{"id":10525,"date":"2011-03-01T00:00:52","date_gmt":"2011-02-28T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10525"},"modified":"2022-07-26T14:24:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:03","slug":"die-spaltung-der-armee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/03\/die-spaltung-der-armee\/","title":{"rendered":"Die Spaltung der Armee"},"content":{"rendered":"<h3>Der Machtfaktor Armee in \u00c4gypten<\/h3>\n<p>Die Armee hat im autorit\u00e4ren Staat \u00c4gypten immer die Hauptrolle                 gespielt. Heute stehen zwischen 360.000 und mehr als 500.000 Mann                 unter Waffen (offizielle Zahlen werden nicht ver\u00f6ffentlicht).                 Das Milit\u00e4rbudget lag 2010 bei rund 3,4 Milliarden Euro und wurde                 bisher am Parlament vorbei festgesetzt. Sicher ist nur, dass das                 Milit\u00e4r j\u00e4hrlich 1,3 Milliarden Dollar von den USA erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Es ist eine Wehrpflichtigenarmee mit einer alten Garde von Gener\u00e4len                 an der Spitze, einer schwer einsch\u00e4tzbaren mittleren Kommandoebene                 j\u00fcngerer Offiziere und den eher aus dem Lande und \u00e4rmeren Schichten                 kommenden Wehrpflichtigen.<\/p>\n<p>Letztere waren es, die ihre Datteln mit den Menschen auf dem                 Tahrir-Platz teilten und sie auf ihren Panzern tanzen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Manche Soldaten haben in ihrer Begeisterung sogar ihre Uniformen                 ausgezogen &#8211; worauf offiziell das Todesurteil steht. Die Fraternisierungen                 der Wehrpflichtigen an der Basis haben sicherlich die internen                 Machtk\u00e4mpfe auf der Kommandoebene beeinflusst und bei den Gener\u00e4len                 die Entscheidung reifen lassen, Mubarak schlie\u00dflich fallen zu                 lassen.<\/p>\n<p>Seit Nassers Milit\u00e4rputsch der freien Offiziere gegen die Monarchie                 1952 h\u00e4lt die Armee die F\u00e4den in \u00c4gypten in der Hand. Die milit\u00e4rischen                 Niederlagen gegen Israel von 1967 und 1973 haben innenpolitisch                 daran nichts ge\u00e4ndert. Es war die Armee, welche Ende Januar die                 brutale und korrupte Polizei \u00f6rtlich v\u00f6llig aus dem Geschehen                 zog, nachdem bis Ende Januar etwa 300 Menschen w\u00e4hrend der Revolution                 durch die Polizei get\u00f6tet wurden. Am 1.2.2011 verlautbarte die                 Armee, sie w\u00fcrde nicht auf die Bev\u00f6lkerung schie\u00dfen. Das war der                 erste strategische Sieg der Bewegung. ((1))<\/p>\n<p>Die Interessen der Armee sind vielschichtig und kaum durchschaubar,                 weil sie mit einem Wirtschaftsimperium verquickt ist. <\/p>\n<p>Nach einzelnen Untersuchungen kontrolliert die \u00e4gyptische Armee                 zwischen 33 und 45 Prozent (!) der \u00e4gyptischen Wirtschaft. Die                 Wikileaks-Ver\u00f6ffentlichungen haben gezeigt, dass Betriebe in der                 Hand des Milit\u00e4rs alle m\u00f6glichen Produkte produzieren, von Wasserflaschen                 bis zu Oliven\u00f6l, von Rohren \u00fcber elektrische Kabel bis hin zu                 Heizk\u00f6rpern. Auch zahlreiche Hotels, Immobilien, Bauunternehmen,                 Stra\u00dfenbaufirmen, Tourismusfirmen, Sportstadien sowie weitreichende                 Landstriche befinden sich im Besitz der Armee oder werden in ihrem                 Auftrag betrieben. ((2))<\/p>\n<h3>Der interne Machtkampf Mubarak-treuer und Mubarak-feindlicher                 Kr\u00e4fte in der Armee<\/h3>\n<p>Hosni Mubarak kam selbst aus der Armee. In gewisser Weise war                 er beim Krieg 1973 als Chef der Luftwaffe Garant daf\u00fcr, dass Israel                 die \u00e4gyptische Luftwaffe nicht wie 1967 v\u00f6llig zerst\u00f6rte und die                 Niederlage f\u00fcr \u00c4gypten nicht verheerend ausfiel. Noch bis in seine                 letzten Tage als Pr\u00e4sident hinein war dieser milit\u00e4rische Heldenschein                 eine der St\u00fctzen, auf denen er seine Legitimit\u00e4t innerhalb der                 Armee begr\u00fcndete.<\/p>\n<p>1975 wurde er deshalb von Sadat zum Vize-Pr\u00e4sidenten gemacht                 und zu dessen Nachfolger aufgebaut.<\/p>\n<p>Bei beiden Fernsehansprachen, am 1. und am 10. Februar, hat Mubarak                 noch einmal an seine milit\u00e4rischen Erfolge erinnert, an seine                 Vergangenheit als Kriegsheld 1973. Er sagte, er wolle auf dem                 Boden \u00c4gyptens sterben und in \u00e4gyptischer Erde begraben werden.                 Diese Ansprachen waren gerichtet an die Bev\u00f6lkerung, die das nicht                 mehr h\u00f6ren wollte, und mindestens genauso sehr an seine internen                 Widersacher im Milit\u00e4r.<\/p>\n<p>Die Kairo-Korrespondentin der franz\u00f6sischen Tageszeitung <i>Le                 Monde<\/i> schreibt:<b><\/b><\/p>\n<p>&#8222;Die Neutralit\u00e4t der Soldaten w\u00e4hrend der Revolte war nicht gesichert.                 Einige Anzeichen deuten darauf hin, dass es Meinungsverschiedenheiten,                 ja sogar eine Bruchlinie inmitten der Armee dar\u00fcber gegeben hat,                 welche Strategie einzuschlagen sei. Zwei Tage, nachdem die Panzer                 in Stellung gebracht wurden, \u00fcberflogen Kampfflugzeuge im Tiefflug                 das Stadtzentrum, um den DemonstrantInnen Angst einzujagen &#8211; oder                 auch, um die auf dem Tahrir-Platz postierten Offiziere zur Ordnung                 zu rufen.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Pierre Sommermeyer weist in der franz\u00f6sischen, anarchistischen                 Wochenzeitung <i>Le Monde libertaire<\/i> auf die weit in die Geschichte                 zur\u00fcckreichende Tradition des \u00e4gyptischen Milit\u00e4rs hin, wonach                 es bereits von 1250-1517 eine fast drei Jahrhunderte w\u00e4hrende                 Milit\u00e4rherrschaft der Mameluken gegeben habe, die jedoch keine                 Erbdynastie gewesen sei. ((4))<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser historischen Einschr\u00e4nkung, die sich                 als antidynastische Tradition im Milit\u00e4r festgesetzt hat, ist                 wiederum eine Meldung in <i>Le Monde<\/i> vom 16.2.2011 interessant:<\/p>\n<p>&#8222;Die Milit\u00e4rs und das Regime hatten eine implizite \u00dcbereinkunft,                 nach der die Armee stumm und gehorsam bleibt und sich nicht in                 die Politik einmischt, solange die Staatsspitze eng ans Milit\u00e4r                 gebunden bleibt. Es schien in dessen Augen, dass Mubarak diesen                 Pakt gebrochen hat, als er versuchte, seinen Sohn, der Bankier                 war, als seinen Nachfolger einzusetzen.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Zum Milit\u00e4r geh\u00f6rten offiziell auch einige Tausend Soldaten einer                 Pr\u00e4sidentengarde, die zumindest planerisch und in Teilen wohl                 auch aktiv bei den Contra-Demonstrationen der Mubarak-Treuen am                 3. und 4.2. beteiligt waren, als sie und bezahlte Schergen in                 archaischer Weise von Kamelen aus auf die DemonstrantInnen einschlugen                 oder Steine und Molotow-Cocktails auf sie warfen. Dass die Armee                 am zweiten Tag dieser Provokationen, die offensichtlich einen                 B\u00fcrgerkrieg herbeif\u00fchren sollten, dazwischen trat, war zweifellos                 der zweite Sieg der DemonstrantInnen bei ihrem Versuch, Mubarak                 und die Armee auseinander zu dividieren.<\/p>\n<h3>Der Showdown fand am 10. und 11.2. statt. <\/h3>\n<p>Der interne Machtkampf wurde nach au\u00dfen hin sichtbar: Zun\u00e4chst                 versprach General Hassan el-Roueini, der Milit\u00e4rkommandant der                 Region Kairo, den DemonstrantInnen: &#8222;All ihre Forderungen werden                 heute erf\u00fcllt werden&#8220;, worauf die Menge jubelte, weil das nur                 hei\u00dfen konnte, dass Mubarak zur\u00fccktritt. Am Abend aber weigerte                 sich Mubarak in seiner letzten Fernsehrede noch einmal, zur\u00fcckzutreten.                 Erst am Freitag hatte sich dann die Milit\u00e4rf\u00fchrung ganz auf die                 Seite der Mubarak-GegnerInnen gestellt, ihren Ex-Luftwaffenkommandanten                 fallen lassen und ihren eigenen Milit\u00e4rrat an seine Stelle gesetzt.                  ((6))<\/p>\n<h3>Ausblick<\/h3>\n<p>Mubarak ist weg, das Parlament und die darin dominierende Rolle                 der Mubarak-Regierungspartei sind aufgel\u00f6st. Ob das Milit\u00e4r sein                 Versprechen h\u00e4lt, in einem halben Jahr die Macht zu \u00fcbergeben,                 steht in den Sternen. Aufgrund seiner \u00f6konomischen Interessen                 wird es versuchen, jede Form von ArbeiterInnenbewegung, Streik                 oder gar betriebliche Selbstverwaltung niederzuschlagen &#8211; damit                 k\u00f6nnten Auseinandersetzungen mit der verarmten Bev\u00f6lkerung, die                 zu Brotrevolten neigt, vorprogrammiert sein. <\/p>\n<p>Sicher ist nur, dass das Milit\u00e4r vorerst laizistisch ausgerichtet                 bleibt: &#8222;Das Offizierskorps wird sehr eng \u00fcberwacht, um eine Infiltration                 durch die Muslimbr\u00fcder oder jede Art des radikalen Islamismus                 zu verhindern.<\/p>\n<p>Wenn ein Offizier eine Moschee frequentiert oder einen suspekten                 Buchladen, muss er gehen&#8220;, sagt der franz\u00f6sische Forscher Aclimandos.                 Hoffentlich ist seine Selbstsicherheit in dieser Frage begr\u00fcndet.                  ((7))<\/p>\n<p>Es bleibt letztlich der aufbegehrenden Bev\u00f6lkerung \u00c4gyptens vorenthalten,                 dem Milit\u00e4r auf die Finger zu sehen und im Notfall zu versuchen,                 es erneut zu spalten. <\/p>\n<p>Dass trotz aller zur Schau getragenen Verbr\u00fcderung bei den DemonstrantInnen                 ein heilsamer Rest Misstrauen vorhanden blieb, zeigte die unabh\u00e4ngige                 Haltung der Demonstrierenden nach der ersten Mubarak-Rede am 1.                 Februar, als kurz darauf ein General die DemonstrantInnen dazu                 aufforderte, jetzt nach Hause zu gehen, weil Mubarak ihre Forderungen                 doch erf\u00fcllt h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Die Menschen verweigerten den Befehl und blieben auf dem Platz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Machtfaktor Armee in \u00c4gypten Die Armee hat im autorit\u00e4ren Staat \u00c4gypten immer die Hauptrolle gespielt. 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