{"id":10435,"date":"2011-02-01T00:00:53","date_gmt":"2011-01-31T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10435"},"modified":"2022-07-26T13:11:40","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:40","slug":"nachrichten-dienste-fur-die-atomindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/02\/nachrichten-dienste-fur-die-atomindustrie\/","title":{"rendered":"Nachrichten-Dienste f\u00fcr die Atomindustrie"},"content":{"rendered":"<p>Aber in Wirklichkeit ist seine Anwendung gar nicht so neu. Denn in der Bundesrepublik gibt es mit dem Thorium Hochtemperaturreaktor (THTR) Hamm-Uentrop und J\u00fclich und in den USA mit Fort St. Vrain bereits Erfahrungen, die allerdings nicht sehr erfolgversprechend ausfielen.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund musste eine spezielle, bisher unbekannte Variante des Thoriums ins Spiel gebracht werden. Statt der kristallinen ist es jetzt seine amorphe (formlose) Variante. Und statt der von vielen B\u00fcrgerInnen misstrauisch be\u00e4ugten Atomindustrie ist jetzt der \u00dcberbringer der frohen Kunde der ehemalige deutsche Botschafter in Indien, wo es die weltweit gr\u00f6\u00dften Thoriumvorkommen gibt.<\/p>\n<p>Ganz zuf\u00e4llig ist dieser Botschafter Hans-Georg Wieck auch noch der ehemalige Pr\u00e4sident des Bundesnachrichtendienstes (BND) und verf\u00fcgt \u00fcber das entsprechende Handwerkszeug, die f\u00fcr die Atomindustrie entlastende Thoriumbotschaft auff\u00e4llig unauff\u00e4llig in Schriftenreihen und auf seiner Homepage der \u00d6ffentlichkeit unterzujubeln.<\/p>\n<h3>Die Vergangenheit eines Dienstleisters<\/h3>\n<p>Wieck ist kein unbeschriebenes Blatt. Nach seiner diplomatischen Karriere im Ausw\u00e4rtigen Amt ab 1954 brachte er es zum st\u00e4ndigen bundesdeutschen Vertreter in der NATO, Leiter des Planungsstabes im Verteidigungsministerium und von 1985 bis 1990 zum Pr\u00e4sidenten des BND.<\/p>\n<p>Der ehemalige ARD-Korrespondent Ulrich Schiller beschreibt in seinem Buch &#8222;Deutschland und &#8217;seine&#8216; Kroaten. Vom Ustasa-Faschismus zu Tudjmanns Nationalismus&#8220; die Rolle des BND und seines damaligen Chefs Wieck bei der Zerst\u00f6rung Jugoslawiens zur Sicherung der schon unter Nazideutschland angestrebten Einflusssph\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nach seiner Karriere als Botschafter in der Sowjetunion, Iran und Indien blieb Wieck &#8222;zivilgesellschaftlich&#8220; aktiv, indem er im Jahre 2003 zusammen mit Kollegen aus dem BND, dem Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz, dem Milit\u00e4rischen Abschirmdienst (MAD) und verschiedenen Wissenschaftlern und Politikern den &#8222;Gespr\u00e4chskreis Nachrichtendienste in Deutschland&#8220; (GKND) gr\u00fcndete. Diese Organisation hat als offizielles Ziel, &#8222;zu einer konstruktiven und \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber die geheimen Nachrichtendienste sachlich beizutragen&#8220;.<\/p>\n<p>Im Jahre 2005 zeigte eine pikante Auseinandersetzung mit dem damaligen Bundesau\u00dfenminister Joseph Fischer, welches Bewusstsein selbst 60 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus die Funktionseliten des deutschen Staates immer noch pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Es ging um die Nachrufpraxis im Hausmitteilungsblatt des Ausw\u00e4rtigen Amtes (AA). Au\u00dfenminister Fischer verf\u00fcgte, dass im Todesfall bei zahlreichen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern im Dienste der BRD die Todesnachricht nur noch neutral verfasst werden sollte.<\/p>\n<p>Siebzig Mitarbeiter des Diplomatischen Dienstes forderten in ihrer Unterschriftenaktion, dass die Verstorbenen auch weiterhin mit folgendem Zusatz gew\u00fcrdigt werden sollten: &#8222;&#8218;Wir werden ihm\/ihr ein ehrendes Angedenken bewahren&#8216;. (&#8230;) In dem Brief der Kritiker hei\u00dft es laut Zeitung, die Ehrung der Toten geh\u00f6re zum &#8218;kulturellen Kernbestand&#8216; aller Zivilisation.&#8220; Wieck war einer der Bef\u00fcrworter dieser ganz besonderen Ehrung von ehemaligen Nazis.<\/p>\n<h3>Rechte Bl\u00e4tter als Publikationsmedien<\/h3>\n<p>Als die US-amerikanische Zeitschrift <em>Foreign Affairs<\/em> \u00fcber die zahlreichen NSDAP-Mitglieder und Kriegsverbrecher, die die &#8222;Organisation Gehlen&#8220; als Vorl\u00e4ufer des BND aufgenommen hatte, berichtete, verurteilte Wieck den angeblich &#8222;polemischen Ansatz&#8220; des Kritikers.<\/p>\n<p>Wieck selbst scheute sich nicht, 2006 in der rechten Monatszeitschrift &#8222;MUT&#8220; die Aufgaben des BND genauer zu erkl\u00e4ren. Es ist das gleiche Magazin, das Ende der 60er Jahre Sprachrohr des militanten NPD-Fl\u00fcgels &#8222;Aktion Widerstand&#8220; war und &#8222;Brandt an die Wand&#8220; und &#8222;H\u00e4ngt die Verr\u00e4ter&#8220; skandierte! Der rechten Wochenzeitung <em>Junge Freiheit<\/em> gab er 2010 ein Interview.<\/p>\n<p>Die intensive Zusammenarbeit von Wiecks &#8222;Gespr\u00e4chskreis&#8220; GKND mit den Stiftungen von CDU\/CSU und FDP auf Fachtagungen und bei der Herausgabe von Schriftenreihen ist nicht zu \u00fcbersehen und zeigt an, wer vorrangig zu seinen bevorzugten Kooperationspartnern und Nutznie\u00dfern geh\u00f6rt. Wiecks Thorium-Werbeartikel auf seiner Homepage und in den Publikationen der CSU-nahen Hans Seidel Stiftung haben die Aufgabe, die international ins Hintertreffen geratene &#8222;heimische&#8220; Nuklearvariante wieder verst\u00e4rkt in die \u00f6ffentliche Diskussion zu bringen, zumal sich die Ausgangsbedingungen hierf\u00fcr mit der Abwahl von Rotgr\u00fcn auf Bundesebene deutlich verbessert haben. Das (ehemalige) BND-Personal ist somit zum Sprachrohr einer spezifischen Fraktion der Atomindustrie geworden.<\/p>\n<h3>&#8222;Nur&#8220; ein Prozent Plutonium ist ungef\u00e4hrlich?<\/h3>\n<p>Obwohl Wieck grunds\u00e4tzlich ein Bef\u00fcrworter der Atomkraft ist, betont er gewisse Nachteile der &#8222;konventionellen&#8220; Atomkraft (St\u00f6rfallrisiko, hohe Strahlenintensit\u00e4t, Atomm\u00fcllproblematik), um die angeblichen Vorteile des Einsatzes von amorphem Thorium anzupreisen: Die neuen Thoriumreaktoren seien &#8222;nicht waffenf\u00e4hig, au\u00dferhalb des Anwendungsprozesses nicht strahlend&#8220;. Sie gew\u00e4hren demnach &#8222;weitestgehenden Schutz vor terroristischen Anschl\u00e4gen und Unf\u00e4llen&#8220; und selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re die &#8222;sichere und umweltfreundliche unterirdische Aufbewahrung der verarbeiteten Materialien&#8220; gew\u00e4hrleistet!<\/p>\n<p>Die von Professor Maximow aus Nowosibirsk patentierte Anwendung ben\u00f6tigt allerdings immer noch &#8222;ein oder mehr Prozent spaltbares Uran oder Plutonium&#8220;.<\/p>\n<p>Diese auch in allerkleinsten Mengen hochgef\u00e4hrlichen Stoffe kommen also mit diesem Verfahren immer noch zur Anwendung. \u00dcber Umwege entsteht hierbei das nicht minder gef\u00e4hrliche Uranisotop U-233, welches wie Plutonium-239 wegen der kritischen Masse sowohl f\u00fcr Kernreaktoren als auch f\u00fcr Kernwaffen benutzt werden kann.<\/p>\n<p>Die sehr problematische Wiederaufarbeitung, in der Plutonium und Uran aus abgebrannten Brennelementen abgetrennt werden, um es wiederverwerten zu k\u00f6nnen, ist entgegen der Angaben von Wieck sehr wohl bei Thoriumreaktoren notwendig.<\/p>\n<p>Denn wenn aus dem gebrauchten Brennstoff frischer Reaktorbrennstoff produziert (erbr\u00fctet) wird, ben\u00f6tigt dieser schnelle Br\u00fcter eine Wiederaufarbeitung. &#8222;Es gibt den dringenden Verdacht, dass unter dem Deckmantel der Generation IV versucht wird, die aus Sicherheitsgr\u00fcnden l\u00e4ngst verworfenen Konzepte f\u00fcr Brutreaktoren wiederzubeleben,&#8220; schreibt das &#8222;\u00d6sterreichische \u00d6kologieinstitut&#8220;.<\/p>\n<p>Die Propagierung von Thoriumreaktoren als Ausweg aus den knappen Uranvorr\u00e4ten ist ein geschickter Versuch, die gef\u00e4hrliche Wiederaufarbeitung durch die Hintert\u00fcr wieder in die energiepolitischen strategischen \u00dcberlegungen einzubringen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass gerade bei (Ex-)&#8220;Nachrichtendienstlern&#8220; nicht nur von Bedeutung ist, welche wohlgef\u00e4lligen Redewendungen von ihnen \u00fcber &#8222;v\u00f6llig neuartige ungef\u00e4hrliche Thoriumreaktoren&#8220; in die Welt gesetzt werden, sondern welche tats\u00e4chlichen Absichten und Interessen sich hinter ihnen verbergen.<\/p>\n<p>Norwegen hat die drittgr\u00f6\u00dften Thoriumvorkommen der Welt und die dortigen PolitikerInnen haben in der Studie &#8222;Thorium as an Energy Source &#8211; Opportunities for Norway&#8220; im Jahre 2008 pr\u00fcfen lassen, ob Thoriumreaktoren f\u00fcr dieses Land eine realistische energiepolitische Option darstellten. Die Ergebnisse der Studie waren ern\u00fcchternd, schrieb die <em>taz<\/em> am 6.1.2009: &#8222;Ein Thorium-Reaktor produziere zwar weniger langlebigen Atomm\u00fcll als ein AKW mit Uranbrennst\u00e4ben. Dieser sei auch stabiler als konventioneller Atomm\u00fcll. Daf\u00fcr strahle er st\u00e4rker, was Transport und Lagerung kompliziert. Entscheidend sei aber, so die Studie, dass auch die Thorium-Technik das Atomm\u00fcllproblem nicht l\u00f6se. Hinzu komme auch beim Betrieb des Reaktors eine viel st\u00e4rkere radioaktive Strahlung. (&#8230;) Zudem ist auch v\u00f6llig unklar, ob diese Technik in 20 oder 30 Jahren zu \u00f6konomisch vertretbaren Kosten verwirklicht werden k\u00f6nnte.&#8220;<\/p>\n<p>Regierung und Strahlenschutzbeh\u00f6rde erteilten in Norwegen dem Bau von Thoriumreaktoren im Jahre 2009 eine Absage.<\/p>\n<h3>&#8222;Die Firma&#8220; tritt auf den Plan<\/h3>\n<p>Um dem eigenen Anliegen der Entwicklung von neuen Reaktoren mehr Nachdruck zu verleihen, wurde die &#8222;Gesellschaft zur F\u00f6rderung zukunftstr\u00e4chtiger Patente &#8211; Entwicklung, Bewertung, Ver\u00f6ffentlichung und Verwertung&#8220; mit dem etwas umst\u00e4ndlichen Namen &#8222;SBE Sichere Saubere Bezahlbare Energie&#8220; gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Der bereits erw\u00e4hnte Prof. Lew Maximow ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, Wieck einer der Gesellschafter. Mit &#8222;f\u00fcnf bahnbrechenden Erfindungen f\u00fcr den Bau und die Modernisierung von Kraftwerken&#8220; wollen die im r\u00fcstigen Rentenalter befindlichen Herren den weltweiten Energiemarkt aufmischen. Von der &#8222;Harnstoffproduktion&#8220; bis hin zum Einsatz von amorphem Thorium f\u00fcr die umweltfreundliche Verstromung hat die agile Firma einiges im Angebot.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Beitr\u00e4ge der Firma SBE sollen offensichtlich bei der internationalen Internet- und Bloggergemeinde den Eindruck verst\u00e4rken, dass die wichtigsten Entwicklungsschritte und Patente f\u00fcr die Realisierung des Thoriumwunderreaktors schon l\u00e4ngst vollzogen worden w\u00e4ren. Und nun sollte sich die bundesdeutsche Regierung endlich mehr engagieren bei Forschung und Entwicklung von Generation IV-Reaktoren. Das ist die Botschaft, die dahinter steckt.<\/p>\n<p>In bestimmten Foren und auf den Internet-Leserbriefseiten etlicher konservativer Zeitungen wird seit Jahren die Litanei angeblicher Vorteile der neuen Reaktorlinie heruntergebetet und sorgenvoll gefragt, wann &#8222;unsere CDU\/CSU endlich aus dem Schatten von Rotgr\u00fcn heraustreten und mutig eine neue nukleare Option in Angriff nehmen&#8220; wird.<\/p>\n<p>Diese Sto\u00dfrichtung soll durch die Lancierung spezieller Nachrichten verst\u00e4rkt werden.<\/p>\n<h3>Thorium und Atomkraft in Indien<\/h3>\n<p>Angefeuert wird Wieck, der von 1996 bis 2008 Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft (DIG) war, durch die energiepolitischen Weichenstellungen in Indien. Hier setzt die Regierung auf eine r\u00fccksichtslose Industrialisierung, was auf Kosten der Umwelt, der Indigena und der \u00e4rmeren Menschen geht. Etwa 60 Millionen Menschen wurden durch Industrieansiedlungen und Landraub vertrieben.<\/p>\n<h3>Um den enormen Energiebedarf zu befriedigen, setzt Indien verst\u00e4rkt auf Atomkraft<\/h3>\n<p>Inzwischen produzieren 19 AKWs etwa 2,5 Prozent des indischen Stroms. Bis zum Jahre 2050 sind 25 Prozent angestrebt. Der &#8222;Energiebericht Indien 2007&#8220; der Botschaft New Delhi beschreibt die vergangene und die geplante Entwicklung wie folgt:<\/p>\n<p>&#8222;Das zivile indische Atomprogramm ist in drei Stufen angelegt und zielt darauf ab, die Abh\u00e4ngigkeit von Uran, das in Indien nur in geringen Umfang vorkommt, zu minimieren und stattdessen mittelfristig die reichhaltigen Thoriumreserven zu nutzen. Die erste Stufe des Programms, die Beherrschung des kompletten Brennstoffzyklus, wurde inzwischen erreicht.<\/p>\n<p>Der in Bau befindliche Prototyp des Schnellen Br\u00fcters, der das in den bestehenden KKWs erzeugte Plutonium nutzt, markiert den Beginn der zweiten Stufe des Programms. In den schnellen Br\u00fctern wird auch Thorium zur Gewinnung von Uran-233 eingesetzt, das dann &#8211; dies w\u00e4re die dritte Stufe des Nuklearprogramms &#8211; in ferner Zukunft der Brennstoff f\u00fcr Atomkraftwerke der modernsten Generation sein soll.&#8220;<\/p>\n<h3>Im Bhabha Kernforschungszentrum (BARC) wird gerade an einem 300 MW Thorium-Reaktor mit dem Namen Advanced Heavy Water Reactor (AHWR) gebaut<\/h3>\n<p>Durch die Kooperation mit den USA und durch die Unterzeichnung des 2006 vielbeachteten &#8222;Nukleardeals&#8220; zwischen den beiden Staaten haben sich aktuell neue Perspektiven f\u00fcr die Wiederaufarbeitung ergeben.<\/p>\n<p>Know-how-Transfer auf dem Gebiet der Thorium-Reaktoren ist ebenfalls vereinbart worden.<\/p>\n<p>Das indische Engineering- und Bauunternehmen &#8222;Punj Lloyd&#8220; hat mit dem in den USA beheimateten Unternehmen &#8222;Thorium Power&#8220; ein Kooperationsabkommen abgeschlossen.<\/p>\n<p>In Zusammenarbeit mit Russland, Frankreich und Kanada sind im Jahr 2010 verschiedene weitere Kooperationen und Liefervertr\u00e4ge f\u00fcr Atomkraftwerke unterzeichnet worden.<\/p>\n<p>Auch die deutsche Atomindustrie will endlich wieder ungehemmt mitmischen und schickt den umtriebigen Wieck vor, der ihnen mit besonderen &#8222;Nachrichten&#8220; gerne zu Diensten steht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber in Wirklichkeit ist seine Anwendung gar nicht so neu. 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