{"id":10604,"date":"2011-04-01T00:00:21","date_gmt":"2011-03-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10604"},"modified":"2020-12-12T11:28:35","modified_gmt":"2020-12-12T09:28:35","slug":"john-holloways-neuer-marxismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/john-holloways-neuer-marxismus\/","title":{"rendered":"John Holloways &#8222;neuer Marxismus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nun hat Holloway die \u201eTochter\u201c (16) jenes Buches in die \u00d6ffentlichkeit geschickt, diesmal unter einem weniger explizit anarchistischen Titel: Kapitalismus aufbrechen. Dass auch dieses Buch deutlich anarchistisch gepr\u00e4gt und keineswegs marxistisch ist, ist die zentrale These meiner folgenden Ausf\u00fchrungen. In gewisser Weise gesteht dies Holloway selbst ein, wenn er an einer Stelle betont: \u201eDie ganze Er\u00f6rterung der Br\u00fcche [mit der kapitalistischen Logik], besonders im zweiten Teil dieses Buches, verdankt vieles der anarchistischen Tradition, und viele der Autoren, die dort zitiert werden, w\u00fcrden sich wahrscheinlich dieser Tradition zurechnen.\u201c (186)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir sind die von Holloway zitierten AutorInnen zumindest nicht als AnarchistInnen bekannt \u2013 was nicht viel hei\u00dft, sie werden von Holloway an den besagten Stellen aber auch nirgendwo mit dem Anarchismus in Verbindung gebracht. Bezeichnend ist dann auch, dass Holloway an keiner weiteren Stelle \u2013 sieht man von einem Satz in einer Fu\u00dfnote (!) ab (182) \u2013 auf den Anarchismus Bezug nimmt und \u201eklassische\u201c anarchistische AutorInnen \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt. Holloway selbst scheint sich auch nur mit einem vermeintlich \u201eneuen Anarchismus\u201c anfreunden zu k\u00f6nnen, der nicht mehr von einer \u201ealte[n] sture[n] Feindschaft gegen den Marxismus\u201c gepr\u00e4gt ist (185), obwohl seine Ausf\u00fchrungen und seine Kritik am Marxismus jene Feindschaft nur allzu nachvollziehbar erscheinen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich kritisch festhalte, dass Holloway keine \u201eklassischen\u201c anarchistischen AutorInnen erw\u00e4hnt, dann nicht nur aus dem Grund, \u201eweil man sie eben erw\u00e4hnen sollte\u201c, sondern weil diese AutorInnen schon jene Aspekte an Marx kritisiert hatten, die Holloway nur in der auf Marx folgenden marxistischen Tradition erkennen zu k\u00f6nnen meint. Diese Tradition habe, so Holloway erstaunlich schlicht, Marx zentrale Gedanken einfach \u201evergessen\u201c (178). Und so f\u00fchrt Holloways alibim\u00e4\u00dfige Verbeugung vor der anarchistischen Tradition auch nicht zu einer ernsthaften Diskussion dieser, sondern erkl\u00e4rt wird stattdessen: \u201eWir m\u00fcssen\u201c uns Marx zuwenden (90).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es d\u00fcrfte nachvollziehbar sein, dass Holloways Buch im hier m\u00f6glichen Umfang nicht diskutiert werden kann. Ich beschr\u00e4nke mich deshalb auf drei zentrale Punkte, die Holloways Anschluss an die anarchistische Tradition illustrieren sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beginnen wir mit der strategischen Ausgangsposition Holloways, die mit R\u00fcckgriff auf Etienne de La Bo\u00e9tie (1530-1563) folgenderma\u00dfen wiedergegeben wird: \u201eEntschlie\u00dft euch, nicht l\u00e4nger Knechte zu sein, und ihr seid frei.\u201c (13) Holloway erw\u00e4hnt weder den Wiederentdecker Bo\u00e9ties, den Anarchisten Gustav Landauer, noch dass schon Max Stirner betont hatte: \u201eEs dauern die Staaten nur so lange, als es einen herrschenden Willen gibt, und dieser herrschende Wille f\u00fcr gleichbedeutend mit dem eigenen Willen angesehen wird. Des Herrn Willen ist \u2013 Gesetz. Was helfen Dir deine Gesetze, wenn Sie keiner befolgt, was deine Befehle, wenn sich Niemand befehlen l\u00e4sst? (\u2026) Wer, um zu bestehen, auf die Willenlosigkeit Anderer rechnen muss, der ist ein Machwerk dieser Anderen (\u2026). H\u00f6rt die Unterw\u00fcrfigkeit auf, so w\u00e4r\u2019s um die Herrschaft geschehen. (\u2026) Oder k\u00f6nnt Ihr Euch einen Staat denken, dessen allesamt sich nichts aus ihm machen?\u201c (Stirner 1844, 214 und 316) Ebenfalls unerw\u00e4hnt bleibt die Haltung von Marx und Engels in dieser Frage: \u201eEs [die Idee der Emp\u00f6rung bei Stirner] ist die alte Einbildung, dass der Staat von selbst zusammenf\u00e4llt, sobald alle Mitglieder aus ihm heraustreten und dass das Geld seine Geltung verliert, wenn s\u00e4mtliche Arbeiter es anzunehmen verweigern.\u201c (MEW 3, 362)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen zentralen Stellenwert hat f\u00fcr Holloway die Idee, dass die gegenw\u00e4rtigen K\u00e4mpfe Formen finden m\u00fcssen, die sich nicht selbst wieder in einer institutionalisierten Form stilllegen. In diesem Zusammenhang kommt er immer wieder auf die Vorstellung zu sprechen, dass es gilt, die \u201eInitiative zu ergreifen und heute Vorwegnahmen einer anderen Welt zu schaffen\u201c (258). Holloway betont: \u201eIn dieser Welt, in der radikale Ver\u00e4nderung so undenkbar erscheint, wird radikale Ver\u00e4nderung, die Dinge radikal anders anzugehen, bereits in einer Million Experimente ausprobiert. Das ist nichts Neues: experimentelle Vorwegnahmen einer anderen Welt sind wahrscheinlich so alt wie der Kapitalismus. (\u2026) Diese Experimente k\u00f6nnten die Embryonen einer neuen Welt sein.\u201c (17)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deutlich wird hier, wie wenig Interesse Holloway daran hat, ernsthaft historische Aufkl\u00e4rungsarbeit zu leisten. Denn sicherlich m\u00f6gen, abstrakt betrachtet, \u201eexperimentelle Vorwegnahmen einer anderen Welt (\u2026) wahrscheinlich so alt\u201c sein \u201ewie der Kapitalismus\u201c \u2013 wahrscheinlich sogar noch \u00e4lter. Konkret aber unterl\u00e4sst es der Marxist Holloway \u2013 sofern er es wei\u00df \u2013,mitzuteilen, dass diese Embryotheorie Gegenstand einer der wichtigsten Auseinandersetzungen innerhalb der sozialistischen Bewegung gewesen ist. So ist in einem Text aus dem Jahr 1871 zu lesen: \u201eDie k\u00fcnftige Gesellschaft soll nichts anderes sein, als die allgemeine Durchf\u00fchrung der Organisation, die die [Erste] Internationale sich gegeben haben wird. Wir m\u00fcssen also Sorge tragen, diese Organisation so viel als m\u00f6glich unserm Ideal zu n\u00e4hern. Wie k\u00f6nnte eine egalit\u00e4re und freie Gesellschaft aus einer autorit\u00e4ren Organisation hervorgehen? Das ist unm\u00f6glich. Die Internationale, Embryo der k\u00fcnftigen menschlichen Gesellschaft, ist gehalten, schon von jetzt an das treue Bild unserer Grunds\u00e4tze von Freiheit und F\u00f6deration zu sein und jedes der Autorit\u00e4t, der Diktatur zustrebende Prinzip aus ihrer Mitte hinauszuwerfen.\u201c (Jurazirkular 1871, 169)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzuzuf\u00fcgen ist, dass dieser Text, das so genannte Jurazirkular, explizit gegen die Organisationsvorstellungen von Marx und Engels formuliert wurde. Letztere kommentierten diese Schrift: \u201eGrade jetzt, wo wir uns mit Hand und Fu\u00df unsrer Haut wehren m\u00fcssen, soll das Proletariat sich nicht nach den Bed\u00fcrfnissen des Kampfes organisieren, den man ihm t\u00e4glich und st\u00fcndlich aufzwingt, sondern nach den Vorstellungen, die sich einige Phantasten von einer unbestimmten zuk\u00fcnftigen Gesellschaft machen! (\u2026) namentlich keine disziplinierten Sektionen! Ja keine Parteidisziplin, keine Zentralisation der Kr\u00e4fte auf einen Punkt, keine Waffen des Kampfs! Wo bliebe da das Vorbild der k\u00fcnftigen Gesellschaft? Kurz, wohin k\u00e4men wir mit dieser neuen Organisation? Zu der feigen, kriechenden Organisation der ersten Christen, jener Sklaven, die jeden Fu\u00dftritt mit Dank hinnahmen und die nach dreihundert Jahren allerdings ihrer Religion durch Kriechen den Sieg verschafften \u2013 eine Methode der Revolution, die das Proletariat wahrlich nicht nachahmen wird! Grade wie die ersten Christen sich ihren vorgestellten Himmel zum Vorbild ihrer Organisation nahmen, so sollten wir uns den gesellschaftlichen Zukunftshimmel des Herrn Bakunin zum Vorbild nehmen und statt zu k\u00e4mpfen \u2013 beten und hoffen.\u201c (MEW 17, 477f.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zusammenhang mit dem Zur\u00fcckweisen der traditionellen Institutionen und Strategien der sozialistischen Arbeiterbewegung und dem Pl\u00e4doyer f\u00fcr alternative Organisationsformen steht auch Holloways Kritik an der Trennung von \u00f6konomischem und politischem Kampf, eine Trennung, die durch die Herrschaft der \u201eabstrakten Arbeit\u201c \u2013 das zentrale Thema von Holloways Buch \u2013 durchgesetzt worden sei und von der Arbeiterbewegung reproduziert wurde. Holloway schreibt: \u201eSeit den Anf\u00e4ngen des industriellen Kapitalismus haben sich die von den Kapitalisten besch\u00e4ftigten Arbeiter zusammengetan, um f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen, h\u00f6here L\u00f6hne, k\u00fcrzere Arbeitszeiten und so weiter zu k\u00e4mpfen. Die typische Organisationsform hierf\u00fcr ist die Gewerkschaft, eine hierarchische und im Allgemeinen b\u00fcrokratische Organisationsform. Der Kampf der abstrakten Arbeit dreht sich zuallererst um Besch\u00e4ftigung: ein Kampf um bessere Besch\u00e4ftigungsbedingungen, h\u00f6here L\u00f6hne, mehr Besch\u00e4ftigung, ein Kampf gegen Arbeitslosigkeit. Diese K\u00e4mpfe sind wichtig, sie betreffen die Lebensbedingungen von Millionen und Abermillionen von Menschen \u00fcberall auf der Welt. Dies sind aber auch K\u00e4mpfe, die die Reproduktion kapitalistischer Herrschaft stillschweigend voraussetzen, die Unterordnung unseres T\u00e4tigseins unter fremde Kontrolle, die fortgesetzte Abstrahierung von T\u00e4tigsein zu Arbeit. Gewerkschaftlicher Kampf ist nicht die einzige Form des Kampfes der Arbeit gegen das Kapital. Revolution\u00e4re haben immer schon gesagt, dass gewerkschaftlicher Kampf nicht ausreicht, dass er lediglich die Bedingungen der Lohnarbeit verteidigt, w\u00e4hrend es n\u00f6tig sei, f\u00fcr die Abschaffung von Lohnarbeit und Ausbeutung zu k\u00e4mpfen. Gewerkschaftlicher Kampf ist ein \u00f6konomischer Kampf, der durch politischen Kampf erg\u00e4nzt werden m\u00fcsse. Politischer Kampf ist der Kampf um die \u00dcbernahme der Staatsgewalt, mit deren Hilfe dann die Produktionsmittel zu sozialisieren und die Lohnarbeit abzuschaffen seien. Dies ist das klassische Revolutionsmodell der Zweiten, Dritten und Vierten Internationale. Dies ist das Modell, an das nicht nur Lenin, sondern alle f\u00fchrenden Revolution\u00e4re des sp\u00e4ten neunzehnten und des ersten Teils des zwanzigsten Jahrhunderts glaubten.\u201c (160)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erneut zeigt sich, wie Holloway eine bestimmte Form von sozialistischer Transformationsstrategie als Vorstellung der Arbeiterbewegung verkl\u00e4rt. Dies wird besonders an seinen Ausf\u00fchrungen zu der Gewerkschaft deutlich, bei denen er die zwischen den \u201enormalen\u201c, mehr oder weniger marxistisch inspirierten Gewerkschaftsverb\u00e4nden und den sich vom Anarchismus herleitenden revolution\u00e4ren SyndikalistInnen bestehenden Differenzen in Organisationsform und Zielsetzung ausgeblendet. So war der gewerkschaftliche Kampf im Anarchosyndikalismus gerade nicht nur auf \u201ebessere Besch\u00e4ftigungsbedingungen\u201c etc. reduziert und fokussiert, sondern die Gewerkschaft selbst als revolution\u00e4res Organ des Klassenkampfes konzipiert. Und es war diese integrale Vorstellung von Gewerkschaftsarbeit, die, verbunden mit der Ablehnung der Parteiform und des Parlamentarismus, den Dualismus von Politik und \u00d6konomie ablehnte und ihrerseits zu transzendieren versuchte. Und: Diese Konzeption ist keine neue Erfindung, sondern entwickelte sich aus den fr\u00fchen K\u00e4mpfen der Arbeiterbewegung, noch bevor es zur Bildung der klassischen, also marxistisch ausgerichteten Arbeiterparteien kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist dann auch bezeichnend, dass Holloway die Erste Internationale (1864-1876) in seiner Aufz\u00e4hlung nicht erw\u00e4hnt. Was n\u00e4mlich wurde in der Ersten Internationale, \u00fcber die wir bei Holloway nichts erfahren, debattiert? Genau dies. So hei\u00dft es in einer Resolution des Basler Kongress (1869): \u201eDer Kongress erkl\u00e4rt, dass alle Arbeiter die Gr\u00fcndung von Widerstandsgesellschaften in den verschiedenen Berufen anstreben sollen. Sobald eine Gewerkschaft gebildet wird, sind die Vereine des n\u00e4mlichen Berufes davon zu unterrichten, damit die Bildung nationaler Industrieverb\u00e4nde ins Werk gesetzt werden kann. Diese Verb\u00e4nde sollen beauftragt werden, alles ihre Industrie betreffende Material zu sammeln, die gemeinschaftlich zu ergreifenden Ma\u00dfregeln zu beraten und auf die Durchf\u00fchrung derselben hinzuarbeiten, damit das heutige Lohnsystem durch die F\u00f6deration der freien Produzenten ersetzt werden kann.\u201c (zit.n. Rocker 1937, 42) Diese fr\u00fche Formulierung einer R\u00e4tedemokratie wurde seinerzeit von Marx abgelehnt (vgl. Moln\u00e1r 1964, 335), der stattdessen folgende Strategie durchzusetzen versuchte: \u201eIn seinem Kampf gegen die kollektive Macht der besitzenden Klassen kann das Proletariat nur dann als Klasse handeln, wenn es sich selbst als besondere politische Partei im Gegensatz zu allen alten, von den besitzenden Klassen gebildeten Parteien konstituiert.\u201c (MEW 18, 149)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Buckmiller schreibt zur Marxschen Strategie: \u201eWas (\u2026) unter politischer Macht, die es jetzt zu erobern galt, konkret zu verstehen war, blieb in der feierlichen Inauguraladresse [der Ersten Internationale] durch geschickte Formulierungen [von Marx] noch eher verdeckt und lie\u00df sich im damaligen Verst\u00e4ndnis von der Mehrheit der Akteure durchaus noch mit dem Begriff des Gesellschaftlichen verkn\u00fcpfen. In Wahrheit intendierte Marx mit diesem Vorsto\u00df die Fortsetzung der staatssozialistischen politischen Strategie Lassalles auf v\u00f6llig ver\u00e4nderter theoretischer Begr\u00fcndungsebene und zugleich die Abtrennung jener Elemente der proletarischen Bewegung, die auf eine subjektiv-spontane, direkt auf die Befreiung der Arbeit abzielende sozialrevolution\u00e4re Strategie setzten, wie etwa die Bakunisten und die Schweizer Sektion der Internationale. Der Kern der Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Richtungen bestand darin, dass Marx die in der damaligen Wirklichkeit sich bereits wachsende Trennung zwischen politischen und \u00f6konomischen Kampf in der Arbeiterbewegung theoretisch aufnahm und gedanklich faktisch zu einem neuen Typus von proletarisch-politischer Partei umformte, wie er tats\u00e4chlich sich erst Jahrzehnte sp\u00e4ter im Typus der sozialdemokratischen Partei praktisch realisierte. Bakunin und die Seinen hingegen verfolgten nach wie vor eine Emanzipationsstrategie wesentlich auf direkt \u00f6konomischer Ebene.\u201c (Buckmiller 2001, 251; H.v.m.) Das hei\u00dft: Wenn Engels sich freute: \u201epolitischer Kampf, Organisation als politische Partei und Trennung von den Anarchisten. Mit diesen Beschl\u00fcssen hat sich der oberitalienische Bund endg\u00fcltig von der bakunistischen Sekte losgesagt und sich auf den gemeinsamen Boden der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung gestellt\u201c (MEW 19, 95) \u2013 muss hinzugef\u00fcgt werden: nicht nur auf den \u201eBoden der gro\u00dfen europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung\u201c, sondern auch auf den Boden der abstrakten Arbeit im Sinne Holloways, hat sich die marxistische Arbeiterbewegung damit gestellt! Es \u00fcberrascht also nicht, wenn Kropotkin erkl\u00e4rte: \u201eSozialdemokratie war ein Verfallen des Sozialismus.\u201c (Kropotkin zit.n. Weber 1989, 241)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holloway m\u00fcsste dem russischen Anarchisten wohl Recht geben, schreibt er doch selbst: \u201eAll dies [die Krise der traditionellen Arbeiterbewegung] wird im Allgemeinen als eine historische Niederlage der Arbeiterklasse angesehen. Historische Niederlage, zweifellos, aber wovon? Eine Niederlage der Arbeiterbewegung, der auf der auf der abstrakten Arbeit begr\u00fcndeten Bewegung. Die Niederlage einer Bewegung, die von den Fetischformen der abstrakten Arbeit in Schach gehalten worden war. Die Niederlage des Kampfes der Arbeit gegen das Kapital, vielleicht aber auch ein Aufbruch f\u00fcr den Kampf des T\u00e4tigseins gegen Arbeit-und-Kapital. In diesem Fall w\u00e4re die Niederlage nicht eine Niederlage des Klassenkampfs, sondern eine Verschiebung hin zu einem tiefersch\u00fcrfenden Klassenkampf.\u201c (182) Zu hoffen w\u00e4re es. Mit Marx zu tun aber hat das alles nicht viel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen den Vorwurf, dass er seine anarchistischen Vorl\u00e4uferInnen nicht nennen w\u00fcrde, erkl\u00e4rt Holloway, dass \u201eEtikettieren dem Denken zuwiderl\u00e4uft\u201c und dass die \u201eStruktur\u201c seiner Argumentation \u201eebenso sehr die anarchistische Tradition wie die marxistische kritisiert\u201c (186). Vergegenw\u00e4rtigt man sich, dass Holloway seinen Entwurf selbst explizit als \u201eneuen Marxismus\u201c etikettiert (159) und das Buch keinerlei (explizite) Kritik am Anarchismus formuliert \u2013 da dieser ja nirgendwo diskutiert wird \u2013, kann man sich einem gewissen Schmunzelns nicht erwehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><strong>Philippe Kellermann<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun hat Holloway die \u201eTochter\u201c (16) jenes Buches in die \u00d6ffentlichkeit geschickt, diesmal unter einem weniger explizit anarchistischen Titel: Kapitalismus aufbrechen. Dass auch dieses Buch deutlich anarchistisch gepr\u00e4gt und keineswegs marxistisch ist, ist die zentrale These meiner folgenden Ausf\u00fchrungen. 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