{"id":10581,"date":"2011-04-01T00:00:54","date_gmt":"2011-03-31T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10581"},"modified":"2022-07-26T14:22:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:39","slug":"wir-brauchen-den-druck-auf-den-ausschaltknopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/wir-brauchen-den-druck-auf-den-ausschaltknopf\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir brauchen den Druck auf den Ausschaltknopf!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wir alle haben gedacht: Tschernobyl, das ist doch Mahnung genug.                 Tschernobyl, das muss doch reichen. Wer hat es nicht verstanden                 &#8211; nach Tschernobyl? Heute wissen wir, Politik und Atomindustrie                 sind offensichtlich nicht lernf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Statt alle Atomkraftwerke abzuschalten, haben wir eine Laufzeitverl\u00e4ngerung                 bekommen. Statt dar\u00fcber nachzudenken, wie risikoarme Energieversorgung                 aussehen k\u00f6nnte, werden weiterhin Atomkraftwerke gebaut. Selbst                 jetzt noch k\u00fcndigen China, die T\u00fcrkei, Chile, Wei\u00dfrussland, Finnland,                 Polen und andere L\u00e4nder an, unbedingt weiter bauen zu wollen.                 Es gibt viele L\u00e4nder, die AKWs planen.<\/p>\n<p>Heute ist ein Tag, von dem ich pers\u00f6nlich immer gehofft habe,                 er w\u00fcrde nie kommen. <\/p>\n<p>Wir sind seit Tschernobyl so viele Male auf die Stra\u00dfe gegangen.                 Und ich sage Euch eins: <\/p>\n<p>Wenn wir nicht aus Fukushima lernen, haben wir wirklich nichts                 gelernt. <\/p>\n<h3>Wenn wir hier bei uns etwas \u00e4ndern wollen, dann f\u00e4ngt das mit                 Abschalten aller Atomanlagen an. Abschalten, jetzt sofort!<\/h3>\n<p>Ich glaube, fast alle hier gucken t\u00e4glich Fernsehen, und das                 sind Nachrichten, Bilder, von denen man glaubt, sie k\u00f6nnten in                 irgendwelchen Horrorfilmen stattfinden: in die Luft fliegende                 Atomkraftwerke. <\/p>\n<p>Es gibt Meldungen, da sei das K\u00fchlwasser nicht mehr da, Meldungen,                 es gibt keine Notfallpumpen mehr, Meldungen, der Wind drehe sich                 nun doch Richtung Tokio, Meldungen, dass 200.000 Menschen bereits                 evakuiert worden sind. Aber wohin? <\/p>\n<p>Wenn man sich die Folgen des Erdbebens ansieht, das ja schon                 schlimm genug ist, wenn da von 10.000 Toten die Rede ist durch                 ein Erdbeben, wie will man alle diese Katastrophen gleichzeitig                 in den Griff bekommen?<\/p>\n<h3>Ich glaube, heute k\u00f6nnen wir nur eines mit Sicherheit sagen:                 Die Katastrophe hat gerade erst begonnen. <\/h3>\n<p>Sie hat noch nicht ihren H\u00f6hepunkt erreicht. <\/p>\n<p>Wir wissen noch nicht, wo es wirklich hingeht. Wir sind noch                 mittendrin.<\/p>\n<p>Das sind Dinge, f\u00fcr die man auch kaum Sprache finden kann. Ich                 glaube, das kann man sich einfach nicht vorstellen. Ich m\u00f6chte                 an diesem Punkt deutlich sagen: F\u00fcr uns ist es v\u00f6llig zweitrangig                 in dieser Situation, ob irgendwann eine Wolke oder eine halbe                 Wolke nach Deutschland kommt. Das ist in dieser Stunde nicht die                 Frage.<\/p>\n<p>Woran wir denken, sind die Menschen in Japan. Wir k\u00f6nnen nur                 hoffen, dass die Reaktortechniker in Fukushima irgendetwas finden,                 um diese Reaktoren halbwegs unter Kontrolle zu bringen. Denn mehr                 als halbwegs scheint ja kaum noch drin zu sein. <\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen nur hoffen, dass sie irgendetwas finden, was offensichtlich                 in keinem Betriebshandbuch steht, um die Sache halbwegs \u00fcber die                 Runden zu bekommen.<\/p>\n<p>Aber wir m\u00fcssen uns darauf einrichten, dass es noch schlimmer                 wird. Und ich frage mich, wie will man in einem dichtbesiedelten                 Land wie Japan all die Menschen wirklich evakuieren? Will man                 das je nach Windrichtung machen? <\/p>\n<p>Heute ist der Atomflugzeugtr\u00e4ger &#8222;Ronald Reagan&#8220; abgedreht. Warum?                 Weil er 140 Kilometer vor der japanischen K\u00fcste in die Strahlenwolke                 gefahren ist. Daran sehen wir: Dies ist die Realit\u00e4t, dies ist                 kein Hollywood-Film, wo irgendwelche Heroen ohne R\u00fccksicht auf                 das eigene Leben die Welt retten. Dies ist die bittere Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wie sollen die Rettungsmannschaften \u00fcber zerst\u00f6rte Stra\u00dfen, zerst\u00f6rte                 Eisenbahnlinien nach Fukushima kommen? <\/p>\n<p>All diese Fragen gehen uns durch den Kopf. Ich glaube, niemand                 hat eine Antwort.<\/p>\n<p>Wenn man sich jedenfalls die Bekundungen der japanischen Regierung,                 die hilflosen Statements vor der Presse anh\u00f6rt, dann erinnert                 mich das sehr an Tschernobyl. Wir wissen nichts, wir k\u00f6nnen nichts                 sagen, und was wir wissen, sagen wir trotzdem nicht, weil wir                 keine Panik machen wollen. Wir erfahren alles nur bruchst\u00fcckweise,                 und dann wom\u00f6glich auch noch gelogen.<\/p>\n<p>Deshalb finde ich es sehr wichtig, dass wir nicht stumm bleiben.                 Wir d\u00fcrfen nicht in der Schockstarre verharren. Damit ist niemanden                 geholfen. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen jetzt demonstrieren, wir m\u00fcssen jetzt selber die Sache                 in die Hand nehmen. Wir d\u00fcrfen uns nicht auf die Regierung und                 ihre Bekundungen verlassen. Und das bedeutet, dass wir konkrete                 Solidarit\u00e4t mit den Menschen in Japan zeigen. Das wird sicherlich                 noch ein sehr langer Prozess werden, der auf uns zukommt, das                 haben wir aus Tschernobyl gelernt: Solidarit\u00e4t h\u00f6rt nicht nach                 einigen Tagen oder Wochen wieder auf; Solidarit\u00e4t muss sehr lange                 halten.<\/p>\n<p>An diesem Punkt m\u00f6chte ich auch auf die j\u00fcngste Pressekonferenz                 der Kanzlerin und von Herrn Westerwelle eingehen: Es ist absolut                 unzureichend, jetzt ein dreimonatiges Moratorium zu verk\u00fcnden,                 wo man dann mal gucken will, wie&#8217;s denn weitergeht mit der Atomkraft.                 Denn was will man da gucken, was will man da sicherheits\u00fcberpr\u00fcfen?                 Die Fakten liegen doch alle auf dem Tisch.<\/p>\n<p>Sie wurden letztes Jahr, vor der Laufzeitverl\u00e4ngerung, alle noch                 einmal auf den Tisch gelegt.<\/p>\n<p>Wir wissen doch l\u00e4ngst, dass viele Atomkraftwerke keine vern\u00fcnftigen                 Notstromversorgungen haben. Wir wissen doch l\u00e4ngst, dass Biblis                 A und Biblis B bei Erdbeben Probleme bekommen. Wir wissen, dass                 es mit der K\u00fchlung in Biblis schlechter steht als in Fukushima.               <\/p>\n<p>Wir wissen, dass die alten, maroden Reaktoren Risse haben oder                 jederzeit Risse bekommen k\u00f6nnen. Wir wissen, dass, wenn irgendwo                 der Strom ausf\u00e4llt, wie zum Beispiel in Kr\u00fcmmel 2007, das n\u00e4chste                 Atomkraftwerk auch abgeschaltet werden kann, wie zum Beispiel                 Brunsb\u00fcttel. Alles nur eine &#8222;kleine Panne&#8220;. Kr\u00fcmmel und Brunsb\u00fcttel                 liegen aber schon dreieinhalb Jahre still und k\u00f6nnen nicht mehr                 richtig ans Netz gebracht werden. <\/p>\n<p>All das wissen wir schon, Frau Merkel! Dazu brauchen wir keine                 neuen Sicherheitsuntersuchungen. Was wir brauchen, ist der Druck                 auf den Ausschaltknopf.<\/p>\n<p>Und ich muss ehrlich sagen, ich habe eine Sache auf der Pressekonferenz                 heute und am Samstag v\u00f6llig vermisst: Warum schickt Deutschland                 eigentlich nicht seine angeblich so hoch ausgebildeten und qualifizierten                 Kerntechniker und Reaktorspezialisten nach Japan, um den Spezialisten                 dort in ihrem verzweifelten Kampf zu helfen? <\/p>\n<p>Wo bleiben unsere Spezialisten, die angeblich alles im Griff                 haben, die uns jetzt erz\u00e4hlen, jedes einzelne Atomkraftwerk in                 Deutschland sei sicherer als die Atomkraftwerke in Japan? <\/p>\n<p>Wir sind ja hier offensichtlich die Wunderm\u00e4nner. <\/p>\n<p>Aber keiner unserer Spezialisten traut sich nach Japan, das ist                 doch die bittere Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Und das ist v\u00f6llig unverantwortlich. <\/p>\n<p>Irgendwo m\u00fcssen wir anfangen. Die Verantwortung beginnt bei uns                 vor der Haust\u00fcr. <\/p>\n<h3>Und deshalb: Raus aus der Atomenergie, jetzt sofort!<\/h3>\n<p>Es ist nicht so, wie Herr R\u00f6ttgen behauptet, die Reaktorkatastrophe                 sei weit weg. Wir sind viel mehr mit der japanischen Atomindustrie                 verbandelt, als uns lieb ist. <\/p>\n<p>50 Kilometer weiter steht die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage                 in Gronau. Sie wird betrieben von einem internationalen Konzern,                 der nennt sich Urenco. <\/p>\n<p>Ein Drittel der Anteile geh\u00f6rt dem britischen Staat, ein Drittel                 geh\u00f6rt dem niederl\u00e4ndischen Staat, und das restliche Drittel geh\u00f6rt                 E.on und RWE. Und diese Urenco hat sich jahrelang damit gebr\u00fcstet,                 dass sie angereichertes Uran zur Brennstabproduktion unter anderem                 nach Japan liefert. Urenco ist keine kleine Klitsche. Der Konzern                 Urenco beliefert insgesamt ein Viertel des Weltmarktes. Ein gro\u00dfer                 Teil davon kommt auch aus Gronau, hier in Westfalen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft konkret, rund ein Viertel aller Atomkraftwerke weltweit                 wird durch angereichertes Uran von der Urenco mit Brennst\u00e4ben                 versorgt. Die Urenco in Gronau musste heute, nachdem Anti-Atom-Initiativen                 Druck gemacht haben, einr\u00e4umen, dass auch sie angereichertes Uran                 nach Japan liefert. Zwar nicht an TEPCO, sondern an den Konkurrenten                 Kansai, aber die Urenco h\u00e4ngt mittendrin in dem Gesch\u00e4ft, da wird                 jahrelang dickes Geld verdient. Und aus der Schwester-UAA im benachbarten                 niederl\u00e4ndischen Almelo wurde konkret angereichertes Uran an den                 Fukushima-Betreiber TEPCO geliefert &#8211; und auch daran haben die                 Mutterkonzerne EON und RWE mitverdient. Wir sind viel n\u00e4her an                 Japan, als es uns lieb ist.<\/p>\n<p>Und hinter uns ist das Regierungspr\u00e4sidium, das ist die untere                 Atomaufsichtsbeh\u00f6rde. Ich erwarte, dass der Herr Pacziorek und                 die Frau Kraft von der Landesregierung, dass der Herr R\u00f6ttgen                 diese Urananreicherungsanlage endlich stilllegen, dass sie den                 Export nach Japan und in die anderen L\u00e4nder endlich unterbinden.<\/p>\n<p>Fukushima ist nicht irgendwo. Das wird alles von irgendwoher                 angeliefert. RWE und E.on machen damit dicke Gesch\u00e4fte. <\/p>\n<p>Die verstecken sich hinter Briefk\u00e4sten, die dann z. B. Urenco                 hei\u00dfen. Aber die Mitverantwortung liegt auch in den Konzernzentralen,                 in Essen und in D\u00fcsseldorf. Da ist es v\u00f6llig egal, ob die Brennst\u00e4be                 in dieses oder jenes AKW gehen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen noch einmal ganz von vorne anfangen und uns fragen,                 was wir mit der Atomtechnologie eigentlich machen und wer daf\u00fcr                 verantwortlich ist. Und da m\u00fcssen schnell Konsequenzen gezogen                 werden, daf\u00fcr brauchen wir kein Moratorium. Da kann man einfach                 sagen: So nicht &#8211; wir schalten jetzt ab! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir alle haben gedacht: Tschernobyl, das ist doch Mahnung genug. Tschernobyl, das muss doch reichen. Wer hat es nicht verstanden &#8211; nach Tschernobyl? Heute wissen wir, Politik und Atomindustrie sind offensichtlich nicht lernf\u00e4hig. 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