{"id":10667,"date":"2011-05-01T00:00:11","date_gmt":"2011-04-30T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10667"},"modified":"2022-07-26T14:22:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:38","slug":"endstation-turkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/05\/endstation-turkei\/","title":{"rendered":"Endstation T\u00fcrkei?"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blick auf die Karte zeigt, dass Fl\u00fcchtlinge aus Afghanistan,                 Irak, Iran, Somalia, Syrien, mittlerweile auch aus Eritrea, \u00fcber                 die T\u00fcrkei fliehen m\u00fcssen, um in die EU zu gelangen. <\/p>\n<p>Diese Schutzsuchenden leben im t\u00fcrkischen Transit gef\u00e4hrlich:                 Willk\u00fcrliche Inhaftierungen, die st\u00e4ndige Gefahr einer drohenden                 Abschiebung und t\u00e4glicher \u00dcberlebenskampf pr\u00e4gen ihren Alltag.<\/p>\n<p>Die EU will ein R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommen umsetzen und eine Polizeikooperation                 zwischen der europ\u00e4ischen Grenzagentur Frontex und der T\u00fcrkei                 abschlie\u00dfen &#8211; Menschenrechte und Fl\u00fcchtlingsschutz spielen dabei                 de facto keine Rolle. F\u00fcr Fl\u00fcchtlinge soll gelten: Endstation                 T\u00fcrkei. <\/p>\n<h3>Kein Fl\u00fcchtlingsschutz<\/h3>\n<p>Die T\u00fcrkei besitzt kein Schutzsystem. Immer wieder gibt es Berichte                 von v\u00f6lkerrechtswidrigen Abschiebungen von Fl\u00fcchtlingen in den                 Irak und Iran. <\/p>\n<p>Das bekannteste Beispiel: Im April 2008 wurden 18 syrische und                 iranische Schutzsuchende, darunter f\u00fcnf von UNHCR anerkannte Fl\u00fcchtlinge,                 gezwungen, schwimmend den Grenzfluss zwischen der T\u00fcrkei und dem                 Irak zu \u00fcberqueren. Vier von ihnen ertranken. UNHCR verurteilte                 den Vorfall scharf &#8211; bis heute gab es keine ernsthafte Untersuchung.<\/p>\n<p>Schutzsuchende k\u00f6nnen in der T\u00fcrkei nur ein Fl\u00fcchtlingsfeststellungsverfahren                 beim UNHCR durchlaufen. Gew\u00e4hrt dieser einen Fl\u00fcchtlingsstatus,                 m\u00fcssen die Menschen ausharren und hoffen, dass ein Drittland sie                 aufnimmt.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei ist zwar Mitunterzeichner der Genfer Fl\u00fcchtlingskonventionen                 von 1951. Wegen des so genannten geographischen Vorbehalts pr\u00fcft                 sie jedoch nur Asylantr\u00e4ge von Fl\u00fcchtlingen aus europ\u00e4ischen L\u00e4ndern.                 Die meisten Schutzsuchenden kommen jedoch aus dem Iran, Irak,                 aus Afghanistan oder Somalia. Seit 1996 gibt es f\u00fcr diese Fl\u00fcchtlinge                 eine eigene Regelung: Alle, die Asyl beantragen wollen, m\u00fcssen                 bei den t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden vorstellig werden, um einen tempor\u00e4ren                 Status zu beantragen. Parallel dazu l\u00e4uft das Fl\u00fcchtlingsfeststellungsverfahren                 beim UNHCR. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Verfahrens werden sie einer von 30 sogenannten Satellitenst\u00e4dten                 zugewiesen, die sie nicht verlassen d\u00fcrfen. Die Lebensbedingungen,                 selbst von registrierten Asylsuchenden und anerkannten Fl\u00fcchtlingen,                 sind \u00e4u\u00dferst prek\u00e4r. Trotz Aufenthaltsgenehmigung bekommen sie                 keine Unterst\u00fctzung vom t\u00fcrkischen Staat.<\/p>\n<h3>Resettlement: Besch\u00e4mender Beitrag <\/h3>\n<p>Falls der UNHCR den Antrag akzeptiert, kann es Jahre dauern,                 bis sich ein Aufnahmeplatz f\u00fcr eine Neuansiedlung (Resettlement)                 findet. Derzeit warten rund 10.000 Fl\u00fcchtlinge in der T\u00fcrkei auf                 die Aufnahme in ein Land, das ihnen dauerhaften Schutz gew\u00e4hrt.                 Ende 2010 waren etwa 17.000 Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende im UNHCR-B\u00fcro                 Ankara registriert. Hiervon stammen etwa 5.900 aus dem Irak, 4.600                 aus dem Iran, 3.400 aus Afghanistan und 1.300 aus Somalia. <\/p>\n<p>5.335 Fl\u00fcchtlinge fanden 2010 Aufnahme in einem anderen Asylland,                 3.200 davon allein in den USA. Der Beitrag der EU und Deutschlands                 bleibt besch\u00e4mend: 22 irakische Fl\u00fcchtlinge und 99 aus dem Iran                 fanden im Club der 27 Mitgliedsstaaten im Jahr 2010 Aufnahme.                 Deutschland gew\u00e4hrte 25 iranischen Verfolgten Zuflucht.<\/p>\n<h3>Europa will zur\u00fcckschieben<\/h3>\n<p>Am 27. Januar 2011 verk\u00fcndete die EU-Innenkommissarin, Cecilia                 Malmstr\u00f6m, den erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen \u00fcber                 ein so genanntes R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommen mit der T\u00fcrkei. Es sieht                 vor, dass auch Schutzsuchende aus Drittstaaten, die \u00fcber die T\u00fcrkei                 in die EU eingereist sind, leichter zur\u00fcckgeschoben werden k\u00f6nnen.                 Am 24. Februar 2011 billigten die EU-Innenminister den Abschiebevertrag.                 Stoppen k\u00f6nnen dieses f\u00fcr den Fl\u00fcchtlingsschutz fatale Abkommen                 nur noch das Europaparlament und die t\u00fcrkische Volksvertretung.                 Die T\u00fcrkei wird erst dann gr\u00fcnes Licht geben, wenn zeitgleich                 auch die &#8222;unw\u00fcrdigen Visabeschr\u00e4nkungen&#8220; f\u00fcr t\u00fcrkische Staatsangeh\u00f6rige                 fallen. Und Ankara wird sich die R\u00fccknahme von Fl\u00fcchtlingen aus                 Griechenland und anderswo bezahlen lassen, in Form von europ\u00e4ischen                 Investitionen in die Grenzaufr\u00fcstung, f\u00fcr neue Haftanstalten,                 f\u00fcr Abschiebefl\u00fcge bis in die Herkunftsl\u00e4nder etc. <\/p>\n<h3>Gef\u00e4hrliche Nachbarschaft<\/h3>\n<p>Angesichts der Situation von Schutzsuchenden in Griechenland                 gewinnt der Abschluss des R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommens eine dramatische                 Bedeutung f\u00fcr den Fl\u00fcchtlingsschutz an den \u00f6stlichen EU-Au\u00dfengrenzen.               <\/p>\n<p>An der griechisch-t\u00fcrkischen Landgrenze, der Evros-Region, findet                 seit Sommer 2010 die gr\u00f6\u00dfte humanit\u00e4re Katastrophe der innereurop\u00e4ischen                 Fl\u00fcchtlingspolitik statt. <\/p>\n<p>Die Haftlager, in der alle Neueinreisenden inhaftiert werden,                 selbst Familien mit Kindern und unbegleitete Minderj\u00e4hrige, sind                 brechend voll. <\/p>\n<p>&#8222;Welcome to Hell-As&#8220; ist eine Gru\u00dfformel griechischer Polizisten.                 F\u00fcr Fl\u00fcchtlinge sind die erb\u00e4rmlichen Haftbedingungen die H\u00f6lle.                 Enge, Mangelversorgung, fehlender Hofgang, keinerlei Hygienestandards                 &#8211; h\u00e4ssliche Orte, an denen alles m\u00f6glich ist. Berichte von sexuellen                 \u00dcbergriffen und von Verg\u00fcnstigungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsfrauen bei                 sexuellen Gef\u00e4lligkeiten gegen\u00fcber Polizisten wurden bei unseren                 Besuchen in den Haftanstalten mehrfach ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>Es kommt bereits heute zu Zur\u00fcckweisungen von Schutzsuchenden                 in die T\u00fcrkei. Fl\u00fcchtlingen, beispielsweise aus dem Irak und Iran,                 droht dann die Weiterabschiebung bis ins Verfolgerland. In dem                 avisierten EU-R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommen wird zwar der Zur\u00fcckweisungsschutz                 erw\u00e4hnt, in der Praxis ist dieser aber nicht gew\u00e4hrleistet. Fl\u00fcchtlinge                 in den griechischen Haftlagern haben keine Chance, dass ihr Schutzbegehren                 Geh\u00f6r findet. Die Reste des alten griechischen Asylsystems sind                 kollabiert, ein Neues ist noch in weiter Ferne. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick auf die Karte zeigt, dass Fl\u00fcchtlinge aus Afghanistan, Irak, Iran, Somalia, Syrien, mittlerweile auch aus Eritrea, \u00fcber die T\u00fcrkei fliehen m\u00fcssen, um in die EU zu gelangen. Diese Schutzsuchenden leben im t\u00fcrkischen Transit gef\u00e4hrlich: Willk\u00fcrliche Inhaftierungen, die st\u00e4ndige Gefahr einer drohenden Abschiebung und t\u00e4glicher \u00dcberlebenskampf pr\u00e4gen ihren Alltag. 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