{"id":10561,"date":"2011-04-01T00:00:42","date_gmt":"2011-03-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10561"},"modified":"2022-07-26T14:22:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:40","slug":"moralischer-bankrott","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/moralischer-bankrott\/","title":{"rendered":"Moralischer Bankrott"},"content":{"rendered":"<p>Europa verliert im Zuge der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen seine                 willf\u00e4hrigen Partner bei der Fl\u00fcchtlingsbek\u00e4mpfung &#8211; die Diktatoren                 Hosni Mubarak und Zine el-Abidine Ben Ali sind bereits aus dem                 Amt gejagt.<\/p>\n<p>Und der wichtigste Gendarm f\u00fcr Europa, der libysche Diktator                 Muammar Al-Gaddafi, ist mittlerweile wieder &#8222;persona non grata&#8220;.<\/p>\n<p>Die jahrelange Kooperation bei der Fl\u00fcchtlingsbek\u00e4mpfung und                 im sogenannten Krieg gegen den Terrorismus mit diktatorischen                 Regimes, ist eine moralische Bankrotterkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Europa, das sich au\u00dfer in Sonntagsreden, nicht um Demokratie                 und Menschenrechte scherte, muss sich v\u00f6llig neu ausrichten. Auch                 wenn wir heute noch nicht wissen, wer das k\u00fcnftige Libyen regiert                 und wie die Demokratisierungsprozesse in Tunesien, \u00c4gypten und                 anderswo noch weitergehen: Die alte Gesch\u00e4ftsgrundlage &#8211; Geld                 f\u00fcr Diktatoren bei der Fl\u00fcchtlingsabwehr, egal wie hoch der menschenrechtliche                 Preis ist &#8211; existiert nicht mehr. Ob Europa aus dem Scheitern                 seiner fatalen Fl\u00fcchtlings- und Nachbarschaftspolitik lernt, ist                 fraglich.<\/p>\n<h3>Versenkte Menschenrechte<\/h3>\n<p>Zur Erinnerung: Im Mai 2010 feierte die EU-Grenzagentur Frontex                 ihr f\u00fcnfj\u00e4hriges Bestehen. <\/p>\n<p>In dieser halben Dekade sind tausende Bootsfl\u00fcchtlinge auf dem                 Weg nach Europa gestorben und \u00fcber 10.000 zwangsweise in Drittstaaten,                 wie Libyen, Marokko, Mauretanien, T\u00fcrkei zur\u00fcck verfrachtet worden.                 Die europ\u00e4ische Grenzagentur Frontex hat dieses menschenrechtliche                 Desaster nicht allein verursacht, jedoch ist diese Agentur der                 Beleg der aktuellen Fl\u00fcchtlingspolitik: Europa versucht bereits                 weit vor den eigenen Grenzen, Fl\u00fcchtlinge und MigrantInnen abzufangen                 und zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. <\/p>\n<p>Damit verschwinden die Orte der Menschenrechtsverletzungen und                 des Sterbens aus unserem Blickfeld. Gelangten im Jahr 2008 etwa                 70.000 Bootsfl\u00fcchtlinge lebend an die europ\u00e4ischen K\u00fcsten, so                 registrierte Frontex bereits 2009 nur noch knapp 45.000 Ank\u00fcnfte.               <\/p>\n<p>In den Sommermonaten 2010 war die Anzahl der ankommenden Boote                 so gering, dass selbst die allj\u00e4hrliche Berichterstattung \u00fcber                 Fl\u00fcchtlingsdramen im Mittelmeer und Atlantik weitgehend ausfiel.<\/p>\n<p>Die italienische K\u00fcstenwache hat allein seit Mai 2009 \u00fcber 2000                 Bootsfl\u00fcchtlinge in die &#8222;libysche H\u00f6lle&#8220; zur\u00fcckverwiesen. In den                 Auffanglagern dort kam es regelm\u00e4\u00dfig zu Misshandlungen, Vergewaltigungen,                 Folter und Ermordungen &#8211; so das Europ\u00e4ische Parlament in einer                 Entschlie\u00dfung vom 17. Juni 2010. Italiens Innenminister Maroni                 lobte dagegen die gemeinsamen Operationen mit Libyen und sprach                 von einem &#8222;Modell f\u00fcr Europa&#8220;. Italien versenkte die Menschenrechte                 im Mittelmeer und die EU-Kommission, die Mitgliedsstaaten, auch                 Deutschland, haben geschwiegen zu diesen Menschenrechtsverletzungen,                 als Italien Tausende von Menschen zur\u00fcckgeschickt hat.<\/p>\n<p>Statt die Regierung in Rom zu sanktionieren, verhandelte Br\u00fcssel                 unter Hochdruck mit Tripolis \u00fcber ein &#8222;Kooperations- und Partnerschaftsabkommen&#8220;,                 um die Zusammenarbeit bei der Fl\u00fcchtlingsbek\u00e4mpfung zu intensivieren.               <\/p>\n<p>Jahrelang hofierten die EU und ihre Mitgliedsstaaten das Regime                 von Gaddafi. Libyen wurde nicht nur mit Schiffen, Grenz\u00fcberwachungstechnik,                 Leichens\u00e4cken und Geldern f\u00fcr Abschiebungsfl\u00fcge beliefert.<\/p>\n<h3>Tabubruch<\/h3>\n<p>Die EU-Kommissarin Cecilia Malmstr\u00f6m hat im Oktober 2010 w\u00e4hrend                 eines Besuchs in Tripolis ein erstes Abkommen \u00fcber Migrationszusammenarbeit                 geschlossen. Malmstr\u00f6m erhielt Beifall von den EU-Innenministern.                 Innereurop\u00e4isch qu\u00e4lt die Kommission sie mit Vorschl\u00e4gen, ein                 gemeinsames europ\u00e4isches Asylrecht zu schaffen, das etwas menschlicher                 und zivilisierter gestaltet werden soll. <\/p>\n<p>Das Bundesinnenministerium hat diesen Pl\u00e4nen mehrfach eine klare                 Absage erteilt. Die Reise der Kommissarin nach Tripolis zeigte                 aber aus Sicht der Festungsbauer, dass Br\u00fcssel zumindest an der                 Au\u00dfenfront richtig tickt.<\/p>\n<h3>Ein bisschen &#8222;Asyl&#8220; in Libyen anstatt Schutz in Europa <\/h3>\n<p>Die EU wollte den libyschen Beh\u00f6rden beim Screening derjenigen                 helfen, die internationalen Schutz brauchen. Ein paar wenige Fl\u00fcchtlinge                 k\u00f6nnte dann auch Europa abnehmen.<\/p>\n<p>Der Rest muss zur\u00fcck. Alles vertraute Ideen. Als der fr\u00fchere                 Bundesinnenminister Otto Schily 2004 sein Konzept der Fl\u00fcchtlingsabwehr                 &#8211; &#8222;Lager in Nordafrika&#8220; &#8211; vorstellte, entbrannte noch ein Sturm                 der Entr\u00fcstung.<\/p>\n<p>Aber immerhin: Die EU-Kommissarin beschrieb in ihrem Blog im                 Oktober 2010, dass sie nach Gespr\u00e4chen mit inhaftierten Fl\u00fcchtlingen                 in Libyen sehr schlecht geschlafen habe.<\/p>\n<p>PRO ASYL appelliert im September 2010 an das Europ\u00e4ische Parlament,                 die klare Verurteilung Libyens vom Juni in politisches Handeln                 umzusetzen und die Kommission zu stoppen. Alle Kooperationen mit                 dem Regime im Politikfeld Flucht und Migration sollten unverz\u00fcglich                 eingestellt werden.<\/p>\n<p>Erst am 22. Februar 2011 als Gaddafi bereits wegen seiner blutigen                 Niederschlagung des Aufstand international isoliert war, verk\u00fcndete                 die EU-Au\u00dfenbeauftragte Catherine Ashton, dass die Verhandlungen                 mit Libyen \u00fcber ein sogenanntes Rahmenabkommen ausgesetzt werden.               <\/p>\n<p>Die Einsicht, dass man mit dem Diktator keine schmutzigen Deals                 machen kann, kam viel zu sp\u00e4t. Es war bereits ein menschenrechtlicher                 Tabubruch, dass diese Verhandlungen seit 2008 mit Hochdruck gef\u00fchrt                 wurden. Gaddafi wurde von europ\u00e4ischen Staaten wie Italien und                 der EU &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes &#8211; f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingsbek\u00e4mpfung                 aufger\u00fcstet. Die einfache Wahrheit: Mit dem libyschen Regime lie\u00df                 sich kein Fl\u00fcchtlingsschutz organisieren und niemand der politisch                 Verantwortlichen in Europa glaubte das. <\/p>\n<p>EU-Kommissarin Malmstr\u00f6m streute zwar bei jeder Erkl\u00e4rung zu                 dieser &#8222;schwierigen Partnerschaft&#8220; ein, dass die EU-Kommission                 die Grundrechte von Fl\u00fcchtlingen und MigrantInnen in Libyen ins                 Zentrum aller Bem\u00fchungen stellen m\u00f6chte. Das jahrelange Anbiedern                 an das libysche Regime der EU und ihrer Mitgliedsstaaten verfolgte                 jedoch nur einen Zweck: Schutzsuchende um jeden Preis an der Weiterflucht                 nach Europa zu hindern.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn die Menschen kommen wollen, dann schaffen sie es auch&#8220;,                 so der Frontex Chef Ilka Laitinen in einem Spiegelgespr\u00e4ch im                 Februar 2011. &#8222;Wir k\u00f6nnen sie ja nicht erschie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<h3>Kurswechsel? &#8211; Solidarische und menschenw\u00fcrdige Aufnahme<\/h3>\n<p>Die EU muss den Nachbarstaaten \u00c4gypten und Tunesien jede erdenkliche                 Hilfe auch im Zusammenhang mit neu ankommenden Fl\u00fcchtlingen aus                 Libyen zukommen lassen.<\/p>\n<p>Das Leben Tausender in Libyen gestrandeter Transitfl\u00fcchtlinge                 und MigrantInnen, die aus den Krisenl\u00e4ndern Afrikas wie Eritrea,                 Somalia und Tschad, aber auch aus den s\u00fcdlicheren L\u00e4ndern Afrikas,                 muss gerettet werden. <\/p>\n<p>Diese waren bereits vor der exzessiven Gewaltanwendung des Regimes                 gegen die Oppositionsbewegung &#8222;Freiwild&#8220; in Libyen.<\/p>\n<p>UN- Fl\u00fcchtlingskommissar Antonio Guterres fordert bezogen auf                 die \u00fcber 11.000 von UNHCR in Libyen registrierten Fl\u00fcchtlinge                 aus Drittstaaten ein &#8222;emergency resettlement&#8220;. <\/p>\n<p>Die EU muss diese Transitfl\u00fcchtlinge in Libyen evakuieren und                 in Europa aufnehmen. Deutschland sollte &#8211; \u00e4hnlich wie im Falle                 der irakischen Fl\u00fcchtlinge &#8211; gro\u00dfz\u00fcgig seinen Teil dazu beitragen.<\/p>\n<p>Die EU muss sicherstellen, dass die Zur\u00fcckweisung und das Abdr\u00e4ngen                 von Bootsfl\u00fcchtlingen aufh\u00f6ren. Bootsfl\u00fcchtlinge haben das Recht                 auf eine menschenw\u00fcrdige Aufnahme in einen sicheren europ\u00e4ischen                 Hafen und auf ein rechtsstaatliches Asylverfahren.<\/p>\n<p>Im Falle einer verst\u00e4rkten Fluchtbewegung aus Libyen oder anderen                 nordafrikanischen Staaten sollte eine EU-weite Verteilung der                 neu ankommenden Schutzsuchenden nach humanit\u00e4ren Kriterien erfolgen.<\/p>\n<p>Europa verf\u00fcgt \u00fcber rechtliche Instrumentarien, um nach dem Prinzip                 der &#8222;doppelten Freiwilligkeit&#8220; &#8211; der Schutzsuchende und der jeweilige                 Aufnahmestaat stimmen zu &#8211; eine solidarische Aufnahme zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Europa kann nur dann etwas Glaubw\u00fcrdigkeit in Menschenrechtsfragen                 zur\u00fcckgewinnen, wenn die viel zu sp\u00e4t erhobenen Forderungen nach                 Regimewechsel und Demokratisierung in Nordafrika einhergehen mit                 einer grundlegenden Revision der europ\u00e4ischen Nachbarschaftspolitik.               <\/p>\n<p>Eine Kooperation mit diktatorischen Regimes in der Fl\u00fcchtlingspolitik                 darf es nicht mehr geben. Diese Konsequenz und die Frage, inwieweit                 Europa eine menschenw\u00fcrdige, solidarische Aufnahme von Bootsfl\u00fcchtlingen                 in Zukunft gew\u00e4hrleistet, werden f\u00fcr PRO ASYL der Lackmustest                 sein, inwieweit Europa zu einer menschenrechtlichen Neuausrichtung                 bereit ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa verliert im Zuge der revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzungen seine willf\u00e4hrigen Partner bei der Fl\u00fcchtlingsbek\u00e4mpfung &#8211; die Diktatoren Hosni Mubarak und Zine el-Abidine Ben Ali sind bereits aus dem Amt gejagt. Und der wichtigste Gendarm f\u00fcr Europa, der libysche Diktator Muammar Al-Gaddafi, ist mittlerweile wieder &#8222;persona non grata&#8220;. 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