{"id":10498,"date":"2011-03-01T00:00:12","date_gmt":"2011-02-28T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10498"},"modified":"2022-07-26T13:56:42","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:42","slug":"geisterzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/03\/geisterzug\/","title":{"rendered":"Geisterzug"},"content":{"rendered":"<p>Dies lag an der Entschiedenheit, mit der die Einsatzleitung der ca. 1.500 PolizistInnen die Nazi-Demo, der es um die Erk\u00e4mpfung &#8222;Antifa-freier Zonen&#8220; ging, gem\u00e4\u00df vorherigen Gerichtsbeschl\u00fcssen durchboxte.<\/p>\n<p>Die paar Handvoll Hass-Apostel, deren um viele Stunden versp\u00e4teter Geisterzug nachmittags dann <em>formal<\/em> alle Kriterien der L\u00e4cherlichkeit erf\u00fcllte, erzielte dadurch einen bedenklichen Erfolg: dass eine ganze Gro\u00dfstadt fast einen Tag lang lahmgelegt war! Wer morgens nach Elberfeld zum Einkaufen (oder zur Gegendemo) gefahren war, konnte nachmittags weder mit der Bahn, noch mit der Schwebebahn, noch mit Bussen, und auch zu Fu\u00df oder mit dem eigenen Auto nur \u00fcber abenteuerliche Umwege zur\u00fcck nach, sagen wir, Oberbarmen gelangen. &#8211; Aber daf\u00fcr gab es viel zu sehen und zu lernen!<\/p>\n<p>Aus den Auflagen der Genehmigung der Gegenkundgebung: &#8222;Es ist verboten, an der Versammlung oder auf dem Wege dorthin in einer Aufmachung teilzunehmen, die geeignet und den Umst\u00e4nden nach darauf gerichtet ist, die Feststellung der Identit\u00e4t zu verhindern. Die Staatsanwaltschaft Wuppertal geht von einem <em>Anfangsverdacht der Vermummung<\/em> aus, wenn <em>zwei Sinnesorgane verdeckt<\/em> sind und unter Ber\u00fccksichtigung der Gesamtumst\u00e4nde die Zielrichtung erkennbar wird, sich unter Nutzung der Vermummung der Feststellung seiner Person zu entziehen.&#8220;<\/p>\n<p>Ich beobachte, wie Duisburger Polizeibeamte, die deutlich mehr als zwei Sinnesorgane bedeckt haben und deren Aufmachung die Zielrichtung erkennen l\u00e4sst, sich der Feststellung ihrer Person zu entziehen, einen antifaschistischen jungen Mann in die Mangel nehmen, dessen Vergehen offenbar darin besteht, in die falsche Richtung gelaufen zu sein. Ich fotografiere den Vorgang.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter ist der Demonstrant von sechs PolizistInnen umringt. Zwei dr\u00fccken den Mann zu Boden, Knie im Kreuz, sein Gesicht aufs Pflaster gedr\u00fcckt. Ich frage: &#8222;Warum tun Sie dem Mann denn weh?&#8220; &#8211; Ein Uniformierter antwortet: &#8222;Warum wollen Sie das wissen?&#8220; &#8211; &#8222;Weil ich ein B\u00fcrger dieses Landes bin!&#8220; &#8211; &#8222;Ach, und dann m\u00fcssen Sie wohl <em>alles<\/em> wissen!?&#8220; Ein anderer Demonstrant weist auf die Idee einer demokratischen Polizei mit den Worten hin: &#8222;Ich bin Ihr Chef, ich bezahle Sie doch!&#8220;, und fordert ebenfalls, den maltr\u00e4tierten Mann loszulassen.<\/p>\n<p>Er erntet von den PolizistInnen sp\u00f6ttisches Gel\u00e4chter.<\/p>\n<p>Der zu Boden Gedr\u00fcckte sagt, obwohl er sichtlich ver\u00e4ngstigt ist, zu den Uniformierten, sie sollten lieber gegen die Nazis vorgehen als gegen Antifaschisten. Der gespr\u00e4chige Beamte kontert: &#8222;Wieso, was haben die denn falsch gemacht?&#8220;<\/p>\n<p>Komische Frage! Lernen die so was nicht auf der Polizeischule?<\/p>\n<p>Gespenstische Szenen an den Stra\u00dfenkreuzungen der Elberfelder Innenstadt: Obwohl alles weitr\u00e4umig von der Polizei gesperrt ist und weit und breit kein Fahrzeug kommen kann, stehen die Menschen an den rot leuchtenden Fu\u00dfg\u00e4ngerampeln und warten aufs gr\u00fcne Licht, bevor sie die leere Stra\u00dfe \u00fcberqueren. Unter ihnen auch viele Gegendemonstranten.<\/p>\n<p>Sind das in Wahrheit alles Roboter? Nur wenige nutzen die unverhofft sich bietende Chance und flanieren auf den Fahrbahnen. Dabei zeigt sich hier, als Kehrseite jener Medaille, wonach 200 Nazis es schaffen, einen Tag lang eine ganze Innenstadt lahmzulegen, paradoxerweise der Aufschein einer sch\u00f6neren Welt: eine Stadt, die den Menschen geh\u00f6rt. Man kann frische Luft atmen, der sonst obligatorische Krach fehlt. Und die enge Kanalisierung der Wege, auf denen man sich in der Stadt sonst fortbewegen kann &#8211; diese kaum noch bewusst wahrgenommene Einengung ist pl\u00f6tzlich aufgehoben! Immerhin: Am genehmigten Endpunkt des Nazi-Geisterzuges, der erst in Stunden losmarschieren wird, hat eine fr\u00f6hliche Gruppe von KurdInnen begonnen, mitten auf der Kreuzung gemeinsam zu tanzen!<\/p>\n<p><em>The city reclaimed<\/em>? Dies w\u00e4re der gemeinsame Horror der Polizeistrategen und der Faschisten-Farce da drau\u00dfen am Unterbarmer Bahnhof.<\/p>\n<p>Es ist ja eine <em>saure<\/em> Allianz aus Bullengr\u00fcn und Nazibraun, so richtig m\u00f6gen die meisten von denen einander auch nicht.<\/p>\n<p>Aber diese kleine dialektische Arabeske, diesen Vorschein von Freiheit, die sie beide verabscheuen, hat gerade diese saure Allianz heute <em>auch<\/em> bewirkt.<\/p>\n<p>Und so viele von uns haben&#8217;s noch nicht einmal gemerkt \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies lag an der Entschiedenheit, mit der die Einsatzleitung der ca. 1.500 PolizistInnen die Nazi-Demo, der es um die Erk\u00e4mpfung &#8222;Antifa-freier Zonen&#8220; ging, gem\u00e4\u00df vorherigen Gerichtsbeschl\u00fcssen durchboxte. 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