{"id":10614,"date":"2011-04-01T00:00:23","date_gmt":"2011-03-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10614"},"modified":"2022-07-26T14:12:29","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:29","slug":"den-kampf-der-giganten-marxbakunin-hat-es-nie-gegeben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/04\/den-kampf-der-giganten-marxbakunin-hat-es-nie-gegeben\/","title":{"rendered":"Den &#8222;Kampf der Giganten&#8220; Marx\/Bakunin hat es nie gegeben"},"content":{"rendered":"<p>Ein Ger\u00fccht geht um in Europa. Es lautet, die europ\u00e4ische Arbeiterbewegung                 sei von Beginn an in zwei Lager gespalten gewesen: die Marxisten                 und die Anarchisten. Zwei m\u00e4chtige und homogene Str\u00f6mungen, an                 deren Spitze jeweils ein starker Mann gestanden h\u00e4tte, dessen                 Genialit\u00e4t und Geistesgr\u00f6\u00dfe alles andere \u00fcberragte. Und die politischen                 Differenzen, die diese beiden &#8222;Titanen&#8220;, also Karl Marx und Michael                 Bakunin, damals miteinander austrugen (so das Ger\u00fccht), seien                 von solch enormer weltgeschichtlicher Bedeutung gewesen, dass                 wir uns bitte bis in alle Ewigkeit mit ihnen besch\u00e4ftigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nach diesem Schema wird die Geschichte der europ\u00e4ischen Arbeiterbewegung                 im 19. Jahrhundert und speziell die Geschichte der Ersten Internationale                 seit jeher erz\u00e4hlt. Soeben ist ein weiteres Buch erschienen, diesmal                 als sechster Band der im Karin Kramer Verlag erscheinenden Reihe                 von Ausgew\u00e4hlten Schriften Bakunin (vgl. Vorabdruck in GWR 355).                 Wegen des enormen Umfangs wurde es auf zwei Halbb\u00e4nde aufgeteilt.               <\/p>\n<p>Es besteht aber Anlass zur Hoffnung, dass damit nun endlich ein                 Schlusspunkt unter dieses Narrativ gesetzt wird. Denn die klare                 Erkenntnis aus den von Wolfgang Eckhardt zusammengetragenen Dokumenten                 und Quellen lautet: Einen solchen &#8222;Kampf der Giganten&#8220; hat es                 nie gegeben. Letztlich ist die ganze Geschichte eine Erfindung                 von Marx und noch mehr von Friedrich Engels, die ihr eigenes Scheitern                 im Hinblick auf die Internationale einfach Bakunin und seinen                 angeblichen Intrigen in die Schuhe geschoben haben, anstatt sich                 die Frage zu stellen, weshalb ihre politischen Vorschl\u00e4ge und                 Analysen von der gro\u00dfen Mehrheit der europ\u00e4ischen Arbeiter und                 Arbeiterinnen nicht aufgegriffen oder rundheraus abgelehnt wurden.<\/p>\n<p>In seiner 670 Seiten starken Einf\u00fchrung zeichnet Eckhardt detailliert                 die Ereignisse nach, schafft Querverbindungen, umrei\u00dft die Konfliktlinien                 und schafft damit \u00fcberhaupt erst die M\u00f6glichkeit, dass von heute                 aus verstehbar wird, worum es damals ging. <\/p>\n<p>Was die Quellentexte selbst betrifft, so umfassen nur gut die                 H\u00e4lfte der Seiten tats\u00e4chlich Texte von Bakunin selbst, der Rest                 sind Texte von anderen, Briefe, Rundschreiben, Stellungnahmen,                 Statuten, Kongressprotokolle. <\/p>\n<p>Das Geschehen umfasst die Jahre 1871 bis 1873 (die Jahre davor                 bilden Band 5 der Reihe). Die Diskussionen jener Zeit sind vor                 allem deshalb interessant, weil hier erstmals der Begriff &#8222;Anarchismus&#8220;                 eingef\u00fchrt wurde in dem Sinne, wie er sp\u00e4ter in die Geschichte                 der politischen Ideen Eingang gefunden hat: als Name f\u00fcr eine                 sozialrevolution\u00e4re Bewegung, die sich gegen die \u00dcbernahme staatlicher                 Strukturen und die Beteiligung an parteipolitischen Prozessen                 aussprach und stattdessen auf die Selbstorganisation von unten                 nach oben setzte und den Pluralismus von Ideen innerhalb der Arbeiterbewegung                 akzeptierte und sogar positiv bewertete. <\/p>\n<p>Denn genau darum drehten sich die Konflikte im Kern: Marx und                 Engels wollten den symbolisch starken Verband der Internationale                 dazu bewegen, sich f\u00fcr die Bildung politischer Arbeiterparteien                 einzusetzen, konnten daf\u00fcr aber keine Mehrheit finden. <\/p>\n<p>In Deutschland, wo die Sozialdemokratie bereits auf diesem Weg                 war, war das Interesse an einer internationalen Vernetzung gering                 und die Internationale praktisch bedeutungslos. Auch in England,                 wo die Gewerkschaften 1864 noch ma\u00dfgeblich an der Gr\u00fcndung der                 Internationale beteiligt gewesen waren, ging das Interesse an                 Internationalit\u00e4t im Zuge ihrer Einbindung in nationale politische                 Strukturen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>In den L\u00e4ndern hingegen, in denen die Internationale als Organisation                 prosperierte, stand der Gro\u00dfteil der Arbeiterbewegung parteipolitischen                 Aktivit\u00e4ten skeptisch bis ablehnend gegen\u00fcber. Und zwar aus sehr                 unterschiedlichen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Prinzipielle Ablehnung von Staatlichkeit in Italien und Spanien                 spielte dabei ebenso eine Rolle wie eine eher regionale (statt                 nationale) Orientierung in der Schweizer Juraregion, die Erfahrungen                 aus der Pariser Kommune, deren Fl\u00fcchtlinge sich zum Gro\u00dfteil in                 der Schweiz organisierten, oder umfassendere kulturell-emanzipatorische                 Ans\u00e4tze einzelner Sektionen oder Vordenkerinnen und Vordenker.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re interessant gewesen, wenn man diese Fragen und Differenzen                 miteinander in einen fruchtbaren Austausch gebracht h\u00e4tte, um                 daraus Orientierungen und B\u00fcndnisse f\u00fcr antikapitalistische, sozialrevolution\u00e4re                 Projekte und Bewegungen zu gewinnen. <\/p>\n<p>Doch dazu kam es nicht &#8211; und dass das wesentlich die Schuld von                 Engels und Marx ist, zeigt Wolfgang Eckhardt \u00fcberzeugend. Die                 beiden initiierten ab Sommer 1871 einen peinlichen ideologischen                 Kleinkrieg gegen alle Andersdenkenden, und als sie einsehen mussten,                 dass sie sich nicht durchsetzen w\u00fcrden, haben sie die Internationale                 als Organisation zerschlagen. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatte es auch vorher schon inhaltliche Differenzen                 gegeben &#8211; etwa zwischen englischen Gro\u00dfgewerkschaften und franz\u00f6sischen                 Minisektionen, oder zwischen emanzipatorischen Vertretern von                 Geschlechtergerechtigkeit und proudhonistischen Antifeministen,                 oder auch zwischen rein \u00f6konomischen und gr\u00f6\u00dferen kulturellen                 Ans\u00e4tzen. Diese Differenzen waren bis dahin auf internationalen                 Kongressen auch inhaltlich diskutiert worden, und unterschiedliche                 Ansichten und Str\u00f6mungen standen nebeneinander.<\/p>\n<p>Doch nun versuchten Marx und Engels zunehmend mit formalen Tricks,                 die Gremien der Internationale auf ihre Linie zu trimmen. Im September                 1871 organisierten sie statt eines Kongresses nur eine kleine                 Konferenz in London, bei der die Befugnisse des Generalrats (und                 damit ihr eigener Einfluss) erheblich vergr\u00f6\u00dfert wurden. Viele                 Sektionen erkannten diese Beschl\u00fcsse nicht an, woraufhin der Generalrat                 Ausschlussverfahren gegen sie einleitete.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste internationale Kongress im September 1872 wurde in                 Den Haag einberufen, um die Teilnahme der Sektionen aus Italien,                 Spanien, der Schweiz wegen der teuren Anreisekosten zu erschweren,                 w\u00e4hrend gleichzeitig fingierte Mandate f\u00fcr Marx-treue Delegierte                 aus dem nahe gelegenen England und Deutschland beschafft wurden.               <\/p>\n<p>Der Widerstand gegen dieses &#8222;autorit\u00e4re&#8220; Vorgehen formierte sich                 \u00fcberall, nicht nur in Italien, in Spanien oder in der Jura-Schweiz,                 wo der &#8222;marxistische&#8220; Einfluss ohnehin gering war, sondern auch                 etwa in Belgien und am Ende sogar bei Teilen der englischen Internationalemitglieder.               <\/p>\n<p>Beim Lesen der Dokumente kann man nur den Kopf sch\u00fctteln \u00fcber                 Marx und Engels, wobei letzterer in diesen fatalen Bem\u00fchungen                 wohl die Hauptrolle spielte. Und zwar nicht so sehr den Kopf sch\u00fctteln                 \u00fcber die \u00dcberheblichkeit, mit der sie ihre eigenen politischen                 Analysen und Einsch\u00e4tzungen f\u00fcr die einzig wahren und legitimen                 hielten. Sondern vor allem dar\u00fcber, wie realit\u00e4tsblind sie waren                 und wie falsch sie die Stimmung in der Internationale eingesch\u00e4tzt                 haben. <\/p>\n<p>Am Ende blieb ihnen nichts anderes \u00fcbrig, als den Generalrat                 in das praktisch unerreichbare New York zu verlegen und alle kritischen                 Personen (unter anderem Bakunin und James Guillaume von der Juraf\u00f6deration)                 sowie Sektionen (die Italiener, die Spanier, die Jurassier) aus                 der Internationale auszuschlie\u00dfen, was faktisch einer Zerschlagung                 der Organisation gleichkam.<\/p>\n<p>Michael Bakunin hatte an all diesen Ereignissen nur wenig Anteil.                 Seit er von Genf nach Locarno umgezogen war, hatte er kaum noch                 Einfluss auf die Schweizer Internationale. <\/p>\n<p>In Spanien war zwar der Ansto\u00df zur Gr\u00fcndung von Internationale-Sektionen                 von einem Freund Bakunins, Giuseppe Fanelli, ausgegangen, doch                 die Gruppen entwickelten sich schon bald v\u00f6llig eigenst\u00e4ndig.                 In Belgien oder gar England hatte Bakunin keine Rolle gespielt,                 und auch zu den franz\u00f6sischen Kommunefl\u00fcchtlingen in der Schweiz,                 die die Generalratsbeschl\u00fcsse sehr aktiv bek\u00e4mpften, gab es keinen                 Kontakt. H\u00f6chstens in Italien hatte er Einfluss.<\/p>\n<p>Umso absurder, dass sich der ideologische Kleinkrieg von Engels                 und Marx vorwiegend auf eine Verleumdungskampagne gegen Bakunin                 st\u00fctzte. <\/p>\n<p>Alle, die ihre Auffassungen nicht teilten, wurden als &#8222;Bakunisten&#8220;                 abgestempelt und viel Energie darauf verwendet, zu &#8222;beweisen&#8220;,                 dass Bakunin ein Konspirateur, ein Sektengr\u00fcnder, ein Verbrecher                 sei.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hatten diese Vorw\u00fcrfe f\u00fcr die Beteiligten keine Plausibilit\u00e4t                 &#8211; sie wussten ja, dass es ihre eigenen Ideen waren, f\u00fcr die sie                 eintraten, und nicht irgendwelche teuflischen Einfl\u00fcsterungen                 Bakunins.<\/p>\n<p>Man fragt sich, was Marx und Engels mit diesem Vorgehen bezwecken                 wollten. Waren sie tats\u00e4chlich der \u00dcberzeugung, dass Bakunin die                 Wurzel allen \u00dcbels sei? Oder hofften sie, die Diffamierung Bakunins                 k\u00f6nnte die Tatsache kompensieren, dass ihre politische Linie nicht                 mehrheitsf\u00e4hig war? Diese Fragen bleiben bis heute unbeantwortet,                 und vielleicht m\u00fcssten sich marxistische Forscher einmal damit                 besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Was aber vor allem jetzt aussteht, ist der Auftrag, der sich                 aus der Analyse Eckhardts ergibt: Wenn Marx und Engels nicht die                 ma\u00dfgeblichen Akteure der Internationale waren (jedenfalls im Hinblick                 auf die inhaltlichen Themen) &#8211; wer dann? <\/p>\n<p>Einige Anhaltspunkte finden sich in den Quellen: In erster Linie                 w\u00e4re da wohl James Guillaume zu nennen, theoretischer Vordenker                 der Jurasektionen, der beim Haager Kongress offenbar einen sehr                 guten Eindruck hinterlassen hat. Er bem\u00fchte sich sehr (\u00fcbrigens                 gegen die ausdr\u00fcckliche Empfehlung Bakunins), eine Zusammenarbeit                 mit belgischen und englischen, generalratskritischen Delegierten                 auf die Beine zu stellen. Interessant w\u00e4re auch, zu erfahren,                 warum John Hales und Georg Eccarius in England, Urgesteine der                 Internationale, sich jetzt pl\u00f6tzlich gegen Marx und Engels stellten.                 Bestimmt nicht, weil sie bakunistischen Verf\u00fchrungen erlegen waren.                 Aber warum dann? Worum ging es ihnen?<\/p>\n<p>Mehr erfahren w\u00fcrde man gerne auch \u00fcber die Diskussionen unter                 den Kommunefl\u00fcchtlingen, zu deren f\u00fchrenden K\u00f6pfen die feministische                 Schriftstellerin Andr\u00e9 Leo und ihr Lebensgef\u00e4hrte Benoit Malon                 geh\u00f6rten, beide langj\u00e4hrige Internationalemitglieder. <\/p>\n<p>Oder \u00fcber Eug\u00e8ne Hins in Belgien, der in den hier dokumentierten                 Quellen immer nur wegen seiner &#8222;russischen Frau&#8220; erw\u00e4hnt wird                 &#8211; der Anlass f\u00fcr Marx, ihm eine Konspiration mit Bakunin zu unterstellen.                 Hins geh\u00f6rte auf den fr\u00fchen Kongressen zur Minderheit derjenigen,                 die das Recht der Frauen auf Erwerbsarbeit unterst\u00fctzten. F\u00fcr                 welche Ideen stand er sonst noch?<\/p>\n<p>Nicht nur die Forschung zu den bedeutenden Protagonisten und                 Protagonistinnen der Arbeiterbewegung ist unter die R\u00e4der gekommen,                 weil man sich ganz auf den angeblichen Wettstreit zwischen Marx                 und Bakunin konzentrierte. Auch die inhaltlichen Konfliktlinien                 wurden teilweise falsch gezogen. Die Fixierung auf den &#8222;gro\u00dfen                 Streit&#8220; verdeckt n\u00e4mlich, dass Marx und Bakunin an zahlreichen                 Punkten durchaus einer Meinung waren &#8211; viele andere Internationale                 aber nicht.<\/p>\n<p>Zum Beispiel in der Frage nach einer m\u00f6glichen Zusammenarbeit                 mit republikanischen Kr\u00e4ften: Sowohl Marx als auch Bakunin lehnten                 das kategorisch ab, aber viele andere bef\u00fcrworteten gr\u00f6\u00dfere B\u00fcndnisse.               <\/p>\n<p>Zwischen Andr\u00e9 Leo und Bakunin ist ein Streit dar\u00fcber dokumentiert,                 bisher wurde das aber noch nie erforscht. Ein anderer wichtiger                 Punkt ist auch das Verh\u00e4ltnis von Frauen und M\u00e4nnern. Das war                 eines der umstrittensten Themen in der Internationale, aber in                 der Geschichtsschreibung f\u00e4llt es unter den Tisch &#8211; weil sowohl                 Marx und Bakunin es f\u00fcr uninteressant hielten. <\/p>\n<p>Beide hatten zur &#8222;Frauenfrage&#8220; eine pragmatische, instrumentelle                 Haltung, sie waren weder radikale Frauenfeinde wie die von Proudhon                 beeinflussten Internationalisten, noch engagierten sie sich aktiv                 f\u00fcr eine egalit\u00e4re Politik, wie es die fortschrittlichen, emanzipatorischen                 Gruppen taten.<\/p>\n<p>Eine traurige Gemeinsamkeit zwischen beiden ist schlie\u00dflich auch                 der polemische und diffamierende Grundton, mit dem sie sich wechselseitig                 ebenso wie andere politische Gegner beschimpften. Die ganzen &#8222;Lumpen&#8220;,                 &#8222;Kanaillen&#8220;, &#8222;Ochsen&#8220; und sonstigen rhetorischen Wendungen sind                 zwar zun\u00e4chst am\u00fcsant zu lesen, aber schon bald kann man diesen                 Diskussionsstil nicht mehr ertragen. <\/p>\n<p>Und man fragt sich, ob der Einfluss der sozialistischen Idee                 in Europa nicht gr\u00f6\u00dfer h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, wenn sie weniger r\u00fcpelhafte                 und sich selbst \u00fcbersch\u00e4tzende Helden gehabt h\u00e4tte. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ger\u00fccht geht um in Europa. Es lautet, die europ\u00e4ische Arbeiterbewegung sei von Beginn an in zwei Lager gespalten gewesen: die Marxisten und die Anarchisten. Zwei m\u00e4chtige und homogene Str\u00f6mungen, an deren Spitze jeweils ein starker Mann gestanden h\u00e4tte, dessen Genialit\u00e4t und Geistesgr\u00f6\u00dfe alles andere \u00fcberragte. 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