{"id":10760,"date":"2011-06-01T00:00:01","date_gmt":"2011-05-31T22:00:01","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10760"},"modified":"2022-07-26T14:22:38","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:38","slug":"mein-herz-ist-wie-von-schwarzem-teer-gefullt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/06\/mein-herz-ist-wie-von-schwarzem-teer-gefullt\/","title":{"rendered":"&#8222;Mein Herz ist wie von schwarzem Teer gef\u00fcllt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Am 12. April hat die Atomsicherheitskommission von Japan verk\u00fcndet,                 dass der gr\u00f6\u00dfte anzunehmende Unfall in Fukushima eingetreten ist.<\/p>\n<p>Bis heute habe ich diesen Schock nicht \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Mein Kopf war total leer. Mein Herz ist wie von schwarzem Teer                 gef\u00fcllt. <\/p>\n<p>In diesem Moment wurde mir bewusst, dass meiner Heimat das Schlimmstm\u00f6gliche                 passiert ist. Wenn ich daran denke, dass so viel Strahlung meine                 Heimat belastet, dann bleibt mein Herz fast stehen. <\/p>\n<p>In diesem Moment wollte ich die Stimme meiner Mutter h\u00f6ren. Obwohl                 ich nicht wusste, was ich sagen soll, rief ich sie an. Meine Mutter                 hat mich gefragt: &#8222;Wie geht es dir? Wie ist das Wetter in M\u00fcnster?&#8220;               <\/p>\n<p>Es war ein sch\u00f6ner Fr\u00fchlingstag mit blauem Himmel, bl\u00fchenden                 Blumen und warmem Licht. <\/p>\n<p>Meine Mutter sagte: &#8222;Mach Dir keine Sorgen. Sei gl\u00fccklich in                 M\u00fcnster. Lass dein Kind viel drau\u00dfen spielen. Sei nicht traurig                 in Deutschland. Lache bitte.&#8220; Ich konnte nichts sagen. Meine Mutter                 hatte die Nachrichten bestimmt auch geh\u00f6rt. Wie viel Angst musste                 sie in diesem Moment haben? Wenn ich daran denke, wie sie f\u00fchlt,                 will ich sie sofort sehen. Wenn ich k\u00f6nnte, wollte ich jetzt bei                 meiner Familie sein und sie umarmen.<\/p>\n<p>Meine Schwester hat mir geschrieben: &#8222;Nach dem, was passiert                 ist, k\u00f6nnt ihr nicht mehr nach Fukushima kommen.&#8220; <\/p>\n<p>Da musste ich weinen. <\/p>\n<p>Ich wusste nicht, was ich antworten soll.<\/p>\n<p>Jetzt ist in Fukushima hei\u00dfer Sommer, manchmal \u00fcber 40 Grad.                 Aber die Menschen wagen es nicht, die Fenster zu \u00f6ffnen. <\/p>\n<p>Fukushima hat eine reiche Natur, dort konnte man wandern und                 drau\u00dfen zelten. Auf den Bergen ist es k\u00fchler. Es gibt viele Fl\u00fcsse,                 die dem Berg entspringen. Entlang diesen bin ich fr\u00fcher oft gewandert.<\/p>\n<p>Am meisten habe ich mich immer auf das gro\u00dfe Sommerfestival gefreut.                 Zwei Stunden lang ist dann der Himmel mit Feuerwerk und Musik                 erf\u00fcllt. Das war wunderbar.<\/p>\n<p>An vielen Orten d\u00fcrfen Kinder heute nicht l\u00e4nger als eine Stunde                 am Tag im Freien spielen.<\/p>\n<p>Sagt mir bitte, wann kann ich wieder in meine Heimat gehen ohne                 tiefe Furcht in mir. Wann kann ich wieder die Natur meiner Heimat                 von Herzen genie\u00dfen? Wie viele Jahre muss ich warten? Bitte, sage                 es mir jemand!<\/p>\n<p>Die Menschen in Fukushima sind tief verletzt wegen der Diskriminierung                 in Folge der Reaktorkatastrophe. Enge Freunde von mir in Fukushima                 erz\u00e4hlten: Ein Sch\u00fcler ging mit einer Tasche, auf der Fukushima                 Highschool stand, nach Tokyo. Dort haben andere Jugendliche ihn                 beschimpft: &#8222;Komm nicht nach Tokyo. Infizier uns nicht mit Radioaktivit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p>Eine Zeitung aus Fukushima berichtete: &#8222;Ein Mann aus Fukushima                 ist wegen seiner Arbeit nach Shizuoka Pr\u00e4fektur gefahren und wollte                 tanken. An der Tankstelle hing ein Schild: \u201aWir lehnen Leute aus                 Fukushima ab&#8216;.&#8220; Anderen wurde die Bedienung in Restaurants und                 Hotels verweigert. Auch das ist die traurige Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nach der Katastrophe hatte ich das Gef\u00fchl, dass viele Japaner                 die Situation einfach akzeptieren. Aber ich f\u00fchle jetzt, dass                 sich nach und nach das Denken der Menschen in Japan \u00e4ndert. Sie                 glauben nicht mehr einfach, was die Regierung und Atomkraft-Firmen                 sagen. <\/p>\n<p>Sie hinterfragen und versuchen, sich selbst zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Bei einer Debatte mit Politikern am 2. Mai brachte eine Frau                 stark verstrahlte Erde aus einer Grundschule in Fukushima City.                 Ein Verantwortlicher ignorierte weiter die Gefahr des t\u00e4glichen                 Lebens f\u00fcr die Kinder dort. Daraufhin schrie die Frau: &#8222;Wenn Ihr                 sagt, die Situation in Fukushima City ist sicher, dann leckt diese                 Erde.&#8220;<\/p>\n<p>Am 7. Mai gab es in Shibuya Tokyo eine Demonstration mit 15.000                 Menschen.<\/p>\n<p>Und endlich, am 10. Mai, hat der Premierminister von Japan gesagt,                 dass es in der Energiepolitik ein Umdenken geben wird. Alle Pl\u00e4ne                 f\u00fcr neue Atomkraftwerke wurden gestoppt. Erneuerbare Energien                 werden ein wichtiger Teil sein. Ein Ziel ist es auch, dass die                 Menschen weniger Energie verbrauchen.<\/p>\n<p>Endlich wacht Japan auf! <\/p>\n<p>Ich f\u00fchle etwas Hoffnung f\u00fcr die Zukunft Japans. Aber wieso musste                 daf\u00fcr erst diese Katastrophe passieren? Meine Heimat ist verstrahlt.<\/p>\n<p>Solch eine Katastrophe kann \u00fcberall auf der Welt passieren. Deswegen                 bin ich heute hier. Ich m\u00f6chte, dass alle Menschen diese Gefahr                 erkennen und jetzt handeln, bevor es eine weitere Katastrophe                 gibt.<\/p>\n<p>Ich bitte Deutschland, alle Reaktoren jetzt abzuschalten und                 der ganzen Welt zu beweisen, dass es auch ohne Atomkraft geht.                 Japan und viele andere L\u00e4nder werden dem Beispiel folgen. Es gibt                 keinen anderen Weg, um unsere Heimat zu sch\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 12. April hat die Atomsicherheitskommission von Japan verk\u00fcndet, dass der gr\u00f6\u00dfte anzunehmende Unfall in Fukushima eingetreten ist. Bis heute habe ich diesen Schock nicht \u00fcberwunden. Mein Kopf war total leer. 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