{"id":10739,"date":"2011-06-01T00:00:16","date_gmt":"2011-05-31T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10739"},"modified":"2022-07-26T14:22:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:37","slug":"odyssee-durch-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/06\/odyssee-durch-europa\/","title":{"rendered":"Odyssee durch Europa"},"content":{"rendered":"<p>Diese Orte sind Ausdruck einer besch\u00e4menden europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik,                 die in jedem Dokument die Kinderrechte hochh\u00e4lt, in der Praxis                 aber zul\u00e4sst, dass Tausende allein fliehende Kinder und Jugendliche                 entrechtet und schutzlos durch Europa irren. Entlang ihrer innereurop\u00e4ischen                 Fluchtrouten werden diese unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen erneut                 Opfer von Menschenrechtsverletzungen und Europa vergie\u00dft bestenfalls                 Krokodiltr\u00e4nen.<\/p>\n<h3>Europa antwortet nicht<\/h3>\n<p>Wieso sind Minderj\u00e4hrige gezwungen, ihr Leben sogar innerhalb                 Europas erneut aufs Spiel zu setzen, um zu ihren Verwandten und                 Freunden in anderen europ\u00e4ischen Staaten zu gelangen? Wieso existieren                 keine sicheren Wege f\u00fcr diese besonders Schutzbed\u00fcrftigen, keine                 grenz\u00fcbergreifenden europ\u00e4ischen Schutzmechanismen, um Obdachlosigkeit,                 Ausbeutung, Gewalt und Haft innerhalb Europas zu verhindern?<\/p>\n<p>Wieso werden selbst unbegleitete Kinder und Jugendliche h\u00e4ufig                 wie ein St\u00fcckgut wieder an den Ort der Einreise oder des Transits                 zur\u00fcckverfrachtet, weil es eine technokratische Asylzust\u00e4ndigkeitsregelung                 so vorsieht?<\/p>\n<p>Milad, ein afghanischer Fl\u00fcchtlingsjunge, beschreibt den r\u00fccksichtlosen                 Umgang europ\u00e4ischer Staaten mit alleinfliehenden Minderj\u00e4hrigen                 so: &#8222;Dublin II bedeutet: Sie spielen Fu\u00dfball mit uns, schie\u00dfen                 uns von einem Land zum anderen, spielen mit uns und verschwenden                 unsere Zeit.&#8220;<\/p>\n<h3>Der geographische Zufall: Einreise \u00fcber Griechenland<\/h3>\n<p>Seit 2008 sind \u00fcber 10.000 alleinfl\u00fcchtende Minderj\u00e4hrige, wie                 Milad, \u00fcber Griechenland eingereist. Sie wurden alle eine Zeit                 lang inhaftiert und danach in die Obdachlosigkeit und ins Elend                 geschickt. In Griechenland existiert kein Schutzsystem f\u00fcr sie.                 Sie versuchen verzweifelt, \u00fcber Italien oder immer h\u00e4ufiger \u00fcber                 die Balkanroute &#8211; von Mazedonien nach Ungarn &#8211; in ein anderes                 europ\u00e4isches Land auszureisen.<\/p>\n<p>Frontex, die europ\u00e4ische Grenzagentur, berichtete im Dezember                 2010, dass im Jahr 2008 etwa 15.700 alleinfl\u00fcchtende Minderj\u00e4hrige                 in der EU Asyl beantragt haben. Von 2009 lagen noch keine belastbaren                 Zahlen vor &#8211; bezeichnend f\u00fcr den europ\u00e4ischen Umgang mit Fl\u00fcchtlingskindern.                 In Norwegen wurden 2009 1.672 Asylgesuche von Minderj\u00e4hrigen aus                 Afghanistan registriert, in Schweden waren es 780. Alle diese                 Kinder mussten den langen Weg von Griechenland alleine zur\u00fccklegen.                 Einige starben auf dem Weg. Erstickten in LKWs oder wurden von                 der Wagenladung zerquetscht.<\/p>\n<h3>Dublin ist Teil des Problems<\/h3>\n<p>Die Dublin II-Verordnung er\u00f6ffnet den meist in Griechenland gestrandeten                 Kindern keinen Weg, sicher weiterzureisen. Ein afghanischer Junge                 wird, wenn er es lebend bis nach Deutschland schafft, nicht nach                 Griechenland zur\u00fcck\u00fcberstellt.<\/p>\n<p>Aber es gibt kaum einen gangbaren Weg, den Jungen legal nach                 Deutschland zu bringen. Bei einem unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen,                 so die Verordnung, ist der Mitgliedstaat, in dem sich ein Angeh\u00f6riger                 seiner Familie rechtm\u00e4\u00dfig aufh\u00e4lt, f\u00fcr die Pr\u00fcfung seines Antrags                 zust\u00e4ndig. Aber selbst wenn alle Voraussetzungen auf dem Papier                 erf\u00fcllt sind, zeigt sich, dass die griechischen Verh\u00e4ltnisse aktuell                 legale \u00dcberstellungen der Kinder praktisch unm\u00f6glich machen: <\/p>\n<h3>Beispiel<\/h3>\n<p>Die Mutter dreier afghanischer allein in Griechenland ankommender                 Kinder lebt in Deutschland. Die deutschen Beh\u00f6rden sind bereit                 zur Aufnahme. Die personell v\u00f6llig unterversorgte Dublin-Einheit                 in Athen schafft es irgendwann, die notwendigen Papiere nach Deutschland                 zu \u00fcbermitteln. Dieses Verfahren dauert \u00fcber acht Monate. In der                 Zwischenzeit sind die Kinder in Athen privat untergebracht und                 durch Spendenmittel versorgt worden. Ohne diese Unterst\u00fctzung                 h\u00e4tten diese drei Kinder die Wartezeit in Athen nicht durchgestanden.                 Lebt kein Familienangeh\u00f6riger in einem anderen Dublin-Staat, so                 ist der Mitgliedstaat, in dem der Minderj\u00e4hrige seinen Asylantrag                 gestellt hat, zust\u00e4ndig. Die Folge dieser Regelung ist naheliegend:                 Diejenigen Kinder und Jugendliche, die die Aussichtslosigkeit                 eines Schutzbegehrens in Griechenland erkennen, werden alles versuchen,                 einen Asylantrag dort zu vermeiden. <\/p>\n<h3>Br\u00fcssel: Ein Herz f\u00fcr Fl\u00fcchtlingskinder<\/h3>\n<p>&#8222;Europa muss unverz\u00fcglich Ma\u00dfnahmen hinsichtlich der unbegleiteten                 Minderj\u00e4hrigen ergreifen&#8220;, erkl\u00e4rte Cecilia Malmstr\u00f6m, EU-Kommissarin                 f\u00fcr Inneres, am 6. Mai 2010 bei der Vorstellung ihres &#8222;Aktionsplanes                 f\u00fcr unbegleitete Minderj\u00e4hrige&#8220;. Die EU-Kommission ist sichtlich                 bem\u00fcht, die Schutzstandards f\u00fcr Fl\u00fcchtlingskinder anzuheben. Sie                 stellt zahlreiche europ\u00e4ische Gesetzesl\u00fccken fest. <\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr alle unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen wird ein Vormund                 bestellt. EU-Richtlinien regeln dies nur im Zusammenhang mit Asylsuchenden.               <\/p>\n<p>Die EU-Kommission zeigt Problembewusstsein bez\u00fcglich des &#8222;Verschwindens                 unbegleiteter Minderj\u00e4hriger&#8220; innerhalb Europas. Kinder, die eigentlich                 unter der Obhut nationalstaatlicher Beh\u00f6rden stehen sollten, &#8222;fallen                 [wieder] in die H\u00e4nde von Menschenh\u00e4ndlern, andere versuchen,                 zu ihren Familienangeh\u00f6rigen oder Gemeinschaften in anderen Mitgliedstaaten                 zu gelangen und\/oder landen schlie\u00dflich in der Schattenwirtschaft                 und leben unter menschenunw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden&#8220;. <\/p>\n<h3>Reformvorschl\u00e4ge zu Dublin II<\/h3>\n<p>Die Kommission setzt auf die laufende zweite Etappe der Vergemeinschaftung.                 Ihre Vorschl\u00e4ge w\u00fcrden die Lage von Fl\u00fcchtlingskindern verbessern.<\/p>\n<p>Die Inhaftierung von unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen soll EU-weit                 verboten werden: K\u00fcnftig soll in der Dublin II-Verordnung zwingend                 vorgeschrieben werden, dass &#8222;das Wohl des Kindes in allen Verfahren,                 die in dieser Verordnung vorgesehen sind, eine vorrangige Erw\u00e4gung                 der Mitgliedstaaten&#8220; sein muss. <\/p>\n<p>Die Zusammenf\u00fchrung soll nicht nur mit der Familie im engeren                 Sinne, sondern auch mit anderen Angeh\u00f6rigen erm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p>Hat der unbegleitete Minderj\u00e4hrige &#8222;keinen Familienangeh\u00f6rigen                 oder sonstigen Angeh\u00f6rigen&#8220; in einem Mitgliedstaat, so soll auch                 k\u00fcnftig der Mitgliedstaat, in dem der Antrag auf internationalen                 Schutz gestellt wurde, zust\u00e4ndig bleiben, mit der neu eingef\u00fcgten                 Einschr\u00e4nkung: &#8222;[&#8230;] sofern dies dem Wohl des Minderj\u00e4hrigen                 dient&#8220;.<\/p>\n<p>Dieser Hinweis auf das Kindeswohl l\u00e4sst Interpretationsspielraum                 zu und ist ohne Pr\u00e4zisierung nicht geeignet, die Schutzl\u00fccke f\u00fcr                 alleinfl\u00fcchtende Kinder und Jugendliche zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<h3>Schlie\u00dfung des Dubliner Verschiebebahnhofes<\/h3>\n<p>Alleinfl\u00fcchtende Kinder und Jugendliche sollten nicht mehr dem                 Dubliner Verschiebebahnhof ausgesetzt werden. <\/p>\n<p>PRO ASYL hat bereits in einer Initiative im Fr\u00fchjahr 2010 vorgeschlagen,                 verschiedene EU-Pilotprojekte an den Haupteinreisepunkten von                 Minderj\u00e4hrigen zu etablieren. <\/p>\n<p>Dort sollte f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingskinder eine menschenw\u00fcrdige Unterbringung                 vom ersten Tag ihres Aufenthaltes in Europa gew\u00e4hrleistet werden.               <\/p>\n<p>N\u00f6tig sind kindgerechte Aufnahmepl\u00e4tze in Griechenland und anderswo.                 F\u00fcr diese neuen Unterk\u00fcnfte wird geschultes, erfahrenes Personal                 gebraucht: TherapeutInnen, SprachmittlerInnen, Personal, das in                 Fragen des Kinderrechts geschult ist, Rechtsanw\u00e4ltinnen und Rechtsanw\u00e4lte.               <\/p>\n<p>Gemeinsam mit UNHCR ist sehr schnell abzukl\u00e4ren: In welchem Land                 Europas leben Angeh\u00f6rige dieser Kinder, wer kann sich im Sinne                 des besten Interesses f\u00fcr das Kind um sie k\u00fcmmern. Und dann muss                 der sichere Transfer dorthin organisiert werden. Minderj\u00e4hrige,                 die keinerlei famili\u00e4re Bindungen in Europa besitzen, m\u00fcssen nach                 Kriterien des Kindeswohls in andere europ\u00e4ische Staaten verteilt                 werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Orte sind Ausdruck einer besch\u00e4menden europ\u00e4ischen Fl\u00fcchtlingspolitik, die in jedem Dokument die Kinderrechte hochh\u00e4lt, in der Praxis aber zul\u00e4sst, dass Tausende allein fliehende Kinder und Jugendliche entrechtet und schutzlos durch Europa irren. Entlang ihrer innereurop\u00e4ischen Fluchtrouten werden diese unbegleiteten Minderj\u00e4hrigen erneut Opfer von Menschenrechtsverletzungen und Europa vergie\u00dft bestenfalls Krokodiltr\u00e4nen. 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