{"id":10515,"date":"2011-03-01T00:00:04","date_gmt":"2011-02-28T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10515"},"modified":"2022-07-26T13:56:42","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:42","slug":"die-ermordung-von-ramazan-avci-war-ein-wendepunkt-in-der-migrationsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/03\/die-ermordung-von-ramazan-avci-war-ein-wendepunkt-in-der-migrationsgeschichte\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Ermordung von Ramazan Avci war ein Wendepunkt in der Migrationsgeschichte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Stellt euch bitte kurz vor.<\/b><\/p>\n<p><i>Perihan:<\/i> Ich hei\u00dfe Perihan Zeran, bin 43 Jahre. <\/p>\n<p><i>\u00dcnal:<\/i> Ich hei\u00dfe \u00dcnal Zeran, 39 Jahre alt, war fr\u00fcher in                 migrantischen Selbstorganiserungszusammenh\u00e4ngen aktiv und bin                 heute Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Migrationsrecht.<\/p>\n<p><b> GWR: Wie war das 1985 &#8211; gab es einen zunehmenden Rassismus                 in der Gesellschaft oder von staatlicher Seite?<\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal: <\/i>Damals war ich 14 Jahre alt und ging aufs Gymnasium.<\/p>\n<p>Mit Beginn der &#8222;geistig-moralischen Wende&#8220; unter der Kohlregierung                 wurden die Programme verst\u00e4rkt, die sogenannten Gastarbeiter durch                 Pr\u00e4mienzahlungen zum Verlassen der Bundesrepublik zu bewegen.                 Dabei wurde erkl\u00e4rt, dass es zu viele Ausl\u00e4nder g\u00e4be. Au\u00dferdem                 gab es zunehmend viele rassistische \u00dcbergriffe mit erheblichen                 Verletzungen oder T\u00f6tungen seit Anfang der 80er in Hamburg. Es                 gab eine Neonaziszene, die sich st\u00e4rker formierte. Viele Nazigr\u00f6\u00dfen                 wie Worch, Wulff, K\u00fchnen und Rieger stammen ja aus Hamburg.<\/p>\n<p><i>Perihan:<\/i> In den 80er Jahren wurde begonnen, die Anwesenheit                 der MigrantInnen zu einem unl\u00f6sbaren Problem zu erkl\u00e4ren, sie                 zu kriminalisieren.<\/p>\n<p>So wurde als Beispiel die zweite Generation auf einem Titelbild                 des &#8222;Spiegel&#8220; als Zeitbombe bezeichnet. Der institutionelle Rassismus                 und die daraus folgende Ausgrenzung wurde besonders deutlich in                 der Gesetzgebung: Es gab Einschr\u00e4nkungen bei der Familienzusammenf\u00fchrung,                 den Arbeitserlaubnissen f\u00fcr hier aufgewachsene Kinder und Jugendliche                 mit 16 Jahren. Au\u00dferdem gab es R\u00fcckkehrpr\u00e4mieren f\u00fcr Familien,                 damit sie freiwillig zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p>Es wurde bekannt, dass einige von den R\u00fcckkehrerinnen, junge                 Frauen und M\u00e4dchen, Suizid begannen hatten. Sie wollten zur\u00fcck                 nach Deutschland, aber dies war ihnen nicht erlaubt. Daraufhin                 wurde ein Gesetz f\u00fcr diese Altersgruppe erlassen, wo ihnen zugestanden                 wurde, innerhalb von zwei Jahren in die BRD zur\u00fcckzukehren. Die                 Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde hatte damals ihren Sitz am Hauptbahnhof im Biberhaus.                 Die Warter\u00e4ume dort waren permanent \u00fcberf\u00fcllt. Es bildeten sich                 bereits am fr\u00fchen Morgen Schlangen, um \u00fcberhaupt eine Nummer zu                 erhalten, damit die Menschen ihre Angelegenheiten regeln konnten.                 Im Winter war es besonders schrecklich, weil die Menschen stundenlang                 drau\u00dfen in der K\u00e4lte stehen mussten. <\/p>\n<p>Die allgemein politische Stimmung war, die MigrantInnen werden                 nicht mehr gebraucht, sie sind \u00fcberfl\u00fcssig und stellen f\u00fcr die                 deutsche Gesellschaft eine Bedrohung dar. Junge MigrantInnen wurden                 in gering entlohnte Berufe verwiesen, Frauen in den Friseurberuf,                 M\u00e4nner in Autowerkst\u00e4tten.<\/p>\n<p>Viele Kinder mit vermeintlichen Sprachproblemen oder f\u00fcr LehrerInnen                 nicht verst\u00e4ndlichen Verhaltensweisen wurden in die sogenannten                 Sonderschulen vermittelt. Die Wohnungssuche war schwierig, woran                 sich heute nicht wirklich etwas ge\u00e4ndert hat. Gesellschaftliche                 Ausgrenzung fand allt\u00e4glich statt, auch in Jugendzentren und Discos.                 Manche Kneipen trugen Schilder mit der Aufschrift &#8222;Ausl\u00e4nder d\u00fcrfen                 nicht rein&#8220;! Dazu die damals ber\u00fcchtigten Stadtteile wie Lohbr\u00fcgge,                 Hamm und Horn.<\/p>\n<p> <b>GWR<\/b>: <b>Was hat die Ermordung von Ramazan Avci 1985 f\u00fcr                 euch bedeutet? War es ein Einschnitt f\u00fcr das Leben in der deutschen                 Dominanzgesellschaft? <\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal: <\/i>Die Ermordung von Ramazan Avci war ein Wendepunkt                 in der Migrationsgeschichte. Dies geschah f\u00fcnf Jahre nach dem                 Milit\u00e4rputsch in der T\u00fcrkei und viele politisch Aktive waren damals                 nach Deutschland geflohen. Ihre Orientierung war daher sehr heimatzentriert.                 Zudem herrschten in der T\u00fcrkei b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde.                 Die kurdische Bev\u00f6lkerung hatte den bewaffneten Kampf aufgenommen.<\/p>\n<p>Deutschland wurde bis dahin stets als Ort wahrgenommen, wo Menschenrechte                 und staatlicher Schutz gew\u00e4hrt wurden.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur T\u00fcrkei wurde die BRD als sicher betrachtet.                 Und pl\u00f6tzlich sah man sich hier mit etwas konfrontiert, was einige                 Faschismus nannten. Konkret sah ich eine Bedrohung und ich wei\u00df,                 dass alle sich gegenseitig warnten, bestimmte Orte zu meiden oder                 \u00f6ffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.<\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>Die Repressalien und die Hetze gegen MigrantInnen                 hatten zur Folge, dass die Gewalt eskalierte: Mehmet Kaymakci                 und Ramazan Avci wurden in Hamburg Opfer rassistischer Gewalt.                 Angst und Wut waren die Reaktionen. <\/p>\n<p>Vor den Ermordungen von Ramazan Avci und Mehmet Kaymakci war                 die gesellschaftlich-politische Atmosph\u00e4re aufgeheizt gegen die                 sogenannten Ausl\u00e4nder. Besonders unter den m\u00e4nnlichen Jugendlichen                 hatte sich herumgesprochen, dass es besser ist, bestimmte Stadtteile                 und \u00d6rtlichkeiten nicht alleine aufzusuchen. Sie formierten sich                 in Gruppen, um sich vor Angriffen zu sch\u00fctzen. Bestimmte Discos,                 H\u00e4user der Jugend oder Kirchliche Jugendtreffs wurden gemieden                 oder nur in Gruppen besucht.<\/p>\n<p>Der Alltag war f\u00fcr mich und viele Freunde bedrohlich geworden,                 abends trauten sich viele nicht mehr, mit der Bahn zu fahren,                 in Bergedorf standen viele Skinheads herum, bedrohten MigrantInnen                 und griffen auch an. <\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Habt ihr an der ersten gro\u00dfen antirassistischen                 Demonstration am 15. Januar teilgenommen? <\/b><\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>Ich pers\u00f6nlich habe damals nicht teilgenommen,                 in den folgenden Jahren organisierte das Volxhaus der T\u00fcrkei Demos,                 zu denen ich gegangen bin. Ich erinnere mich, dass mein Vater                 zu der Demo gegangen ist. Zuhause waren wir aufgebracht, f\u00fchlten                 uns bedroht. <\/p>\n<p><i>\u00dcnal:<\/i> Ich war nur an der gro\u00dfen Demonstration mit bis                 zu 15.000 Personen beteiligt. Dies rief in mir ein Gef\u00fchl von                 St\u00e4rke hervor. Das geht mir heute immer noch so, wenn viele Menschen                 zusammen kommen, um zu protestieren.<\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Haben sich neben organisationsge\u00fcbten t\u00fcrkischen                 Exilorganisationen auch EinwandererInnen aus anderen L\u00e4ndern beteiligt?<\/b><\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>Auf die Ermordung von Ramazan Avci reagierten                 Tausende von MigrantInnen mit direkter Betroffenheit. Das f\u00fchrte                 dazu, dass zum ersten Mal ein B\u00fcndnis von allen bestehenden Organisationen                 wie Kulturvereinen, Sportvereinen, Moscheen, linken Gruppierungen                 aus der T\u00fcrkei zusammenkam. Das war einmalig, weil die politischen                 Gruppierungen sonst gegeneinander agierten.<\/p>\n<p>Nun waren sie durch die politische Notwendigkeit gezwungen, zu                 der sogenannten Ausl\u00e4nderfeindlichkeit politisch Stellung zu nehmen.<\/p>\n<p>Damals wurde der Begriff Ausl\u00e4nderfeindlichkeit verworfen und                 Rassismus als Begriff verwendet. Das war eine wichtige politische                 Entwicklung, da bei der gesellschaftlichen Analyse und Kritik                 der Rassismus ins Zentrum der politischen Diskussionen gestellt                 wurde. <\/p>\n<p>Die migrantischen Vereine und politischen Organisationen orientierten                 sich in ihrer Politik nicht mehr auf die politischen Zust\u00e4nde                 in ihren Herkunftsl\u00e4ndern, sondern gegen die rassistischen Verh\u00e4ltnisse                 in Deutschland. <\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t von anderen migrantischen Organisationen war kaum                 vorhanden. Im Gegenteil: Man wollte nicht zu den Kanaken dazugeh\u00f6ren.               <\/p>\n<p><i>\u00dcnal: <\/i>Ich hatte mich aufgrund meines Alters bei den Jugendlichen                 orientiert und dort war die Beteiligung gemischt. Wie es auch                 nach den Protesten von M\u00f6lln und Solingen der Fall war. Wir waren                 gegen Nazis und hatten keine ideologische Orientierung. <\/p>\n<p> <b>GWR<\/b>: <b>Habt ihr euch in der damaligen Kontroverse, ob                 Moscheen und dem t\u00fcrkischen Staat nahestehende Organisationen                 mitmachen d\u00fcrfen, positioniert?<\/b><\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>Der Protest wurde von der Community der EinwanderInnen                 aus der T\u00fcrkei getragen. Es waren Arbeitervereine, Moscheen, Kulturvereine                 und viele nicht organisierte Menschen aus der T\u00fcrkei. In dieser                 Zeit gab es noch keine staatsnahen Organisationen in diesem B\u00fcndnis.                 Es wurde sichtbar, dass bei Rassismus bei den Opfern nicht nach                 Schichtzugeh\u00f6rigkeit, Religion und auch nicht nach politischen                 Ideologien unterschieden wird. <\/p>\n<p><i>\u00dcnal:<\/i> Ich kann diese Frage nur auf die sp\u00e4teren Proteste                 bezogen beantworten. Grunds\u00e4tzlich finde ich jede Form von Protesten                 gegen Unterdr\u00fcckung richtig. Es k\u00f6nnen auch Analogien hergeleitet                 werden. Die Rassisten fragen nicht nach der Religion oder der                 Herkunft oder ob jemand politisch links oder rechts steht, wenn                 sie jemanden angreifen. Dennoch k\u00f6nnen Unterschiede nicht negiert                 werden. Eine Zusammenarbeit aufgrund eines bestimmten Ereignisses                 bedeutet nicht, dass die Unterschiede nicht wahrnehmbar sein d\u00fcrfen.                 Die gemeinsame Klammer ist die Betroffenheit. Mehr darf von punktuellen                 B\u00fcndnissen nicht erwartet werden.<\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Wie fandet ihr die Selbstverteidigungsans\u00e4tze,                 wie die Jugendgangs, die sich gegen Skinheads zusammengeschlossen                 haben?<\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal:<\/i> Ich hatte Freunde, die sich bei den Champs oder                 Bombers organisiert hatten. Dies fand ich richtig. Es war auff\u00e4llig,                 dass den Neonazis staatlicherseits mit viel Verst\u00e4ndnis begegnet                 wurde.<\/p>\n<p>Der Anteil dieser Gangs am Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Neonazis wird von                 der deutschen Antifa, die mehr auf Recherche und Strukturanalyse                 aus ist, bis heute untersch\u00e4tzt. Es findet kaum Anerkennung. Es                 ist eine soziale Frage, warum es diese Gangs gegeben hat. Die                 deutsche Antifa hat es bis heute nicht verstanden, diese Gangs                 in irgendeiner Form einzubinden, und \u00fcbersch\u00e4tzte oft die eigenen                 Beitr\u00e4ge am Verdr\u00e4ngen der Neonazis. Sp\u00e4ter wurde der Satz der                 Autonomen legend\u00e4r: Euer Mut, unsere K\u00f6pfe im Kampf gegen die                 Rassisten. Das dr\u00fcckt das Selbstverst\u00e4ndnis mancher Antifas aus.<\/p>\n<p><i>Perihan:<\/i> Die Jugendgangs in den 80ern betrachten wir als                 Vorreiter. Sie standen f\u00fcr Selbstorganisierung als MigrantInnen.                 Die bekannteste Jugendgruppe waren die Wilhelmsburger T\u00fcrken Boys,                 die WTB! Nach Wilhelmsburg traute sich kein Nazi. <\/p>\n<p>Aus dieser Bewegung, in dieser Zeit haben sich unterschiedliche                 Organisationen und Initiativen formiert. Es entstand die T\u00fcrkische                 Gemeinde Hamburgs. Von den Organisationen aber war das Volxhaus                 der T\u00fcrkei in den Jahren danach die treibende und bestimmende                 Kraft, die Selbstorganisierung von MigrantInnen forderte. Dort                 ging es politisch heterogen zu, Aktive verschiedener linker Gruppierungen                 aus der T\u00fcrkei formierten sich zusammen, um gegen den Rassismus                 zu k\u00e4mpfen. Angelehnt an K\u00e4mpfe aus anderen L\u00e4ndern wurde kontrovers                 diskutiert.<\/p>\n<p>Das Volxhaus hatte die Besonderheit, viele linke Str\u00f6mungen zusammen                 zu bringen. Somit entstand eine einmalige politische Kraft, auch                 in den theoretischen Auseinandersetzungen \u00fcber den Rassismus.               <\/p>\n<p> <b>GWR<\/b>: <b>Was ist geblieben von den Protesten? Die t\u00fcrkische                 Gemeinde? Antirassistische Selbstorganisierung?<\/b><\/p>\n<p> <i>Perihan:<\/i> Es entstanden Zeitschriften wie die Basamak,                 eine politische Jugendzeitschrift, sp\u00e4ter auch K\u00f6x\u00fcs, beide herausgegeben                 in Hamburg. Es entstanden auch in anderen St\u00e4dten Bewegungen von                 MigrantInnen: Antifacist Gen\u00e7lik in Berlin, Caf\u00e9 Morgenland in                 Frankfurt, um nur zwei zu nennen. In dieser Zeit sind viele politische                 Organisationen und Widerstandsformen im antirassistischen Kampf                 entstanden. Das politische Bewusstsein, das Interesse an Selbstorganisierung                 hatte sich verfestigt. Die Missst\u00e4nde und rassistische Politik                 staatlicher- und gesellschaftlicherseits wurden zum Gegenstand                 der politischen Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p><i>\u00dcnal:<\/i> Die Proteste wurden von einem B\u00fcndnis getragen,                 aus dem sich sp\u00e4ter einige linke Vereine und Organisationen zur\u00fcckzogen.                 Die T\u00fcrkische Gemeinde Hamburg und sp\u00e4ter die T\u00fcrkische Gemeinde                 Deutschland sind die Fr\u00fcchte dieser Protestbewegung. Hakki Keskin                 war einer ihrer aktiven Protagonisten. Die ideologischen Unterschiede                 waren auf Dauer zu gro\u00df, um als B\u00fcndnis gemeinsame Aktivit\u00e4ten                 zu planen und fortzuf\u00fchren. In den selbstorganisierten Ans\u00e4tzen                 wurde der Rassismus als Unterdr\u00fcckungsform in den eigenen politischen                 Ans\u00e4tzen st\u00e4rker benannt. <\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Warum ist, wenn \u00fcberhaupt \u00fcber rassistische Angriffe                 und Todesopfer geredet wird, nur die Ex-DDR nach 1989 Thema und                 nicht die Situation in der West-BRD vor 1989?<\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal: <\/i>Das geh\u00f6rt zum Geschichtsbild der BRD. Den Rassismus                 will man lieber als ostdeutsches Ph\u00e4nomen verorten, als einen                 Versuch der Identit\u00e4tsfindung von desorientierten Jugendlichen                 nach der Abschaffung der DDR.<\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>F\u00fcr uns hat es keine Relevanz, ob die Rassisten                 im Osten oder Westen leben. <\/p>\n<p>Diese Unterscheidung der Westen oder der Osten hatte nur f\u00fcr                 die bundespolitische Regierungsebene eine manipulative Bedeutung.                 Der Westen hat versucht, sich aus der politischen Verantwortung                 zu ziehen, um in der Welt\u00f6ffentlichkeit den Imageschaden, den                 Deutschland erlitt, zu begrenzen. Es ist bekannt, dass die Neonaziszene                 bundes- und europaweit organisiert ist.<\/p>\n<p>Allerdings ist der Rassismus nicht gleichzusetzen mit den Neonazis.                 Rassismen sind in allen politischen Parteien und gesellschaftlichen                 Schichten und Gruppierungen verbreitet. <\/p>\n<p>Die Unterscheidung von Nazis und rassistischem Verhalten ist                 wichtig. Denn die Nazis sind aus politischer \u00dcberzeugung dieser                 Ansicht. Die meisten Parteien, Organisationen und Personen haben                 den Anspruch, nicht rassistisch zu sein. Mit denen sind wir in                 der Auseinandersetzung. Rassismus l\u00e4sst sich nicht auf Nazis reduzieren,                 Rassismus ist eingebettet in die gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse,                 in der Art und Weise, wie die Menschen zueinander stehen. Der                 gesellschaftspolitische Status eines Einzelnen, also die gesellschaftliche                 Verortung ist ma\u00dfgebend daf\u00fcr, wer rassistisch diskriminiert wird.               <\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Hat sich der Rassismus in Gesellschaft und Staatsapparat                 denn ver\u00e4ndert? <\/b><\/p>\n<p>\u00dcnal: Das Wort Rassismus war seinerzeit verp\u00f6nt. Verniedlichend                 wurde von Ausl\u00e4nderfeindlichkeit oder Xenophobie gesprochen. Auch                 die politische Linke musste viel \u00fcber Rassismus in den eigenen                 Reihen und paternalistische Ans\u00e4tze lernen. Mitte der 90er Jahre                 gab es ein politisches Bewusstsein, eine Auseinandersetzung mit                 Rassismus. <\/p>\n<p>Das ist zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden, weil viele sich aus den politischen                 Aktivit\u00e4ten zur\u00fcckgezogen haben.<\/p>\n<p>Der Staatsapparat war bem\u00fcht, den Rassismus aus der \u00f6ffentlichen                 Wahrnehmung zur\u00fcck zu nehmen, und in den Medien sind auch kaum                 noch Meldungen \u00fcber rassistische \u00dcbergriffe zu verzeichnen. Das                 Imageproblem, was Deutschland bef\u00fcrchtet hat, wurde erfolgreich                 angegangen. Au\u00dferdem wurde mit dem Islam ein neues Feindbild auserkoren,                 mit \u00e4hnlich rassistischen Zuschreibungen wie fr\u00fcher pauschal gegen                 Ausl\u00e4nder. Sogar viele Linke \u00fcbernehmen dieses Feindbild Muslime.               <\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>Nun, der Rassismus ver\u00e4ndert sich in seiner Ausdrucksform,                 aber nicht in seinem Wesen. Heute wird nur noch selten die zweite                 oder dritte Generation der ArbeitsmigrantInnen aus der T\u00fcrkei                 stigmatisiert, sondern der antiislamische Rassismus ist vordergr\u00fcndig.                 Es findet eine differenzierte Form der rassistischen Diskriminierung                 statt. Die MigrantInnen werden in &#8222;gute&#8220; und &#8222;schlechte&#8220; aufgeteilt.               <\/p>\n<p>Die dritte Generation der MigrantInnen wird auf dem Arbeitsmarkt                 aber trotzdem, obwohl sie zu den gesuchten FacharbeiterInnen geh\u00f6ren,                 systematisch abgelehnt.<\/p>\n<p>Das Gesetz der Staatsb\u00fcrgerschaft ist ver\u00e4ndert worden, ein Teil                 der MigrantInnen kann sich einb\u00fcrgern lassen und elementare B\u00fcrgerrechte                 wahrnehmen &#8211; wie w\u00e4hlen und gew\u00e4hlt werden. Dadurch werden nicht                 die rassistischen Ausgrenzungen bek\u00e4mpft, aber trotzdem ist es                 ein wichtiger Meilenstein im antirassistischen Kampf.<\/p>\n<p>Allerdings sind viele MigrantInnen ohne Aufenthaltsstatus, obwohl                 sie bereits viele Jahre hier leben. Au\u00dferdem ist das Asylgesetz                 versch\u00e4rft worden, was auch Auswirkungen auf Asylsuchende in der                 BRD hat.<\/p>\n<p>Viele AsylbewerberInnen sind in den 90ern durch Brandanschl\u00e4ge                 und Naziangriffe ermordet wurden, in Hoyerswerda, L\u00fcbeck und vielen                 anderen Orten. Durch Sammelunterk\u00fcnfte in kleine Ortschaften wurden                 diese Taten beg\u00fcnstigt. <\/p>\n<p>Seit 2006 akzeptiert Deutschland, dass es ein Einwanderungsland                 ist, was es bis dahin verleugnet hat. Immer wieder aufs Neue werden                 Feindbilder von MigrantInnen geschaffen und die gesellschaftliche                 Hetze gegen MigrantInnen gesch\u00fcrt.<\/p>\n<p>Jetzt ist wieder so eine Zeitenwende, die von Sarrazin ausgel\u00f6ste                 Diskussion: Es ist wieder soweit, dass wir uns rechtfertigen m\u00fcssen,                 integrationsunwillige MigrantInnen zu sein.<\/p>\n<p>Wieder findet eine Verallgemeinerung statt und \u00c4ngste werden                 gesch\u00fcrt, durch hochrangige Politiker. Wir beobachten dies mit                 Sorge und fordern alle auf, sich gegen diese rassistische Diskriminierung                 zu positionieren, bevor diese Hetze wieder Gewaltopfer von Neonazis                 zur Folge hat.<\/p>\n<p> <b>GWR<\/b>: <b>Um in der deutschen Dominanzgesellschaft eine                 Stimme zu haben, gibt es heutzutage eine Organisierung \u00fcber die                 Religionszugeh\u00f6rigkeit zum Islam. Warum nicht als EinwandererInnen?<\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal: <\/i>Das ist in der Tat eine Schw\u00e4che. Vermutlich weil                 sich die Ausgrenzung des Islam am offensichtlichsten zeigt, orientieren                 sich viele daran. Bis auf The Voice gibt es keine mir bekannte                 Initiative, die selbstorganisiert und herkunftsunabh\u00e4ngig den                 Rassismus thematisiert. Dort muss es aber wieder hin. Was einmal                 m\u00f6glich war, kann wieder erm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p> <b>GWR<\/b>: <b>In eurem Aufruf zur Gedenkkundgebung wird explizit                 der antimuslimische Rassismus genannt. Was sagt ihr zu der Kritik,                 dass der zunehmende Antiziganismus, die Abschiebungen in den Kosovo                 und der Antisemitismus bei euch fehlen?<\/b> <\/p>\n<p><i>\u00dcnal: <\/i>Der Aufruf ist \u00fcberwiegend positiv aufgenommen worden                 und zwar von unterschiedlichsten Str\u00f6mungen der Linken. <\/p>\n<p>Es ist kein Manifest, in der eine Initiative s\u00e4mtliche Unterdr\u00fcckungsformen                 benennt. Das kann kein DIN-A4 Aufruf leisten. Das bedeutet nicht,                 dass wir es nicht sehen. Der Aufruf ist anlassbezogen zu betrachten.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass die Linke sich mit dem antiislamischen,                 antimuslimischen Rassismus besch\u00e4ftigt. Sollen sie Position beziehen                 und nicht um den hei\u00dfen Brei reden. <\/p>\n<p>Die Angriffe und Brands\u00e4tze gegen Moscheen, Beleidigungen von                 Muslimen sind kaum Thema.<\/p>\n<p>Die Linke ignoriert eine gesellschaftliche Entwicklung, tut sich                 schwer, sich zu \u00e4u\u00dfern. <\/p>\n<p>Ich bin Atheist. Mir geht es nicht darum, ob die Opfer Moslems,                 Schwarze oder Christen aus \u00c4gypten sind. Es geht um gesellschaftliche                 Herrschaftsinstrumente und die Infragestellung von Machtverh\u00e4ltnissen.                 Was f\u00fcr eine Gesellschaft will ich?<\/p>\n<p>Im Redebeitrag auf der Kundgebung wurden die Suizide in den Abschiebehaftkn\u00e4sten                 in Hamburg thematisiert und auch die Mauer um Europa, Frontex,                 die Abschiebungen der Roma. Ich suche nicht das Haar in der Suppe,                 sondern bewerte die Suppe. <\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Was plant ihr an weiteren Aktivit\u00e4ten?<\/b><\/p>\n<p>\u00dcnal: Wir werden uns darauf konzentrieren, unsere Forderung auf                 die Agenda zu bringen, die Umbenennung des Platzes und die Anbringung                 einer Gedenktafel oder eines Kunstobjektes, das die rassistischen                 Hintergr\u00fcnde der Tat benennt. Das hat einen symbolischen Wert,                 der nicht zu untersch\u00e4tzen ist.<\/p>\n<p>Auch die Forderung einer Stra\u00dfenumbenennung unter Antikolonialismusaspekten                 unterst\u00fctzen wir. Da ist eine sich erg\u00e4nzende Zusammenarbeit m\u00f6glich.               <\/p>\n<p>Die Partei Die Linke soll unsere Forderungen sogar in ihr Wahlprogramm                 f\u00fcr Hamburg aufgenommen haben. Wir wollen bundesweit mit Gruppen                 kooperieren, die rassistischer Opfer gedenken. So waren Leute                 aus der Initiative bei der Gedenkveranstaltung zu dem L\u00fcbecker                 Brandanschlag und haben dort einen Redebeitrag gehalten. Wir werden                 in den rassistischen Diskurs intervenieren, wenn es n\u00f6tig und                 f\u00fcr uns m\u00f6glich ist. Ziel muss es bleiben, trotz unterschiedlicher                 ideologischer Sozialisation die Klammer des gemeinsamen Widerstandes                 nicht zu verlieren, ohne sich als Subjekte zu negieren und handlungsf\u00e4hig                 zu bleiben.<\/p>\n<p><b>GWR<\/b>: <b>Glaubt ihr, dass sich die Umbenennung des Bahnhofsplatzes                 an der Landwehr in Ramazan-Avci-Platz durchsetzen l\u00e4sst? <\/b><\/p>\n<p><i>\u00dcnal:<\/i> Ja, mit Hartn\u00e4ckigkeit und kreativen Protesten.                 Wir werden da dran bleiben.<\/p>\n<p><i>Perihan: <\/i>Wenn wir es schaffen, viele zu erreichen, die                 ein Denk-Mahn-Mal f\u00fcr die Opfer der rassistischen Gewalt fordern,                 ist es m\u00f6glich. <\/p>\n<p>Seit 1990 sind mehr als hundert Menschen der rassistischen Gewalt                 zum Opfer gefallen. Es ist notwendig, dass wir der Opfer gedenken. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Stellt euch bitte kurz vor. Perihan: Ich hei\u00dfe Perihan Zeran, bin 43 Jahre. \u00dcnal: Ich hei\u00dfe \u00dcnal Zeran, 39 Jahre alt, war fr\u00fcher in migrantischen Selbstorganiserungszusammenh\u00e4ngen aktiv und bin heute Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Migrationsrecht. 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