{"id":10769,"date":"2011-09-01T00:00:43","date_gmt":"2011-08-31T22:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10769"},"modified":"2022-07-26T13:45:07","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:07","slug":"das-lacheln-der-barbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/09\/das-lacheln-der-barbaren\/","title":{"rendered":"Das L\u00e4cheln der Barbaren"},"content":{"rendered":"<p>Kein Blick auf vorbeischnaufende Jogger ohne ein leises: &#8222;Ja, wo laufen sie denn?&#8220;. Keine Gummiente auf der Badewannenkante ohne stilles Gedenken an Herrn M\u00fcller-L\u00fcdenscheidt und Herrn Doktor Kl\u00f6bner. Und keine Beziehungskrise ohne die Erkenntnis: &#8222;M\u00e4nner und Frauen passen nicht zueinander&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht hat im 20. Jahrhundert nur Karl Valentin einen vergleichbaren Status als humoristischer Sprachsch\u00f6pfer erreicht. Ohnehin verband manches Loriot mit dem (beileibe nicht nur k\u00f6rperlich) gro\u00dfen Bayern. Loriots Liesl Karlstadt war die gro\u00dfartige Evelyn Hamann. Sein Sketch \u00fcber den Lottogewinner Erwin Lindemann war eine direkte Fortsetzung von Valentins leidgeplagtem Buchbinder Wanninger, der sich &#8211; wie Lindemann &#8211; zuletzt hoffnungslos im Gestr\u00fcpp der Sprache verheddert. Ein feiner, hintergr\u00fcndiger, manchmal sogar etwas r\u00e4tselhafter, nie jedoch platter oder anbiedernder Humor war das Geheimnis beider K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Da nimmt es schon Wunder, dass ausgerechnet Loriot nun, nach seinem Tod, von manchen zum Gew\u00e4hrsmann eines neuen, besseren Deutschlands hochgespielt wird &#8211; ganz so, als sei das schallende Gel\u00e4chter \u00fcber seine gro\u00dfartige Kunst t\u00e4tige Reue gewesen f\u00fcr die \u00fcble Art, in der das Dritte Reich seinem Vorg\u00e4nger Valentin mitgespielt hatte. Die Verfechter eines neuen, positiven Patriotismus hatten sich ja bislang mit Verweisen auf diverse Fu\u00dfballweltmeisterschaften begn\u00fcgen m\u00fcssen. Kultivierten Geistern wie dem Kritiker Joachim Kaiser oder dem Regisseur und Schriftsteller Alexander Kluge wird dieses Absinken von Heinrich Heine zu Lukas Podolski nie recht gefallen haben. Nun wird Loriots Erfolg f\u00fcr Kaiser zum Beweis daf\u00fcr, dass die Deutschen endlich \u00fcber die Richtigen zu lachen gelernt h\u00e4tten, und sogar zur Trennlinie zwischen Kultur und Unkultur. &#8222;Loriots L\u00e4cheln konnten nur Barbaren widerstehen&#8220;, schreibt er in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung <\/em>und freut sich, dass Loriot so offen zu seiner Verehrung f\u00fcr Richard Wagner gestanden habe. W\u00e4hrend Alexander Kluge zum Tod seines Freundes nichts Besseres einf\u00e4llt als ein markiges Soldatenlied von Uhland: &#8222;Ich hatt&#8216; einen Kameraden&#8220;.<\/p>\n<p>Kein K\u00fcnstler darf verantwortlich gemacht werden f\u00fcr die Nachrufe, die ihm gedichtet werden. Aber die Art und Weise, wie etablierte Intellektuelle vaterl\u00e4ndische Duftmarken auf einen gerade erst verschlossenen Sarg setzen, kann einem schon stinken. Die Tatsache, dass Loriot sich niemals als politischer Humorist begriff, macht dieses unappetitliche Gesch\u00e4ft leicht.<\/p>\n<p>Theodor W. Adorno hat einmal von der &#8222;strukturellen Macht des Witzes&#8220; gesprochen, und auf Johan Huizinga geht die Erkenntnis zur\u00fcck, dass in der Menschheitsgeschichte der &#8222;Falschspieler&#8220; oft gr\u00f6\u00dferes Ansehen genossen habe als der &#8222;Spielverderber&#8220;. Man verdirbt allerdings nur den Falschspielern das Spiel, wenn man daran erinnert, dass auch ein inspirierter Meister seines Fachs wie Loriot nicht der Kritik enthoben ist. Zum unantastbaren Standbild seiner selbst taugt er nicht.<\/p>\n<p>Gelegentlich n\u00e4mlich unterlief Loriot in seinen fast schon goldschmiedartig gefertigten Fernsehminiaturen ein Fehler, der einem Profi wie ihm eigentlich nicht h\u00e4tte passieren d\u00fcrfen: Er kritisierte von oben herab. Die Satire darf bekanntlich alles &#8211; beleidigen, verletzen, t\u00f6ten. Schonung ist nicht ihr Gesch\u00e4ft. Trifft ihr Pfeil aber immer nur die anderen, verfehlt er im Grunde sein Ziel.<\/p>\n<p>Der gekr\u00e4nkte Idealist darf nie zum Oberlehrer werden. Manche von Loriots Sketchen, seine Ehesketche zumal, erwecken den Eindruck, als f\u00fchle sich ihr Verfasser der skurrilen Spezies, die er da portr\u00e4tiert, gar nicht zugeh\u00f6rig. So machen sie es dem Publikum leicht, sich, anstatt sich ertappt zu f\u00fchlen, in einer Pose des vorgeblichen Besserwissens zu gefallen. Die absichtsvoll inszenierte Kultiviertheit des Stils wird zur K\u00fchle, und das Gesellschaftsportr\u00e4t ger\u00e4t zum Laborversuch. Selbst der herrliche Lindemann-Sketch lie\u00dfe sich mit einigem b\u00f6sen Willen noch als St\u00e4ndesatire \u00fcber einen dummen Parven\u00fc verstehen, und nicht als Spott \u00fcber die Unzul\u00e4nglichkeiten eines Menschen, dem man ein Mikrophon vor die Nase h\u00e4lt. Loriot wird in solchen Momenten wieder zu Vicco von B\u00fclow.<\/p>\n<p>Ob es gerade diese klinische Distanz zum P\u00f6bel ist, die f\u00fcr Menschen wie Joachim Kaiser Kultur bedeutet? Sollte dem tats\u00e4chlich so sein, w\u00e4re ein Platz auf Seiten der Barbaren keineswegs ehrenr\u00fchrig. Und, wer wei\u00df, vielleicht kann man von hier aus viel besser Freude und Vergn\u00fcgen haben an Leben und Werk eines K\u00fcnstlers, dessen Leistung zu gro\u00df ist, als dass andere eine Fahne darauf pflanzen k\u00f6nnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Blick auf vorbeischnaufende Jogger ohne ein leises: &#8222;Ja, wo laufen sie denn?&#8220;. Keine Gummiente auf der Badewannenkante ohne stilles Gedenken an Herrn M\u00fcller-L\u00fcdenscheidt und Herrn Doktor Kl\u00f6bner. Und keine Beziehungskrise ohne die Erkenntnis: &#8222;M\u00e4nner und Frauen passen nicht zueinander&#8220;. Vielleicht hat im 20. 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