{"id":10447,"date":"2011-02-01T00:00:02","date_gmt":"2011-01-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10447"},"modified":"2022-07-26T13:31:12","modified_gmt":"2022-07-26T11:31:12","slug":"widerstand-gegen-militarpropaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/02\/widerstand-gegen-militarpropaganda\/","title":{"rendered":"Widerstand gegen Milit\u00e4rpropaganda"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich freue mich sehr, dass wir die gute Zusammenarbeit unserer                 Schulen mit den Jugendoffizieren durch diese Kooperationsvereinbarungen                 st\u00e4rken.&#8220;<\/p>\n<p>Mit diesen Worten feierte die damalige NRW-Schulministerin Barbara                 Sommer (CDU) im Oktober 2008 die vertragliche Regelung von Eins\u00e4tzen                 der Bundeswehr in den Schulen des Bundeslands &#8211; ein Pr\u00e4zedenzfall                 und Dammbruch. <\/p>\n<p>Es folgten Vertr\u00e4ge im Saarland (M\u00e4rz 2009), in Baden-W\u00fcrttemberg                 (Dezember 2009), Rheinland-Pfalz (Februar 2010), Bayern (Juni                 2010), Mecklenburg-Vorpommern (Juli 2010), Hessen (November 2010)                 und Sachsen (Dezember 2010). Die Kooperationsabkommen vereinfachen                 den rhetorisch geschulten Jugendoffizieren den Zugang in Schulen,                 erm\u00f6glichen es der Armee sich in Fachmedien f\u00fcr P\u00e4dagogInnen als                 &#8222;Sicherheitspolitik&#8220;-Referenten anzubieten und sehen bereits die                 Aus- und Fortbildung von Lehrkr\u00e4ften durch die Bundeswehr vor.               <\/p>\n<p>Schon in der Schule soll den jungen B\u00fcrgerInnen Kriegf\u00fchrung                 als normales Mittel der Politik verkauft werden. Die Bundeswehr                 versucht durch die Werbeveranstaltungen ihr Nachwuchsproblem zu                 l\u00f6sen. <\/p>\n<h3>Gegen die Militarisierung der Schulen regt sich Widerstand<\/h3>\n<p>Im M\u00e4rz 2010 fasste der Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung                 und Wissenschaft (GEW) &#8211; die gr\u00f6\u00dfte Bildungsgewerkschaft Deutschlands                 &#8211; unter der \u00dcberschrift &#8222;Bundeswehr und Schule: Einfluss zur\u00fcckdr\u00e4ngen                 &#8211; Politische Bildung ist Aufgabe von Lehrkr\u00e4ften&#8220; einen umfassenden                 Beschluss gegen die Militarisierung der Schulen. <\/p>\n<p>Darin wendet sich die LehrerInnengewerkschaft &#8222;entschieden gegen                 den zunehmenden Einfluss der Bundeswehr auf die inhaltliche Gestaltung                 des Unterrichts&#8220; und fordert stattdessen die Erziehung der Sch\u00fclerInnen                 zu Frieden und Gewaltfreiheit. Aktuell macht die GEW ihre Anh\u00e4ngerInnen                 mithilfe ihrer Mitgliedszeitschriften auf die Problematik aufmerksam,                 organisiert Veranstaltungen f\u00fcr eine &#8222;Schule ohne Bundeswehr&#8220;                 und fordert die LehrerInnen auf, die SoldatInnen nicht in den                 Unterricht zu lassen.<\/p>\n<p>Auch Sch\u00fclerInnen wehren sich gegen die Milit\u00e4rs in ihrem Klassenzimmer:                 Im M\u00e4rz 2009 beschloss die &#8222;Landessch\u00fclerInnenvertretung Nordrhein-Westfalen&#8220;                 auf ihrer Delegiertenkonferenz eine Resolution &#8222;Bundeswehr raus                 aus den Schulen&#8220;, in der sie die Aufhebung der obligatorischen                 Anwesenheitspflicht im Schulunterricht w\u00e4hrend Bundeswehr-Schulveranstaltungen                 fordert. Zudem haben die Sch\u00fclerInnen die aktuelle NRW-Bildungsministerin                 L\u00f6hrmann (Gr\u00fcne) bei einem gemeinsamen Treffen dazu aufgefordert,                 die Kooperationsvereinbarung aufzuheben und fordern die Sch\u00fclervertretungen                 an den einzelnen Schulen auf, aktiv zu werden, wenn die Armee                 an ihre Schule kommen will. <\/p>\n<p>Nachdem eine Armee-Veranstaltung im November 2009 am Paulsen-Gymnasium                 in Berlin-Steglitz aufgrund angek\u00fcndigter Sch\u00fclerInnenproteste                 nur unter massivem Polizeischutz durchgef\u00fchrt werden konnte, hat                 auch die Landessch\u00fclervertretung Berlin reagiert und sich klar                 gegen Bundeswehr-Werbung an Schulen ausgesprochen. Die Sch\u00fclerInnenvertretung                 in Hessen warnte Bundeswehr und Schulministerium bereits vor Abschluss                 der dortigen Kooperationsvereinbarung: &#8222;Wir werden sehr genau                 beobachten, ob die Bundeswehr objektiv informiert oder manipulativ                 die Gefahren eines Soldatenlebens kaschiert&#8220;, hie\u00df es im April                 2010 in einer Pressemitteilung.<\/p>\n<p>Eltern und Elternvertretungen an Schulen werden ebenfalls zunehmend                 aktiv. Zu einem Aufschrei von Eltern kam es, als im Oktober 2009                 Schulkinder der achten Klasse in eine Schie\u00dfsimulation in Schleswig-Holstein                 gef\u00fchrt wurden und ein Soldat diese sogar noch anpries: &#8222;Habt                 ihr eine Playstation [Videospielkonsole] zuhause? Das macht bestimmt                 Spa\u00df oder? Das hier ist aber 1.000 Mal besser!&#8220; <\/p>\n<p>Die Lokalzeitung, die \u00fcber das Geschehen berichtete, druckte                 daraufhin zahlreiche LeserInnenbriefe emp\u00f6rter Eltern ab. Solche                 Vorf\u00e4lle h\u00e4ufen sich seit einiger Zeit in dem n\u00f6rdlichen Bundesland.<\/p>\n<p>Auch antimilitaristische Gruppen agieren gegen die Werbebem\u00fchungen                 des Milit\u00e4rs. Bei ihren Schulbesuchen sehen sich die Jugendoffiziere                 zunehmend mit KritikerInnen konfrontiert: &#8222;In einigen Betreuungsbezirken                 der Jugendoffiziere gab es St\u00f6rversuche, die Schulbesuche verhindern                 oder zumindest behindern sollten&#8220;, schreiben die Jugendoffiziere                 in ihrem Jahresbericht 2009. <\/p>\n<p>Oft sind es politisch aktive Sch\u00fclerInnen oder Gruppen aus dem                 autonomen und libert\u00e4r-pazifistischen Spektrum, die Protestaktionen                 organisieren.<\/p>\n<p>Auch die &#8222;traditionelle Friedensbewegung&#8220; hat die Brisanz erkannt                 und stellt sich &#8211; nach der Aussetzung und dem damit praktischen                 Wegfall der Wehrpflicht &#8211; auf Anti-Rekrutierungsarbeit in Schulen                 und im \u00f6ffentlichen Raum ein. <\/p>\n<p>Der Graswurzelrevolution-Cartoonist Findus erstellte jetzt f\u00fcr                 die <i>Deutsche Friedensgesellschaft &#8211; Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen<\/i>                 (DFG-VK) einen Comic, der sich direkt an Sch\u00fclerInnen richtet                 und sie davon \u00fcberzeugen soll, nicht zur Bundeswehr zu gehen.                 Auch Buttons, Aufkleber und Plakate (siehe Abbildung auf dieser                 Seite) wurden erstellt und bereits bei Protesten gegen Bundeswehr-Werbeeins\u00e4tze                 an Schulen verteilt.<\/p>\n<p>Da allein die Quantit\u00e4t der Bundeswehr-Schuleins\u00e4tze enorm ist                 &#8211; 2009 f\u00fchrten die bundesweit 94 Jugendoffiziere 4.400 Veranstaltungen                 durch, &#8222;Wehrdienst&#8220;-Berater im selben Jahr sogar knapp 12.600                 &#8211; wird auch der parlamentarische Weg beschritten, um ein Verbot                 des Milit\u00e4rs an Schulen zu erwirken. <\/p>\n<p>In NRW brachte die Linksfraktion im Herbst 2010 einen Antrag                 zur K\u00fcndigung der dortigen Kooperationsvereinbarung ein. Dar\u00fcber                 wurde im Januar 2011 im Landtag debattiert. Im M\u00e4rz soll abgestimmt                 werden. <\/p>\n<p>In Rheinland-Pfalz und Baden-W\u00fcrttemberg wollen Friedensgruppen                 im Vorfeld der Landtagswahlen am 27. M\u00e4rz Kampagnen zur R\u00fccknahme                 der dortigen Kooperationsvertr\u00e4ge starten. <\/p>\n<p>Auf Bundesebene stellt die Bundestagsfraktion der Linken immer                 wieder Bundestagsanfragen zum Thema und beauftragt den Wissenschaftlichen                 Dienst des Parlaments, Ausarbeitungen zu Armee-Schuleins\u00e4tzen                 anzufertigen.<\/p>\n<p>Auch das internationale Kinderhilfswerk <i>terre des hommes<\/i>                 aus Osnabr\u00fcck sprach sich im September klar gegen Armee-Werbung                 unter Sch\u00fclerInnen aus. &#8222;Die auch von Deutschland ratifizierte                 UN-Kinderrechtskonvention betont klar die Schutzrechte von Minderj\u00e4hrigen.                 Gefragt ist nicht Werbung f\u00fcr das Milit\u00e4r, sondern Friedenserziehung                 f\u00fcr Kinder und Jugendliche durch P\u00e4dagogen und zivilgesellschaftliche                 Organisationen&#8220;, so Danuta Sacher, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von terre                 des hommes. &#8222;Wir appellieren an das Verteidigungsministerium und                 die Kultusministerien der Bundesl\u00e4nder, auf jegliche Werbung der                 Bundeswehr an Schulen und bei Lehrerfortbildungen zu verzichten&#8220;,                 so Sacher weiter. Es sei inakzeptabel, dass die Bundeswehr trotz                 des Protestes vieler Eltern und Lehrer an Schulen und bei \u00f6ffentlichen                 Veranstaltungen mit Kindern deren Spiel- und Technikbegeisterung                 ausnutze und systematisch Werbung mache.<\/p>\n<p>Die Aktivit\u00e4ten gegen Bundeswehr-Werbung an Schulen sind kaum                 mehr zu \u00fcberblicken. Vereinzelt k\u00f6nnen die Friedensbewegten sogar                 schon Erfolge vermelden: an der Hulda-Pankok-Gesamtschule in D\u00fcsseldorf                 beschloss die Schulkonferenz im Oktober 2010 einstimmig, die Kooperationsvereinbarung                 des Schulministeriums-NRW mit der Bundeswehr nicht umzusetzen.               <\/p>\n<p>Zudem wurde die Armee auch von einer an der Schule geplanten                 Jobmesse ausgeladen, nachdem sich antimilitaristische Proteste                 ank\u00fcndigten. <\/p>\n<p>Im Mai 2010 sollte ein Jugendoffizier der Bundeswehr an das Berliner                 Hans- und Hilde-Coppi-Gymnasium in Karlshorst kommen, um Elftkl\u00e4sslern                 von den Aufgaben der Armee und den dortigen Berufsm\u00f6glichkeiten                 zu berichten.<\/p>\n<p>Sch\u00fclerInnen machten dagegen mit Flugbl\u00e4ttern mobil und auch                 einige Eltern \u00e4u\u00dferten sich kritisch. Die Sch\u00fclerInnenvertretung                 wandte sich daraufhin mit einem Eilantrag an die Schulleitung,                 die Veranstaltung so nicht stattfinden zu lassen &#8211; mit Erfolg.                 Der Bundeswehr wurde eine Absage erteilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich freue mich sehr, dass wir die gute Zusammenarbeit unserer Schulen mit den Jugendoffizieren durch diese Kooperationsvereinbarungen st\u00e4rken.&#8220; Mit diesen Worten feierte die damalige NRW-Schulministerin Barbara Sommer (CDU) im Oktober 2008 die vertragliche Regelung von Eins\u00e4tzen der Bundeswehr in den Schulen des Bundeslands &#8211; ein Pr\u00e4zedenzfall und Dammbruch. 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