{"id":10545,"date":"2011-03-01T00:00:18","date_gmt":"2011-02-28T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10545"},"modified":"2022-07-26T14:12:30","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:30","slug":"das-sollen-die-volker-unter-sich-ausmachen-und-mich-da-rauslassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/03\/das-sollen-die-volker-unter-sich-ausmachen-und-mich-da-rauslassen\/","title":{"rendered":"&#8222;Das sollen die V\u00f6lker unter sich ausmachen und mich da rauslassen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Entgegen vieler kolportierter Meinungen begann PPZ nicht im Knast                 zu schreiben, in den ihn das deutsche Volk am 24. Mai 1974 und                 &#8211; weil es der Staatsanwaltschaft nicht ausreichte &#8211; am 12. M\u00e4rz                 1976 verbannt hatte. In der Revision f\u00fcr 15 Jahre, 10 davon musste                 er absitzen, obwohl sich PPZ-Initiativen im In- und Ausland mit                 diesem Gesinnungsurteil besch\u00e4ftigten und sich f\u00fcr eine Freilassung                 einsetzten. <\/p>\n<h3>Ein seltsames Leben<\/h3>\n<p>1944 in Freiburg geboren, lebte er mit seinen Eltern 9 Jahre                 in der DDR, bis sein Vater in Ungnade fiel und als Systemgegner                 1953 ausgewiesen wurde. Als dem Papa, einem Verleger, dann in                 der BRD Jobs als Parkplatzanweiser und Fahrstuhlf\u00fchrer angeboten                 wurden, &#8222;hat das&#8220; &#8211; so PPZ &#8211; &#8222;seine Liebe zur BRD ungeheuer bekr\u00e4ftigt!&#8220;<\/p>\n<p>Es folgten 11 Jahre in der BRD in Ratingen, bis er es 1964 vorzog,                 die Bundeswehr &#8222;rechts&#8220; liegen zu lassen und nach Berlin zu gehen,                 &#8222;wie das damals viele intelligente junge Menschen taten&#8220;. Wiederum                 11 Jahre bereicherte er die Westberliner &#8222;Szene&#8220;, bis er in D\u00fcsseldorf                 verhaftet und f\u00fcr 10 Jahre der Freiheit beraubt wurde. Als er                 endlich freikam, zog es ihn nach Grenada, dann nach Nicaragua,                 auf die Seychellen und nach Italien. <\/p>\n<p>Die letzten 25 Jahre schlie\u00dflich lebte er auf Jamaika, zuletzt                 mit Deborah Clark in einem Haus am Meer, schrieb Krimis und Theaterst\u00fccke                 und versuchte, sich \u00fcber Vermietung von Zimmern, Schriftstellerei                 und der Inszenierung seiner Theaterst\u00fccke am Leben zu halten,                 im t\u00e4glichen Kampf mit dem Salz, das seine Schreibmaschine angriff                 und seinen VW-Bus erlegte.<\/p>\n<p>Peter kam \u00fcber seinen Vater schon als Kind mit Grafikern und                 Schriftstellern zusammen. Ganz folgerichtig gr\u00fcndete er 1967 &#8222;Spartacus,                 Zeitschrift f\u00fcr lesbare Literatur&#8220; und gewann beim Kreuzberger                 Kurzgeschichten-Wettbewerb 1968 den zweiten Preis. Anarchisten                 fanden damals nur schwer Druckereien, so war es durchaus logisch,                 dass PPZ bzw. Pepe sich in der Urbanstra\u00dfe eine alte Rotaprint                 aufstellte, um Plakate, Flugbl\u00e4tter und seine Gedichte zu drucken.               <\/p>\n<p>Um die gro\u00dfformatige, anarchistische Zeitschrift &#8222;agit 883&#8220; zu                 drucken, ben\u00f6tigte man mehr Raum, so wurde die Druckerei nach                 Berlin-Britz verlegt, wo schon Erich M\u00fchsam gelebt hatte. Seit                 dieser Zeit war PPZ den Repressalien der politischen Polizei ausgesetzt.               <\/p>\n<p>Da die Druckerzeugnisse meist anonym waren, hielt sich die an                 den Drucker. Hausdurchsuchungen, Razzien, Beschlagnahmungen geh\u00f6rten                 zum Alltag; seine Lebensgef\u00e4hrtin hielt den Druck nicht aus und                 wurde psychisch krank; bei einer Razzia wurde der Aufruf zur Gr\u00fcndung                 der RAF entdeckt, so dass sich PPZ direkt vor Gericht fand; es                 wurden Akten angelegt, die Folgen haben sollten. <\/p>\n<p>1970 ver\u00f6ffentlichte er seinen ersten Roman &#8222;Von einem, der auszog                 Geld zu verdienen&#8220;, die Geschichte eines Fachhilfsarbeiters, der                 nach Berlin zieht, um Geld zu verdienen und nach einer DDR-freundlichen                 Demonstration wieder in die BRD zur\u00fcckgeschickt wird. Ein Verlierer,                 wie viele in Zahls Romanen, denen seine Sympathie galt und die                 er vor dem \u00fcberm\u00e4chtigen System gerne in Schutz genommen h\u00e4tte,                 wie Johann Georg Elser, der Hitler fast in die Luft gesprengt                 h\u00e4tte und dem Zahl mit einem Theaterst\u00fcck w\u00e4hrend seiner Gef\u00e4ngniszeit                 <i>sein<\/i> Denkmal setzte, als noch kaum jemand in Ost und West                 Elser auch nur erw\u00e4hnte. Urspr\u00fcnglich geschrieben f\u00fcr Claus Peymann,                 der das St\u00fcck urauff\u00fchrte, inszenierte Zahl es sp\u00e4ter an der Heidenheimer                 Naturschaub\u00fchne mit gro\u00dfem Spa\u00df selbst. <b><\/b><\/p>\n<p>Letztlich blieb aber seine Verhaftung mit dem Schusswechsel immer                 an ihm kleben, die Nachrufe verdeutlichen dies erneut. Peter O.                 Chotjewitz hat Zahls Situation 2009 treffend auf den Punkt gebracht:<\/p>\n<p><i>&#8222;PP hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er sich die                 zwei Polizisten vom Leibe halten, sie aber nicht treffen wollte,                 und dass er den Tod eines anderen in einer Situation wie damals                 prinzipiell nicht billigend in Kauf nehmen w\u00fcrde. &#8211; Geglaubt hat                 ihm keiner. Es war sicherheitspolitisch nicht opportun.&#8220;<\/i> <\/p>\n<p>Und da waren ja schlie\u00dflich auch noch die alten Akten aus Berlin                 mit der beschlagnahmten, nicht publizierten <i>883<\/i>-Nummer,                 ein hinreichender Beweis f\u00fcr die Gef\u00e4hrlichkeit dieses Menschen.                 Vor Gericht wunderte sich Zahl eigentlich nicht \u00fcber die Hysterie                 des Machtapparats in den 70er Jahren, f\u00fcr ihn war klar, dass &#8222;das                 System keine Fehler macht&#8220;, sondern &#8222;der Fehler ist&#8220;; und obwohl                 es f\u00fcr ihn so dramatisch gewesen ist, dass aus der &#8222;gef\u00e4hrlichen                 K\u00f6rperverletzung&#8220; 1974, zwei Jahre sp\u00e4ter, ein doppelter Mordversuch                 wurde, konnte er diese &#8222;Gesinnungsjustiz&#8220;, wie Erich Fried den                 Fall anprangerte, im Nachhinein &#8222;Im Namen des Volkes&#8220; gelassen                 sarkastisch kommentieren. <\/p>\n<p>Manches w\u00e4re noch zu sagen, die zeitweise Ausb\u00fcrgerung 2002 aus                 Deutschland z.B., der er heftig widersprach, nicht weil er pl\u00f6tzlich                 stolz war, ein Deutscher zu sein, sondern weil er den Nebenerwerb                 durch T\u00e4tigkeiten wie Theaterst\u00fccke zu inszenieren und in Deutschland                 B\u00fccher zu publizieren dringend brauchte und ohne deutschen Pass                 als &#8222;Drittstaatenangeh\u00f6riger&#8220; hier keine Arbeitserlaubnis bekommen                 h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Wer sich ein Bild des fr\u00fchen PPZ machen m\u00f6chte, dem sei in Antiquariaten                 das Buch &#8222;Waffe der Kritik&#8220; aus dem Jahr 1977 empfohlen, in dem                 PPZ Artikel aus <i>883<\/i>, <i>Revolte<\/i>, <i>Der Metzger<\/i>                 und <i>Spontan<\/i> zusammen mit von den Redaktionen <i>Konkret<\/i>,                 <i>Spontan<\/i>, <i>Langer Marsch<\/i> und <i>Links<\/i> abgelehnten                 Artikeln ver\u00f6ffentlichte. <\/p>\n<p>Wer sich die Theaterst\u00fccke zu Elser, Don Juan oder Friedrich                 Schiller ansehen m\u00f6chte, wird bei der Trotzdem Verlagsgenossenschaft                 f\u00fcndig, wer gerne schm\u00f6kert, sollte aber anstatt auf die Krimis                 lieber auf &#8222;Die Gl\u00fccklichen&#8220; oder den k\u00fcrzeren &#8222;Domr\u00e4uber&#8220; zugreifen,                 B\u00fccher, die PPZ im Gef\u00e4ngnis geschrieben hat, &#8222;um dort \u00fcberleben                 zu k\u00f6nnen&#8220;, die Spa\u00df machen oder f\u00fcr die Verlierer eintreten und                 deshalb ihren Autor nicht verleugnen, der trotz allem immer viel                 gelacht und noch h\u00e4ufiger gegrinst hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entgegen vieler kolportierter Meinungen begann PPZ nicht im Knast zu schreiben, in den ihn das deutsche Volk am 24. Mai 1974 und &#8211; weil es der Staatsanwaltschaft nicht ausreichte &#8211; am 12. M\u00e4rz 1976 verbannt hatte. In der Revision f\u00fcr 15 Jahre, 10 davon musste er absitzen, obwohl sich PPZ-Initiativen im In- und Ausland mit &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/03\/das-sollen-die-volker-unter-sich-ausmachen-und-mich-da-rauslassen\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Das sollen die V\u00f6lker unter sich ausmachen und mich da rauslassen\" - graswurzelrevolution","description":"Entgegen vieler kolportierter Meinungen begann PPZ nicht im Knast zu schreiben, in den ihn das deutsche Volk am 24. 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