{"id":10528,"date":"2011-03-01T00:00:08","date_gmt":"2011-02-28T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10528"},"modified":"2022-07-26T14:24:04","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:04","slug":"der-erste-kriegsdienstverweigerer-in-agypten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/03\/der-erste-kriegsdienstverweigerer-in-agypten\/","title":{"rendered":"Der erste Kriegsdienstverweigerer in \u00c4gypten"},"content":{"rendered":"<p>Entsprechend seiner Erkl\u00e4rung folgte Maikel Nabil Sanad im Oktober                 2010 nicht der Einberufung zum Milit\u00e4rdienst. Am 12. November                 wurde er vom Geheimdienst verhaftet, zum Milit\u00e4r gebracht, f\u00fcr                 untauglich erkl\u00e4rt und nach zwei Tagen wieder freigelassen. Kurz                 darauf erhielt er seine offiziellen Entlassungspapiere. <\/p>\n<h3>Begegnung in Kairo<\/h3>\n<p>Am 4. Januar 2011 trafen wir, eine Minidelegation der DFG-VK                 Hessen, mit Maikel am Flughafen von Kairo zusammen.<\/p>\n<p>Nach zwei Wochen Rundreise durch \u00c4gypten auf den Spuren der Vergangenheit                 war dieser Gegenwartsbezug eine willkommene Erg\u00e4nzung , kurz nach                 den Anschl\u00e4gen auf eine gro\u00dfe koptische Kirche in Alexandria.                 Vorher hatten wir Gelegenheit mit den \u00e4gyptischen Reiseleitern                 \u00fcber die politische Situation im Land zu sprechen, von den Anschl\u00e4gen                 erfuhren wir am ersten Januar in Luxor und das Entsetzen war auch                 bei unseren Begleitern zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Wir erfuhren vieles \u00fcber die soziale und \u00f6konomische Ungleichheit                 im Land, die Armut, Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit mit dem                 Regime. Viele \u00c4gypter waren geschockt, da das Nebeneinander verschiedener                 Religionen von der Mehrheit nicht als problematisch angesehen                 wird.<\/p>\n<p>Als wir mit Maikel in seiner Kairoer Junggesellenwohnung diskutierten,                 war ich positiv \u00fcberrascht von seiner derzeitigen Analyse, also                 noch bevor es dort richtig los ging.<\/p>\n<p>Er war \u00fcberzeugt, dass etwas passieren m\u00fcsse, dass es nicht nur                 um diesen einen Anschlag gehe, sondern um die Rechte und die Freiheit                 im Land; es g\u00e4be keine Demokratie und es sei das erste Mal seit                 zwei Jahren, dass die Polizei wieder auf DemonstrantInnen schie\u00dfen                 w\u00fcrde. <\/p>\n<p>Nach dem Bombenanschlag gingen viele Menschen auf die Stra\u00dfen:                 in Kairo, Assiut und Mansura, um einige St\u00e4dte zu nennen. Das                 war neu auch f\u00fcr die koptischen ChristInnen, die zuvor ausschlie\u00dflich                 innerhalb der Kirche protestiert hatten. Der Papst der Kopten                 bekannte sich zu Mubarak.<\/p>\n<p>Es zeichnete sich hier schon ab, dass der Protest ein \u00fcbergreifender                 sein w\u00fcrde. Es gehe nicht um Religionen, sondern darum demokratische                 Strukturen zu entwickeln. Immerhin braucht mensch die Erlaubnis                 des Staates, um politisch aktiv sein zu d\u00fcrfen, eine sog. <i>party                 licence<\/i>, ohne die politische Aktionen strafbar sind.<b><\/b><\/p>\n<p>Maikel vertrat die Ansicht, dass die Regierung das Problem sei                 und die Religionsgemeinschaften gegeneinander hetzt, um von sich                 abzulenken; das Mubarak Regime habe ausgedient. <\/p>\n<p>Im Hinblick auf seine Kriegsdienstverweigerung \u00e4u\u00dferte ich meine                 \u00dcberraschung, dass er nach zwei Tagen Arrest als freie zivile                 Person von der Armee entlassen wurde. Wir erkl\u00e4rten uns diese                 Reaktion mit der Vermeidung irgendwelchen Aufsehens kurz vor den                 Wahlen. Es h\u00e4tte vielleicht Nachahmer gegeben, wenn Maikel als                 kriminalisierter Kriegsdienstverweigerer Aufmerksamkeit und Solidarit\u00e4t                 erfahren h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Er ist nicht der einzige antimilitaristisch Aktive in \u00c4gypten,                 sondern Teil einer Gruppe gegen Zwangsmilit\u00e4rdienst, &#8218;<i>No For                 Compulsory Military Service\u00b4 Movement<\/i>, bestehend aus etwa                 30 Personen. <\/p>\n<p>Mit der War Resisters&#8216; International (WRI) arbeitet er eng zusammen,                 und er ist interessiert an internationalen Kontakten.<\/p>\n<p>Insbesondere sei es wichtig, Erfahrungen in Demotechnik weiterzugeben                 (das war vor den Massendes in \u00c4gypten; inzwischen d\u00fcrften es die                 \u00e4gyptischen Erfahrungen sein, von denen andere lernen k\u00f6nnen).<\/p>\n<h3>Sie suchen ohne ideologische Vorbedingung die Zusammenarbeit                 mit Gruppen<\/h3>\n<p>Maikel ist gegen jeden Nationalismus und lehnt die in der arabischen                 Welt weit verbreitete Feindseligkeit gegen Israel ab.Israel sch\u00e4tzt                 er als modernen liberalen Staat. <\/p>\n<p>Er spricht sich gegen antisemitische Bestrebungen aus, die das                 Existenzrecht Israels verneinen, hat Freunde in Israel, arbeitet                 mit KriegsgegnerInnen in Israel zusammen, lernt selbst Hebr\u00e4isch                 und bietet auf seiner Homepage Texte nicht nur in Arabisch und                 Englisch, sondern auch auf Hebr\u00e4isch an.<\/p>\n<p>Als kurz nach unserem Besuch der zivile gewaltfreie Aufstand                 gegen Mubarak begann, war Maikel Nabil Sanad dabei. <\/p>\n<p>Am 4. Februar wurde er von der Milit\u00e4rpolizei festgenommen.<\/p>\n<p>WRI und DFG-VK forderten sofort zu Protestschreiben auf und machten                 bei der \u00c4gypten-Demonstration in Frankfurt auf die Festnahme aufmerksam.               <\/p>\n<p>Nach 29 Stunden kam Maikel wieder frei: Er schrieb unmittelbar                 nach seiner Freilassung: &#8222;Liebe Freunde, der Geheimdienst lie\u00df                 mich heute Morgen um sieben Uhr frei. Sie schlugen mich, misshandelten                 mich sexuell und drohten mir mit einem Milit\u00e4rstrafverfahren.                 Sie dr\u00e4ngten mich, in die Armee zu gehen, stahlen meinen Pass                 und mein Mobiltelefon. Es waren die schlimmsten Tage meines Lebens.                 Ich denke, sie taten es, um sich an mir wegen meiner Kriegsdienstverweigerung                 zu r\u00e4chen. Ich werde einige Tage brauchen, um mich von diesen                 schrecklichen Erfahrungen zu erholen&#8230;&#8220; (Mail vom 5.2.)<\/p>\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter erg\u00e4nzte er: &#8222;Als ich davor \u00fcber meine fr\u00fchere                 Verhaftung schrieb, habe ich diese als gewaltfreien Kampf zwischen                 mir und dem Regime betrachtet. Aber diesmal schreibe ich auf eine                 andere Art, weil dies das erste Mal ist, dass ich mich als Opfer                 f\u00fchle und das erste Mal, dass ich derart stark beleidigt wurde.                 Ich schreibe diesmal nicht um Revanche zu nehmen, aber um die                 Menschen wissen zu lassen was ihnen bevorsteht, wenn diese Revolution                 fehlschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Unsere Revolution sch\u00fctzt uns davor, dass derartige Aktionen                 gegen mich und alle von Euch wiederholt werden. (&#8230;) Der Geheimdienstbeamte                 kam und schlug mir ins Gesicht. Und was mich wirklich deprimiert                 hat, Leute vom Volkskomitee halfen der Armee, mich festzunehmen,                 weil sie dachten, die Armee sei auf unserer Seite.&#8220;<\/p>\n<p>Diese pro-milit\u00e4rische Einstellung teilen viele \u00c4gypterInnen,                 wie wir auch bei der \u00c4gypten-Demonstration am 5. Februar in Frankfurt                 a.M. h\u00f6ren konnten. So war ein Argument gegen die Solidarit\u00e4t                 mit Maikel, dass das Milit\u00e4r die einzige demokratische Organisation                 sei, in der die Menschen Gleichberechtigung erf\u00fchren, und die                 gr\u00f6\u00dfte Gefahr sei die Zersetzung der Armee. Verr\u00e4ter sollten bek\u00e4mpft                 werden. <\/p>\n<p>Sechs Jahrzehnte militaristische und nationalistische Indoktrination                 gehen offensichtlich nicht spurlos an den Menschen vorbei. Auch                 westliche Medien verbreiten das M\u00e4rchen des sch\u00fctzenden und volksnahen                 Milit\u00e4rs, nur weil es nicht gleich geschossen hat.<\/p>\n<p>Was diese Volksn\u00e4he bedeutet, konnte Maikel Nabil Sanad am eigenen                 Leib sp\u00fcren. Einer der Geheimdienstoffiziere erkl\u00e4rte ihm, dass                 sie in drei Stufen vorgingen. Bei der ersten Festnahme im November                 h\u00e4tten sie ihn gut behandelt. Jetzt habe er die zweite Stufe erlebt.                 Wie brutal nach den Schl\u00e4gen und Misshandlungen bei der zweiten                 Festnahme die dritte Stufe aussehen w\u00fcrde, erl\u00e4uterte der Geheimdienstmann                 nicht. <\/p>\n<p>Nach dem Abgang Mubaraks hat in \u00c4gypten das Milit\u00e4r die Macht                 \u00fcbernommen. <\/p>\n<h3>Ausgerechnet Kriegsminister Tantawi f\u00fchrt nun den Staat<\/h3>\n<p>Maikel zeigt sich auf seiner Homepage dar\u00fcber besorgt, dass die                 Militaristen die Macht an Islamisten und arabische Nationalisten                 \u00fcbergeben: &#8222;Wir machten diese Revolution f\u00fcr Demokratie, nicht                 f\u00fcr Faschisten. Nieder mit den Militaristen!&#8220; <\/p>\n<p>Maikel und die \u00e4gyptischen PazifistInnen und AntimilitaristInnen                 sind gerade dann, wenn das Milit\u00e4r herrscht, besonders gef\u00e4hrdet.                 Sie ben\u00f6tigen weiterhin transnationale Solidarit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entsprechend seiner Erkl\u00e4rung folgte Maikel Nabil Sanad im Oktober 2010 nicht der Einberufung zum Milit\u00e4rdienst. Am 12. November wurde er vom Geheimdienst verhaftet, zum Milit\u00e4r gebracht, f\u00fcr untauglich erkl\u00e4rt und nach zwei Tagen wieder freigelassen. Kurz darauf erhielt er seine offiziellen Entlassungspapiere. Begegnung in Kairo Am 4. 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