{"id":10710,"date":"2011-06-01T00:00:56","date_gmt":"2011-05-31T22:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10710"},"modified":"2022-07-26T14:22:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:37","slug":"wandelnde-und-militante-bibliothek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/06\/wandelnde-und-militante-bibliothek\/","title":{"rendered":"Wandelnde und militante Bibliothek"},"content":{"rendered":"<p>Der Satz stammt aus dem umstrittenen Pamphlet des Unsichtbaren Komitees, &#8222;Der kommende Aufstand&#8220;, und findet sich als titelgebende Liedzeile in einem Musikvideo, mit dem einige Aktivistinnen und Aktivisten \u00fcber YouTube zur Demo der Prek\u00e4ren aufgerufen hatten. ((1))<\/p>\n<p>Die Parade fand zum f\u00fcnften Mal in Wien statt. Nach der ersten MayDay-Mobilisierung 2005 hatte es auch in den drei darauf folgenden Jahren Paraden mit unterschiedlichen Routen und verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten in Wien gegeben. In den letzten beiden Jahren war hingegen nicht zur MayDay-Demo aufgerufen worden. Gerade in Kreisen, die es auf die Sensibilisierung gegen\u00fcber Ausbeutung auch durch unbezahlte Arbeit abgesehen haben, schien eine schleichende Reduktion der Mobilisierungsarbeit auf reine Demo-Dienstleistung besonders untragbar. Man setzte zwei Jahre aus und veranstaltete als Initiative Prek\u00e4rCaf\u00e9 diverse inhaltliche Veranstaltung zu neuen Arbeitsverh\u00e4ltnissen, Prekarisierung und sozialen Bewegungen.<\/p>\n<h3>Der Neustart indes kann als gelungen bezeichnet werden<\/h3>\n<p>Zehn Jahre nach der ersten MayDay-Parade in Mailand, mit der der Kampf- und Feiertag den neuen Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnissen angepasst und der sozialdemokratisch-parteikommunistischen Folklore entrissen werden sollte, versammelten sich in Wien wieder etwa 4.000 Leute, um gegen die Prekarisierung und f\u00fcr &#8222;ein sch\u00f6nes Leben f\u00fcr alle&#8220; auf die Stra\u00dfe zu gehen.<\/p>\n<p>Die in Italien angesto\u00dfene und Mitte des vergangenen Jahrzehnts als EuroMayDay zu einiger kontinentaler Demonstrationspracht gelangte Bewegung wird von einem Sammelsurium undogmatisch-linksradikaler Gruppen und Initiativen getragen.<\/p>\n<p>Dass die Bewegung in Italien ihren Anfang nahm, hat vor allem theoriepolitische Gr\u00fcnde: Der Postoperaismus, eine an die linksradikale &#8222;Arbeiterautonomie&#8220;, den Operaismus (operaio = Arbeiter) der 1960er Jahre ankn\u00fcpfende Str\u00f6mung, hatte entscheidenden Einfluss auf das Entstehen der Bewegung. Denn im Fokus postoperaistischer Theoriebildung stehen die Ver\u00e4nderungen der Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Kommunikation, f\u00fcrsorgende und kognitive F\u00e4higkeiten sind demnach zentrale Aspekte der kapitalistischen Wertsch\u00f6pfung. Diese findet l\u00e4ngst nicht mehr nur in Fabrik und B\u00fcro statt, sondern \u00fcberall.<\/p>\n<p>Die hegemoniale Form der Arbeit sei inzwischen &#8222;immateriell&#8220;, beschreiben postoperaistische TheoretikerInnen wie Maurizio Lazzarato, Paolo Virno, Angela Mitropoulos und nicht zuletzt die Autoren von &#8222;Empire&#8220;, Antonio Negri und Michael Hardt.<\/p>\n<p>Besonders jungen, im kulturellen Feld t\u00e4tigen Leuten m\u00fcsste diese Analyse plausibel erscheinen, bildet sie doch ihren flexiblen und mobilen Lebensalltag ziemlich treffend ab. Aber Flexibilisierung ist selbstverst\u00e4ndlich ein l\u00e4ngst \u00fcber diese Milieus hinaus sp\u00fcrbarer, neoliberaler Imperativ.<\/p>\n<p>Gegen das Gebot, sich mit Haut, Haar und einem L\u00e4cheln permanent zu Markte zu tragen, forderten die Demonstrierenden selbstbestimmte Zeiten und R\u00e4ume &#8211; inklusive des Rechts auf Bewegungsfreiheit f\u00fcr Asylsuchende. Dieses Recht wurde am Tag vor der Demo auch in \u00d6sterreich, per Parlamentsbeschluss zum so genannten &#8222;Fremdenrechtspaket&#8220;, eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>In Wien, wo die Sozialdemokratische Partei allj\u00e4hrlich am 1. Mai noch immer 100.000 Menschen auf die Stra\u00dfe bringt, sind die radikalen Konsequenzen aus jener Analyse allerdings &#8211; wie \u00fcberall &#8211; eine Minderheitenposition.<\/p>\n<p>Diese Minderheit ist ganz ihrem Anspruch nach recht bunt, ein Kinderwagen-Block zog neben der Clowns Army her, eine Pink and Silver-Gruppe fehlte ebenso wenig wie verschiedene trotzkistische Gruppen und Ans\u00e4tze eines Book Blocks: der letzte Schrei aus Italien, ausgesto\u00dfen von im letzten Jahr streikenden Studierenden in Form von Schutzschildern, auf deren einfarbiger Grundierung AutorIn und Titel des jeweiligen Lieblingsbuches vor sich hergetragen werden.<\/p>\n<p>Von mehreren verwendet, entsteht so eine militante und wandelnde Bibliothek. Die Vielfalt ist quasi programmatisch, die Bewegung hat keine SprecherInnen und ist strikt horizontal organisiert.<\/p>\n<p>Der Philosoph Gerald Raunig hob daher in seinem Buch &#8222;Tausend Maschinen&#8220; (Wien 2008) den repr\u00e4sentationskritischen &#8211; und in dieser Anti-StellvertreterInnenpolitik sicher auch libert\u00e4ren &#8211; Impetus der Bewegung hervor. ((2)) F\u00fcr Raunig bestand &#8222;die wohl wichtigste Frage der Euromayday-Bewegung&#8220; damals in der schwierigen \u00dcberwindung der &#8222;lokalen Fixierungen&#8220;, also in der Umsetzung ihrer Transnationalisierung.<\/p>\n<p>Politisch gesehen d\u00fcrften allerdings auch die lokalen Ausweitungen der Bewegung zu ihren zentralen Herausforderungen geh\u00f6ren, und zwar in sozialstruktureller Hinsicht: \u00fcber die Milieus der Kultur- und SozialarbeiterInnen hinaus auf die Vorstadtkids, Supermarktverk\u00e4uferinnen und andere marginalisierte Mehrheiten.<\/p>\n<p>Ein guter Ratgeber ist das eingangs zitierte Unsichtbare Komitee dabei \u00fcbrigens ganz sicher nicht. Denn der &#8222;kommende Aufstand&#8220; soll sich demnach sogar fernab jener Leute abspielen, die hier wieder eine antikapitalistische Mobilisierung in Gang gebracht haben: &#8222;Besonders zu meiden sind&#8220;, schreibt das Unsichtbare Komitee, &#8222;die kulturellen Milieus und die aktivistischen Milieus. Sie sind die zwei Sterbeanstalten, in denen alle Revolutionsw\u00fcnsche traditionell auf Grund laufen.&#8220;<\/p>\n<p>In Wien jedenfalls bekam man am 1. Mai 2011 zwischen Wallensteinplatz, wo die Demo begann, und dem Denkmal f\u00fcr Markus Omofuma ((3)), an dem sie endete, einen anderen Eindruck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Satz stammt aus dem umstrittenen Pamphlet des Unsichtbaren Komitees, &#8222;Der kommende Aufstand&#8220;, und findet sich als titelgebende Liedzeile in einem Musikvideo, mit dem einige Aktivistinnen und Aktivisten \u00fcber YouTube zur Demo der Prek\u00e4ren aufgerufen hatten. ((1)) Die Parade fand zum f\u00fcnften Mal in Wien statt. 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