{"id":10600,"date":"2011-04-01T00:00:44","date_gmt":"2011-03-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10600"},"modified":"2022-07-26T14:22:39","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:39","slug":"die-libysche-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/die-libysche-katastrophe\/","title":{"rendered":"Die libysche Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8222;Die Regierungsgewalt macht den verr\u00fcckt, der sie besitzt.&#8220;                 <br \/>                 <\/i>(Albert Camus, 29.12.1959)<\/p>\n<p>Hier muss nicht extra noch einmal betont werden, dass Gaddafi                 verr\u00fcckt ist. Aber er ist bei weitem nicht der einzige. Nun also                 fordert ein anderer Verr\u00fcckter, der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Sarkozy,                 ungest\u00fcm vorpreschend, von EU, UN und NATO gezielte Milit\u00e4rschl\u00e4ge                 in Libyen, nat\u00fcrlich chirurgisch gegen die Flugh\u00e4fen und Infrastruktur                 Gaddafis &#8211; doch in der Realit\u00e4t werden bei &#8222;chirurgischen Bombardierungen&#8220;                 die &#8222;Kollateralsch\u00e4den&#8220;, das wissen wir von Jugoslawien, Irak                 und Afghanistan, immer gleich mitgeliefert.<\/p>\n<p>In Libyen ist die &#8211; anfangs v\u00f6llig legitime &#8211; Revolte zu einem                 bewaffneten Aufstand und einem B\u00fcrgerkrieg degeneriert, der nun                 scheinbar vor nichts mehr halt macht, auch nicht vor einer Rehabilitierung                 und Bejubelung der ehemaligen Kolonialm\u00e4chte und ihrer milit\u00e4rischen                 Potentiale, die bei den unbewaffneten bis gewaltarmen Revolten                 in Tunesien und \u00c4gypten ins Hintertreffen und ins Legitimations-Abseits                 geraten waren.<\/p>\n<p>In Bengasi haben die Aufst\u00e4ndischen die Forderung Sarkozys, dessen                 Anerkennung des neuen libyschen Nationalrats und die Er\u00f6ffnung                 einer franz\u00f6sischen Botschaft bejubelt. Ein wenig zu schnell vergessen                 wird da, dass es Sarkozy war, der noch 2007 zu einem sich \u00fcber                 f\u00fcnf Tage hinziehenden Staatsbesuch Gaddafi im Garten des \u00c9lysee-Palasts                 sein albernes W\u00fcstenzelt aufbauen lie\u00df, dass er Gaddafi Nukleartechnologie                 und Pl\u00e4ne f\u00fcr AKWs verkaufte. Wir k\u00f6nnen nur von Gl\u00fcck sagen,                 dass diese Gesch\u00e4fte nicht so schnell umgesetzt worden sind, dass                 jetzt neben Fukushima ein anderes Horrorszenario eines m\u00f6glichen                 GAUs durch Flugzeugangriffe von Gaddafis Luftwaffe am Horizont                 des Realpolitischen aufgetaucht w\u00e4re. Und Sarkozy, dieser professionelle                 Zyniker und Heuchler, wird jetzt von Anti-Gaddafi-Militanten bejubelt!<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte sich auch die Tarnac-Gruppe des &#8222;Unsichtbaren Komitees&#8220;,                 die seit geraumer Zeit vom &#8222;kommenden Aufstand&#8220; fabuliert, nicht                 tr\u00e4umen lassen, als sie am 25.2.2011 in der franz\u00f6sischen b\u00fcrgerlichen                 Tageszeitung <i>Le Monde<\/i> &#8211; die ihr seit Monaten ihre Spalten                 \u00f6ffnet, w\u00e4hrend die Gruppe kaum einmal in franz\u00f6sischen libert\u00e4ren                 Zeitungen publiziert &#8211; \u00fcber die Aufst\u00e4nde in Tunesien und \u00c4gypten                 schrieb. Bevor sie \u00fcberhaupt zur Sache kam, machte sie das, was                 so viele militante Linke in solchen F\u00e4llen machen: Sie schreiben                 erst einmal gegen das aus ihrer Sicht Allerschlimmste an, die                 Gefahr n\u00e4mlich, dass die tunesische und \u00e4gyptische Revolte als                 gewaltfreier Aufstand angesehen wird &#8211; f\u00fcr sie ist solch eine                 Rezeption selbstverst\u00e4ndlich ein Produkt der herrschenden Medien,                 welche die Jugendlichen nur von Militanz und Gegengewalt abhalten                 wollen. Diese Medien (in denen sie selbst schreiben!) h\u00e4tten,                 so hei\u00dft es da ver\u00e4chtlich, &#8222;den Palmwedel der Gewaltfreiheit                 an eine Bewegung verliehen, die in Wirklichkeit 60% aller Polizeistationen                 \u00c4gyptens niedergebrannt hat&#8220; ((1)).               <\/p>\n<p>Dass sie leer waren, die \u00e4gyptischen Polizeistationen, und es                 daher keines gro\u00dfen Mutes bedurfte, sie anzuz\u00fcnden, weil n\u00e4mlich                 die \u00e4gyptische Armee ihre Polizei Ende Januar komplett aus dem                 sozialen Geschehen abzog, das erw\u00e4hnen sie geflissentlich nicht.                 Dass es die unbewaffnete Massenbewegung war, welche die Armee                 zu dieser Ma\u00dfnahme dr\u00e4ngte, erw\u00e4hnen sie auch nicht. <\/p>\n<p>Dass militante Jugendaufst\u00e4nde mangels Massenbeteiligung in Algerien                 seit Jahren scheitern, weil die realistische Angst in Algerien                 regiert, dass sich ein militanter Aufstand zum B\u00fcrgerkrieg entwickelt,                 dessen Horror die AlgerierInnen zehn Jahre lang in den Neunzigerjahren                 erlebt haben, erw\u00e4hnen sie auch nicht. Und dass bei den von der                 Restbev\u00f6lkerung isolierten, daher machtlosen Banlieue-Aufst\u00e4nden                 2005 in Frankreich keine einzige Polizeistation erobert wurde,                 weil diese n\u00e4mlich alle noch von Polizisten besetzt waren, auch                 das erw\u00e4hnen sie nicht. <\/p>\n<p>Angesichts der libyschen Katastrophe k\u00f6nnte es ihnen langsam                 d\u00e4mmern, dass die Revolten in Tunesien und \u00c4gypten tats\u00e4chlich                 gr\u00f6\u00dftenteils gewaltfreie Massenbewegungen und dass sie dazu noch                 relativ erfolgreich waren.<\/p>\n<h3>Wie reagieren die herrschenden Medien auf Libyen?<\/h3>\n<p>Es ist wahr, dass in Tunesien und \u00c4gypten bei den Deklarationen                 von Merkel, Westerwelle und Konsorten keine Unterst\u00fctzungsadresse                 ausgelassen wurde ohne den Hinweis, dass hier Polizisten &#8222;gegen                 friedliche Demonstranten&#8220; schie\u00dfen und dass der Aufstand bitte                 auch friedlich bleiben soll &#8211; nach Ma\u00dfgabe dessen selbstredend,                 was die Regierenden darunter verstehen. <\/p>\n<p>Dieser Hinweis ist in Libyen schon nach ein paar Tagen v\u00f6llig                 aus den herrschenden Medien und Politikerverlautbarungen verschwunden                 &#8211; doch die libyschen Aufst\u00e4ndischen sind nicht etwa deshalb nun                 zu Terroristen, Islamisten, Selbstmordattent\u00e4tern, Kriminellen                 oder &#8222;Racaille&#8220; (&#8222;Gesindel&#8220;, O-Ton Sarkozy) erkl\u00e4rt worden, nein,                 sie sind in allen Erkl\u00e4rungen und Berichten heldenhafte &#8222;Rebellen&#8220;,                 &#8222;Aufst\u00e4ndische&#8220;, &#8222;Freiheitsk\u00e4mpfer&#8220;, die bedingungslos unterst\u00fctzt                 werden, bis hin zu Sarkozys Milit\u00e4rschlagsoption.<\/p>\n<p>Militante wie die Tarnac-Gruppe, die sich bei solchen Gelegenheiten                 in ihrer angeblichen Radikalit\u00e4t sonnen, wenn sie ohne Verantwortung                 f\u00fcr m\u00f6gliche Folgen Militanz und Gegengewalt propagieren, untersch\u00e4tzen                 entweder oder wollen wohl nicht sehen, dass es herrschenden Regierungen                 und Medien herzlich egal ist, welche Mittel eine bestimmte Opposition                 anwendet, die sie aus strategisch-taktischen Erw\u00e4gungen heraus                 unterst\u00fctzen (in Libyen geht es nat\u00fcrlich um die k\u00fcnftige Ausbeutung                 dessen \u00d6lreichtums), und dass deshalb nicht die Attit\u00fcde der Herrschenden,                 sondern immer die eigenen selbstbestimmten ethischen Anspr\u00fcche                 an die angewandten Kampfmittel die eigene Position und die Bewertung                 von Bewegungen bestimmen sollten.<\/p>\n<h3>Territoriale oder soziale Spaltung des Milit\u00e4rs: Formale Parallelen                 zum spanischen B\u00fcrgerkrieg<\/h3>\n<p>Sicher w\u00fcnsche auch ich mir, dass eher die Opposition als Gaddafi                 diesen B\u00fcrgerkrieg gewinnt, aber der kollektive Griff zur Gegengewalt                 hat unsympathische Nebenfolgen, die thematisiert werden m\u00fcssen                 und Solidarit\u00e4tsbekundungen erschweren. Gaddafi hat sich in seinen                 Machtbastionen Tripolis und Syrte nicht nur territorial gehalten,                 sondern konnte sogar \u00f6rtlich zu Gegenoffensiven \u00fcbergehen. Bei                 den folgenden Einsch\u00e4tzungen wehre ich mich gegen die Vorstellung,                 dass der bewaffnete Kampf bzw. die Milit\u00e4rintervention der Industriem\u00e4chte                 gerechtfertigt sei, weil Gaddafi eben sehr viel brutaler als die                 anderen arabischen Diktatoren und ganz besonders realit\u00e4tsfremd                 und verr\u00fcckt sei, wenn er auf die eigene Bev\u00f6lkerung schie\u00dfen                 l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Ben Ali und Mubarak lie\u00dfen das auch, ihre Polizei n\u00e4mlich &#8211; und                 Mubarak lie\u00df Jagdbomber bedrohlich tief \u00fcber Kairo fliegen. Ist                 all das schon vergessen? <\/p>\n<p>Doch trotz zeitweiliger leichter Bewaffnung von entstandenen                 Verteidigungskomitees in einigen Stadtvierteln lie\u00df sich der \u00e4gyptische                 Aufstand auch nach den Massakern der Polizei an unbewaffneten                 DemonstrantInnen nicht blind in den B\u00fcrgerkrieg treiben. Das ist                 der Unterschied.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich waren die Voraussetzungen in Libyen f\u00fcr eine                 Revolte nach dem tunesisch-\u00e4gyptischen Muster von vorneherein                 nicht gut. Nur 6,5 Millionen Menschen leben in dem W\u00fcstenstaat                 (gegen\u00fcber mehr als 80 Millionen im Niltal \u00c4gyptens), die antikoloniale                 Tradition gegen damalige italienisch-faschistische Invasionen                 ist eine kriegerische, ebenso verh\u00e4lt es sich mit Struktur und                 Kultur der Clan- und Bev\u00f6lkerungsgruppen, die inzwischen von Gaddafi                 abgefallen sind.<\/p>\n<p>Was sich in den ersten Tagen des Aufstands in Bengasi und anderen                 befreiten St\u00e4dten ereignet hat, war eine territoriale Spaltung                 des Milit\u00e4rs, w\u00e4hrend es in Tunesien und \u00c4gypten zu einer sozialen                 Spaltung des Milit\u00e4rs kam. Eine soziale Spaltung des Milit\u00e4rs,                 meist ausgel\u00f6st von gewaltfreien oder gewaltarmen Massenbewegungen,                 f\u00fchrt dazu, dass es im Prinzip im gesamten Land, also fl\u00e4chendeckend                 innerhalb von Milit\u00e4r und auch Polizei zu einem Gegensatz zwischen                 Offizieren und unteren R\u00e4ngen bzw. einfachen Soldaten kommt, die                 dann der gewaltfreien Bewegung n\u00fctzt. <\/p>\n<p>Eine territoriale Spaltung wie in Libyen entsteht, wenn die Aufst\u00e4ndischen                 relativ schnell zu bewaffneten Angriffen \u00fcbergehen und dadurch                 den unteren R\u00e4ngen im anderen Territorium signalisieren, dass                 sie wom\u00f6glich von der Opposition ebenfalls als St\u00fctzen des Systems                 angesehen und ausgemerzt werden k\u00f6nnten. Die bewaffnete Bedrohung                 f\u00fchrt dann zu einem Zusammenschwei\u00dfen der Truppen im anderen Territorium                 oder dazu, dass Strategien des Aufkaufens von Widerstandspotentialen                 wie bei Gaddafi pl\u00f6tzlich greifen. Zwar brechen auf der milit\u00e4risch                 befreiten Seite Truppenteile vom Diktator weg und verb\u00fcnden sich                 mit den Aufst\u00e4ndischen, aber insgesamt passiert es nicht fl\u00e4chendeckend                 &#8211; es kommt zu einer milit\u00e4risch-territorialen Front.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das, was in Libyen zwischen Gaddafi und den Aufst\u00e4ndischen                 passiert ist, auf der Ablaufebene mit der Entstehung des spanischen                 B\u00fcrgerkriegs zu vergleichen.<\/p>\n<p>Und es gibt noch eine Parallele: Auch Franco griff milit\u00e4risch                 auf fremdsprachige, schwarze, damals marokkanische Soldaten zur\u00fcck,                 die sich mit den Aufst\u00e4ndischen nicht verst\u00e4ndigen oder verbr\u00fcdern                 konnten. Gaddafi macht es mit seinen schwarzafrikanischen S\u00f6ldnersoldaten                 ebenso, die allerdings nur 3.000 bis 6.000 umfassen und gegen\u00fcber                 den rund 70.000 bis 90.000 Gaddafi h\u00f6rigen libyschen Revolutionsgardisten                 kaum ins Gewicht fallen. ((2))<\/p>\n<p>Und leider entwickelte sich &#8211; aufbauend auf bereits traditionell                 vorhandenen Rassismen der arabischen gegen\u00fcber der schwarzafrikanischen                 Bev\u00f6lkerung &#8211; nun ein ebenfalls mit Abl\u00e4ufen im spanischen B\u00fcrgerkrieg                 vergleichbarer Rassismus auf Seiten der Aufst\u00e4ndischen. <\/p>\n<p>So meldete das UN-Kommissariat f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge, dass bereits                 in den ersten Aufstandstagen mehrere Angriffe und sogar Morde                 der Aufst\u00e4ndischen an schwarzafrikanischen Fl\u00fcchtlingen aus dem                 Tschad, dem Sudan, aus Eritrea oder Somalia stattfanden.<\/p>\n<p>Es leben mehr als eine Million afrikanischer Fl\u00fcchtlinge in Libyen,                 davon mehr als die H\u00e4lfte aus schwarzafrikanischen L\u00e4ndern (wogegen                 die Zahl der S\u00f6ldner quantitativ kaum ins Gewicht f\u00e4llt). <\/p>\n<p>Auch das f\u00f6rdert den fatalen Effekt der Zusammenschwei\u00dfung von                 Gaddafis Kr\u00e4ften: Durch diesen Rassismus werden nun die verarmten                 Fl\u00fcchtlinge teilweise in die Arme von Gaddafis Truppen getrieben,                 wo sie f\u00fcrs Morden noch dazu viel Geld bekommen. ((3))<\/p>\n<h3>Von der Gegengewalt Jugendlicher zur Forderung nach westlicher                 Milit\u00e4rintervention!<\/h3>\n<p>Schon fast grotesk mutet an, dass die Gegengewalt bereits in                 den ersten Tagen des Aufstands in Bengasi auftrat und dabei vor                 allem ein Selbstmordattentat eine Rolle spielte, das in den westlichen                 Staaten bisher als Inbegriff des Terrorismus galt: Als gro\u00dfer                 &#8222;M\u00e4rtyrer&#8220; der ersten Aufstandstage in Bengasi gilt weiten Teilen                 der Bev\u00f6lkerung n\u00e4mlich Mahdi Ziou, leitender Angestellter einer                 \u00d6lfirma. Am 20. Februar rammte er seinen bis zum Rand mit explosiven                 Gasflaschen gef\u00fcllten Kia Optima in das Tor der gro\u00dfen Kaserne                 Bengasis, t\u00f6tete dabei einige Soldaten und er\u00f6ffnete so den Aufst\u00e4ndischen                 den Weg ins Kaserneninnere. ((4))<\/p>\n<p>Diese bewaffnete Kasernenbefreiung f\u00fchrte geradezu zu einem bewaffneten                 Begeisterungstaumel auf Seiten der Aufst\u00e4ndischen.<\/p>\n<p>In Tobruk meinte ein libyscher Fahrer zu einem der ersten franz\u00f6sischen                 Journalisten, die ins Aufstandsgebiet von Osten her einreisen                 konnten: &#8222;Ich ziehe es vor, dass Gaddafi nicht sofort gest\u00fcrzt                 wird. Denn je mehr K\u00e4mpfe es gibt, desto mehr wird das Volk vereint.                 Es darf nicht sein, dass es Leute gibt, die sich beteiligen und                 andere nicht.&#8220; Besser h\u00e4tte das Konzept des lang andauernden Volkskrieges                 auch das &#8222;Unsichtbare Komitee&#8220; nicht formulieren k\u00f6nnen, denn                 bei militanten Linken schwingt noch immer der Glaube mit, je l\u00e4nger                 und umfassender ein bewaffneter Kampf sei, desto eher w\u00fcrden soziale                 Unterschiede verschwinden und desto st\u00e4rker emanzipatorisch w\u00fcrden                 die K\u00e4mpfer werden. Der libysche B\u00fcrgerkrieg zeigt erneut exakt                 das Gegenteil, denn laut demselben Fahrer &#8222;wurden in Tobruk alle                 Waffen eingesammelt und den Stammeschefs \u00fcbergeben, die sie dann                 ihrerseits an ihre K\u00e4mpfer verteilten&#8220; ((5)).                 Wie immer bei einer Volksbewaffnung wird nur ein Teil des Volkes                 bewaffnet und hierarchische Stammesstrukturen werden durch die                 Macht der Waffen befestigt. Gerade weil solche Mechanismen im                 b\u00fcrgerkriegsgesch\u00fcttelten Afrika so verbreitet sind, ist die Frage                 von Gegengewalt oder Gewaltfreiheit bei diesen Revolten so wichtig.<\/p>\n<h3>Bewaffneter Aufstand und Islamismus<\/h3>\n<p>Auch islamistische Parolen und Motive sind bei diesem Aufstand                 nun viel st\u00e4rker pr\u00e4sent als bei den gewaltarmen Aufst\u00e4nden in                 Tunesien und \u00c4gypten. Sie wurden vor allem von den jugendlichen                 bewaffneten Frontk\u00e4mpfern vorgebracht.<\/p>\n<p>Jedes Mal, wenn die jugendlichen K\u00e4mpfer (die &#8222;Chabab&#8220;) bei ihrem                 Vorsto\u00df nach Ras Lanouf eine Luftabwehrrakete abfeuerten, &#8222;riefen                 sie &#8218;Gott ist gro\u00df'&#8220; ((6)); jedes                 Mal, wenn ein Verletzter aus einem Krankenwagen ins Krankenhaus                 von Ras Lanouf eingeliefert wurde, &#8222;schrien die <i>chabab<\/i>                 &#8218;Gott ist gro\u00df'&#8220;; und jedes Mal, wenn ein &#8222;klappriger Pick-Up                 voller K\u00e4mpfer losf\u00e4hrt, schreien sie aus vollem Halse: &#8218;Gott                 ist gro\u00df&#8216;.&#8220; ((7)) Sie schie\u00dfen                 blindlings in die Luft, wenn sie neue Waffen an die Front bekommen.<\/p>\n<p>In Tunesien und \u00c4gypten waren auf den gewaltarmen Demonstrationen                 nicht solche religi\u00f6sen und patriarchalen Brunftschreie zu vernehmen,                 die auf ein gef\u00e4hrliches politisches Bewusstsein schlie\u00dfen lassen.                 Und Bachir Abdelkader el-Maghrebi, ein \u00fcbergelaufener libyscher                 Offizier, meint zur entfesselten Massenpsychose der jugendlichen                 Bewaffneten: &#8222;Wir sollten es vorziehen, mit den St\u00e4mmen in dieser                 Region zu verhandeln, anstatt sie zu bekriegen. Aber wir haben                 diese Freiwilligen nicht im Griff, die wollen um jeden Preis k\u00e4mpfen.&#8220;               <\/p>\n<p>Der Offizier sch\u00e4tzt ihre Zahlenst\u00e4rke in Ras Lanouf auf ungef\u00e4hr                 Tausend. Kurz darauf versuchen diese Tausend die Einnahme von                 Ben Jawad und sto\u00dfen auf den Widerstand der schwerbewaffneten                 Truppen von Gaddafi. Auf einen Schlag haben sie wieder Angst und                 glauben, Waffen mit viel zu geringer Schlagkraft zu haben. Einer                 der Jugendlichen erz\u00e4hlt: &#8222;Sieh meine Kalaschnikow, die war nicht                 n\u00fctzlicher als ein einfaches Messer. Wir waren zu aufgeregt und                 zu motiviert, um was ausrichten zu k\u00f6nnen.&#8220; <\/p>\n<p>Das hat mehrere fatale Folgen. Nicht nur, dass sie sich n\u00e4chstes                 Mal brav den Anweisungen des Offiziers f\u00fcgen wollen, sondern gerade                 bei ihnen w\u00e4chst durch solche Erfahrungen der Ruf nach westlicher                 Milit\u00e4rintervention: &#8222;Nat\u00fcrlich m\u00fcssen die Amerikaner intervenieren.                 Wir sind bereit, f\u00fcr die Freiheit unseres sch\u00f6nen Landes zu sterben,                 aber das reicht nicht gegen die Panzer, Flugzeuge und Raketen.&#8220;               <\/p>\n<p>Ein anderer: &#8222;Wir brauchen fremde Milit\u00e4rhilfe. Die Mehrheit                 der Libyer will das. Wer das Gegenteil sagt, repr\u00e4sentiert nur                 sich selbst. Eine Flugverbotszone reicht nicht. Man muss bombardieren.                 Auf die S\u00f6ldner und das Hauptquartier Gaddafis.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Damit sind die jugendlichen Speerspitzen des bewaffneten Aufstands                 einer Meinung mit Sarkozy und zu den \u00fcberzeugtesten Propagandisten                 einer westlichen Milit\u00e4rintervention geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Regierungsgewalt macht den verr\u00fcckt, der sie besitzt.&#8220; (Albert Camus, 29.12.1959) Hier muss nicht extra noch einmal betont werden, dass Gaddafi verr\u00fcckt ist. Aber er ist bei weitem nicht der einzige. Nun also fordert ein anderer Verr\u00fcckter, der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Sarkozy, ungest\u00fcm vorpreschend, von EU, UN und NATO gezielte Milit\u00e4rschl\u00e4ge in Libyen, nat\u00fcrlich chirurgisch gegen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/die-libysche-katastrophe\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die libysche Katastrophe - graswurzelrevolution","description":"\"Die Regierungsgewalt macht den verr\u00fcckt, der sie besitzt.\" (Albert Camus, 29.12.1959) Hier muss nicht extra noch einmal betont werden, dass Gaddafi verr\u00fcckt is"},"footnotes":""},"categories":[595,1025,1042,1027],"tags":[],"class_list":["post-10600","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-358-april-2011","category-die-waffen-nieder","category-ohne-chef-und-staat","category-wir-sind-nicht-alleine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10600"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10600\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}