{"id":10794,"date":"2011-09-01T00:00:05","date_gmt":"2011-08-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10794"},"modified":"2022-07-26T13:11:38","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:38","slug":"ein-hasardeurspiel-mit-der-zukunft-der-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/09\/ein-hasardeurspiel-mit-der-zukunft-der-menschheit\/","title":{"rendered":"&#8222;Ein Hasardeurspiel mit der Zukunft der Menschheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Was macht ein Historiker? Er besch\u00e4ftigt sich mit dem kollektiven                 Ged\u00e4chtnis einer Kultur. Ihr k\u00f6nnt auch sagen: Er fragt, ob vielleicht                 etwas Wichtiges vergessen wird.<\/p>\n<p>Im Moment bereite ich eine Vorlesung \u00fcber die Geschichte der                 Schrift vor. Die k\u00fchnsten unter meinen KollegInnen sagen, die                 Schrift ist 7.000 Jahre alt. Sie meinen damit grafische Zeichen,                 die man im Donauraum entdeckt hat. Kein Mensch kann diese &#8222;Schrift&#8220;                 lesen; man kennt noch nicht einmal die Sprache, in der sie verfasst                 ist.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Aber 7.000 Jahre sind ein Klacks, wenn es um Atomm\u00fcll geht!               <\/h3>\n<p>Die Kenntnis davon, dass in irgendeinem Berg hunderttausende                 Tonnen stark strahlenden und hochtoxischen M\u00fclls liegen, muss                 \u00fcber zehntausende von Jahren sicher bewahrt bleiben. Als Historiker                 kann ich euch versichern, dass diese Aufgabe unl\u00f6sbar ist. Wenn                 es jemals menschliche Hybris gegeben hat, also menschliche Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung,                 dann hier. Wir handeln nach der Devise: &#8222;Nach uns die Sintflut!&#8220;               <\/p>\n<p>Das ist ein Verbrechen an der Menschheit.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, als h\u00e4tte die Atomgemeinde dieses Problem ignoriert.                 In den 70er Jahren entwickelte der f\u00fchrende Atomphysiker und US-Pr\u00e4sidentenberater                 Alvin Weinberg den Plan, eine Art nuklearen M\u00f6nchsorden zu stiften,                 der das Wissen um die Gefahren h\u00fcten solle. Er hatte n\u00e4mlich beobachtet,                 dass religi\u00f6se Orden zu den langlebigeren menschlichen Institutionen                 geh\u00f6ren. ((1)) Aber es hilft                 nichts.<\/p>\n<p>Weder im Westen noch im Osten gibt es Orden, die z.B. bis in                 die Zeit der Pyramidenbauer zur\u00fcckreichen. &#8211; Aber Orden: Das ist                 eine L\u00f6sung so recht nach Technokraten-Art: Ein elit\u00e4rer Geheimbund                 mit dem n\u00f6tigen technischen Wissen soll \u00fcber unvorstellbare Zeitr\u00e4ume                 hinweg der Menschheit sagen, was sie nicht tun darf. <\/p>\n<h3>F\u00fchlt ihr euch bei diesem Gedanken wohl?<\/h3>\n<p>Bei dem heute entstehenden unterirdischen Pilot-Atomm\u00fcll-Lager                 in New Mexico verfolgen die US-Amerikaner eine andere Strategie:                 Sie wollen dort gro\u00dfe Beton-Obelisken aufstellen, die in vielen                 heutigen Sprachen Warnungen enthalten und dar\u00fcber hinaus Abbildungen                 von schmerzverzerrten menschlichen Gesichtern. ((2))                 Das ist tats\u00e4chlich eine &#8222;pharaonische L\u00f6sung&#8220;. Die Eing\u00e4nge zu                 den Pharaonengr\u00e4bern waren \u00fcbers\u00e4t mit Warnhinweisen und Fl\u00fcchen,                 die das unbefugte Betreten verhindern sollten. Bekanntlich hat                 gerade das Grabr\u00e4uber angezogen wie das Licht die Motten.<\/p>\n<p>Jede zus\u00e4tzliche Tonne Atomm\u00fcll versch\u00e4rft dieses Problem, verschlimmert                 dieses beispiellose Hasardeurspiel mit der Zukunft der Menschheit!<\/p>\n<p>Historiker sind aber nicht nur f\u00fcr das &#8222;Langzeit-Ged\u00e4chtnis&#8220;,                 sondern auch f\u00fcr das &#8222;Kurzzeit-Ged\u00e4chtnis&#8220; einer Kultur zust\u00e4ndig,                 wenn ich so sagen darf. In diesem Sinne m\u00f6chte ich heute eine                 Frage aufwerfen.<\/p>\n<p>Unsere Bundeskanzlerin, Angela Merkel, hat vor elf Tagen vor                 dem Bundestag noch einmal ihre neue &#8211; und richtige! &#8211; Einsicht                 bekr\u00e4ftigt, dass &#8222;selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan                 die Risiken der Atomkraft nicht beherrschbar&#8220; seien. Schon im                 M\u00e4rz hatte sie ja verk\u00fcndet, man k\u00f6nne nicht so weitermachen wie                 bisher. Ihr wisst, was nach drei Monaten &#8222;Moratorium&#8220; herausgekommen                 ist.<\/p>\n<p>Wir alle &#8211; hunderttausende Menschen &#8211; haben Woche f\u00fcr Woche f\u00fcr                 einen sofortigen Atomausstieg gek\u00e4mpft. <\/p>\n<p>Die Stromkonzerne warfen ihre Wirtschaftsmacht in die andere                 Waagschale. Das Ergebnis ist sicher ein Teilerfolg, auch wenn                 die Gefahren des AKW-Betriebs (und die Atomm\u00fcll-Produktion!) uns                 noch elf Jahre erhalten bleiben sollen.<\/p>\n<p>Jedenfalls verkauft die Regierung uns dieses Ergebnis als &#8222;Atomausstieg&#8220;                 und als &#8222;Energiewende&#8220;.<\/p>\n<p>Aber wenn nach Fukushima bei Frau Merkel die Einsicht gereift                 ist, dass die Risiken der Atomkraft nicht beherrschbar sind, wieso                 gilt das dann nicht international? Wieso ist die Regierung au\u00dfenpolitisch                 auf einem hundertprozentigen Pro-Atomkurs?<\/p>\n<p>Ich will das an einigen Punkten zeigen.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung plant weiterhin, den Bau des Atomkraftwerks                 &#8222;Angra 3&#8220; an der brasilianischen Atlantikk\u00fcste mit einer milliardenschweren                 &#8222;Hermes-B\u00fcrgschaft&#8220; zu f\u00f6rdern. Ich habe Anfang dieses Monats                 beim Bundesfinanzministerium nachgefragt und die Antwort erhalten,                 &#8222;das internationale nukleare Sicherheitsrecht&#8220; solle &#8222;\u00fcberpr\u00fcft                 und dynamisch fortentwickelt werden&#8220;. ((3))                 Das hei\u00dft nichts anderes als: &#8222;so weitermachen wie bisher&#8220;. Wie                 kommt die Bundesregierung darauf, dass eine Technik, die in einem                 Hochtechnologieland nicht beherrschbar ist, in Brasilien sicher                 sein k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>In Gronau betreibt der Urenco-Konzern eine Urananreicherungsanlage.                 Dort entsteht der Brennstoff f\u00fcr Atomkraftwerke in der ganzen                 Welt (auch in Japan). Wie kann eine Bundesregierung, die den Betrieb                 von Atomkraftwerken f\u00fcr nicht beherrschbar h\u00e4lt, eine solche Anlage                 noch dulden? Warum kommt die Urananreicherungsanlage in keinem                 Ausstiegsszenario vor? Und was tut die rot-gr\u00fcne Landesregierung,                 um diesem Skandal abzuhelfen?<\/p>\n<p>Im Mai dieses Jahres, zwei Monate <i>nach<\/i> Beginn der Fukushima-Katastrophe,                 beschloss der deutsche Atomkonzern RWE, bei dem niederl\u00e4ndischen                 Atomkraftwerk &#8222;Borssele&#8220; einzusteigen. Das Kraftwerk liegt in                 der Scheldem\u00fcndung, in der Hauptwindrichtung liegt nach 40 Kilometern                 die Metropole Antwerpen, und nach weniger als 200 Kilometern &#8211;                 Aachen; im Falle eines Super-GAU die Garantie f\u00fcr extreme Strahlenverseuchung.                 Wieso kann das deutsche Recht einer deutschen Firma erlauben,                 im Ausland in eine Technik zu investieren, die man als gef\u00e4hrlich                 und unbeherrschbar erkannt hat? Was ist mit Artikel 14 (2) des                 Grundgesetzes, nach dem der Gebrauch von Eigentum &#8222;zugleich dem                 Wohle der Allgemeinheit dienen&#8220; soll, und mit Abs. 3, wonach zur                 F\u00f6rderung dieses Wohls auch eine Enteignung erlaubt ist?<\/p>\n<p>Die Atomkonzerne, so lesen wir, bereiten jetzt Verfassungsklagen                 gegen die Ausstiegspl\u00e4ne vor, weil ihre Eigentumsrechte beeintr\u00e4chtigt                 seien. In Wahrheit geh\u00f6rt die Frage auf den Pr\u00fcfstand, ob diese                 Konzerne selbst mit dem Grundgesetz vereinbar sind! Ich habe da                 ernste Zweifel.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik ist der drittgr\u00f6\u00dfte Beitragszahler der UNO-Organisation                 IAEO. In deren Selbstdarstellung im Internet steht folgendes an                 erster Stelle: &#8222;Die IAEO f\u00f6rdert weltweit die friedliche Nutzung                 der Kernenergie.&#8220; ((4)) Und das                 tut sie bekanntlich vor allem durch Leugnung und Vertuschung der                 Folgen von Reaktorkatastrophen, in Tschernobyl ebenso wie jetzt                 in Fukushima. Wie kann die Bundesregierung an eine solche Organisation                 j\u00e4hrlich 25 Millionen Euro Steuergelder \u00fcberweisen, wenn sie die                 Risiken der Atomenergie als nicht beherrschbar erachtet?<\/p>\n<p>Noch toller ist es mit dem europ\u00e4ischen Vertragswerk &#8222;Euratom&#8220;.                 Dort hei\u00dft es in der Pr\u00e4ambel, man sei &#8222;entschlossen, die Voraussetzungen                 f\u00fcr die Entwicklung einer m\u00e4chtigen Kernindustrie zu schaffen&#8220;.               <\/p>\n<p>Die Bundesregierung hat diesen Vertrag bis heute nicht gek\u00fcndigt.                 Sie hat \u00fcberhaupt nichts von dem getan, was auf internationaler                 Ebene getan werden m\u00fcsste. Sie hat vor der Erkenntnis, dass die                 Risiken der Atomkraft nicht beherrschbar sind, versagt.<\/p>\n<p>Als Historiker m\u00f6chte ich aber zuletzt darauf hinweisen, dass                 es auch ein weltweites &#8222;Ged\u00e4chtnis von unten&#8220; gibt. <\/p>\n<p>Als die Bauern und Winzer vom Kaiserstuhl 1975 den Bauplatz des                 geplanten Atomkraftwerks Wyhl besetzten, verhinderten sie nicht                 nur dieses spezielle AKW. Sie inspirierten u.a. auch zwei Aktivisten                 aus den USA, die gerade in Europa waren, die Technik der Bauplatzbesetzung                 zuhause einzuf\u00fchren. Die US-amerikanische Regierung unter Richard                 Nixon hatte damals den ernsthaften Plan, in kurzer Zeit 1.000                 Reaktorbl\u00f6cke in den USA in Betrieb zu haben. Die Gruppe &#8222;Clamshell&#8220;                 hat &#8211; mit dem &#8222;deutschen Knowhow&#8220; der Platzbesetzungen &#8211; damals                 viel dazu beigetragen, diese Pl\u00e4ne zu stutzen &#8211; es blieb bei 132                 Bl\u00f6cken. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns wieder klarwerden: Wir sind nicht allein. Und                 Atomkraftgegnerinnen und Atomkraftgegner in der ganzen Welt haben                 in den vergangenen Monaten auf Deutschland geschaut und aus unserem                 Protest Mut gesch\u00f6pft. Vor einigen Tagen hat mir Sharon Tracey                 von &#8222;Clamshell&#8220; geschrieben &#8211; und mit ihren Worten m\u00f6chte ich                 enden und sie als Auftrag verstehen, den Politikerinnen und Politikern                 endlich die internationale Dimension unseres Atomausstiegs aufzuzwingen.               <\/p>\n<p>Sie schreibt: &#8222;Bitte lass die Leute in Deutschland, die so standhaft                 gegen die Atomkraft protestieren, wissen, dass euer Widerstand                 einen positiven Einfluss auf die Menschen und auf die Politik                 hier in den USA hat. Ich wei\u00df, dass die atomkraftkritischen Menschen                 hier auf euch blicken, um Inspiration zu erlangen. Wenn die Titelseite                 unserer \u00f6rtlichen Zeitung die Schlagzeile hat \u201aDeutschland sagt                 Nein zur Atomkraft&#8216;, dann erhebt das unsere Herzen!&#8220; <\/p>\n<p>Ich danke euch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht ein Historiker? Er besch\u00e4ftigt sich mit dem kollektiven Ged\u00e4chtnis einer Kultur. Ihr k\u00f6nnt auch sagen: Er fragt, ob vielleicht etwas Wichtiges vergessen wird. Im Moment bereite ich eine Vorlesung \u00fcber die Geschichte der Schrift vor. Die k\u00fchnsten unter meinen KollegInnen sagen, die Schrift ist 7.000 Jahre alt. 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