u00fcllt, radikalere und unvers\u00f6hnliche Elemente einer Bewegung zu isolieren und auszugrenzen.<\/p>\n<h3>Fazit: Distanz und selbstkritische Auseinandersetzung<\/h3>\n<p>Eine ernst zu nehmende Graswurzelbewegung sollte sich entschieden von diesen kapitalistisch eingebundenen Mediationsprofis distanzieren. Auch und gerade wenn sie aus den eigenen Reihen stammen. Eine tiefer gehende Debatte \u00fcber die Wurzeln neoliberaler Herrschaftsinstrumente und -formen in der Alternativbewegung, \u00fcber die Alternativbewegung als Motor und Laboratorium des Kapitalismus steht noch aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Parksch\u00fctzern hatte sich zwar die vielleicht einflussreichste Gruppe der S21-GegnerInnen von den Gei\u00dfler-Runden und ihrer &#8222;Friedenspflicht&#8220; distanziert. 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