{"id":10417,"date":"2011-01-01T00:00:24","date_gmt":"2010-12-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10417"},"modified":"2022-07-26T14:24:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:04","slug":"mujer-libre-sara-berenguer-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/01\/mujer-libre-sara-berenguer-ist-tot\/","title":{"rendered":"Mujer Libre Sara Berenguer ist tot"},"content":{"rendered":"<h3>Jugend in Barcelona<\/h3>\n<p>Sara Berenguer ((1)) wurde am 1.1.1919 in Barcelona in einer Arbeiterfamilie geboren. Bis zu ihrem zw\u00f6lften Lebensjahr besuchte sie die Schule, dann arbeitete sie in einer Fleischerei. Mit Beginn des Spanischen B\u00fcrgerkriegs im Juli 1936 begann sie, sich bei der anarchistischen Jugendorganisation Juventudes Libertarias zu engagieren. Au\u00dferdem war sie im revolution\u00e4ren Komitee der CNT-FAI in ihrem Stadtteil Les Corts aktiv, wo sie unter anderem f\u00fcr die Verteilung der Waffen zust\u00e4ndig war, und gab Kurse im dortigen Ateneo Cultural ((2)).<\/p>\n<p>Anfang 1938 wurde sie Mitglied der SIA (Solidaridad Internacional Antifascista), wo sie die K\u00e4mpferInnen an der Front besuchte und unterst\u00fctzte und neue Ortsgruppen aufbaute.<\/p>\n<p>Ende 1938 wurde sie Mitglied der Mujeres Libres (Freie Frauen) und Sekret\u00e4rin des dortigen Regionalkomitees.<\/p>\n<h3>Mujeres Libres<\/h3>\n<p>1936 hatten drei Anarchistinnen in Madrid die Gruppe Mujeres Libres gegr\u00fcndet und sich im Herbst 1936 mit einer anarchistischen Frauengruppe aus Barcelona zusammengeschlossen. Die Idee, innerhalb der anarchistischen Bewegung eine Frauenorganisation zu gr\u00fcnden, war auch unter den anarchistischen Frauen keineswegs unumstritten.<\/p>\n<p>GegnerInnen waren der Ansicht, eine eigene Frauenorganisation f\u00fchre nur zu Spaltungen und sei nicht notwendig, da mit der Abschaffung des Kapitalismus automatisch die Unterdr\u00fcckung der Frauen verschwinden werde.<\/p>\n<p>Vor allem j\u00fcngere Anarchistinnen emp\u00f6rten sich jedoch \u00fcber das herablassende Verhalten einiger Anarchisten gegen\u00fcber Frauen ((3)); davon berichtet auch Sara Berenguer in ihrer Autobiographie. ((4)) Die Gr\u00fcndung einer anarchistischen Frauengruppe sollte nicht eine Geschlechtertrennung zementieren, sondern f\u00fcr eine gewisse Zeit einen gesch\u00fctzten Rahmen f\u00fcr die Aktivit\u00e4ten und die Entwicklung eines Selbstbewusstseins der Frauen bieten. Zur Unterst\u00fctzung des Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls erfand die Gruppe Mujeres Libres sowohl eine eigene Fahne (blau mit einem rot-schwarzen Streifen am Rand) als auch eine Hymne. ((5))<\/p>\n<p>Durch den Beginn des Spanischen B\u00fcrgerkriegs und der sozialen Revolution erhielten die Mujeres Libres pl\u00f6tzlich enormen Zulauf und hatten in den n\u00e4chsten drei Jahren \u00fcber 20.000 Mitglieder ((6)) in mehr als 160 Ortsgruppen.<\/p>\n<p>Langfristig war das Ziel der Mujeres Libres die Errichtung einer freien Gesellschaft, in der alle Frauen und M\u00e4nner gleichberechtigt und selbstbestimmt leben k\u00f6nnen. Um dieser Gesellschaft n\u00e4her zu kommen, setzten sich die Mujeres Libres zwei kurzfristige Ziele: die Frauen zu bef\u00e4higen, sich selbst eine Meinung bilden zu k\u00f6nnen, politische Zusammenh\u00e4nge zu verstehen, selbstbewusst Arbeiten zu ergreifen &#8211; und sie f\u00fcr die Ideen des Anarchismus zu begeistern. Die Mujeres Libres sprechen in ihren Publikationen von der dreifachen Sklaverei der Frau: Sklaverei der Unwissenheit, Sklaverei der Frau und Sklaverei der Arbeiterin.<\/p>\n<p>Nach dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs setzten die Mujeres Libres ihre Priorit\u00e4t darauf, den Faschismus zu besiegen und die Revolution fortzusetzen.<\/p>\n<p>Dabei konzentrierten sie sich auf die praktische Arbeit, entwickelten aber auch die Theorie des doppelten Kampfes: Weder allein die Befreiung der Frauen noch allein die Befreiung der Arbeiterklasse f\u00fchrten in eine freie Gesellschaft, deshalb sei die Verbindung der beiden Befreiungsk\u00e4mpfe unerl\u00e4sslich f\u00fcr eine wirkliche soziale Revolution. Da nur die Frauen sich selbst befreien k\u00f6nnten &#8211; genau wie die Arbeiterklasse sich nur selbst befreien k\u00f6nne -, m\u00fcssten die Frauen zwei K\u00e4mpfe in Angriff nehmen: einen, gemeinsam mit den M\u00e4nnern, gegen den wirtschaftlich ausbeutenden und politisch unterdr\u00fcckenden Staat und einen allein, gegen die patriarchalen Strukturen.<\/p>\n<p>Heute werden die Mujeres Libres als Anarchafeministinnen bezeichnet; sie selber lehnten aber den Begriff Feminismus ab, da sie damit die b\u00fcrgerliche Wahlrechtsbewegung assoziierten.<\/p>\n<p>Die Praxis der Mujeres Libres umfasste neben einem umfangreichen Bildungs- und Ausbildungsangebot &#8211; neben den Kursen boten sie auch Arbeit in eigenen Werkst\u00e4tten an und er\u00f6ffneten in Madrid die erste Fahrschule f\u00fcr Frauen &#8211; auch die Unterst\u00fctzung der republikanischen Seite im B\u00fcrgerkrieg sowohl mit der Waffe an der Front als auch im Hinterland in der Industrie, bei der Kinderbetreuung und der \u00f6ffentlichen Verpflegung.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Instrument zur Bildung und Information war die Zeitschrift &#8222;Mujeres Libres&#8220;, die in 13 Ausgaben zwischen April 1936 und Oktober 1938 erschien. Daraus konnten die Mitglieder auch erfahren, welche Aktivit\u00e4ten die anderen Ortsgruppen durchf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Es ist beeindruckend, wie viele verschiedene Projekte die Mujeres Libres organisierten, ohne R\u00fcckendeckung durch eine gro\u00dfe Organisation zu haben. CNT, FAI und FIJL ((7)) stellten ihnen zwar R\u00e4umlichkeiten zur Verf\u00fcgung und unterst\u00fctzten sie gelegentlich finanziell, bef\u00fcrworteten jedoch nicht ihre Existenz &#8211; deshalb brauchten die aktiven Mitglieder der Mujeres Libres sicher viel Kraft und Selbstbewusstsein, um nicht aufzugeben.<\/p>\n<h3>Im Exil<\/h3>\n<p>Sara Berenguer gelang es, Ende Januar 1939 mit einer Gruppe von GenossInnen aus Barcelona \u00fcber die Pyren\u00e4en in einem viert\u00e4gigen Fu\u00dfmarsch nach Perpignan in S\u00fcdfrankreich zu fliehen. Durch die Unterst\u00fctzung der dortigen Antifaschistischen Hilfe mussten sie nicht in einem der Internierungslager bleiben, die die franz\u00f6sische Regierung f\u00fcr die spanischen B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge an Str\u00e4nden wie Argel\u00e8s-sur-Mer ohne Dach \u00fcber dem Kopf eingerichtet hatte. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs waren Sara und ihr Mann Jes\u00fas im franz\u00f6sischen Widerstand aktiv; nach der Geburt ihrer Kinder k\u00fcmmerte sich Sara um die Unterbringung von spanischen Fl\u00fcchtlingen.<\/p>\n<p>Nach dem Sieg der Franquisten am 1.4.1939 gab es bis zu Francos Tod keine Aktivit\u00e4ten von Mujeres Libres in Spanien mehr. 1962 fand ein erstes Exiltreffen in Paris statt, und 1963 gr\u00fcndete sich dort ein Komitee der Mujeres Libres. Danach wurde auf Initiative von Suceso Portales eine Exilzeitschrift mit Sitz in London, ihrem Wohnort, gegr\u00fcndet: &#8222;Mitgliederzeitschrift der F\u00f6deration der Mujeres Libres von Spanien im Exil&#8220;.<\/p>\n<p>Die erste Ausgabe erschien Ende 1964, war dreisprachig und hatte Leserinnen in Europa, Lateinamerika und sogar in Spanien, trotz der Diktatur. 1972, ab dem Erscheinen der Ausgabe Nr. 30, wurde die Redaktion nach Montady (in der N\u00e4he von B\u00e9ziers, S\u00fcdfrankreich) verlegt, also an den Wohnort von Sara Berenguer.<\/p>\n<h3>Nach dem Ende der Diktatur<\/h3>\n<p>Nach Francos Tod im November 1975 h\u00f6rte Sara Berenguer, dass sich in Barcelona eine junge Gruppe Mujeres Libres gegr\u00fcndet habe. Sara und andere Mujeres Libres trafen sich mit den jungen Frauen, und die Exilzeitschrift erschien noch bis Ende 1976, dann \u00fcbergaben die Veteraninnen die Redaktion der Zeitschrift Mujeres Libres an die junge Generation.<\/p>\n<p>Die Veteraninnen blieben jedoch weiter aktiv; neben zahlreichen Treffen innerhalb Mujeres Libres und auch mit anderen antifaschistischen Gruppen machten sie sich in den 80er Jahren daran, ihre Erfahrungen zusammenzutragen und zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Nach einem ersten Anlauf, der daran scheiterte, dass die Manuskripte mit dem Tod von Mercedes Comaposada unauffindbar waren, ver\u00f6ffentlichten Sara Berenguer und einige weitere Mujeres Libres 1999 das Buch &#8222;Luchadoras Libertarias&#8220;, in dem Texte aus den Zeitschriften w\u00e4hrend der Spanischen Revolution neben ihren heutigen Erinnerungen an die damalige Zeit stehen. ((8))<\/p>\n<p>Ich lernte Sara im M\u00e4rz 2005 kennen, als ich den Spanienk\u00e4mpfer und Historiker Abel Paz auf einer zehnt\u00e4gigen Vortragsreise durch Aragonien und Kastilien begleitete.<\/p>\n<p>Mit Dieter Gebauer, einem Freund von Abel Paz, der die Reise organisiert hatte und mitreiste, fuhr ich zu einem spontanen Besuch zu Sara nach S\u00fcdfrankreich. Wir wurden sehr herzlich empfangen, und ich war beeindruckt, dass Sara auch noch in hohem Alter AnarchistInnen aus ganz Europa empfing, Gedichte schrieb und ver\u00f6ffentlichte und historische B\u00fccher \u00fcber Frauen schrieb.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des interessanten Nachmittags vereinbarten wir, dass ich versuchen w\u00fcrde, die Herausgabe von &#8222;Las Libertarias&#8220; auf deutsch in die Wege zu leiten. ((9))<\/p>\n<p>Mit Saras Tod verlieren wir nicht nur eine Zeitzeugin einer der freiesten und radikalsten Epochen des 20. Jahrhunderts, sondern auch einen Menschen, der seine libert\u00e4ren Ideale von Freiheit und Solidarit\u00e4t \u00fcber 70 Jahre lang aktiv lebte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jugend in Barcelona Sara Berenguer ((1)) wurde am 1.1.1919 in Barcelona in einer Arbeiterfamilie geboren. Bis zu ihrem zw\u00f6lften Lebensjahr besuchte sie die Schule, dann arbeitete sie in einer Fleischerei. Mit Beginn des Spanischen B\u00fcrgerkriegs im Juli 1936 begann sie, sich bei der anarchistischen Jugendorganisation Juventudes Libertarias zu engagieren. 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