{"id":10774,"date":"2011-09-01T00:00:15","date_gmt":"2011-08-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10774"},"modified":"2022-07-26T14:22:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:37","slug":"ein-aufstand-der-armen-in-england","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/09\/ein-aufstand-der-armen-in-england\/","title":{"rendered":"Ein &#8222;Aufstand der Armen&#8220; in England"},"content":{"rendered":"<p>Ganze Heerscharen von &#8222;ExpertInnen&#8220; beginnen nun, in unz\u00e4hligen Interviews und Kommentaren nach den Ursachen zu suchen, und geben dadurch mehr von ihrer eigenen Weltsicht preis, als sie zur Aufkl\u00e4rung der eigentlich zu analysierenden Ereignisse beitragen.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach den Ursachen dieser Ausschreitungen scheint das Naheliegendste wieder einmal am weitesten weg zu sein: die aktiv an den Riots Beteiligten n\u00e4mlich selbst zu fragen, was sie motiviert, auf die Stra\u00dfe zu gehen und Krawall zu machen.<\/p>\n<p>So wie man den Marginalisierten schon vorher nicht zugeh\u00f6rt hat, so entm\u00fcndigt man sie auch jetzt &#8211; nach der &#8222;Revolte&#8220; &#8211; durch all die Analysen und &#8222;ExpertInnenmeinungen&#8220; erneut. Wie immer wird <em>\u00fcber<\/em> sie geredet, niemand redet aber <em>mit<\/em> ihnen. Man sperrt sie lieber weg.<\/p>\n<p>Vandalismus? Aufstand? Revolution?<\/p>\n<p>Ein Team der BBC hat sie aber k\u00fcrzlich sogar selbst gefragt.<\/p>\n<p>Eine Gruppe vermummter Jugendlicher erkl\u00e4rt da dem Journalisten, dass sie eben wegen jener Perspektivlosigkeit und Armut und der Ignoranz der M\u00e4chtigen ihrer Situation gegen\u00fcber auf die Stra\u00dfe gehen. &#8222;Und so lange das bleibt, werden wir damit [den Riots] nicht aufh\u00f6ren.&#8220;<\/p>\n<h3>Ein &#8222;Aufstand der Armen&#8220; mit politischen Implikationen?<\/h3>\n<p>AufstandsromantikerInnen sehen all ihre Tr\u00e4ume erf\u00fcllt und spinnen etwas abenteuerlich den Faden von Griechenland \u00fcber die arabische Welt nach England.<\/p>\n<p>Die marxistisch-leninistische &#8222;Avantgarde&#8220; sieht (wieder einmal) eine &#8222;vor-revolution\u00e4re Entwicklung&#8220;, ruft dazu auf, &#8222;diese Aufst\u00e4nde der Armen mit einer Perspektive der Revolution zu verbinden&#8220;, an deren Spitze nat\u00fcrlich niemand anderes als die &#8222;revolution\u00e4re Partei&#8220; stehen darf, &#8222;die es heute mehr denn je aufzubauen gilt!&#8220; (aus einer Stellungnahme der <em>Revolution\u00e4r-Kommunistischen Organisation zur Befreiung<\/em>)<\/p>\n<p>Nur: Wenn das der &#8222;Aufstand der Armen&#8220; ist und wir die Aussagen der interviewten Kids ernst nehmen, so m\u00fcssen wir hier einen Widerspruch erkennen.<\/p>\n<p>Der britisch-pakistanische H\u00e4ndler, dessen Gesch\u00e4ft abgefackelt wurde und der vor den Scherben seiner Existenz steht, oder die junge Britin, die aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden wie die revoltierenden Kids eben z.B. in Tottenham und nicht in der Londoner City wohnt und die auf der Stra\u00dfe darauf wartet, bis die Flammen auch endlich ihre Wohnung zerst\u00f6rt haben, werden der Art und Weise, wie sich die verst\u00e4ndliche Wut dieser Menschen manifestiert, wohl wenig Verst\u00e4ndnis entgegenbringen.<\/p>\n<p>Es scheint fast so, als ob die Marginalisierten endlich aufbegehren, sich nicht mehr alles gefallen lassen, auf ihre desperate Situation aufmerksam machen &#8230; und sich dabei paradoxerweise selbst den Krieg erkl\u00e4rt haben. Tottenham, Birmingham und andere Stadtteile brennen, nicht die Londoner City oder Chelsea (oder zumindest die Symbole der Ungerechtigkeiten in ihren eigenen Vierteln).<\/p>\n<p>Friede den H\u00fctten, Krieg den Pal\u00e4sten? Georg B\u00fcchners revolution\u00e4re Maxime scheint (h\u00e4ufig) ins Gegenteil verkehrt worden zu sein. Den Pal\u00e4sten zumindest ist nicht viel passiert.<\/p>\n<h3>Kritische Reflexionen sind notwendig<\/h3>\n<p>Es geht hier aber nicht darum, Schuldzuweisungen zu machen oder von einer privilegierten Position aus Urteile zu f\u00e4llen.<\/p>\n<p>Ja, diese Jugendlichen haben allen Grund aufzubegehren.<\/p>\n<p>Dass die skandal\u00f6sen sozialen Bedingungen dieser Gegenden nach Widerstand schreien, ist unbestritten, nur, um es mit den Worten einer Anwohnerin eben jener Viertel zu sagen: &#8222;Warum geht ihr nicht zum Parlament und brennt das nieder? Warum greift ihr unsere eigene Community an?&#8220;<\/p>\n<p>Die anarchosyndikalistische <em>Solidarity Federation<\/em> aus London meinte in einer Stellungnahme, es k\u00f6nne &#8222;keine Entschuldigungen f\u00fcr das Anz\u00fcnden von Wohnungen und die Terrorisierung von ArbeiterInnen [geben]. Wer immer so etwas tut, hat keinen Anspruch auf unsere Unterst\u00fctzung.&#8220;<\/p>\n<p>Und weiter: &#8222;[A]ls Revolution\u00e4re k\u00f6nnen wir keine Angriffe auf ArbeiterInnen, auf Unschuldige dulden. L\u00e4den abzufackeln, \u00fcber denen sich Wohnungen befinden, die Transportmittel, mit denen Leute zu ihren Jobs fahren m\u00fcssen, und \u00e4hnlicher Schwachsinn, sind ein Angriff auf uns selbst und sollten so entschieden bek\u00e4mpft werden, wie jede Ma\u00dfnahme staatlicher \u201aAusterit\u00e4ts&#8216;-Politik, preistreibende Vermieter, wie Bosse, die uns unsere Arbeitskraft stehlen wollen.&#8220;<\/p>\n<p>Derartige Gedanken sind deshalb wichtig, weil eine Reflexion dar\u00fcber notwendig ist, weshalb es quasi kaum Solidarit\u00e4t mit den Riots gegeben hat, selbst, wenn ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung nicht leugnet, dass diese Menschen allen Grund dazu haben aufzubegehren und das auch direkt mit der Politik der herrschenden Klasse und der durch die Banken- und Finanzwelt verschuldeten &#8222;Dauerwirtschaftskrise&#8220; in Verbindung bringen. Diese Diskrepanz zwischen dem Unverst\u00e4ndnis den Riots gegen\u00fcber, bei gleichzeitig vorhandenem kritischem Bewusstsein \u00fcber die soziale Schieflage und wer sie verursacht, muss zu denken geben und bedarf kritischer Reflexion.<\/p>\n<h3>Ignoranz und &#8222;Hardlinertum&#8220;<\/h3>\n<p>Aus anarchistischer Sicht interessanter scheint eine Analyse der Reaktion des Staates zu sein. David Cameron macht es sich &#8211; ganz in Thatcher-Manier &#8211; in seinen Erkl\u00e4rungen einfach und versucht, sich als Hardliner zu profilieren: &#8222;Krank&#8220; seien diese Teile der Gesellschaft, gegen die man mit \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte und ohne Pardon vorgehen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Nicht nur seine Analysen sind kurios (so sprach er beispielsweise auch davon, dass &#8222;mangelnde Disziplin&#8220; an den Schulen sowie &#8222;Kinder ohne V\u00e4ter&#8220; (!) Ursachen f\u00fcr die Riots seien), sondern auch die Handlungen, die er setzt, grenzen ans Groteske.<\/p>\n<p>Sind die randalierenden Kids erst mal als &#8222;kriminell&#8220; abgestempelt (was u.a. aufgrund des oben erw\u00e4hnten Verhaltens eben jener leider auch von vielen so akzeptiert wird), erspart man sich die Diskussion \u00fcber die verheerenden sozialen und \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse in Londons Armenvierteln.<\/p>\n<p>Und ist die \u00f6ffentliche Meinung erst einmal genug eingesch\u00fcchtert von brennenden H\u00e4userbl\u00f6cken und Todesopfern, so ist auch eine Ausweitung polizeilicher Befugnisse sowie eine Fahndungskampagne nach Pl\u00fcnderern, die Ihresgleichen sucht, kein wirkliches Problem mehr.<\/p>\n<p>Das Ganze gipfelt nun in der Delogierung ganzer Familien aus Sozialwohnungen, wenn ein Angeh\u00f6riger oder eine Angeh\u00f6rige bei den Riots verhaftet und verurteilt wurde.<\/p>\n<p>Cameron wei\u00df ganz genau, dass diese Menschen zwangsl\u00e4ufig in der Obdachlosigkeit enden, wenn er &#8211; wissend, dass diese Familien wohl kaum eine Wohnung am freien Markt finden werden &#8211; sagt, sie h\u00e4tten &#8222;daran [an die Konsequenzen wie Delogierung] denken sollen, bevor sie mit Einbr\u00fcchen begannen&#8220;. Sippenhaftung und Kollektivbestrafung, die unweigerlich noch tiefer in soziales Elend, Verzweiflung und Kriminalit\u00e4t f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dass derartige Aktionen &#8222;mehr Probleme verursachen, als sie l\u00f6sen&#8220;, wie Isabelle Sankey von der Menschenrechtsgruppe <em>Liberty<\/em> meinte, scheint David Cameron und den Tories entgangen zu sein.<\/p>\n<h3>Die Demaskierung der Staatsmacht<\/h3>\n<p>Vor allem aber die Fahndungskampagne grenzt ans Absurde und l\u00e4sst einige Schl\u00fcsse \u00fcber die Natur des Staates zu, deren sich AnarchistInnen ohnehin schon immer bewusst waren. In zig Websites, Zeitungen und sogar Videoleinw\u00e4nden werden die (von den Abertausenden \u00dcberwachungskameras aufgenommenen) Gesichter von Pl\u00fcnderern gezeigt, mit der Bitte an die Bev\u00f6lkerung, diese bei der Polizei zu melden, falls man sie wiedererkennt.<\/p>\n<p>Und das alles findet in Zeiten statt, in denen an der B\u00f6rse Menschen w\u00fcten, die sich nicht ein Handy, einen Pullover oder einen Flatscreen, sondern Milliarden Dollar, Pfund oder Euro &#8222;gestohlen&#8220; haben, weil sie derartige Mengen an Geld in krimineller Manier verspekuliert haben. Sah man jemals deren Gesichter auf Videoleinw\u00e4nden mit der Bitte, diese bei der Polizei zu melden, sollte man sie wiedererkennen?<\/p>\n<p>Wurde den Bediensteten der Londoner B\u00f6rse wegen &#8222;asozialen Handlungen&#8220; ein R\u00e4umungsbescheid zugestellt (mit dieser Begr\u00fcndung wurden die Sozialwohnungen ger\u00e4umt)?<\/p>\n<p>Hat der Staat jemals nach diesen Menschen mit derartiger Inbrunst gefahndet?<\/p>\n<p>Ein Wirtschaftssystem, das eine derartige Schere zwischen Armut und Reichtum erst erm\u00f6glicht (und nicht funktioniert), wird vom Staat und den politischen MachthaberInnen mit allen Mitteln gerettet. Dessen ProtagonistInnen werden auch weiterhin unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen, die daran zu leiden haben, haben sie dagegen lediglich die Repressionskeule und Bezeichnungen wie &#8222;krank&#8220; im Repertoire. Hier demaskiert sich der Staat und zeigt auf beeindruckende Weise, wessen Interessen er vertritt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ganze Heerscharen von &#8222;ExpertInnen&#8220; beginnen nun, in unz\u00e4hligen Interviews und Kommentaren nach den Ursachen zu suchen, und geben dadurch mehr von ihrer eigenen Weltsicht preis, als sie zur Aufkl\u00e4rung der eigentlich zu analysierenden Ereignisse beitragen. 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