{"id":10471,"date":"2011-02-01T00:00:37","date_gmt":"2011-01-31T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10471"},"modified":"2022-07-26T14:24:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:04","slug":"griechenland-verordnete-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/02\/griechenland-verordnete-ruhe\/","title":{"rendered":"Griechenland: Verordnete Ruhe"},"content":{"rendered":"<p>Gleich die erste Meldung hatte es in sich. Ganz so, als wolle                 er die Aussage des &#8222;Unsichtbaren Komitees&#8220; unterstreichen, verk\u00fcndete                 der f\u00fcr die Migration zust\u00e4ndige Minister Chr\u00edstos Papouts\u00eds am                 Neujahrstag: &#8222;Die griechische Gesellschaft hat bei der Aufnahme                 illegaler Fl\u00fcchtlinge ihre Grenze erreicht.&#8220; Der Bau eines knapp                 vier Meter hohen Zaunes entlang der mehr als 200 km langen Landesgrenze                 zur T\u00fcrkei sei deshalb unumg\u00e4nglich. Vorbild ist der Zaun zwischen                 den USA und Mexiko.<\/p>\n<p>Nach Protesten von Fl\u00fcchtlingsorganisationen sah sich Papouts\u00eds                 kurz darauf gezwungen, etwas zur\u00fcck zu rudern.<\/p>\n<p>&#8222;Vorerst&#8220; solle der Zaun nur an einer 12 km langen &#8222;Schwachstelle&#8220;                 im Bereich der Ortschaft Oresti\u00e1da errichtet werden. <\/p>\n<p>Es sei nicht geplant, ihn unter Strom zu setzen. Jedes Jahr sterben                 bei dem Versuch, die Festung Europa zu erreichen, viele Fl\u00fcchtlinge                 am Grenzfluss \u00c9vros. 2011 wurden bisher drei Tote geborgen. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich deutet vieles darauf hin, dass immer mehr GriechInnen                 &#8222;Partei ergreifen&#8220;. <\/p>\n<p>Rassistische Ausschreitungen und k\u00f6rperliche Angriffe auf Fl\u00fcchtlinge                 haben stark zugenommen. Ins Athener Rathaus zogen bei der Kommunalwahl                 im November 2011 erstmals Abgeordnete der ber\u00fcchtigten Nazipartei                 Chrys\u00ed Avg\u00ed mit 5,3% ein. <\/p>\n<p>In der Vergangenheit war es zu brutalen Angriffen der Schl\u00e4ger                 von Chrys\u00ed Avg\u00ed auf Fl\u00fcchtlinge gekommen. Attacken der Nazis auf                 linke Demonstrationen wurden mit Polizeieinheiten koordiniert,                 bei Brandanschl\u00e4gen auf anarchistische Treffpunkte und besetzte                 H\u00e4user in Thessalon\u00edki und Athen wird eine Zusammenarbeit vermutet.               <\/p>\n<p>In P\u00e1tras hat die \u00fcberraschende R\u00e4umung eines besetzten Hauses                 am 28.12.2010 zur entschlossenen Wiederbesetzung durch 150 Menschen                 am 30.12. gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gehen die Anschl\u00e4ge diverser militanter Gruppen                 und Untergrundorganisationen gegen Banken und staatliche Einrichtungen                 unvermindert weiter. Dem unter der Kuratel der Troika aus EU,                 IWF und Europ\u00e4ischer Zentralbank stehenden Land drohen f\u00fcr 2011                 gesellschaftliche Auseinandersetzungen nicht gekannten Ausma\u00dfes.<\/p>\n<h3>An der Streikfront nichts Neues<\/h3>\n<p>Geendet hat das Jahr 2010 mit den mittlerweile gewohnten Bildern                 von w\u00fctenden Demos, Streiks und Besetzungen, oft begleitet von                 heftigen Stra\u00dfenschlachten. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend des siebten Generalstreiks im letzten Jahr am 15. Dezember                 konnte der ehemalige Entwicklungsminister Kost\u00eds Chatzid\u00e1kis von                 der konservativen N\u00e9a Dimokrat\u00eda (ND) mit knapper Not vor den                 Schl\u00e4gen der w\u00fctenden Menge in Sicherheit gebracht werden. Unter                 v\u00f6lliger Verkennung der Stimmung im Land hatte sich Chatzid\u00e1kis                 in der N\u00e4he des Parlaments auf die Stra\u00dfe gewagt, da er glaubte,                 als Oppositionspolitiker nicht verantwortlich f\u00fcr Sparbeschl\u00fcsse                 der Regierung zu sein. <\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung f\u00fchlt sich jedoch kollektiv bestraft f\u00fcr Verbrechen,                 die sie der gesamten korrupten politischen Kaste, den mit ihr                 verflochtenen Gro\u00dfindustriellen und raffgierigen Banken anlastet.                 Insofern korrekt vermerkte der Polizeibericht die Schl\u00e4ger als                 &#8222;Gruppe von B\u00fcrgern&#8220; und nicht als &#8222;Chaoten&#8220;, wie bisher \u00fcblich.<\/p>\n<p>Als &#8222;Anf\u00fchrer einer Gruppe Anarchisten&#8220; bezeichneten dagegen                 regierungsnahe Reporter vor Weihnachten den B\u00fcrgermeister der                 Kleinstadt Kerat\u00e9a bei Athen. Er hatte sich dem Protest gegen                 eine geplante M\u00fclldeponie auf Gemeindegrund angeschlossen und                 war von Beamten eines MAT-Sondereinsatzkommandos der Polizei zusammengeschlagen                 worden. <\/p>\n<p>Nicht zuletzt auf Grund solcher Berichterstattung genie\u00dfen Journalisten                 ein \u00e4hnlich geringes Ansehen wie Politiker und werden immer wieder                 t\u00e4tlich angegriffen. Reportagen in den offiziellen Rundfunk- und                 Fernsehsendern gab es beim Generalstreik nicht, da auch die Medien                 bestreikt wurden. <\/p>\n<p>Weil ausl\u00e4ndische Filmteams nur angegriffen werden, wenn sie                 die Kamera allzu provokativ auf militante DemonstrantInnen richten,                 fiel somit auch die Journalistenhatz aus. Die Wut konzentrierte                 sich ganz auf Politiker, Polizei und Gewerkschaftsfunktion\u00e4re.                 &#8222;Sie sollen sich nirgends sicher f\u00fchlen&#8220;, wurde in Athen skandiert.               <\/p>\n<p>Das Wirtschaftsleben stand still. Kein Flug, keine F\u00e4hre, kein                 Zug, keine Metro, keine Busse, kein Taxi, keine Apotheke, kein                 Arzt, keine Bank, keine Schule, keine Nachrichten! <\/p>\n<p>&#8222;Ganz Griechenland soll auf die Stra\u00dfe, damit die Sparma\u00dfnahmen                 nicht durchkommen&#8220;, so das Konzept. W\u00e4hrend der Demonstrationen                 kam es in Athen zu heftigen Stra\u00dfenschlachten mit der Polizei.                 Zahlreiche Fahrzeuge, darunter zwei Motorr\u00e4der der Dias-Sondereinheit,                 wurden in Brand gesetzt, das Geb\u00e4ude des Finanzministeriums mit                 Molotowcocktails attackiert. Auseinandersetzungen gab es auch                 in Thessalon\u00edki und anderen St\u00e4dten, \u00fcber 100 Personen wurden                 vorl\u00e4ufig festgenommen. Nach Angaben des Gewerkschaftsdachverbandes                 GSEE lag die Streikbeteiligung in Raffinerien, Werften und Stahlunternehmen                 bei 100%. Die Bank- und Postangestellten sowie die Angestellten                 des Telekommunikationsversorgers OTE und der Wasserwerke beteiligten                 sich zu etwa 90%. Schulen und \u00f6ffentliche Einrichtungen blieben                 geschlossen, fast alle nationalen und internationalen Fl\u00fcge wurden                 storniert. <\/p>\n<p>Sogar in der sozialdemokratischen Regierungspartei hatte es im                 Vorfeld Kritik am Durchpeitschen der Spargesetze gegeben, doch                 letztendlich folgte nur einer der Pasok-Abgeordneten seinem Gewissen.                 &#8222;Wenn man seine Ideologie nicht mehr unterst\u00fctzen kann, sollte                 man sie zumindest nicht verraten.&#8220;<\/p>\n<p>Damit beendete Ev\u00e1ngelos Papachr\u00edstos seine Parteikarriere und                 votierte gegen den Regierungsentwurf. Sofort wurde er von Premier                 Gi\u00f3rgos Papandr\u00e9ou aus der Pasok ausgeschlossen, die nun noch                 \u00fcber 156 der 2009 gew\u00e4hlten 160 Abgeordneten verf\u00fcgt.<\/p>\n<h3>Das neue Spardiktat <\/h3>\n<p>Brot, Lebensmittel, Getr\u00e4nke, Kino, Theater, Fahrkarten, Strom,                 Gas und Benzin &#8211; \u00fcber Sylvester ist erneut alles teurer geworden.               <\/p>\n<p>Zum dritten Mal f\u00fcr 2010 waren am 22. Dezember die Mehrwertsteuers\u00e4tze                 angehoben, die Tabaksteuer erh\u00f6ht und die Sozialleistungen gek\u00fcrzt                 worden.<\/p>\n<p>Der Heiz\u00f6lpreis soll um 40% steigen, die Tickets f\u00fcr \u00f6ffentliche                 Verkehrsmittel sollen erst um 30% und in wenigen Monaten um weitere                 20% erh\u00f6ht werden. Parallel dazu wird die H\u00e4lfte der Bus- und                 Bahnverbindungen gestrichen. <\/p>\n<p>Klar ist auch, dass die bestehenden befristeten Arbeitsvertr\u00e4ge                 im \u00f6ffentlichen Dienst 2011 gek\u00fcndigt werden. Bereits jetzt ersticken                 Gro\u00dfst\u00e4dte wegen Arbeitskr\u00e4ftemangel oft im M\u00fcll, fehlt es an                 Personal in Krankenh\u00e4usern und Schulen.<\/p>\n<p>Zu Lohnk\u00fcrzungen soll es in halbstaatlichen Unternehmen mit privater                 Beteiligung wie dem Gewinn machenden Strommonopolisten DEI kommen.               <\/p>\n<p>Dessen Kunden wurden gleichzeitig Preissteigerungen verordnet,                 was das Unternehmen f\u00fcr den Verkauf weiterer Staatsanteile noch                 lukrativer macht.<\/p>\n<p>Selbst der rein private Sektor ist von staatlich verordneten                 Gehaltsk\u00fcrzungen betroffen. Hier wurden die Branchentarifvertr\u00e4ge                 aufgehoben und der K\u00fcndigungsschutz ausgeh\u00f6hlt. <\/p>\n<p>Die ArbeitnehmerInnen &#8222;d\u00fcrfen&#8220; ihre Tarifverhandlungen jetzt                 einzeln f\u00fchren, eine alte Forderung des griechischen Arbeitgeberverbandes                 ESEE, um &#8222;Arbeitspl\u00e4tze zu sichern&#8220;.<\/p>\n<p>Doch sogar dort wachsen die Zweifel am Erfolg der brutalen Sparpolitik.                 Zahlen der ESEE belegen f\u00fcr 2010 einen R\u00fcckgang des Konsums um                 50% in der Bekleidungs- und Schuhindustrie, um 30% bei den Treibstoffen,                 gefolgt von einem Minus von 28% bei Arzneimitteln und Kosmetikartikeln,                 15% bei der M\u00f6bel- und Elektroindustrie und 11% bei Lebensmitteln                 und Tabak. <\/p>\n<p>Alleine im Handel gingen schon im ersten Quartal \u00fcber 50.000                 Arbeitspl\u00e4tze verloren. Offiziell stieg die Arbeitslosenquote                 im November auf 12,6%, unabh\u00e4ngige Sch\u00e4tzungen gehen von \u00fcber                 20% aus.<\/p>\n<p>Im Stadtzentrum von Thessalon\u00edki steht inzwischen jeder vierte                 Laden leer. Das Bruttoinlandsprodukt sank im dritten Quartal um                 4,6 Prozent, weitere drastische Einbr\u00fcche folgten im Weihnachtsgesch\u00e4ft.                 Die Troika \u00fcberlegt derweil, Griechenland mehr Zeit bei der R\u00fcckzahlung                 der Kredite zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<h3>Alternativloser Widerstand<\/h3>\n<p>Schon in den Wochen vor dem 15.12.2010 war es zu Auseinandersetzungen                 bei Streiks oder zu militanten Demonstrationen gekommen. Am 6.                 Dezember, dem zweiten Jahrestag der Ermordung des 15j\u00e4hrigen Sch\u00fclers                 Al\u00e9xandros Grigor\u00f3poulos durch Polizeibeamte, hatte die Regierung                 versucht, Ruhe per Ausnahmezustand zu verordnen. <\/p>\n<p>Mit einem Gesetz aus der Zeit der Milit\u00e4rdiktatur wurde die Athener                 Innenstadt f\u00fcr den Verkehr gesperrt und zum Bannkreis erkl\u00e4rt.                 Trotzdem lie\u00dfen sich \u00fcber 10.000 Menschen nicht abschrecken zu                 demonstrieren und lieferten sich stundenlange Stra\u00dfenschlachten                 mit der Polizei, die im Stadtteil Ex\u00e1rchia mit besonderer Vehemenz                 ausgetragen wurden.<\/p>\n<p>Trotz der Unzufriedenheit gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung und den                 st\u00e4ndigen Konfrontationen mit der Staatsmacht ist momentan keine                 gesellschaftspolitische Perspektive erkennbar. Der Widerstand                 gegen die von EU und IWF aufoktroyierte Auspl\u00fcnderung der Allgemeinheit                 hatte beim Generalstreik am 5. Mai 2010 seinen bisherigen H\u00f6hepunkt                 erreicht (vgl. GWR 350). Fast 250.000 Menschen hatten damals in                 Athen demonstriert, Tausende versucht, das Parlament zu st\u00fcrmen.               <\/p>\n<p>Damit h\u00e4tte der Kampf eine neue Dimension erreichen k\u00f6nnen, w\u00e4re                 der Schritt vom Widerstand zum Gegenangriff m\u00f6glich gewesen. <\/p>\n<p>Doch der Tag endete in einer Trag\u00f6die. Nach einem Brandanschlag                 starben in einer Bankfiliale drei Angestellte an Rauchvergiftung.<\/p>\n<p>Der Schock \u00fcber die Toten war einer der Gr\u00fcnde, warum die Proteste                 in den folgenden Wochen abflauten. Gerade die antiautorit\u00e4r-anarchistische                 Szene schien paralysiert. Ein weiterer Grund war die unnachgiebige                 H\u00e4rte des Staates. Massenfestnahmen, Tr\u00e4nengas und Polizeikn\u00fcppel                 f\u00fcr Demonstrierende, jahrelanger Knast f\u00fcr Verhaftete, gewaltsame                 Beendigung von Streiks durch Zwangsverpflichtungen &#8211; die Regierung                 zog alle Register der Repression. Mehrere tausend Festnahmen seit                 2009 und hunderte anh\u00e4ngiger Verfahren sprechen eine deutliche                 Sprache. <\/p>\n<p>Die als brutale Schl\u00e4gertruppen bekannten Dias- und Delta-Motorradeinheiten                 der Polizei, die zur pr\u00e4ventiven Aufstandsbek\u00e4mpfung zuerst in                 Athen und Thessalon\u00edki eingesetzt wurden, sind mittlerweile im                 ganzen Land aktiv. Sie agieren im Genuss absoluter Straffreiheit,                 so dass noch jeder ihrer unz\u00e4hligen \u00dcbergriffe ungeahndet blieb.               <\/p>\n<p>Ein 7-j\u00e4hriges Romam\u00e4dchen, das am 6.1. im Athener Stadtteil                 Men\u00eddi von einem Dias-Beamten mit dem Motorrad erfasst und einhundert                 Meter mitgeschleift wurde, starb kurz darauf. Brennende Barrikaden                 und Stra\u00dfenschlachten der Roma-Minderheit mit den Polizeitruppen                 waren die Folge. W\u00e4hrend der Motorradrowdy weiter Streife f\u00e4hrt,                 wurde der Demonstrant Chrisoval\u00e1ntis Pousiar\u00edtis einen Monat zuvor,                 nach einem Jahr U-Haft, zu 9 Jahren und 3 Monaten Knast verurteilt.                 Einzig auf Grund der Aussage des Beamten, der ihn verhaftet hatte,                 wurde er als &#8222;R\u00e4delsf\u00fchrer einer Gruppe vermummter Gewaltt\u00e4ter&#8220;,                 die mit Molotowcocktails gegen die Polizei vorgegangen sei, abgeurteilt.                 Als R\u00e4delsf\u00fchrer, &#8222;da er als einziger nicht vermummt war&#8220;.<\/p>\n<p>Letztlich ausschlaggebend f\u00fcr das zwischenzeitliche Abflauen                 der Proteste ist jedoch die nicht existente Systemalternative.                 Nur eine &#8211; wenn auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfe &#8211; Minderheit ist f\u00fcr                 den Sturz des kapitalistischen Systems. <\/p>\n<p>Die Mehrheit der GriechInnen glaubt nicht an die Realisierbarkeit                 eines Systemwechsels und steckt somit in der Sackgasse. Weder                 eine neue Regierung noch der EU-Austritt oder die R\u00fcckkehr zur                 Drachme bieten unter den kapitalistischen Gegebenheiten eine L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Bei den zur Schicksalswahl hochstilisierten Kommunalwahlen im                 November beteiligten sich in Athen, Pir\u00e4us und Thessalon\u00edki gerade                 noch 40% an der Stichwahl. Davon w\u00e4hlten 9,3% ung\u00fcltig. <\/p>\n<p>Doch ohne erkennbare Alternative \u00fcberlegt man sich dreimal, ob                 es lohnt, f\u00fcr militante Streiks oder Stra\u00dfenschlachten jahrelang                 in den Knast zu gehen.<\/p>\n<p>Trotzdem wird in Griechenland nach wie vor t\u00e4glich Widerstand                 geleistet. <\/p>\n<p>Die einzelnen K\u00e4mpfe aber sind isoliert, eine Berufsgruppe l\u00e4sst                 sich gegen die andere ausspielen. So war es wegen eines Streiks                 der Seeleute zu Engp\u00e4ssen in der Versorgung der Inseln gekommen.<\/p>\n<p>Die Ernte der Bauern konnte nicht nach Athen verschifft werden                 und drohte, in Lagern zu vergammeln. Abgebrochen wurde der Streik                 schlie\u00dflich Anfang Dezember 2010, nachdem Bauern auf Kreta, gemeinsam                 mit Polizeieinheiten, den von Streikenden blockierten Hafen von                 Ir\u00e1klion gest\u00fcrmt hatten. Das unsolidarische, aber auch nachvollziehbare                 Vorgehen der Bauern macht die Problematik der auf einzelne Berufssparten                 konzentrierten K\u00e4mpfe exemplarisch deutlich.<\/p>\n<p>Ohne allgemeingesellschaftliche Perspektive werden die K\u00e4mpfe                 vereinzelt und gegeneinander, bestenfalls nebeneinander her gef\u00fchrt                 werden und sind zum Scheitern verurteilt.<\/p>\n<h3>Gemeinsam k\u00e4mpfen <\/h3>\n<h4>1. M\u00fcll ins Parlament<\/h4>\n<p>Seit Wochen gibt es in Kerat\u00e9a, wo eine M\u00fcllkippe f\u00fcr den Gro\u00dfraum                 Athen errichtet werden soll, massive Auseinandersetzungen zwischen                 AnwohnerInnen und der Polizei. Mit Tag und Nacht besetzten und                 militant verteidigten Blockaden werden die Bauma\u00dfnahmen behindert.                 Der Widerstand ist so massiv, dass die Regierung offiziell verk\u00fcndete,                 die Pl\u00e4ne fallen zu lassen. <\/p>\n<p>Doch auch ein Gerichtsurteil vom 16. Dezember, welches die Konstruktion                 der M\u00fcllkippe f\u00fcr illegal erkl\u00e4rte und einen Baustopp verf\u00fcgte,                 \u00e4nderte nichts daran, dass der eng mit der Pasok verbundene Bauunternehmer,                 Gro\u00dfkapitalist und Medienzar Ge\u00f3rgios B\u00f3bolas weiterbaut. Eine                 riesige M\u00fcllkippe, in der ohne R\u00fccksicht auf die ans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung                 der ganze produzierte Dreck verbuddelt werden kann, ist typisch                 f\u00fcr die von Pasok und ND favorisierte &#8222;L\u00f6sung&#8220; des M\u00fcllproblems.                 \u00c4hnliche Entscheidungen f\u00fchren seit Jahren zu militanten K\u00e4mpfen                 in verschiedenen Teilen des Landes, so in Grammatik\u00f2 (Nord-Attika),                 Ner\u00e1ida-S\u00e9rres, auf der Insel N\u00e1xos oder in Leuk\u00edmi auf Korfu,                 wo es seit drei Jahren gelingt, die Bauarbeiten zu blockieren.               <\/p>\n<p>Im Fall von Kerat\u00e9a hatten mehrere Gemeinden einen Plan zur Abfallverwertung                 durch M\u00fclltrennung, Kompostierung, Recyceln, etc. eingereicht.               <\/p>\n<p>Das urspr\u00fcnglich akzeptierte Konzept wurde letztes Jahr von der                 Regierung pl\u00f6tzlich ohne Begr\u00fcndung abgelehnt. Wahrheitswidrig,                 da die Genehmigung ausdr\u00fccklich f\u00fcr eine &#8211; nach EU-Richtlinien                 illegale &#8211; offene Deponie erteilt wurde, verk\u00fcndete Innenminister                 Gi\u00e1nnis Ragko\u00fasis in der Folge, es gehe um ein Weiterverarbeitungscenter.<\/p>\n<p>Ziel sei es, den M\u00fcll der Region zu beseitigen, doch obwohl dort                 nur 350 Tonnen j\u00e4hrlich anfallen, ist die Deponie f\u00fcr 127.000                 Tonnen geplant. \u00dcber die Feiertage und in den ersten Januarwochen                 eskalierten die Konfrontationen mit der Polizei. Viele Gruppen                 aus Athen unterst\u00fctzen den Widerstand.<\/p>\n<h4>2. Wir bezahlen nicht!<\/h4>\n<p>Seit der Ausbau des Autobahnnetzes an internationale Konsortien                 gegeben wurde, haben sich die Stra\u00dfen nicht verbessert, die Mautstationen                 jedoch vervielfacht und die Geb\u00fchren drastisch erh\u00f6ht. Seit ca.                 einem Jahr gibt es die dezentral organisierte &#8222;Bewegung gegen                 Mautgeb\u00fchren&#8220;. <\/p>\n<p>Der Internetauftritt erkl\u00e4rt, wie man sich beteiligen kann. &#8222;Du                 f\u00e4hrst vor und kurbelst das Fenster herunter: \u201aHallo, ich bin                 vom Komitee gegen Mautgeb\u00fchren und bezahle nicht, machen Sie bitte                 die Schranke auf.&#8216; Wenn darauf nicht reagiert wird, steigst du                 aus, \u00f6ffnest die Schranke per Hand und f\u00e4hrst ruhig weiter. Diskutiere                 nicht, achte nicht auf die Alarmsirene.&#8220; Mittlerweile beteiligen                 sich Zehntausende an der Aktionsform. Am 9.1.2011 kam es zur ersten                 landesweit koordinierten Massenaktion an allen Mautstationen.                 Mit Kundgebungen wurden die Stationen besetzt und landesweit f\u00fcr                 freie Fahrt gesorgt. <\/p>\n<h4>3. Nulltarif bei Bus und Bahn <\/h4>\n<p>Beim Streik gegen Lohnk\u00fcrzungen und geplante Privatisierungen                 gehen die Angestellten im \u00f6ffentlichen Nahverkehr seit Weihnachten                 neue Wege. Angeregt durch die gleichzeitigen Fahrpreiserh\u00f6hungen,                 machten Metrobedienstete in Athen die Entwertungsautomaten f\u00fcr                 Tickets unbrauchbar. Unterst\u00fctzt von anarchistischen AktivistInnen                 erkl\u00e4rten Streikposten den &#8222;Nulltarif&#8220; auf Flugbl\u00e4ttern mit der                 stattfindenden &#8222;Auspl\u00fcnderung der Bev\u00f6lkerung&#8220; durch EU, IWF und                 &#8222;nationale Eliten&#8220;. In Chani\u00e1 auf Kreta und in Thessalon\u00edki wurde                 die Aktionsform seit Jahresbeginn in Stadtbussen aufgenommen.               <\/p>\n<p>Ein Gericht in Athen erkl\u00e4rte die Streiks im \u00f6ffentlichen Nahverkehr                 am 12.1.2011 f\u00fcr illegal.<\/p>\n<p>Der Arbeitskampf geht weiter, Nulltarifaktionen in Form von Busbesetzungen                 greifen um sich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich die erste Meldung hatte es in sich. 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