{"id":10466,"date":"2011-02-01T00:00:17","date_gmt":"2011-01-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10466"},"modified":"2022-07-26T14:24:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:04","slug":"die-beste-politische-idee-die-je-erdacht-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/02\/die-beste-politische-idee-die-je-erdacht-wurde\/","title":{"rendered":"&#8222;Die beste politische Idee, die je erdacht wurde&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): &#8222;Von Jakarta bis Johannesburg&#8220; ist ein 400-Seiten-W\u00e4lzer mit 50 Interviews, die per E-Mail mit Anarchistinnen und Anarchisten aus sechs Kontinenten gef\u00fchrt wurden. Er erm\u00f6glicht einen guten Einblick in die gegenw\u00e4rtige, weltweit aktive anarchistische Bewegung. Er\u00f6rtert werden die Geschichten lokaler Bewegungen, die Aktivit\u00e4ten in unterschiedlichen politischen Kontexten sowie die Hoffnungen, die sich an libert\u00e4re Ideen kn\u00fcpfen. Wie seid Ihr darauf gekommen, ein solches Buch zum Anarchismus zu machen, das m.E. ein Standardwerk geworden ist?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Ja, hoffentlich. Das w\u00fcrde mich freuen. Es scheint so, dass Gabriel Kuhn und ich unabh\u00e4ngig voneinander die gleiche Idee zu einem solchen Interviewband hatten.<\/p>\n<p>Ich kann von meiner Warte aus sagen, dass ich f\u00fcr die Zeitschrift <em>Graswurzelrevolution<\/em> diverse Interviews mit Anarchistinnen und Anarchisten aus verschiedenen Teilen der Welt gemacht habe, die ich nach ihren Ansichten zu bestimmten Themen, nach den K\u00e4mpfen, die sie f\u00fchren, nach unterschiedlichen Kontexten befragt habe. Ich fand das immer wieder spannend. Und ich fand die Idee reizvoll, das mal global zu machen und in einem Buch zu vereinen.<\/p>\n<p>Nachdem ich mich mit Gabriel, nach einer Veranstaltung, die er in Wien gemacht hat, l\u00e4nger unterhalten habe, sind wir darauf gekommen, dass wir beide quasi die gleiche Idee hatten, so etwas anzugehen. Dann haben wir gemeinsam gestartet.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was ist f\u00fcr Dich Anarchie?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Das ist eine gro\u00dfe Frage. Kurz w\u00fcrde ich sagen, dass f\u00fcr mich Anarchismus das zu Ende gedachte Konzept ist, wie Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung miteinander leben k\u00f6nnen. Da gibt es verschiedene sch\u00f6ne Zitate. Colin Ward ((4)) hat gesagt, er sieht keinen Grund darin, Sachen zu wiederholen, die andere schon viel besser als er gesagt haben.<\/p>\n<p>Frei nach Alexander Berkman k\u00f6nnte man auch sagen, &#8222;es ist die gr\u00f6\u00dfte und sch\u00f6nste Sache, die je erdacht wurde&#8220;.<\/p>\n<p><strong>GWR: F\u00fcr die meisten Menschen ist Anarchie gleichbedeutend mit Chaos und Terror, das hei\u00dft, sie k\u00f6nnen sich \u00fcberhaupt nicht vorstellen, was Anarchie eigentlich ist. Wie bist Du selber zum Anarchismus, zu libert\u00e4rem Gedankengut gekommen? <\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Na ja, ich war schon recht fr\u00fch politisiert. Ich komme aus \u00d6sterreich, da hat man leider ein Klima, wo Politiker wie J\u00f6rg Haider gro\u00dfen Zulauf hatten und immer noch haben, zumindest die Leute, die jetzt Haiders Erbe antreten. Da wird man notwendiger Weise fr\u00fch politisiert, nat\u00fcrlich in einer bestimmten Richtung, gegen Rechts und dergleichen.<\/p>\n<p>Mit dezidiert libert\u00e4ren Ideen in Verbindung gekommen bin ich dann wohl eher durch Musik-CDs, die mein gro\u00dfer Bruder angeschleppt hat. Das waren Klassiker wie<em> Rage Against The Machine<\/em>, sp\u00e4ter dann <em>Propagandhi<\/em> und so Sachen.<\/p>\n<p>Wobei meine Motivation, mein erstes Buch \u00fcber Anarchismus zu lesen, wiederum darin bestand, dass es in der Stadt, wo ich zur Schule gegangen bin, viele Punks gab, die einen recht destruktiven Lebensstil an den Tag gelegt haben, mit Besaufen und R\u00fcckspiegel vom Auto Runtertreten. Und die haben das stets mit ihrem Anarchist Sein gerechtfertigt. Ich habe mir gedacht, wenn das tats\u00e4chlich Anarchist Sein bedeutet, dann bin ich wohl keiner.<\/p>\n<p>Dann habe ich mir &#8222;Das ABC des Anarchismus&#8220; von Alexander Berkman ((5)) gekauft, um abzukl\u00e4ren, ob ich jetzt Anarchist bin oder nicht. Was ich dann da gelesen habe, hat mich sehr inspiriert. Und so kam es.<\/p>\n<p><strong>GWR: In dem Buch &#8222;Von Jakarta bis Johannesburg&#8220; geht es um Anarchismus weltweit, aber der Anarchismus in Deutschland und \u00d6sterreich kommt gar nicht vor. Dabei ist es ja so, dass Libert\u00e4re in Deutschland in der Regel zum Beispiel relativ wenig \u00fcber die anarchistische Szene in \u00d6sterreich wissen. Kannst Du etwas \u00fcber die libert\u00e4re Bewegung in \u00d6sterreich sagen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Ja, kann ich. Die ist jetzt, wie anderswo auch, nicht sonderlich gro\u00df. Ich w\u00fcrde sagen, in \u00d6sterreich ist die Szene zum Einen eher subkultureller Natur, zum Anderen f\u00fchlt sich vieles etwas &#8222;Wien-zentrisch&#8220; an, wie es halt oft ist in L\u00e4ndern, wo es nur eine gro\u00dfe Stadt gibt. In \u00d6sterreich gibt es in fast allen Landeshauptst\u00e4dten Infol\u00e4den und libert\u00e4re Netzwerke. Von Wien, wo ich ja wohne, kann ich sagen, dass es einige interessante Entwicklungen gibt.<\/p>\n<p>Vor kurzem hat eine neue Bibliothek aufgemacht, die <em>Anarchistische Bibliothek und Archiv Wien<\/em> ((6)), es gibt eine anarchosyndikalistische Gruppe, es gibt verschiedene libert\u00e4re Gruppen, Kneipen, Freir\u00e4ume, wo man sich treffen kann. Aber ganz generell geht die Tendenz schon in Richtung Subkultur und dergleichen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Und wie sch\u00e4tzt Du das in Deutschland momentan ein?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Das ist f\u00fcr mich schwieriger. Ich denke schon, dass es interessante Entwicklungen gibt. Das meine ich generell. Also, dass Projekte wie die <em>Graswurzelrevolution<\/em> so lange schon existieren k\u00f6nnen, das sagt auch einiges aus. Ich bin da zuversichtlich.<\/p>\n<p><strong>GWR: Warum habt Ihr in Eurer Publikation \u00d6sterreich und Deutschland ausgeklammert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Der Anspruch des Buches war es, einen \u00dcberblick zu schaffen, was Anarchistinnen und Anarchisten weltweit tun und denken. Und das f\u00fcr eine deutschsprachige Leserinnen- und Leserschaft. Das hei\u00dft, da muss man jetzt nicht notwendiger Weise auch noch Deutschland und \u00d6sterreich erkl\u00e4ren. Die anarchistische Bewegung hier ist tendenziell bekannt, und sollte das nicht bekannt sein, gibt es genug Literatur, um sich da einzulesen.<\/p>\n<p>Wir wollten sozusagen diesen globalen Bezug mal ohne Deutschland und \u00d6sterreich da reinbringen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das ist Euch gegl\u00fcckt. Kannst Du die Unterschiede und Parallelen der verschiedenen anarchistischen Bewegungen weltweit skizzieren? Was ist Dir da bei Euern Interviews besonders aufgefallen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Das ist schwierig zu beantworten, weil es \u00fcberall verschiedene Str\u00f6mungen und Tendenzen des Anarchismus gibt. Anarchosyndikalistische und anarchokommunistische Bewegungen gibt es beispielsweise sowohl in Lateinamerika als auch in Australien oder Neuseeland. Die verschiedenen Tendenzen sind tats\u00e4chlich global. Es scheint in verschiedenen Regionen gewisse Schwerpunkte zu geben, wie sich Anarchistinnen und Anarchisten tats\u00e4chlich politisch engagieren. Das hat mit dem realpolitischen Zusammenhang zu tun.<\/p>\n<p>Dass zum Beispiel in der T\u00fcrkei und in Israel Antimilitarismus ein gro\u00dfes Thema ist, hat mit dem militaristischen Kontext da zu tun. Oder dass in Kanada und Neuseeland Solidarit\u00e4tsarbeit mit Indigenen ein wichtiges Thema in der anarchistischen Szene ist, das hat auch mit dem Kontext zu tun, wo sich Anarchistinnen und Anarchisten die Frage stellen, welche Position haben wir als quasi Nachkommen von wei\u00dfen Einwanderern in einem kolonialistischen Projekt, auch wenn das schon lange her ist.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das Buch ist eine Sammlung von Interviews mit ganz unterschiedlichen Menschen. Wie habt Ihr die Kontakte gekn\u00fcpft, zum Beispiel auch zu Gruppen in \u00c4gypten, im Nahen Osten, aus Asien, \u2026 weltweit? <\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Wir haben es tats\u00e4chlich geschafft, etwas mit Gruppen aus allen Kontinenten zu machen. Das haben wir eingeteilt in Gro\u00dfbritannien und Irland, Nordeuropa, Westeuropa, S\u00fcdeuropa, Osteuropa. Dann gibt es einen Teil zum Nahen und Mittleren Osten, zu Asien, zu Afrika, Nordamerika, dann auch gro\u00dfe Teile zu Lateinamerika, weil das auch ein Riesenpunkt f\u00fcr Anarchistinnen und Anarchisten ist. Und dann zum Schluss noch Ozeanien, Neuseeland und Australien.<\/p>\n<p>Die Kontakte sind so zustande gekommen, dass Gabriel und ich die Verbindungen genutzt haben, die wir in den letzten Jahren pers\u00f6nlich gekn\u00fcpft haben. Vor allem Gabriel hat viele Kontakte weltweit. ((7)) Die meisten sind pers\u00f6nliche Kontakte oder Empfehlungen von Leuten, die wir bereits f\u00fcr das Buchprojekt gewonnen hatten. So ist das zustande gekommen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Euer Werk spiegelt eine globale, libert\u00e4re Vielfalt, wie sie bisher noch nicht so ohne weiteres wahr zu nehmen war. Dass es z.B. auch in Island, Nepal und Indonesien Anarchistinnen und Anarchisten gibt, wusste ich vor der Lekt\u00fcre noch nicht. Ihr habt ein leicht zu verdauendes, gut lesbares Buch gemacht, das fesselt und das man einfach so herunterlesen kann. Es ist bisher nur in Deutsch erschienen, aber m.E. sollte es zum Beispiel auch ins Spanische, Englische und Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt werden, damit es zur Vernetzung weltweit beitragen kann. Gibt es da Bestrebungen? Habt Ihr da schon Kontakte gekn\u00fcpft mit Verlagen in anderen L\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Ja. Das w\u00e4re super. Das Problem ist die Ressourcenfrage. In Frankreich oder im englischsprachigen Raum gibt es Interesse, das in den jeweiligen Sprachen zu publizieren. Aber da braucht man Leute, die ein so dickes Buch \u00fcbersetzen. Wir sind da dahinter und hoffentlich klappt es irgendwann mal mit der \u00dcbersetzung. Momentan sieht es so aus, als w\u00fcrde es mit einer englischen Ver\u00f6ffentlichung klappen. Ich halte es auch f\u00fcr wichtig, dass das auch in anderen Sprachen zug\u00e4nglich ist. Es sind einzelne Interviews \u00fcbersetzt worden, das Interview aus Indonesien ist mittlerweile in Spanisch zug\u00e4nglich. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt. Hoffentlich haben wir einen Beitrag f\u00fcr die globale anarchistische Bewegung leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast bei Deiner gestrigen Veranstaltung auch pr\u00e4gnante Stellen aus dem Band rezitiert. Kannst Du davon bitte einige besonders ungew\u00f6hnliche wiedergeben oder vorlesen? Vielleicht Verbl\u00fcffendes, Spannendes oder anderes, das uns weiterbringen kann?<\/strong><\/p>\n<p><em>Sebastian Kalicha: <\/em>Ich habe bei der Buchvorstellung einige Passagen vorgelesen, die mir signifikant erschienen, um gewisse Szenen zu beschreiben. Es gibt verschiedene Passagen, die in die Kategorie &#8222;allgemeine Reflexion zur anarchistischen Bewegung&#8220; einzuordnen sind. Meiner Ansicht nach recht geistreiche Einsch\u00e4tzungen.<\/p>\n<p>Ich finde zum Beispiel das Interview, das wir mit einem Anarchisten aus Neuseeland gef\u00fchrt haben, \u00fcber weite Strecken klug und sehr anregend. Das ist Sam Buchanan vom <em>Wildcat Anarchist Collective<\/em> in Wellington. Er hat eine interessante Einsch\u00e4tzung zur anarchistischen Bewegung. Das ist meistens der Teil, mit dem ich schlie\u00dfe. Da sagt er: &#8222;Generell hoffe ich, dass wir von zwei Aspekten wegkommen, die den Anarchismus oft pr\u00e4gen: Der erste ist der Glaube, dass der Kapitalismus dem Untergang geweiht ist und wir nur darauf warten m\u00fcssen, bis er zusammenbricht. Der Kapitalismus ist nicht dem Untergang geweiht, und er wird solange bestehen bleiben, bis einer gro\u00dfen Anzahl von Menschen klar ist, dass es eine realistische Alternative gibt. Davon m\u00fcssen wir die Menschen \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Der zweite Aspekt ist der Fokus mancher AnarchistInnen auf die Konfrontation. Ich gebe den Anti-WTO-Protesten in Seattle im Jahr 1999 die Schuld daf\u00fcr, da sie den Leuten das Gef\u00fchl gegeben haben, sie k\u00f6nnten sich mit dem Staat auf der Stra\u00dfe anlegen und gewinnen. In Wirklichkeit ist der Staat viel besser, wenn es um Konfrontation und Gewalt geht &#8211; das ist sein Gesch\u00e4ft. Hin und wieder werden wir m\u00f6glicherweise einen Erfolg erzielen, wenn der Staat unvorbereitet ist. Darauf k\u00f6nnen wir uns aber nicht verlassen. Wir m\u00fcssen kollektive Strukturen aufbauen, wenn wir wirklich gewinnen wollen. (\u2026) Wir m\u00fcssen unsere Ideale dabei in einfacher Sprache formulieren, ohne komplizierte Rhetorik oder politischen Jargon. Militantes Gehabe und Arroganz m\u00fcssen vermieden werden, und wir m\u00fcssen uns bewusst sein, dass es nicht von heute auf morgen zu einem gro\u00dfartigen Wandel kommen kann. (&#8230;) Der Anarchismus ist immer noch die beste politische Idee, die je erdacht wurde, und zu versuchen, diese Idee umzusetzen, ist das N\u00fctzlichste, was wir mit unserer Zeit machen k\u00f6nnen. Letzten Endes ist die Vision f\u00fcr Neuseeland und die Vision f\u00fcr den Rest der Welt die gleiche: eine Gesellschaft zu verwirklichen, die aus demokratischen und autonomen Gemeinschaften besteht, die sich gem\u00e4\u00df ihrer Bed\u00fcrfnisse kollektiv organisieren.&#8220;<\/p>\n<p>Und seine pers\u00f6nliche Einsch\u00e4tzung ist dann noch: &#8222;Ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde liebend gerne mehr altert\u00fcmliche Flugzeuge, mehr einheimische V\u00f6gel und jede Menge Pizza mit ger\u00e4uchertem Fisch sehen.&#8220;<\/p>\n<p>Also: Anarchistinnen und Anarchisten haben auch Humor. Toll!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): &#8222;Von Jakarta bis Johannesburg&#8220; ist ein 400-Seiten-W\u00e4lzer mit 50 Interviews, die per E-Mail mit Anarchistinnen und Anarchisten aus sechs Kontinenten gef\u00fchrt wurden. Er erm\u00f6glicht einen guten Einblick in die gegenw\u00e4rtige, weltweit aktive anarchistische Bewegung. 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