{"id":10814,"date":"2011-09-01T00:00:17","date_gmt":"2011-08-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10814"},"modified":"2022-07-26T14:22:37","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:37","slug":"ihr-werdet-s-nicht-vermuten-avaaz-sind-nicht-die-guten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/09\/ihr-werdet-s-nicht-vermuten-avaaz-sind-nicht-die-guten\/","title":{"rendered":"Ihr werdet &#8217;s nicht vermuten &#8211; &#8222;Avaaz&#8220; sind nicht &#8222;Die Guten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Avaaz &#8211; Die Welt in Aktion&#8220; wird vielen schon bekannt sein. Die Kampagnen, die von Avaaz ausgehen, bekommen politisch engagierte Menschen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit, vor allem \u00fcber FreundInnen, die Aufrufe weiterleiten, per Mail oder \u00fcber Netzwerke wie Facebook und Twitter, die Avaaz direkt bedienen kann.<\/p>\n<h3>Doch was ist das eigentlich, &#8222;Avaaz&#8220;?!<\/h3>\n<p>Avaaz (&#8222;Stimme&#8220; auf Farsi, Hindu und Urdi) wurde Anfang 2007 als Kind der US-Organisationen &#8222;Res Publica&#8220; ((2)) und &#8222;MoveOn.org&#8220; ((3)) gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend &#8222;Res Publica&#8220; eher im Hintergrund arbeitet und &#8211; bis zur Schaffung von Avaaz &#8211; thematische Schwerpunktarbeit etwa zu Sierra Leone oder Darfur leistete, ist &#8222;MoveOn.org&#8220; eine in den USA bekannte Plattform, die, \u00e4hnlich wie Avaaz, politische Kampagnen (und Fundraising vor allem f\u00fcr Wahlkampfzwecke) prim\u00e4r \u00fcber das Internet betreibt. MoveOn.org ist dabei so etwas wie der au\u00dferparlamentarische Web 2.0-Arm der Demokraten. Entsprechend finden sich in den Lebensl\u00e4ufen der Avaaz-MacherInnen (dabei dreht sich vieles um Ricken Patel, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von Avaaz) Verbindungen zur Rockefeller- und Gates-Foundation, aber auch zu anderen international agierenden Polit-Organisationen wie der &#8222;International Crisis Group&#8220; (mit Joseph Fischer im Beirat und Volker R\u00fche als externer Berater). ((4))<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, wie scharf sich konkrete Kritik an den vorgenannten Institutionen formulieren l\u00e4sst, ist zun\u00e4chst klar: Wir haben es hier mit einer Organisation zu tun, die in jedem Fall die Idee repr\u00e4sentiert, dass Gutes &#8222;von Oben&#8220; kommt oder kommen muss. Graswurzlerisch ist hier zun\u00e4chst einmal &#8211; gar nichts.<\/p>\n<h3>Marketing statt Information<\/h3>\n<p>Wer sich von einer Avaaz-Kampagne angesprochen f\u00fchlt, kann seine Daten auf der Website hinterlassen und damit f\u00fcr die Kampagne stimmen (oder spenden ((5))) &#8211; fortan z\u00e4hlt man zu den z.Z. ca. 10 Millionen &#8222;Mitgliedern&#8220;. ((6)) Und angesprochen f\u00fchlt man sich schnell. Denn so professionell der politische Hintergrund der Plattform ist, so professionell ist auch das Marketing. M\u00f6glichen Kampagnen werden Testl\u00e4ufe vorangeschickt, die das Thema und dessen Wortumsetzung innerhalb einer Mail statistisch auswerten. ((7)) Avaaz wei\u00df am Ende, was die Menschen anspricht und auf welche Weise die Kampagne aufbereitet werden muss.<\/p>\n<p>Das alleine gereicht noch nicht zu einem Vorwurf; wie oft w\u00fcnscht man sich, dass politisch kluge Texte auch ansprechend geschrieben w\u00e4ren, um so mehr MitstreiterInnen zu gewinnen. Hier verh\u00e4lt es sich aber dann doch etwas anders: Durch den Marketingtest haben politische Anliegen, f\u00fcr die &#8222;die Massen&#8220; kein Interesse haben, praktisch keine Chance, in einer Kampagne zu m\u00fcnden. So sehr Avaaz betont, dass viele der Kampagnen auf Vorschl\u00e4ge von &#8222;Mitgliedern&#8220; zur\u00fcckzuf\u00fchren seien, so wenig ist Avaaz dabei demokratisch oder gar basisdemokratisch organisiert. Zwar lassen sich Vorschl\u00e4ge machen und sollen auch &#8222;Mitgliederumfragen&#8220; stattfinden, welche Ziele unterst\u00fctzenswert seien ((8)) &#8211; aber auch diese Instrumente sind dem Marketing zuzuordnen; eine Kontrolle der ausf\u00fchrenden Organe findet nicht statt, von (ab)w\u00e4hlbaren Posten einmal ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Hier ist auch ein erster eklatanter Unterschied zu den Kampagnen-Instrumenten von Organisationen wie Amnesty International, Greenpeace oder \u00e4hnlichen zu sehen, die das Mittel der (niedrigschwelligen) &#8222;ich auch&#8220;-Kampagne als <em>ein<\/em> (erg\u00e4nzendes) Mittel neben der eigentlichen thematischen Arbeit betrachten. ((9))<\/p>\n<h3>Rein ins Thema, raus, und weiter<\/h3>\n<p>Der zweite Unterschied zu Organisationen, die <em>auch<\/em> zum Mittel der Massenkampagne greifen, liegt in der &#8211; bei Avaaz gerade nicht gegebenen &#8211; kontinuierlichen Arbeit zu einem konkreten Thema oder Themenspektrum. Avaaz k\u00fcmmert sich montags um die traurigsten Delfine, mittwochs um Rupert Murdoch und am Wochenende um Tibet. Bei einem solchen Spektrum kann (und will) Avaaz keine dauerhaft begleitende politische Arbeit leisten.<\/p>\n<p>Die rechtfertigende Begr\u00fcndung von Avaaz hierf\u00fcr ist, dass politische Entscheidungen eine lange Vorlaufzeit, aber nur eine kurze Entscheidungsfindungsphase haben.<\/p>\n<p>Avaaz sieht sich in der Pflicht, zu dem Datum, <em>an dem es darauf ankommt<\/em>, zu unterst\u00fctzen. Das ergibt durchaus Sinn, aber vor allem dann, wenn die Massen, mit denen man ein Ziel erreichen m\u00f6chte, \u00fcber diese Zielerreichung hinaus eigentlich nicht weiter gefragt sind. Wo Kampagnen von A.I. oder Greenpeace zumindest auch zur fortgesetzten Partizipation einladen, endet die Partizipation bei Avaaz bei der Stimmenabgabe.<\/p>\n<p>Allerdings beginnt sie auch erst da. Gerade deshalb &#8211; weil eben die &#8222;Mitglieder&#8220; sich nicht mit dem zur Abstimmung stehenden Thema, welches meist auch noch eine schnelle Reaktion erfordert, auseinandersetzen konnten &#8211; ist die wechselhafte Themenauswahl sehr gef\u00e4hrlich. Viele der Kampagnen klingen zun\u00e4chst gut, manchen w\u00fcrde man auch inhaltlich Erfolg w\u00fcnschen. Und gerade bei Menschen, die politisch weniger fest verankert sind, kann so schnell ein etwas beliebiger Eindruck einer &#8222;tut Gutes&#8220;-Organisation entstehen &#8211; sicherlich das Hauptziel der Fremdwahrnehmung von Avaaz.<\/p>\n<p>Doch was, wenn Avaaz pl\u00f6tzlich nicht so Gutes tut? Das mag im Einzelfall durchaus diskussionsw\u00fcrdig sein ((10)), aber wenn &#8211; zugegebenerma\u00dfen im Tenor der ganzen westlichen Welt &#8211; ein Krieg gegen Libyen mit dem Euphemismus &#8222;Flugverbotszone&#8220; beworben wird (\u00fcber 1.2 Millionen UnterzeichnerInnen ((11))), dann ist Schluss mit lustig.<\/p>\n<h3>Slacktivism ((12)) und Erfolge\u2026<\/h3>\n<p>Im 21. Jahrhundert haben die M\u00f6glichkeiten der globalen elektronischen Vernetzung neue Wege bereitet. Die schnelle und mit Mitteln der Zensur nicht immer zu stoppende Kommunikation unter Oppositionellen etwa bereitet den alteingesessenen Herrschern schon etwas Kopfzerbrechen. Informationen sind zug\u00e4nglicher und von zentralen Kan\u00e4len unabh\u00e4ngiger erreichbar. Die Frage ist, ob eine Plattform wie Avaaz auch zum Kapitel &#8222;Demokratisierung durch das Internet&#8220; zu z\u00e4hlen ist.<\/p>\n<p>Und hier ist doch eher das Gegenteil zu attestieren. Auf der einen Seite dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Welche nachhaltigen politischen Erfolge kann eine Plattform erringen, deren &#8222;Druckmittel&#8220; darin besteht, dass x-tausend Menschen im Internet geklickt haben. ((13))<\/p>\n<p>Das <em>kann<\/em> dann etwas ausrichten, wenn es Vorg\u00e4nge betrifft, die sich zun\u00e4chst eher unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit abspielen und durch die weltweite Aufmerksamkeit eben doch in das Licht der \u00d6ffentlichkeit gezerrt werden.<\/p>\n<p>Bei &#8222;gro\u00dfen politischen Fragen&#8220; &#8211; wie etwa der Frage, ob Libyen bombardiert wird, oder \u00fcber die Zukunft Rupert Murdochs &#8211; d\u00fcrften die M\u00e4chtigen sich \u00fcber Klickzahlen bestenfalls m\u00e4chtig am\u00fcsieren.<\/p>\n<p>Avaaz betreibt durchaus beide Arten von Kampagnen, so dass zumindest gewisse Aktionen eine Welt\u00f6ffentlichkeit und damit eine Diskussion und am Ende gar eventuell eine Ver\u00e4nderung hervorrufen.<\/p>\n<p>Problematisch ist hierbei wieder der strategische Marketingansatz von Avaaz, der Avaaz im Nachhinein f\u00fcr jede aufgebl\u00fchte Sonnenblume verantwortlich sein lassen will<\/p>\n<p>&#8222;Massaker verhindert&#8220; titelt Avaaz unter der Rubrik &#8222;H\u00f6hepunkte &#8211; Frieden&#8220; (sic!) zu Libyen &#8211; schlimm genug, dass Avaaz den Krieg als Erfolg proklamiert; die Darstellung aber, dass ausgerechnet Avaaz hier eine auch nur noch so kleine Rolle gespielt habe, grenzt schon an Gr\u00f6\u00dfenwahn. Und solche Beispiele sind ohne Ende zu finden.<\/p>\n<p>Bei kritischer Betrachtung \u00fcberschreitet die Darstellung durch Avaaz und die implizierten &#8222;Erfolge&#8220; regelm\u00e4\u00dfig die Grenze der L\u00e4cherlichkeit &#8211; nur dass gerade diese Darstellung auf unkritische Rezeption abstellt und damit ein weiteres Problem schafft bzw. verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Die Rede ist von &#8222;Clicktivism&#8220; ((14)) bzw. &#8222;Slacktivisim&#8220;, also der scheinbaren politischen Partizipation durch einen Klick im Internet, bei dem man meint, die Welt verbessert zu haben. Wer mit solchen Mitteln eben mal (&#8222;Massaker verhindernde&#8220;) Kriege vom Zaun zu brechen in der Lage ist oder einen Rupert Murdoch stoppt &#8211; warum sollte so jemand auch noch die Arbeit auf sich nehmen, auf die Stra\u00dfe zu gehen? Sich Blockaden anzuschlie\u00dfen? Direkte Aktionen durchzuf\u00fchren, die eventuell sogar im Gegensatz zur &#8222;herrschenden Ordnung&#8220; stehen? Sich langfristig mit Themen besch\u00e4ftigen, um immer wieder kritisch reingr\u00e4tschen und andere ernsthaft informieren zu k\u00f6nnen? Wozu all das, wenn es doch so viel einfacher l\u00e4uft?!<\/p>\n<p>Es l\u00e4uft eben nicht so viel einfacher. Avaaz verbessert die Welt nicht in erster Linie, es beruhigt sie viel mehr.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es f\u00fcr Ruhe keinen Grund. Und keinen Grund, in die Struktur und politische Ausrichtung von Avaaz zu vertrauen &#8211; einer Organisation, die ihre Mitglieder eben nicht \u00fcber das Mittel der Kampagne zu politisieren versucht, sondern im Gegenteil impliziert, dass v\u00f6llig entpolitisiertes Mausklicken vom Sofa aus politisches Engagement und die \u00dcbernahme von Verantwortung bedeute.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Avaaz &#8211; Die Welt in Aktion&#8220; wird vielen schon bekannt sein. 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