{"id":1045,"date":"1997-03-01T00:00:40","date_gmt":"1997-02-28T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1045"},"modified":"2011-10-26T14:53:34","modified_gmt":"2011-10-26T12:53:34","slug":"politische-korrekturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/03\/politische-korrekturen\/","title":{"rendered":"Politische Korrekturen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Diedrich Diederichsen; Politische Korrekturen; Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 1996; 192S., 18,80 DM. <\/strong><\/p>\n<h3>Empfehlung<\/h3>\n<p>Politisch richtig w\u00e4re es gewesen, die Vokabel <cite>politically correct <\/cite>mit <cite>politisch richtig <\/cite>zu \u00fcbersetzen. Aber: Worte sind Taten, und &#8222;korrekt&#8220; schlagen eben eher preu\u00dfische Soldatenhacken zusammen, als da\u00df sich allerlei Emanzipatorisches mit so einem Begriff einfordern lie\u00dfe. Aber der Reihe nach:<\/p>\n<p>Zwei Buchstaben, die nicht personal computer hei\u00dfen (aber in den Reaktionen oft \u00e4hnlich programmiert erscheinen) besch\u00e4ftigen seit Jahren alle m\u00f6glichen Meinungsmacher (FAZ\/ Spiegel) und Gegenmeiner (Die Beute\/ Spex) vom Feuilleton bis ins autonome Stadtzeitungsmilieu (Kassiber, Bremen; Apoplex, M\u00fcnster). Zu recht. Weil alles was recht und billig ist f\u00fcr politische Diskussion und deren Verhinderung darin aufgeboten wird. Wer also genauer wissen will, wo der Begriff herkommt, wer ihn wof\u00fcr oder wogegen braucht und benutzt, und wo er vielleicht hinf\u00fchren k\u00f6nnte, der &amp; dem sei zu Diedrich Diederichsens &#8222;Politische Korrekturen&#8220; herzlichst empfohlen: lies das! Denn Diederichsen schreibt witzig und es kommt mir vor, als m\u00fc\u00dfte hohe Theorie nicht per se phallogozentrisch sein. Dabei geht es eben nicht nur um (materiell entkoppelte) &#8222;Sprechweisen&#8220;. (Meine Motivationen f\u00fcr diese Rezension \u00fcber obengenanntes hinaus: der hohlen Benutzung im Politalltag (&#8222;das&amp; das ist aber nicht PC&#8220;) auf den Grund gehen, weil sich tats\u00e4chlich niemand fragt, ob er oder sie der\/ die Authentischste ist; das Subversive an der Dekonstruktion ins Gespr\u00e4ch bringen; wenn ich schon so viel lese, warum dann alles f\u00fcr mich behalten.).<\/p>\n<h3>Anti-PC: Kulturkrieger, Arschgesichter<\/h3>\n<p>Am Anfang war die Anti-PC-Bewegung. Kulturkriegerische Rechte machten von Feuilleton und Uni aus mobil gegen den noch imagin\u00e4ren Angriff der &#8222;Killergutmenschen&#8220; und trafen dabei leider allzu oft auf eine verbitterte 68er-Alt- Linke, die sich in den Kampf gegen neue &#8222;Denkverbote&#8220; &amp; &#8222;Benimmmregeln&#8220; selbstgen\u00fcgsam einreihen konnte. &#8222;(&#8230;) Allen Erscheinungsformen von Anti-PC scheint es&#8220;, meint und zeigt Diederichsen, &#8222;darum zu gehen, \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcckzudr\u00e4ngen, Privatisierung in jedem Sinne zu unterst\u00fctzen&#8220; (S.17).<\/p>\n<p>PC verstanden als die M\u00f6glichkeit, politische Korrekturen an der vorherrschenden Wirklichkeit vorzunehmen, ist nicht zuf\u00e4llig ein Import aus den USA (da, wo mit der sog. Unbegrenztheit dieser und anderer M\u00f6glichkeiten immer noch geprahlt wird). Obwohl es nie eine Bewegung gab, die sich PC auf die Fahnen schrieb, konnte ein solches Feindbild konstruiert und zum konservativen Gegenschlag nutzbar gemacht werden. Parlamentarische Haushaltsdebatten \u00fcber die F\u00f6rderung von Avantgarde-Kunst und die ab den 80ern beginnende Einflu\u00dfnahme identit\u00e4tspolitischer (insbesondere feministischer und afroamerikanischer) Forderungen auf Alltag &amp; Institution von Universit\u00e4t waren da der Z\u00fcndstoff. Ein diskursiver Fl\u00e4chenbrand wurde dabei ausgel\u00f6st, der bedrohte &#8222;amerikanische Werte&#8220; durch &#8222;franz\u00f6sische Theorie&#8220; mit amerikanischer Klarheit beantwortete, und au\u00dferdem Naturwissenschaften gegen Geisteswissenschaften ins Feld f\u00fchrte und letztere unterzupfl\u00fcgen versuchte und versucht. PC zwang dabei seine Gegner st\u00e4ndig, &#8222;ihr Amerika mit und gegen Europa zu identifizieren&#8220; (S.41), aufgekl\u00e4rter Universalismus versus &#8222;Fundamentalismus&#8220;, Rationalismus versus Dekonstruktion. Eine Denkfigur, die dann auch sp\u00e4ter in Europa Karriere machen sollte und von einer eigentlich paradoxen Vorstellung von Doppelbedrohung ausgeht &#8222;durch einerseits verr\u00fcckte Mullahs in deren Homelands, andererseits (durch) die Aufl\u00f6sung unseres stabilen westlichen Gegen\u00fcbers durch Relativierung unserer europ\u00e4ischen Grunds\u00e4tze&#8220;(S.130). Wie wenig tragf\u00e4hig dieser Universalismus ist, wenn es darum geht, das Unrecht au\u00dferhalb seines prim\u00e4ren Einflu\u00dfbereichs USA\/ Europa zu kritisieren, ist immer wieder Anmerkungen \u00fcber seine Philosophen wert: aufschlu\u00dfreich, was Kant \u00fcber den &#8222;Nationalcharakter der Neger&#8220; dachte und wie Hegel in Afrika \u00fcberhaupt keine Geschichte sah.<\/p>\n<h3>Deutschland auf allen Ebenen<\/h3>\n<p>In Deutschland kam Anti-PC gerade recht und so gut an, als es darum ging, neue Machtverh\u00e4ltnisse symbolpolitisch zu untermauern. Seit 89\/90 gab &amp; gibt es eine Reihe von gesellschaftlichen Debatten, in denen pl\u00f6tzlich wieder alles offen und umstritten ist, zum Beispiel auch die Vergangenheit. Wenn reaktion\u00e4re Arschgesichter wie der Historiker Ernst Nolte nicht nur in Talk-Shows als Tabubrecher gehandelt werden und sich von Rudi Augstein(Spiegel) und Rudi Kunze(Deutsch-Rock) bis zu jedem beliebigen Rudi des nicht\u00f6ffentlichen Lebens alle einig sind, da\u00df nur der \u00fcbersteigerte Nationalismus der b\u00f6se Nationalismus ist, k\u00f6nnen wir in der Tat davon ausgehen, &#8222;da\u00df Deutschland auf allen Ebenen zur\u00fcckgekehrt ist&#8220; (S.91). Am Thema Nation, das Diederichsen nur streift, ist meines Erachtens besonders gut sichtbar, wie die Form des Debattenhaften (&#8222;offen &amp; umstritten&#8220;) erst die Einigkeit herstellt, an der alle teilhaben k\u00f6nnen. Unter den neutralen Todschlagworten &#8222;neue Verantwortung&#8220; oder &#8222;Normalisierung&#8220; diskutiert, kann Nation dann eben wahlweise von links positiv besetzt oder als ganz nat\u00fcrlich angesehen werden. Und so ging es mit Anti-PC immer: w\u00e4hrend einerseits Denkverbote beklagt wurden (&#8222;als Deutsche wollen wir auch \u00fcber Nation reden d\u00fcrfen&#8220;), wurde andererseits Auseinandersetzung gerade verhindert (&#8222;warum \u00fcberhaupt Nation?&#8220;).<\/p>\n<p>Davon mal abgesehen, geht der Verbotsvorwurf gegen eine PC-Bewegung an realen Machtverh\u00e4ltnissen nat\u00fcrlich v\u00f6llig vorbei: Sch\u00f6n w\u00e4r&#8217;s ja, wenn irgendeine autonome Anitfa dem Innenminister verbieten k\u00f6nnte, \u00fcber Fl\u00fcchtlinge als Schmarotzer zu denken und diese Gedanken dann in einer mordsm\u00e4\u00dfigen Asylpolitik auch noch umzusetzen.<\/p>\n<h3>Smashing Diskurspolitik!<\/h3>\n<p>&#8222;Wenn PC auf eine polemische, kuriose, paranoide Weise zustandegekommene Zusammenfassungsleistung von rechts war, die irgendwann jeder linken Opposition politische Korrektheit vorwarf, stellte sich die Frage, ob es einen Sinn ergeben w\u00fcrde, tats\u00e4chliche linke Politik im Hinblick auf die so zugeschriebenen Taktiken und Theorien hin zu analysierern&#8220;(S.15). Auf jeden Fall ergab es einen Sinn, wenn nicht sogar mehrere. Was zum Beispiel Foucault mit der Black Panther Party zu tun hat, wieso Diskurstheorie zwar unpolitisch, aber doch politisch so produktiv ist, da\u00df Althusser den Klassenkampf schon um ein Wort gef\u00fchrt sah und das KKK-Fundamentalisten in Godard-Filme gehen oder eben nicht, da\u00df im Punk der Versuch einer dritten Sprechposition &#8222;jenseits von Autorit\u00e4t einerseits und beliebig-folgenlosem Pluralismus andererseits&#8220; (S.166) stattfand und gescheitert ist (Pogo bleibt Macker-Tanz), und noch viel mehr Interessantes steht in diesem Buch.<\/p>\n<p>PC-Politik, wie wir sie gebrauchen k\u00f6nnten, w\u00e4re letztlich nichts anderes als bestimmte Positionen ernst zu nehmen und nicht mehr zu unterscheiden zwischen gesagt und getan. Da trifft sich in etwa Diederichsens Ansicht mit anarchistischem Politikverst\u00e4ndnis nach Emma Goldman und dem Leitsatz der neuen Frauenbewegung: &#8222;das Private ist politisch&#8220;. (Soweit ich mich erinnere, bezeichnete sich der Autor in seinem Klassiker &#8222;Sexbeat&#8220;, K\u00f6ln 1985, noch als Leninisten; das Ende jeder autorit\u00e4ren Pose ist zu begr\u00fc\u00dfen, w\u00fcrd&#8216; ich sagen; selbst wenn es, wie in diesem Fall, wohl eher dem konservativen Backlash geschuldet ist). Weil zentrale Gegenst\u00e4nde von PC nach Diederichsen eben &#8222;das Verh\u00e4ltnis zwischen \u00c4sthetik und Politik, die Grenze zwischen Wort und Tat&#8220; (S.172) sind, ist mit PC-Politik gerade nicht die &#8222;Keule im politischen Nahkampf&#8220; gemeint, die mit zwei Buchstaben alles niederkn\u00fcppelt, was sich an Lebendigkeit noch regt. Ganz im Gegenteil ginge es um Inhalte, um &#8222;neue, im Prinzip freie und produktive Auseinandersetzung&#8220; (S.180). Zum Beispiel m\u00fc\u00dfte sich die linke Altherrenliga von Stowasser (Anarchismus, popul\u00e4r) bis Droste (Satire, kritikimun) tats\u00e4chlich vor emanzipatorische Inhalte statt vor belanglose Sprachregulierungen gestellt sehen, wenn Feministinnen aufkreuzen. Und wenn nicht, dann k\u00f6nnte ihnen eben gesagt werden, da\u00df, wer sich \u00fcber&#8217;s &#8222;gro\u00dfe I&#8220; lustig macht, heute mit der FAZ im Bunde steht. Weit wichtiger aber als die vermeintlichen oder wirklichen Feinde in den virtuellen oder echten eigenen Reihen ist etwas anderes. Da\u00df zwischen Worten und Taten nicht mehr differenziert w\u00fcrde, soll nicht zur gro\u00dfen Einebnung aller Unterschiede f\u00fchren, sondern auch im Gegenteil: PC ist nicht der Begriff, unter den ggf. Kapitalismus, Sexismus, Rassismus und weitere Antagonismen fallen, sondern mit dessen Hilfe es zu einer Pluralisierung der Begriffe entsprechend einer vielf\u00e4ltigen Wirklichkeit kommen soll. An den drei Ph\u00e4nomenen Sex, Gewalt, Humor macht Diederichsen deutlich, wie wichtig es ist, &#8222;Substanzbegriffe durch eine F\u00fclle von Verh\u00e4ltnisbegriffen&#8220; abzul\u00f6sen (S.172). Denn dadurch, da\u00df absolut verschiedene Dinge gesellschaftlich mit ein und demselben Begriff belegt sind, wird Herrschaft verschleiert und letztlich nicht mehr erfahrbar. Schlie\u00dflich geht es mit Diederichsens PC-Begriff &#8222;um ein Agieren auf der Grundlage situativer Analyse von Machtverh\u00e4ltnissen und darauf gegr\u00fcndeter Parteilichkeit&#8220; (S.188). Ein Vorschlag, wie ich finde, \u00fcber den es sich zu reden und mit dem es sich zu handeln lohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diedrich Diederichsen; Politische Korrekturen; Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 1996; 192S., 18,80 DM. Empfehlung Politisch richtig w\u00e4re es gewesen, die Vokabel politically correct mit politisch richtig zu \u00fcbersetzen. Aber: Worte sind Taten, und &#8222;korrekt&#8220; schlagen eben eher preu\u00dfische Soldatenhacken zusammen, als da\u00df sich allerlei Emanzipatorisches mit so einem Begriff einfordern lie\u00dfe. Aber der Reihe nach: Zwei &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/03\/politische-korrekturen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Politische Korrekturen - graswurzelrevolution","description":"Diedrich Diederichsen; Politische Korrekturen; Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 1996; 192S., 18,80 DM. Empfehlung Politisch richtig w\u00e4re es gewesen, die Vokabel p"},"footnotes":""},"categories":[87,44],"tags":[],"class_list":["post-1045","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-217-marz-1997","category-bucher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1045","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1045"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1045\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1045"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1045"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1045"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}