{"id":10595,"date":"2011-04-01T00:00:06","date_gmt":"2011-03-31T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10595"},"modified":"2022-07-26T14:24:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:03","slug":"gaddafi-als-kunde-in-gronau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/gaddafi-als-kunde-in-gronau\/","title":{"rendered":"Gaddafi als Kunde in Gronau"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sogar der sauerl\u00e4ndische Eishockeyclub ECD Iserlohn, der in den 80er Jahren auf den Trikots ihrer Mannschaft Werbung f\u00fcr Gaddafis &#8222;Das gr\u00fcne Buch&#8220; machte, in der taz ((2)) seine Vergangenheit aufarbeitete, ist es um Gronaus und Almelos Verwicklungen in den libyschen Versuch, sich Atomwaffen zu beschaffen, merkw\u00fcrdig still.<\/p>\n<p>Hier werden seit Jahrzehnten zwei gro\u00dfe Urananreicherungsanlagen betrieben, in denen Uranhexafluorid in mehreren Zwischenschritten zu nuklearem Brennstoff f\u00fcr Dutzende von Atomkraftwerken weiterverarbeitet wird.<\/p>\n<p>Bereits 1969 bekundeten Gaddafi sowie Vertreter Saudi-Arabiens und die Emire aus den Golfstaaten bei einem Treffen mit dem pakistanischen Premierminister Bhutto in Libyen ihr gro\u00dfes Interesse, von den Erfahrungen bei der Entwicklung des pakistanischen Atomwaffenprojekts zu profitieren ((3)).<\/p>\n<p>&#8222;Am Ende erkl\u00e4rten Gaddafi und die Saudis sich bereit, zun\u00e4chst rund 500 Millionen Dollar f\u00fcr die &#8218;islamische Bombe&#8216; zu investieren, m\u00f6glicherweise langfristig auch mehr; sie verlangten daf\u00fcr den uneingeschr\u00e4nkten Zugang zur pakistanischen Bombentechnik, die Weitergabe nicht nur von Kow-how, sondern von jedweder Nukleartechnologie, deren Anschaffung die Allianz mit ihrer Finanzspritze erm\u00f6glichen w\u00fcrde.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>1974 besuchte Gaddafi Pakistan und in den folgenden zwei Jahren brachten Geldkuriere Koffer voller Banknoten nach Karatschi, damit die Summen nicht auf offiziellen Konten auftauchten.<\/p>\n<h3>URENCO als Ausgangspunkt f\u00fcr Nuklearterrorismus<\/h3>\n<p>Ab 1973 arbeitete der flie\u00dfend deutsch und niederl\u00e4ndisch sprechende pakistanische Wissenschaftler Qadeer Khan in dem britisch-niederl\u00e4ndisch-deutschen Konsortium URENCO. Ohne gro\u00dfe Probleme konnte er sich in kurzer Zeit das Wissen \u00fcber den Bau von Uranzentrifugen aneignen, Konstruktionspl\u00e4ne entwenden und die f\u00fcr die Produktion der zahllosen Einzelteile in Frage kommenden Firmen ausfindig machen. Khan hatte 1974 Zugang zu den Unterlagen f\u00fcr die deutschen Zentrifugen, die bereits von Nazi-Wissenschaftlern f\u00fcr Hitlers geplante Atomwaffe erfunden und weiterentwickelt wurden ((5)).<\/p>\n<p>Nachdem er bei URENCO doch noch &#8222;auff\u00e4llig&#8220; wurde und wieder zur\u00fcck in Pakistan war, organisierte er die n\u00e4chsten Jahrzehnte lang ein weltweit agierendes Netzwerk zur Beschaffung von Zentrifugen und Einzelteilen. Es wurde sein ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigter &#8222;nuklearer Schwarzmarkt&#8220; ((6)).<\/p>\n<p>Drei Gro\u00dfger\u00e4te, sogenannte Autoklaven, fielen 1986 beim Schweizer Zoll auf. Die Baupl\u00e4ne kamen von der J\u00fclicher Firma Uranit, die \u00fcber eine Holding mit der URENCO-Gruppe verbunden und heute eine Tochtergesellschaft von RWE und E.ON ist.<\/p>\n<p>Khan wurde in Abwesenheit zu vier Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt. Das Urteil wurde aber in Berufung kassiert und URENCO zog es vor zu schweigen, um einen Imageschaden zu vermeiden.<\/p>\n<h3>Komponenten aus K\u00f6ln, Hanau, Dortmund &#8230;.<\/h3>\n<p>Khan k\u00fcmmerte sich in den folgenden Jahren um seine Kunden im eigenen Land und in Nordkorea, wobei ihn die Firma Leybold-Heraeus aus K\u00f6ln und Hanau mit der Lieferung einer Gasreinigungsanlage, Schwei\u00dfmaschinen, Pumpen und Ventilen tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzte. Insgesamt 70 bundesdeutsche Firmen lieferten Einzelteile f\u00fcr die Realisierung der in der URENCO-Bauanleitung beschriebenen Zentrifugen ((7)).<\/p>\n<p>Nachdem diese Kunden bedient waren, wurden die Verhandlungen mit Mohamad Matuq Mohamad aus der Chefetage des inzwischen begonnenen libyschen Atomprogramms intensiviert. 1998 erhielten die Libyer zwanzig komplette P1-Zentrifugen aus Aluminium und Komponenten f\u00fcr 200 weitere Uranmaschinen ((8)).<\/p>\n<p>Im Jahre 2000, so recherchierte der Khan-Kenner Egmont R. Koch, bestellte Libyen f\u00fcr weitere 100 Millionen Dollar das nukleare Komplett-Paket f\u00fcr die Atombombe: &#8222;Projektstudie f\u00fcr die Gesamtanlage, Baupl\u00e4ne und Hardware der Zentrifugen, elektrische und elektronische Steuereinrichtungen, Ein- und Ausspeisesystem f\u00fcr Uranhexafluorid einschlie\u00dflich 20 Tonnen des Gases als Starter-kit, Design f\u00fcr computergesteuerte Drehb\u00e4nke zum Selbstbau der Zentrifugen, Ausbildung und Training der Fachleute.&#8220; ((9)) Im September 2000 erfolgte die Lieferung von P2-Modellen der Zentrifugen und eines kleineren Kanisters mit Uranhexafluorid, damit die Techniker in Al Fallah schon einmal das Anreichern &#8222;\u00fcben konnten&#8220; ((10)).<\/p>\n<p>Bei der Dortmunder Firma Tridelta, die aus dem Unternehmen Thyssen Magnettechnik (Dortmund-Aplerbeck) hervorgegangen ist ((11)), bestellten und erhielten Khans Mittelsm\u00e4nner Ringmagneten, die dann zusammen mit anderen Komponenten in Istanbul zusammengebaut und nach Dubai verschifft wurden, um den Weg nach Libyen anzutreten.<\/p>\n<h3>S\u00fcdafrika<\/h3>\n<p>Von den URENCO-Baupl\u00e4nen profitierte ebenfalls der in S\u00fcdafrika lebende deutsche Maschinenbau-Ingenieur Wisser, der dort eine Firma f\u00fcr Vakuumtechnik betrieb und schon als Zulieferer f\u00fcr die sechs Atombomben des Apartheidstaates fungierte. F\u00fcr die seit 1999 durchgef\u00fchrte Produktion von Zentrifugenteilen erhielt er mit seinem Kompagnon Johan Meyer, der im s\u00fcdafrikanischen Vanderbijltpark eine Werkshalle betrieb, 28 Millionen Euro ((12)).<\/p>\n<p>Als im August 2003 mehr als 2.200 nach deutschen Pl\u00e4nen produzierte Uranzentrifugen Shah Alam, die Hauptstadt des malaysischen Bundesstaats Selangor, in Richtung Libyen verlassen hatten, war dieser Lieferung l\u00e4ngst die CIA auf den Fersen ((13)). Denn den Geheimdiensten waren nicht alle Aktivit\u00e4ten Khans verborgen geblieben. Im Mittelmeer wurde das Transportschiff kurz vor Libyen nach Taranto in S\u00fcditalien umdirigiert. Der Nuklear-Deal Gaddafis flog auf, die CIA konnte einen Erfolg verbuchen. Gaddafi versprach, seine Ambitionen auf Atomwaffen aufzugeben, und arbeite von nun an mit den Inspektoren der IAEA zusammen.<\/p>\n<h3>Das Nachspiel<\/h3>\n<p>Informationen \u00fcber involvierte Mittelsm\u00e4nner, Lieferanten, Unternehmen und Koordinatoren des Nukleardeals wurden von Libyen weitergegeben. Es waren lauter &#8222;alte Bekannte&#8220;, \u00fcber die die Geheimdienste der USA und Gro\u00dfbritanniens schon auff\u00e4llig gut Bescheid wussten.<\/p>\n<p>Die in der Schweiz, BRD und S\u00fcdafrika erfolgten Prozesse gegen die Verantwortlichen zeigten deutlich, wie sehr die Geheimdienste rund um den Erdball nicht nur auf Trapp gehalten wurden, sondern bei den Gesch\u00e4ften sogar eifrig mitmischten. Ist der nukleare Geist erst einmal aus der Flasche entwichen, ist es nahezu unm\u00f6glich, ihn wieder einzufangen.<\/p>\n<p>Ein handfester Skandal offenbarte sich 2008 w\u00e4hrend eines Prozesses, als die Schweizer Beh\u00f6rden auf Gehei\u00df und unter Beaufsichtigung der USA wichtige Beweismaterialien vernichteten: &#8222;Und immer mehr verdichtet sich die Gewissheit, dass die \u201aAktion Rei\u00dfwolf&#8216; auf Druck Washingtons beschlossen wurde, um die Rolle des US-Geheimdienstes CIA im illegalen Handel mit Komponenten von Atomwaffenprogrammen zu verschleiern.&#8220; ((14))<\/p>\n<p>Nachdem 2007 in Mannheim ein Prozess gegen Beteiligte an der Zentrifugenlieferung aus S\u00fcdafrika geplatzt war, weil die Beweisf\u00fchrung aufgrund der massiven Vertuschungsaktionen der an den dubiosen Operationen beteiligten Geheimdienste unm\u00f6glich war, fand 2008 in Stuttgart ein Folgeprozess statt, bei dem es nur noch zu Strafen kommen konnte, die mit den bereits abgesessenen mehrmonatigen Untersuchungshaftzeiten verrechnet wurden. Der vorsitzende Richter monierte, dass nicht nur die Geheimdienste, sondern ausgerechnet auch das &#8222;neue&#8220; befreite S\u00fcdafrika jegliche Hilfestellung bei der Aufdeckung des libyschen Nukleardeals strikt ablehnte ((15)).<\/p>\n<p>Die sonst so konservative <em>Rheinische Post<\/em> kam nicht umhin, die Verwicklung der Geheimdienste folgenderma\u00dfen zu kommentieren: &#8222;Deren Involvierung hat es nahezu unm\u00f6glich gemacht, die Wahrheit zu recherchieren.&#8220; ((16))<\/p>\n<p>Die UAA in Gronau nimmt durch ihre Brennstoffproduktion f\u00fcr Dutzende von Atomkraftwerken in Europa nicht nur eine Schl\u00fcsselposition ein, sondern stellt aufgrund ihrer Eignung f\u00fcr die Produktion von atomwaffenf\u00e4higem Material und die Weitergabe des Know hows hierf\u00fcr eine gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr den Weltfrieden dar.<\/p>\n<p>Seit Beginn der Produktion vor mehreren Jahrzehnten reiht sich ein Skandal an den anderen, ohne dass die Anti-Atom-Bewegung die Gefahren und die Notwendigkeit erkannt hatte, massiv und mit Nachdruck t\u00e4tig zu werden. Die UAA Gronau fristete immer ein Schattendasein im Bewusstsein der B\u00fcrgerinitiativbewegung, obwohl sie einer der gef\u00e4hrlichsten Bausteine der Atomindustrie ist.<\/p>\n<p>Wenn sich die Umweltschutzbewegung ihr vielbeschworenes &#8222;Denken in Zusammenh\u00e4ngen&#8220; wirklich zu eigen gemacht h\u00e4tte, w\u00e4re die UAA in Gronau heute im \u00f6ffentlichen Bewusstsein genauso bekannt wie Gorleben oder Brokdorf. Grund genug, am 25. April 2011 endlich f\u00fcr einen Paukenschlag zu sorgen, bei dem alle Beteiligten wach werden (siehe dazu Artikel in dieser GWR)!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sogar der sauerl\u00e4ndische Eishockeyclub ECD Iserlohn, der in den 80er Jahren auf den Trikots ihrer Mannschaft Werbung f\u00fcr Gaddafis &#8222;Das gr\u00fcne Buch&#8220; machte, in der taz ((2)) seine Vergangenheit aufarbeitete, ist es um Gronaus und Almelos Verwicklungen in den libyschen Versuch, sich Atomwaffen zu beschaffen, merkw\u00fcrdig still. 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