{"id":10653,"date":"2011-05-01T00:00:32","date_gmt":"2011-04-30T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10653"},"modified":"2022-07-26T14:12:28","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:28","slug":"gegen-die-gewalt-des-staates-hilft-auch-kein-kaffee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/05\/gegen-die-gewalt-des-staates-hilft-auch-kein-kaffee\/","title":{"rendered":"&#8222;Gegen die Gewalt des Staates hilft auch kein Kaffee&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Zwischenbericht<\/h3>\n<p>In M\u00fcnster standen in einer Stra\u00dfe fast alle H\u00e4user leer.<\/p>\n<p>Doch in ein Haus kam Leben, es wurde besetzt, bewohnt, belebt.                 Irgendwie st\u00f6rte sich kein Mensch daran. Die Nachbarn halfen beim                 Einziehen, die lokale Politik zeigte Verst\u00e4ndnis und es gab Raum                 f\u00fcr Begegnung und Ver\u00e4nderung, der vielen gut tat. Doch dann wurde                 ger\u00e4umt, der Staat als abstrakter Rahmen hat weder Herz noch Verstand,                 sondern Gesetze und findet in der Polizei Menschen, die diese                 mit Gewalt durchsetzen.<\/p>\n<p>Die Geschichte der Grawertstra\u00dfe 34 zeigt wie selbstbestimmtes                 Leben einerseits m\u00f6glich und von viel mehr Menschen gewollt ist,                 als zun\u00e4chst gedacht. Sie zeigt aber auch wie schwer verschiedene                 Lebenstr\u00e4ume und Lebensr\u00e4ume in diesem Staat zu verwirklichen                 sind. Doch eines bleibt auch nach der R\u00e4umung: die Geschichte                 der Grawertstra\u00dfe ist noch nicht zu Ende.<\/p>\n<p>Im Norden von M\u00fcnster steht die Grawertstra\u00dfe mit 34 H\u00e4usern                 seit drei Jahren komplett leer. Sie wurde der britischen Armee                 zur Unterbringung von Soldaten und Angeh\u00f6rigen \u00fcberlassen, kostenlos                 im Rahmen von NATO-Truppenstatuten. Doch die britische Armee ist                 schon lange auf dem R\u00fcckzug aus Europa und braucht deshalb einen                 gro\u00dfen Teil der insgesamt \u00fcber 800 H\u00e4user in M\u00fcnster nicht. Dieser                 Leerstand ist in M\u00fcnster umso prek\u00e4rer, weil es in der Unistadt                 f\u00fcr viele Menschen mit wenig Geld, Fl\u00fcchtlinge, Studierende, Arbeitslose                 sehr schwer ist Wohnungen zu mieten. Die Stadt w\u00e4chst und in der                 Innenstadt verdr\u00e4ngen Wohlhabende alle anderen mehr und mehr.<\/p>\n<p>Es lag also nahe, dass sich irgendwann Menschen ein Herz fassen                 w\u00fcrden. Theoretisch h\u00e4tte die Grawertstra\u00dfe bis 2020 verwaist                 bleiben k\u00f6nnen. Doch dem schritt eine von Anfang an offene und                 friedliche Besetzung entgegen. <\/p>\n<p>Am 25. M\u00e4rz zog eine Gruppe von Menschen ein und zum Auftakt                 gab es eine Party mit 100 G\u00e4sten.<\/p>\n<p>Die T\u00fcren blieben offen und dies erfreute auch die Nachbarn.                 Sie brachten Geschirr, Kuchen, Zukunftspl\u00e4ne und besonders viel                 Solidarit\u00e4t. Eine leerstehende Stra\u00dfe wurde so gemeinsam mit Leben                 erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Die Belebung war f\u00fcr viele eine Initialz\u00fcndung, die viel Energie                 und Kreativit\u00e4t im Viertel freisetzte. Die Unterst\u00fctzung hielt                 an und zu den Nachbarschaftscaf\u00e9s kamen alle Generationen und                 Menschen aller sozialen Schichten. In der Presse wurde das Kaffeetrinken                 zum Symbol des Miteinander und Schaffens von Kontakten innerhalb                 der Nachbarschaft. Nach den ersten Wochen des Zusammenlebens kamen                 auch Lokalpolitiker_innen und es er\u00f6ffnete sich eine Stimmung                 der allgemeinen Zustimmung. Ein erster Erfolg also: Auch und gerade                 radikale Aktionen werden angenommen &#8211; vielleicht sogar erhofft.                 Ein zweiter Erfolg folgt: die Britische Armee entschied sich,                 aufgeschreckt durch diese \u00d6ffentlichkeit, die komplette Stra\u00dfe                 abzugeben.<\/p>\n<p>Aus der Aktion wurde eine Bewegung. Immer mehr Menschen interessierten                 sich f\u00fcr die Besetzung im Stadtteil Rumphorst und immer gr\u00f6\u00dfer                 wurde der Kreis derer, die sich mit Ideen und Zeit einbrachten.               <\/p>\n<p>So wurden ein Arbeitskreis gegr\u00fcndet, der Ideen f\u00fcr eine langfristige                 Nutzung sammelt. Das Ziel ist eine Nutzung, die sicherstellt,                 dass Wohnraum f\u00fcr Menschen geschaffen wird, die nicht viel Geld                 haben und mehr als nur nebeneinander wohnen wollen: eine autofreie                 Siedlung, \u00f6kologisches, selbstverwaltetes Leben und Angebote,                 die sich auch nach au\u00dfen richten. Von Anfang an kamen auch Fl\u00fcchtlinge,                 sie f\u00fchrte die Hoffnung auf g\u00fcnstigen, nicht kontrollierten Wohnraum                 in das Haus.<\/p>\n<p>Diese Hoffnungen wurden vor allem durch die Bundesanstalt f\u00fcr                 Immobilienaufgaben (BImA), Verwalterin der Liegenschaften, zerschlagen.                 Denn die Beh\u00f6rde wollte nichts wissen von dem M\u00fcnsteraner Frieden.                 Sie wollte anzeigen, illegalisieren, rausschmei\u00dfen, obwohl die                 Bewohner_innen Gespr\u00e4chspartner_innen suchten und sich um einen                 gewaltfreien Umgang mit allen bem\u00fchten.<\/p>\n<p>Gewaltfrei ist es aber nicht, wenn 20 Polizist_innen eine Verhandlungsdelegation,                 die mit der BImA in Dortmund sprechen wollte, vom Bahnhof abholt                 und den Weg ins Haus versperrt. Gewaltfrei ist es auch nicht,                 wenn der zust\u00e4ndige Sachbearbeiter der BImA nicht einmal bereit                 ist das Portfolio mit den Ideen und Konzepten anzunehmen und es                 stattdessen auf den Fu\u00dfboden wirft.<\/p>\n<p>Gewaltfrei ist es nie, wenn bewaffnete Polizisten drei Schlafende                 unsanft wecken und aus dem Haus schaffen. <\/p>\n<p>So endete am 14. April die Bewohnung der Grawertstra\u00dfe 34 &#8211; vorl\u00e4ufig.                 Ein gro\u00dfes Aufgebot der deutschen Polizei und britischer Milit\u00e4rpolizei                 drang in das Haus.<\/p>\n<p>Nicht alles war rosig in den Tagen der Besetzung, es ist nicht                 leicht, Ideen und Ideale zu leben und dabei in einem System zu                 stecken, das genau davon nichts wissen will. Nicht alle Solidarit\u00e4t                 galt der Idee, manches war auch Ausl\u00e4nderfeindlichkeit. Und Kaffee                 und Kuchen allein \u00e4ndern nichts daran, dass es Gesetze gibt, die                 keine R\u00fccksicht auf Wollen und Einigung legen.<\/p>\n<p>Aber es ist ermutigend zu sehen, was alles m\u00f6glich ist. Und es                 geht weiter. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Zwischenbericht In M\u00fcnster standen in einer Stra\u00dfe fast alle H\u00e4user leer. Doch in ein Haus kam Leben, es wurde besetzt, bewohnt, belebt. Irgendwie st\u00f6rte sich kein Mensch daran. 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