{"id":10602,"date":"2011-04-01T00:00:08","date_gmt":"2011-03-31T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10602"},"modified":"2022-07-26T14:24:03","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:03","slug":"eine-junge-frau-als-stimme-agyptens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/eine-junge-frau-als-stimme-agyptens\/","title":{"rendered":"Eine junge Frau als Stimme \u00c4gyptens"},"content":{"rendered":"<p>Die junge Frau auf dem Video sagt, sie selber wolle sich nicht                 verbrennen: &#8222;Vielleicht k\u00f6nnen wir Freiheit, Gerechtigkeit, Ehre                 und W\u00fcrde des Menschen haben. Wir wollen am 25. Januar zum Tahrir                 Platz gehen. (\u2026) Ich werde nicht \u00fcber irgendwelche politische                 Rechte, ich werde nur noch \u00fcber Menschenrechte reden und sonst                 \u00fcber gar nichts. Das ganze System ist total korrupt. (\u2026) Bring                 f\u00fcnf Leute oder zehn mit zum Tahrir Platz. (&#8230;) Nur zu Hause                 sitzen und die Revolution \u00fcber Facebook oder Fernsehen zu verfolgen,                 f\u00fchrt zu unserer Dem\u00fctigung. F\u00fchrt zu meiner eigenen Dem\u00fctigung.                 (\u2026) Wer sagt, Frauen sollten nicht zu Protesten gehen, weil sie                 geschlagen werden k\u00f6nnten, dem sag ich, lass uns Ehre und W\u00fcrde                 und komm mit mir am 25. Januar. Wenn du Ehre oder W\u00fcrde als Mensch                 hast, komm her. Komm und besch\u00fctze mich und andere M\u00e4dchen in                 dem Protest.&#8220; (frei \u00fcbersetzt aus dem Arabischen).<\/p>\n<p>Nachdem Asmaa Mahfouz am 18. Januar das Video gepostet hatte,                 ging sie mit einer Fahne alleine auf den Tahrirplatz, drei junge                 M\u00e4nner kamen noch dazu. Alle vier wurden vorl\u00e4ufig von der Polizei                 festgenommen. Die 26-j\u00e4hrige studierte Betriebswirtin Asmaa Mahfouz                 hatte schon im Fr\u00fchjahr 2008 mit anderen die 6. April-Jugendbewegung                 gegr\u00fcndet. Im Jahr 2008 nutzten die AktivistInnen dieser Bewegung                 Facebook, um Unterst\u00fctzung f\u00fcr einen Generalstreik der ArbeiterInnen                 in El-Mahalla zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Daraufhin wurde Mahfouz von \u00e4gyptischen Sicherheitskr\u00e4ften schikaniert                 und verlor aufgrund ihrer politischen Aktivit\u00e4ten ihren Job als                 Buchhalterin.<\/p>\n<p>Nach dem 18. Januar griffen zu ihrer eigenen \u00dcberraschung Dutzende                 von anderen Menschen ihre Botschaft auf und begannen, ihre eigenen                 Bilder zu posten. Sie hefteten sich Zeichen auf die Brust, die                 ihre Absicht erkl\u00e4rten, am 25. Januar auf die Stra\u00dfe zu gehen.                 Was sich daraus ergeben sollte, hatte zu Beginn der Bewegung kaum                 jemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten.<\/p>\n<h3>Medien vergessen gerne die Rolle der Frauen in sozialen Bewegungen<\/h3>\n<p>Auch die Medien vergessen gerne die Rolle der Frauen. Oft hei\u00dft                 es, die Frauen h\u00e4tten sich &#8222;den Protesten angeschlossen&#8220;. Die                 westliche Presse will vielleicht nicht wissen, dass sich Frauen                 nicht einfach nur anschlossen, sondern ihre ureigensten Anliegen                 voller Mut und Kraft vertraten. Sie erw\u00e4hnen oft nicht, dass der                 f\u00fchrende Kopf in der dreij\u00e4hrigen Demokratiebewegung \u00c4gyptens                 eine 26-j\u00e4hrige \u00e4gyptische Frau war. Asmaa Mahfouz gilt als eines                 der wichtigsten Symbole der Bewegung. Auch auf der Stra\u00dfe waren                 es meistens die Frauen, die anfingen, &#8222;Mubarak hau ab!&#8220; zu skandieren.<\/p>\n<p>Man fragt sich allerdings: Wo bleiben jetzt die Stimmen der Frauenrechtlerinnen,                 die in Tunesien die Proteste mit unabh\u00e4ngigen Radios oder auch                 als Bloggerinnen initiiert haben? Wo werden \u00e4ltere Frauenrechtlerinnen,                 die die soziale Lage und mangelnde Gleichberechtigung von Frauen                 schon seit drei Generationen einklagen, interviewt? <\/p>\n<p>Man sieht auf Bildern viele gl\u00fcckliche Frauen und M\u00e4dchen, mal                 mit Schleier, mal ohne. Aber sie werden selten zitiert.<\/p>\n<p>Viel ist \u00fcber die Rechte der Frauen in muslimischen L\u00e4ndern geschrieben                 worden. Dieses Problem galt als eine Rechtfertigung f\u00fcr westliche                 Milit\u00e4r-Invasionen. Merkw\u00fcrdigerweise schwiegen und schweigen                 sich die westlichen Medien aber weitgehend \u00fcber die starke Rolle                 der Frauen im Widerstand aus. <\/p>\n<h3>Frauenrechte in \u00c4gypten vor der Revolution <\/h3>\n<p>\u00c4gypten ist seit 1971 eine moderne, demokratisch verfasste, soziale                 Republik. Schon seit 1956 garantiert \u00c4gypten allen vollj\u00e4hrigen                 Frauen das Wahlrecht. Die Diskriminierung der \u00e4gyptischen Frau                 ist jedoch in fast allen Schichten der Gesellschaft tief verankert.                 Obwohl es in \u00c4gypten viele gut ausgebildete Frauen gibt, die voll                 im Berufsleben stehen, wurde bis zur Revolution alle sechs Minuten                 eine Ehe geschieden.<\/p>\n<p>Fast immer wurde den Frauen die Schuld daran gegeben. Das hatte                 zur Folge, dass Frauen selbst mit Kindern kein Recht auf Unterhalt                 hatten.<\/p>\n<p>Uneheliche Kinder haben nach wie vor keine Rechte und d\u00fcrfen                 nicht zur Schule gehen.<\/p>\n<p>\u00c4gyptischen M\u00e4dchen wurde aus Kostengr\u00fcnden oft die schulische                 Ausbildung vorenthalten, daher gibt es viele Analphabetinnen.                 Viele Frauen k\u00f6nnen nicht das staatliche Gesundheitssystem in                 Anspruch nehmen, da sie nicht im Besitz einer Geburtsurkunde sind.<\/p>\n<p>Deshalb werden viele M\u00e4dchen schon vor dem gesetzlichen Alter                 von mindestens 16 Jahren verheiratet, oft gegen ihren Willen.                 Sexuelle Bel\u00e4stigungen auf der Stra\u00dfe waren gang und g\u00e4be. Deshalb                 trauten sich Frauen selten ohne ihren Mann oder ihre Br\u00fcder in                 die \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Die tabuisierte, aber krasseste Grausamkeit gegen\u00fcber M\u00e4dchen                 und Frauen spiegelt sich in der weit verbreiteten Praxis der Verst\u00fcmmelung                 der Geschlechtsorgane junger M\u00e4dchen wider. <\/p>\n<p>\u00c4gypten liegt weltweit an der Spitze, was diese archaische Tradition                 betrifft: Mehr als 85 % der 13- bis 19-j\u00e4hrigen Sch\u00fclerinnen sind                 heute beschnitten, auch solche aus gebildeten Kreisen. 2005 waren                 es nach USAID-Angaben sogar noch 96 %. Genitalverst\u00fcmmelungen,                 unter deren Folgen Frauen und M\u00e4dchen ein Leben lang zu leiden                 haben, sind in \u00c4gypten seit 2008 offiziell verboten. Es bleibt                 zu hoffen, dass praktische Rechtsprechung und Aufkl\u00e4rungsarbeit                 diese grausame Praxis bald beenden. <\/p>\n<h3>Frauen sind im Verfassungsrat ausgeschlossen<\/h3>\n<p>Es besteht durchaus die Gefahr, dass die \u00c4gypterinnen nach der                 Revolution, die sie entscheidend mitgetragen haben (vgl. GWR 357),                 wieder abgedr\u00e4ngt werden. In dem vom Milit\u00e4r ernannten Komitee,                 das die Verfassung umschreiben soll, war j\u00fcngst keine einzige                 Frau mit beteiligt. So wie damals in Algerien nach dem Befreiungskampf                 oder nach der Revolte im Iran, die ma\u00dfgeblich<i> <\/i>von Frauen                 mitgetragen wurde, die dann nach dem Sieg der Revolution brutal                 unterdr\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Offene und verdeckte M\u00e4nnermachtb\u00fcnde oder die Angst und mangelnde                 Solidarit\u00e4t der Frauen schw\u00e4chen den Kampf der Frauen um ihre                 Rechte und ihre Anerkennung. Diese Forderungen jetzt im Wahlkampf                 weiter durchzuhalten, wird eine schwere Aufgabe. <\/p>\n<p>Die neue gewaltfreie Opposition ist im Unterschied zu den Muslimbr\u00fcdern                 und der alten Elite, die beide \u00fcber m\u00e4chtige Seilschaften und                 Geld verf\u00fcgen, kaum organisiert. W\u00e4hrend der 18 Tage der Besetzung                 des Tahrirplatzes schliefen Frauen und M\u00e4nner nebeneinander auf                 dem Platz. Bis zum Sieg der Revolution wurden keine sexuellen                 Bel\u00e4stigungen gemeldet. <\/p>\n<p>Es besteht die Bef\u00fcrchtung, dass dieser Geist der Gleichheit                 nicht bestehen bleibt und die \u00c4gypter und \u00c4gypterinnen wieder                 in traditionelle Rollenverteilungen zur\u00fcckfallen. <\/p>\n<p>Die wohl bekannteste \u00e4gyptische Frauenrechtlerin, Nawal al-Saadawi                 (79), mahnt an, diese R\u00fcckschritte nicht stillschweigend hinzunehmen.               <\/p>\n<p>Die Schriftstellerin und \u00c4rztin wurde im Kindesalter selbst &#8222;beschnitten&#8220;                 und k\u00e4mpft seit Jahrzehnten gegen diese und andere Menschenrechtsverletzungen                 an. F\u00fcr ihre \u00dcberzeugungen musste sie schon ins Gef\u00e4ngnis gehen,                 ihre B\u00fccher standen in ihrer Heimat bis vor kurzem auf dem Index.                 Auf der Todesliste der Islamisten steht sie immer noch. Die &#8222;\u00dcberreste                 des Mubarak-Regimes&#8220; sind ihrer Meinung nach immer noch an der                 Macht. Al-Saadawi glaubt nicht, dass es in f\u00fcnf Monaten freie                 und faire Wahlen geben wird. <\/p>\n<p>Sie moniert: &#8222;Sie \u00e4ndern die Artikel, die zum Beispiel die Amtszeit                 des Pr\u00e4sidenten festlegen. Sie besch\u00e4ftigen sich mit oberfl\u00e4chlichen                 politischen Dingen. Aber die Ungerechtigkeiten der Verfassung,                 egal ob in Bezug auf Frauen oder Christen, werden nicht ge\u00e4ndert.&#8220;<\/p>\n<p>Immer noch steht im Artikel 2 der Verfassung, dass der Islam                 die Staatsreligion sei und die Hauptquelle der Gesetzgebung. Das                 bedeutet Diskriminierung gegen\u00fcber ChristInnen und Frauen. Und                 wenn es auch sp\u00e4ter im \u00a7 11 der Verfassung hei\u00dft, dass M\u00e4nner                 und Frauen gleichberechtigt seien, w\u00fcrde die Gesetzgebung haupts\u00e4chlich                 im Sinne der Scharia ausgelegt, wenn die neue Verfassung nicht                 ausdr\u00fccklich Staat und Religion trenne.<\/p>\n<p>Nawal al-Saadawi sieht einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus,                 zunehmender Armut und zunehmendem Sexismus und Gewalt. K\u00fcrzlich                 sagte sie auf eine Frage, ob es eine andere Art der islamischen                 Kultur gebe, &#8222;die Natur der Frauen zu sch\u00e4tzen&#8220;: &#8220; So ein Quatsch!                 Was soll denn das f\u00fcr eine Natur der Frauen sein? Es gibt sie                 nicht. (\u2026) Unter der Unterdr\u00fcckung durch die Klassenherrschaft                 und den Kolonialismus tauchte dieser Begriff der weiblichen Natur                 auf. Dessen einziger Zweck ist es, uns zu spalten, damit wir besser                 unterdr\u00fcckt werden k\u00f6nnen. Hier gehen die Diktatoren und die Interessen                 des Westens Hand in Hand.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die junge Frau auf dem Video sagt, sie selber wolle sich nicht verbrennen: &#8222;Vielleicht k\u00f6nnen wir Freiheit, Gerechtigkeit, Ehre und W\u00fcrde des Menschen haben. Wir wollen am 25. Januar zum Tahrir Platz gehen. (\u2026) Ich werde nicht \u00fcber irgendwelche politische Rechte, ich werde nur noch \u00fcber Menschenrechte reden und sonst \u00fcber gar nichts. 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