{"id":10442,"date":"2011-02-01T00:00:10","date_gmt":"2011-01-31T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10442"},"modified":"2022-07-26T14:12:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:30","slug":"gemeinsam-bewahren-oder-einzeln-untergehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/02\/gemeinsam-bewahren-oder-einzeln-untergehen\/","title":{"rendered":"Gemeinsam bewahren oder einzeln untergehen?"},"content":{"rendered":"<h3>Lasst hundert Archive bl\u00fchen<\/h3>\n<p>Die ersten unabh\u00e4ngigen Archive entstanden in den sp\u00e4ten 1960er                 und fr\u00fchen 1970er Jahren in Wohngemeinschaften und besetzten H\u00e4usern                 sowie in den R\u00e4umen politischer Gruppen und Zeitungsredaktionen.               <\/p>\n<p>In den 1980er Jahren, als die verschiedenen Gruppen und Initiativen                 der Neuen Sozialen Bewegungen gefestigte Infrastrukturen aufgebaut                 hatten, erlebte auch die freie Archivszene einen gro\u00dfen Zuwachs.                 Es entstanden Archive zu den Themen Frauen, Umweltschutz oder                 Antifaschismus, aber auch die ersten &#8222;Archive Sozialer Bewegungen&#8220;                 f\u00fcr verschiedene Regionen oder Bundesl\u00e4nder, die ein breites Spektrum                 von Publikationen der politischen Linken sammelten. <\/p>\n<p>Fast alle Archive verstanden sich zu dieser Zeit als Bewegungsarchive,                 waren also Teil einer aktiven Szene, wollten das Wissen und die                 Erfahrungen, die in ihren Materialien steckten, f\u00fcr aktuelle Anl\u00e4sse                 nutzbar machen. Die wenigen gr\u00f6\u00dferen Archive dachten schon etwas                 weiter: Sie wollten verhindern, dass die Geschichte der linken                 und alternativen Bewegungen zu einer Geschichte der verschollenen                 Dokumente wird. Sie wurden zu Ged\u00e4chtnisarchiven.<\/p>\n<p>Das bekannteste Archiv der 1980er Jahre war das ID-Archiv, das                 eher beil\u00e4ufig am Rande des &#8222;Informationsdienstes zur Verbreitung                 unterbliebener Nachrichten&#8220; durch eine F\u00fclle von Austauschabos                 entstanden war. Doch weil die beiden IDler in der Bundesrepublik                 keine angemessene Finanzierung f\u00fcr ihre Arbeit fanden, nahmen                 sie ein Angebot des Internationalen Instituts f\u00fcr Sozialgeschichte                 (IISG) an, brachten 1990 ihre Sch\u00e4tze nach Amsterdam und setzten                 dort unter optimalen Bedingungen ihre Arbeit fort. F\u00fcr einige                 Jahre schien es, als entst\u00fcnde der wichtigste Ged\u00e4chtnisort der                 deutschen Neuen Linken in den Niederlanden.<\/p>\n<h3>Alles ver\u00e4ndert sich\u2026<\/h3>\n<p>Der Zusammenbruch des realen Sozialismus, der Fall der Mauer                 und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten hatten massive                 Auswirkungen auf viele Gruppen der Neuen Sozialen Bewegungen.               <\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tskrise vieler westdeutscher linker Gruppen verst\u00e4rkte                 sich, w\u00e4hrend auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine bunte Alternativbewegung                 entstand. \u00dcberall gr\u00fcndeten sich Stadt- und Musikzeitungen, Frauen-                 und Schwulenbl\u00e4tter, Literatur- und Jugendzeitschriften. Daneben                 bildeten sich, vorwiegend in den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten, alternativkulturelle                 bis linksradikale Zusammenh\u00e4nge, die \u00e4hnlich wie im Westen Infol\u00e4den                 aufbauten und entsprechende Archive anlegten. <\/p>\n<p>Es entstanden Aufarbeitungsarchive, Archive des unabh\u00e4ngigen                 Frauenverbands, der Initiative Frieden und Menschenrechte, der                 Umweltbibliotheken und Gr\u00fcnen Ligen.<\/p>\n<p>Die Wiedervereinigung Deutschlands liegt mehr als 20 Jahre zur\u00fcck,                 seit der Studentenbewegung sind inzwischen mehr als 40 Jahre vergangen.                 In diesem Zeitraum sind zahlreiche Gruppen, Initiativen und Parteien                 entstanden und wieder zerfallen. <\/p>\n<p>Dies ist ein normaler Prozess, weil Bewegungen nun mal die Angewohnheit                 haben, sich zu ver\u00e4ndern. Gefragt werden soll an dieser Stelle                 des Historisierungsprozesses der Neuen Sozialen Bewegungen nach                 den Archiven, die diese Bewegungen hervorgebracht haben.<\/p>\n<h3>Wie steht es aktuell um die Bewahrung und Aufbereitung der eigenen                 Geschichte? <\/h3>\n<p>In welchem Zustand befindet sich das Ged\u00e4chtnis der Bewegungen?<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick in keinem schlechten:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p> die Frauenarchive f\u00fchren seit 1982 j\u00e4hrliche Treffen durch                     und haben 1994 den i.d.a.-Dachverband gegr\u00fcndet;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> die Umweltbibliotheken haben ein bundesweites Netzwerk ausgebildet;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> die entwicklungspolitischen Archive haben den Archiv<sup>3<\/sup>-Verbund                     gebildet;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> es gibt ein loses Netzwerk von Infoladen-Archiven;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> seit 2003 tagt im zweij\u00e4hrigen Turnus der Workshop der Archive                     von unten.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Doch schaut man genauer hin, so findet man alarmierende Zeichen                 daf\u00fcr, dass die freie Archivszene in Gefahr ist.<\/p>\n<h3>Die Freien Archive in der Krise<\/h3>\n<p>Zur Verdeutlichung hier einige Beispiele aus den letzten Jahren:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p> das umfangreiche Archiv der BUKO-Kampagne &#8222;Stoppt den R\u00fcstungsexport&#8220;                     aus Bremen ist aufgel\u00f6st worden. Ein kleiner Teil ist im Archiv                     der sozialen Bewegungen in Bremen, das selbst nur ehrenamtlich                     aufrechterhalten wird, gelandet, ein anderer im Archiv f\u00fcr                     alternatives Schrifttum (afas) in Duisburg. Ein nicht unerheblicher                     Teil ist weggeworfen worden;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> das Eco-Archiv aus Hofgeismar hat sich aufgel\u00f6st, die Friedrich-Ebert-Stiftung                     hat die f\u00fcr sie interessanten Teile \u00fcbernommen;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> das Archiv des M\u00fcnsteraner Umweltzentrums gibt gerade seine                     R\u00e4umlichkeiten auf, weil der Tr\u00e4gerkreis die Miete nicht mehr                     aufbringen kann (siehe: &#8222;Das Umweltzentrum-Archiv wird dem                     afas angegliedert&#8220;, Artikel von Bernd Dr\u00fccke, in: GWR 356,                     S. 3). Die Sammlung findet im Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum                     eine neue Heimat;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> das AnArchiv aus Neustadt ist seit dem Tod Horst Stowassers                     eingelagert, seine Zukunft ist ungewiss;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> viele Infoladen-Archive haben sich in Luft aufgel\u00f6st;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> das FFBIZ, eines der \u00e4ltesten und gr\u00f6\u00dften Frauenarchive,                     ist im Archiv Gr\u00fcnes Ged\u00e4chtnis untergeschl\u00fcpft. Zwar besteht                     der eigenst\u00e4ndige Tr\u00e4gerverein noch, doch es ist absehbar,                     dass das FFBIZ demn\u00e4chst Teil des Gr\u00fcnen Archivs sein wird;<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p> selbst das ID-Archiv in Amsterdam wird nach dem Weggang                     des einen bzw. der etwas dubiosen K\u00fcndigung des anderen Mitarbeiters                     seit vielen Jahren nicht mehr aktiv betrieben.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Beispiele sind nur die Spitze eines Eisbergs. Etliche Archive                 aus den verschiedenen Szenen sind seit vielen Jahren eingelagert                 oder kaum noch nutzbar, andere haben sich verkleinert oder sind                 Fusionen eingegangen (wie das Alhambra-Archiv und das Dritte Welt-Info-Zentrum                 aus Oldenburg) &#8211; und selbst Archiven, die weiterarbeiten, geht                 es oft nicht viel besser als denjenigen, die aufgeben mussten.                 So hat das Archiv der sozialen Bewegungen Hamburg (Rote Flora)                 in den letzten Monaten \u00f6ffentlich \u00fcber seine Zukunft nachgedacht,                 weil der bisherige Tr\u00e4gerkreis zu klein geworden ist, und das                 Berliner Archiv der Jugendkulturen stand vor wenigen Monaten vor                 dem Aus. Durch eine gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeitskampagne konnte zwar                 das Geld f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Stiftung gesammelt werden, doch                 die finanziellen Probleme des Archivs sind damit nicht wirklich                 gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Alarmierend daran ist, dass nicht nur kleine Archive aufgeben                 m\u00fcssen, sondern zunehmend auch die gro\u00dfen Ged\u00e4chtnisarchive, die                 den Anspruch haben, die Dokumente der Neuen Sozialen Bewegungen                 langfristig zu bewahren.<\/p>\n<p>Zur Zeit sind nur wenige Freie Archive zu einem systematischen                 Auf- und Ausbau ihrer Sammlung in der Lage, und das Einwerben                 von Personen- oder Gruppen-Nachl\u00e4ssen bleibt die Ausnahme. Die                 Gr\u00fcnde f\u00fcr dieses Dilemma liegen auf der Hand: Die Projekte sind                 finanziell und personell \u00fcberfordert, ihnen fehlen die geeigneten                 R\u00e4umlichkeiten, aber auch das archivfachliche Know-how sowie die                 technischen Hilfsmittel.<\/p>\n<p>Ein weiteres Problem besteht darin, dass einige gro\u00dfe Freie Archive                 Anh\u00e4ngsel von politisch arbeitenden Gruppen sind, die ihr Selbstverst\u00e4ndnis                 \u00fcber Bildungs- oder Forschungsarbeit definieren. Als solche werben                 sie \u00f6ffentliche Gelder ein &#8211; doch f\u00fcr die eigentliche Archivarbeit                 f\u00e4llt dabei oft nichts ab. Teilweise werden die Archive wie ungeliebte                 Kinder behandelt, die man am liebsten digitalisieren und entsorgen                 w\u00fcrde. Das f\u00fchrt auch in links-alternativen Projekten gelegentlich                 zu Zwei-Klassen-Verh\u00e4ltnissen: Auf der einen Seite gibt es die                 (Forschungs-)Projekte mit bezahlten Stellen, auf der anderen die                 Archive mit den 400-Euro-Jobs oder den idealistischen, von Hartz                 IV lebenden MitarbeiterInnen.<\/p>\n<h3>Wie grotesk und unangemessen diese Situation ist, sollen zwei                 Beispiele zeigen<\/h3>\n<p>1. Etablierte Einrichtungen wie die Bibliothek des Ruhrgebiets                 oder das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte planen seit langem, ihre                 Forschungen zu den Neuen Sozialen Bewegungen auszuweiten und eigene,                 diesbez\u00fcgliche Archive anzulegen. <\/p>\n<p>Sie sto\u00dfen bei der Materialbeschaffung allerdings schnell an                 ihre Grenzen, denn wer sich lange mit dem Staat, Parteien, Gewerkschaften                 oder Kirchen herumgeschlagen hat, der gibt seine Geschichte, die                 ja eine Geschichte des Widerstands gegen verkn\u00f6cherte oder autorit\u00e4re                 Strukturen ist, nicht gern in die H\u00e4nde von etablierten Einrichtungen.<\/p>\n<p>2. Der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) hat                 in den letzten Jahren immer wieder auf die Bedeutung Freier Archive                 hingewiesen, weil es bei den \u00dcberlieferungen der Neuen Sozialen                 Bewegungen gro\u00dfe Defizite in den staatlichen und kommunalen Archiven                 gibt. <\/p>\n<p>2009 wurde im VdA unter Beteiligung einiger Freier Archive ein                 Arbeitskreis f\u00fcr die \u00dcberlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen                 gegr\u00fcndet, u.a. mit dem Ziel, die Archive fachlich zu beraten.                 Geld ist von dieser Seite allerdings nicht zu erwarten.<\/p>\n<h3>Was tun?<\/h3>\n<p>Vor dem Hintergrund des Geschilderten m\u00fcssen einige provozierende                 Fragen erlaubt sein. Sind wir in der Lage, verantwortlich mit                 unserer Geschichte umzugehen? Wollen wir alle einzeln untergehen                 oder gelingt uns eine gemeinsame L\u00f6sung?<\/p>\n<p>Ist es m\u00f6glich, Gegenstrukturen zu schaffen gegen das etablierte                 Archivwesen? Sollen politische Gruppen und Initiativen ihre Unterlagen                 lieber wegwerfen, als sie etablierten Archiven zur Verf\u00fcgung zu                 stellen? M\u00fcssen alternative ArchivarInnen notwendigerweise am                 Hungertuch nagen oder ist es legitim, f\u00fcr bezahlte Stellen in                 Freien Archiven zu k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Die Neuen Sozialen Bewegungen brauchen ein Archiv als Auffangbecken                 f\u00fcr all diejenigen Archive, die aufgeben m\u00fcssen. Dieses Archiv                 muss im besten Sinne des Wortes frei und unabh\u00e4ngig sein, es darf                 keinen kurzfristigen Sammelmoden unterworfen oder parteipolitisch                 instrumentalisiert werden, B\u00fcrokratInnen d\u00fcrfen nicht \u00fcber das                 Sammelprofil entscheiden, es darf auf keinen Fall die Arbeit anderer                 Freier Archive unterlaufen, sondern soll sie erg\u00e4nzen, entlasten                 und mit ihnen zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Es muss f\u00fcr alle politischen, kulturellen oder sozialen Str\u00f6mungen                 der Neuen Sozialen Bewegungen offen sein, auch wenn sie noch so                 politisch unkorrekt, sektiererisch oder abenteuerlich sind. Vorrangiges                 Ziel muss die Bewahrung der Dokumente der Neuen Sozialen Bewegungen                 sein &#8211; denn ohne diese Dokumente wird es in der historischen Forschung                 nur eine unterbelichtete Opposition geben.<\/p>\n<p>Selbst das Archiv f\u00fcr alternatives Schrifttum, das im Laufe seines                 \u00fcber 25-j\u00e4hrigen Bestehens hunderte von Sammlungen von politischen                 Gruppen, Redaktionen oder Personen \u00fcbernommen hat, kann nicht                 mehr lange so weiterarbeiten wie bisher, weil es r\u00e4umlich und                 finanziell an seine Grenzen st\u00f6\u00dft. Es k\u00f6nnte den Grundstock f\u00fcr                 das oben beschriebene Auffangbecken bilden.<\/p>\n<p>Das Ged\u00e4chtnis der linksalternativen und libert\u00e4ren Bewegungen                 droht, l\u00f6chrig zu werden. Es wird h\u00f6chste Zeit, die Diskussion                 \u00fcber den Umgang mit dieser Situation zu beginnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lasst hundert Archive bl\u00fchen Die ersten unabh\u00e4ngigen Archive entstanden in den sp\u00e4ten 1960er und fr\u00fchen 1970er Jahren in Wohngemeinschaften und besetzten H\u00e4usern sowie in den R\u00e4umen politischer Gruppen und Zeitungsredaktionen. 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