{"id":10829,"date":"2011-10-01T00:00:11","date_gmt":"2011-09-30T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10829"},"modified":"2022-07-26T14:22:36","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:36","slug":"shanghai-das-ende-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/shanghai-das-ende-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Shanghai &#8211; Das Ende der Zukunft"},"content":{"rendered":"<h3>Wer ist schneller?<\/h3>\n<p>In vielen Taxis in Shanghai sind zur Unterhaltung der Fahrg\u00e4ste Bildschirme installiert, auf denen in st\u00e4ndiger Wiederholung Werbeclips, Animationen und auch einige Sketche laufen.<\/p>\n<p>In einer dieser kurzen, inhaltlich eher schlicht gehaltenen Filmsequenzen sieht man mehrere Personen an einer Stra\u00dfe warten. Als ein Taxi in einiger Entfernung anh\u00e4lt, setzt ein Wettrennen ein. Anfangs ist ein dynamischer junger Mann der Schnellste. Doch dann wird er von einer f\u00fclligen Frau \u00fcberholt, die als erste das Taxi erreicht und darin Platz nimmt. Als der Mann angehechelt kommt, ruft sie ihm noch locker etwas zu, um dann den Fahrer anzuweisen, los zu fahren.<\/p>\n<p>Es ist eine Szene, die geradezu symbolisch f\u00fcr das Shanghai der Gegenwart steht. Die Frau wartet nicht, um das Taxi zu teilen. Vielmehr geht es einzig darum, am schnellsten zu sein und die Konkurrenz aus zu stechen. Im Zentrum steht das eigene Ego beziehungsweise der pers\u00f6nliche Erfolg. Wer in diesem unabl\u00e4ssigen Konkurrenzkampf unterliegt, bleibt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Es ist ebenso widerspr\u00fcchlich wie auch charakteristisch, dass diese urkapitalistischen Prinzipien gerade in der Volksrepublik China eine \u00fcberragende Dominanz erhalten haben.<\/p>\n<p>China ist zu einer Weltmacht geworden, die sich l\u00e4ngst von den Prinzipien der Revolution von 1949 verabschiedet hat.<\/p>\n<p>Die \u00f6konomischen und sozialen Bedingungen der Gegenwart erinnern inzwischen zum Teil eher an die inhumane Fr\u00fchphase des Kapitalismus, als an einen Staat, der den Kommunismus als Ziel vorgibt.<\/p>\n<h3>Rechtlos auf den Baustellen<\/h3>\n<p>Insbesondere die WanderarbeiterInnen, die einen wesentlichen Faktor f\u00fcr den enormen \u00f6konomischen Aufschwung Chinas bilden, leiden unter den Bedingungen. Inzwischen geht man von rund 200 Millionen umherziehenden Menschen aus, die als billige Arbeitskr\u00e4fte vor allem in den Fabriken und auf den Baustellen der rapide anwachsenden Stadtregionen ausgebeutet werden.<\/p>\n<p>Die hohe Arbeitslosigkeit bzw. der Konkurrenzkampf um kurzzeitige Arbeitspl\u00e4tze mit zum Teil katastrophalen Bedingungen bei minimalen L\u00f6hnen unterhalb des Existenzminimums ohne soziale Absicherungen haben zu einer Verelendung gef\u00fchrt. Bezeichnender Weise stieg gleichzeitig die Zahl der Million\u00e4re und Milliard\u00e4re. Wie in kaum einem anderen Land w\u00e4chst die Kluft zwischen gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung und einer kleinen, in Luxus lebenden Schicht.<\/p>\n<p>Vielfach k\u00f6nnen sich die ArbeiterInnen die n\u00f6tigen Aufenthaltspapiere f\u00fcr die St\u00e4dte nicht leisten und halten sich dort nach Verst\u00e4ndnis der Staatsorgane illegal auf. Da oft auch keine Arbeitsvertr\u00e4ge abgeschlossen werden, werden die L\u00f6hne nach der Aus\u00fcbung der vereinbarten T\u00e4tigkeit vielfach gedr\u00fcckt oder verweigert. Unabh\u00e4ngige Zusammenschl\u00fcsse der ArbeiterInnen gibt es praktisch nicht. Auf Ans\u00e4tze einer Organisierung oder gar eines Protestes reagieren die Staatsorgane mit unnachgiebiger H\u00e4rte.<\/p>\n<h3>Manager und Kommunisten sch\u00fctteln sich die H\u00e4nde<\/h3>\n<p>Die offiziellen Begrifflichkeiten wie &#8222;Sozialistische Marktwirtschaft&#8220; wirken f\u00fcr die WanderarbeiterInnen wie ein Hohn.<\/p>\n<p>Deng Xiaoping als Nachfolger des Staatsgr\u00fcnders Mao Zedong hielt am diktatorischen Einparteien-System fest, leitete jedoch weit reichende \u00f6konomische Reformen ein.<\/p>\n<p>Diese zielten auf eine Privatisierung gro\u00dfer Teile der Wirtschaft, die inzwischen vorrangig an den kommerziellen Vorgaben des Marktes ausgerichtet ist. W\u00e4hrend der \u00f6konomische Bereich stark liberalisiert wurde, wird weiterhin repressiv gegen kritische und oppositionelle Positionen vorgegangen. So werden Presse und Internet scharf kontrolliert bzw. zensiert, w\u00e4hrend viele Oppositionelle von der \u00d6ffentlichkeit unbemerkt zu langj\u00e4hrigen Haftstrafen verurteilt werden und in Straflagern verschwinden.<\/p>\n<p>Wenn sich heute Funktion\u00e4re der Kommunistischen Partei und Manager multinationaler Konzerne in Luxus-Suiten l\u00e4chelnd die H\u00e4nde sch\u00fctteln und neue Vertr\u00e4ge abschlie\u00dfen, dann geht es vor allem um Macht und Profit.<\/p>\n<p>George Orwell beschrieb in diesem Sinne in der Mitte des letzten Jahrhunderts in &#8222;Animal Farm&#8220; die Entwicklung der Russischen Revolution als Parabel. Die rechtlosen Tiere erhoben sich gegen die Ausbeutung durch die Menschen. Doch nach dem siegreichen Aufstand etablierte sich mit den Schweinen schnell eine neue Machtelite, welche unter leicht ver\u00e4nderten Vorzeichen die Ausbeutung fortsetzte und bald mit den einstigen Machthabern wieder zusammenarbeitete. Am Ende war es nicht mehr m\u00f6glich, zwischen den alten und neuen Herrschern zu unterscheiden.<\/p>\n<h3>In zwanzig Jahren vom Reisfeld zum Hightech-Zentrum<\/h3>\n<p>Um den chinesischen Markt auch f\u00fcr multinationale Konzerne interessant zu machen, wurden Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, in denen unter anderem Steuerverg\u00fcnstigungen und vereinfachte verwaltungsrechtliche Bedingungen gew\u00e4hrt werden, sowie g\u00fcnstig Bauland angeboten wird.<\/p>\n<p>Als herausragendes und in \u00f6konomischer Hinsicht besonders erfolgreiches Beispiel gilt der Stadtteil Pudong in Shanghai. Noch 1990 befanden sich dort im Wesentlichen Felder und brachliegende Fl\u00e4chen. In Folge der Ernennung zu einer Sonderwirtschaftszone und der besonderen Bedeutung, welche die chinesische Regierung in der Entwicklung Pudongs sah, erlangte der Stadtteil innerhalb von nur zwei Jahrzehnten eine herausragende Bedeutung.<\/p>\n<p>Inzwischen ist Pudong ein internationaler Knotenpunkt im Bereich der Informations-, Elektro- und Biotechnologie, sowie im Finanzsektor. Das wirtschaftliche Wachstum lag offiziellen Angaben zufolge trotz weltweiter Krisen in den letzten Jahren durchg\u00e4ngig im zweistelligen Bereich.<\/p>\n<p>Wie kein anderes Land gilt China als Markt mit gigantischen Expansionsm\u00f6glichkeiten und Gewinnspannen, wobei Shanghai eine herausragende Rolle einnimmt. Ein Konzern, der in der Stadt nicht pr\u00e4sent ist und investiert, hat in China den Anschluss verpasst. Bezeichnender Weise pr\u00e4sentieren z.B. Mercedes-Benz und Porsche neue Modelle nicht mehr vorrangig auf den lange weltweit f\u00fchrenden Auto-Messen in Detroit, Frankfurt oder Tokio, sondern gezielt am chinesischen Absatzmarkt, ausgerichtet vor ausgew\u00e4hlten G\u00e4sten im World Financial Center in Shanghai.<\/p>\n<h3>Die futuristische Skyline als Demonstration der Macht<\/h3>\n<p>In atemberaubender Schnelligkeit entstand in Pudong eine futuristische Skyline. Der Stadtteil scheint fast nur aus Wolkenkratzern zu bestehen, die sich in H\u00f6he und Gestaltung gegenseitig \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>So sind u.a. der Jin Mao Tower, das World Financial Center und der Oriental Pearl Tower in ihrer imposanten Gestaltung jeweils weit \u00fcber 400 Meter hoch.<\/p>\n<p>Der im Bau befindliche Shanghai Tower wird diese gigantischen Geb\u00e4ude dann noch einmal deutlich \u00fcberragen.<\/p>\n<p>Die Wirkung der abends angestrahlten Skyline ist dabei je nach innerer Perspektive der BetrachterInnen beeindruckend und wegweisend oder aber erdr\u00fcckend und als Ausdruck menschlichen Gr\u00f6\u00dfenwahns besch\u00e4mend.<\/p>\n<p>In Bezug auf die Zahl der Wolkenkratzer und entsprechender Superlative ist Shanghai bzw. Pudong weltweit inzwischen nahezu einzigartig. Pudong dient dabei keineswegs nur als Spielwiese internationaler Stararchitekten, sondern zielt strategisch auf die visuelle Manifestation der Volksrepublik Chinas als wirtschaftliche und technologische Supermacht.<\/p>\n<p>Architektur ist auf dieser Ebene weder beliebig noch neutral, sondern immer ein Ausdruck bzw. oftmals auch eine Verst\u00e4rkung von Machtverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<h3>Die Slums hinter den Hochhausghettos<\/h3>\n<p>Die Skyline Pudongs pr\u00e4gt die Wahrnehmung Shanghais. Das eigentliche Shanghai ist jedoch nicht von modernen Wolkenkratzern bestimmt, sondern von Hochhaus-Ghettos. Ein Gef\u00fchl der Enge durchzieht die Stadt. Geb\u00e4ude mit vierzig oder f\u00fcnfzig Stockwerken sind dabei keine Ausnahme, sondern die Regel. Bis zum Horizont erstreckt sich die Stadt mit ihren zahllosen Hochhaus-Siedlungen.<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische Metropolen wie London, Paris oder Berlin wirken im Vergleich \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>Trotz der Ein-Kind-Politik und der restriktiven Handhabung hinsichtlich der Wohnerlaubnis w\u00e4chst die Zahl der Personen, die in Shanghai wohnen oder sich dort zumindest eine l\u00e4ngere Zeit aufhalten, best\u00e4ndig an.<\/p>\n<p>Die Sch\u00e4tzungen liegen bei ca. 20 Millionen Menschen. Ein wesentlicher Teil davon wohnt in gleichf\u00f6rmigen, meist in grau gehaltenen Hochh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Trotz einer umfassenden F\u00f6rderung des Wohnungsbaus liegt die durchschnittliche Wohnfl\u00e4che einer Person bei nur rund neun Quadratmetern.<\/p>\n<p>An den Stadtr\u00e4ndern und auf den letzten verbliebenen Bebauungsfl\u00e4chen in den inneren Bereichen sind in den letzten Jahren zunehmend Slums entstanden. Zum Teil sind es Blechh\u00fctten, in anderen F\u00e4llen alte, bauf\u00e4llige Geb\u00e4ude, die nach kurzzeitigem Leerstand wieder bewohnt werden, bevor sie neuen Hochh\u00e4usern weichen. Um die Bev\u00f6lkerung in den Slums bzw. den Zuzug in die Stadt besser kontrollieren zu k\u00f6nnen, sind auch in ansonsten weitgehend verwahrlosten Bereichen Stra\u00dfenschilder aufgestellt und H\u00e4user wie Baracken mit Nummern versehen.<\/p>\n<p>Die meisten BewohnerInnen dieser Stadtviertel leben am Existenzminimum. Viele bestreiten ihren Lebensunterhalt \u00fcber das Sammeln von M\u00fcll bzw. Sortieren und Weiterverkaufen von Papier, Glas und Plastik oder bieten sich an bestimmten Treffpunkten Tag f\u00fcr Tag als billige Arbeitskr\u00e4fte an. Gleichzeitig zeigt sich wie so oft gerade in den Slums eine Kultur der Solidarit\u00e4t und Offenheit, die sich deutlich von der sonst vorherrschenden Ausrichtung an Konsum und Egozentrik abhebt.<\/p>\n<h3>Der Smog des Profits<\/h3>\n<p>Die politischen Entscheidungen in Shanghai sind durchg\u00e4ngig vor allem am Ziel des Wirtschaftswachstums ausgerichtet. Langfristig soll dar\u00fcber der materielle Wohlstand der Bev\u00f6lkerung gehoben werden. \u00d6kologische Aspekte wurden dabei lange v\u00f6llig ignoriert.<\/p>\n<p>In den 90er Jahren nahm Shanghai in internationalen Auflistungen der St\u00e4dte mit der h\u00f6chsten Umweltbelastung einen vorderen Platz ein.<\/p>\n<p>Erst in den letzten Jahren kam es zu einem ersten Bewusstseinswandel und in einigen Bereichen zu leichten Verbesserungen, doch noch immer ist Shanghai weit von einem auch nur ansatzweise akzeptablen Status entfernt. So ist die Stadt an vielen Tagen insbesondere durch die starken Emissionen im Zusammenhang mit der Industrieproduktion von Smog \u00fcberzogen. Gleichzeitig ist es nicht gelungen, der starken Verschmutzung des zentralen Huangpu-Flusses und seiner Nebenstr\u00f6me entscheidend entgegen zu wirken.<\/p>\n<p>Um Shanghai auch im \u00f6kologischen Bereich ein neues Image zu geben und sich gleichzeitig in diesem Kontext \u00f6konomisch eine weltweit f\u00fchrende Position zu sichern, sollte im Stadtteil Dongtan eine \u00d6kostadt entstehen. Nachdem es jedoch nicht gelang, das Projekt planungsgem\u00e4\u00df bis zur prestigetr\u00e4chtigen Weltausstellung &#8222;Shanghai World Expo&#8220; 2010 zu realisieren, wurde es eingestellt. Das Motto der Expo &#8222;Better City, Better Life&#8220; erwies sich dadurch auch auf dieser Ebene als ein Marketingslogan, der in Anbetracht der sozialen und \u00f6kologischen Realit\u00e4ten bestenfalls zynisch wirkt.<\/p>\n<h3>Verinnerlichte Unterdr\u00fcckung<\/h3>\n<p>Die rund zweieinhalbtausend Jahre alten Lehren von Konfuzius haben bis in die Gegenwart die diversen Epochen der chinesischen Geschichte mit all ihren Unterschiedlichkeiten nicht nur nahezu unbeschadet \u00fcberstanden, sie bildeten vielmehr durchg\u00e4ngig eine wesentliche soziokulturelle Basis.<\/p>\n<p>Die Ausrichtung an der Familie und strenge Hierarchien, die Betonung von Unterordnung, Pflicht und Gehorsam, sowie das \u00dcberdecken von Konflikten in der Au\u00dfendarstellung zugunsten eines harmonisierten Erscheinungsbildes pr\u00e4gen bis heute weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von ihrer konkreten sozialpolitischen Ausrichtung konnten in diesem Gef\u00fcge neue Machthaber die Position ihrer Vorg\u00e4nger einnehmen. Ob es nun ein vermeintlicher Gottk\u00f6nig oder der allm\u00e4chtige &#8222;Gro\u00dfe Vorsitzende&#8220; der Partei war, die patriarchalen Strukturen blieben im Kern die gleichen. Das Konstrukt Familie wurde automatisch auf den Staat \u00fcbertragen, wodurch der entsprechende Machthaber die Rolle des bestimmenden Vaters einnahm. Das Gesellschaftssystem entsprach wiederum den famili\u00e4ren Rahmenbedingungen, denen man sich unterzuordnen hat.<\/p>\n<p>Schon in der Erziehung und in der Schule geht es bis in die Gegenwart des modernen China nicht um die Entwicklung eigenst\u00e4ndigen Denkens, sondern um Anpassung und Nachahmung bzw. das Auswendiglernen des Vorgegebenen.<\/p>\n<p>Ein selbstbestimmter Lebensweg oder die Entwicklung einer oppositionellen Grundhaltung entsprechen dagegen einem Bruch mit den konfuzianischen Grundregeln. Ebenso sollen Differenzen, Probleme oder kritische Betrachtungsweisen nicht nach au\u00dfen dringen, um das Bild einer harmonisch funktionierenden Familie bzw. Gesellschaft aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<h3>Konsum statt Kommunismus<\/h3>\n<p>Mao Zedong bestimmte entscheidend \u00fcber Jahrzehnte hinweg als Revolutionsf\u00fchrer bzw. als Partei- und Staatschef die Entwicklungen Chinas. Auch wenn es nach seinem Tod im Jahr 1976 in einigen Punkten zu einer Abkehr vom Maoismus kam, so wird er weiterhin auf offizieller Ebene als herausragende Leitfigur verehrt.<\/p>\n<p>Grundlegend gewandelt hat sich jedoch die Pr\u00e4senz Maos in der \u00d6ffentlichkeit. Im Zuge eines extremen Personenkultes in der Tradition der G\u00f6tter- und Kaiserverehrungen war sein Portr\u00e4t als gigantisches Fassadenbild in den Stra\u00dfen genauso wie in Wohnungen, sowie als Abzeichen allgegenw\u00e4rtig. Maos Schriften bzw. zeitweise insbesondere das &#8222;Rote Buch&#8220; mit Zitaten von ihm hatten den Status einer Staatsdoktrin.<\/p>\n<p>Inzwischen gelten die Lehren Maos als Relikt der Vergangenheit. Meist wird nur noch auf ihn zur\u00fcckgegriffen, um die vorherrschende Stellung der Partei zu rechtfertigen. Bezeichnender Weise ist das Portrait-Bild Maos im allt\u00e4glichen Leben inhaltlich entleert nur noch auf Geldscheinen zu finden.<\/p>\n<p>Aus dem Stadtbild Shanghais sind dagegen Mao-Bilder genauso wie politische Spruchb\u00e4nder der Kommunistischen Partei verschwunden.<\/p>\n<p>Ersetzt wurden sie durch gigantische, bunt beleuchtete Werbefassaden, die nicht mehr das Gl\u00fcck im maoistischen Kommunismus preisen, sondern die Heilsversprechen in die Scheinwelt des Konsums \u00fcbertragen haben.<\/p>\n<h3>Mao schadet dem Standortfaktor<\/h3>\n<p>Die Lehren von Mao Zedong passen l\u00e4ngst nicht mehr in die Welt des Neoliberalismus, der auch die Volksrepublik Chinas durchzogen hat. Um die Position auf dem Weltmarkt auszubauen, wird alles versucht, um den Standortfaktor Shanghais zu st\u00e4rken. Der offene Bezug auf Mao w\u00e4re in diesem Sinne schlecht f\u00fcr das Image der Stadt.<\/p>\n<p>Angeh\u00f6rigen der Mittelschicht ist es meist eher unangenehm oder gar peinlich, auf Mao angesprochen zu werden. Man definiert sich lieber \u00fcber die neuen Konsumprodukte und verbannt den Staatsgr\u00fcnder in die Geschichtsb\u00fccher. Auch in den verarmten Vorst\u00e4dten und Slums bezieht sich niemand mehr auf Mao. Im allt\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf erscheint es hier egal, wer gerade an den Hebeln der Macht sitzt.<\/p>\n<p>Und so findet sich das Rote Buch von Mao in einer Neuauflage popkulturell vermarktet nur noch in den Souvenir-Shops. In den inzwischen antiquarischen Originalversionen werden die Schriften von Mao daneben vereinzelt von Stra\u00dfenh\u00e4ndlerInnen zwischen Imitaten westlicher Uhren und schrillen Spielzeugfiguren angeboten.<\/p>\n<p>Wenn dann Polizeikr\u00e4fte auftauchen, um den illegalisierten Stra\u00dfenverkauf zu unterbinden, verschwinden die B\u00fccher des Staatsgr\u00fcnders mit all den anderen Produkten in gro\u00dfen Taschen, die dann einige Stra\u00dfen weiter wieder ausgelegt werden.<\/p>\n<h3>Die Gl\u00fccksversprechen des Konsums<\/h3>\n<p>Shanghai hat l\u00e4ngst die Vermarktungsmechanismen der globalisierten Welt \u00fcbernommen. Die zahlreichen Einkaufsstra\u00dfen unterscheiden sich kaum von westlichen Shopping-Malls. Wie in anderen Metropolen sind ganze Stra\u00dfenz\u00fcge von beleuchteten Fassaden und riesigen Bildschirmen mit Werbebotschaften bestimmt.<\/p>\n<p>Die Produkte stammen, sofern sie nicht kopiert sind, zumeist von den gleichen multinationalen Konzernen, die derzeit auch in Amerika und Europa den Markt bestimmen.<\/p>\n<p>In der Welt des Konsums reduziert sich vieles auf den \u00e4u\u00dferen Schein. So besteht die ehemalige Altstadt Shanghais inzwischen im Wesentlichen aus neuen, \u00e4u\u00dferlich in der traditionellen Bauweise errichteten H\u00e4usern. Einem riesigen Einkaufszentrum gleichend, beherbergen sie modern gestylte Gesch\u00e4fte f\u00fcr die TouristInnen, die sich durch die Gassen dr\u00e4ngen. Die Bezeichnung Altstadt ist wie der Baustil zu einer reinen Produktverpackung geworden.<\/p>\n<p>Eine innere Leere dr\u00fccken auch die gro\u00dfen, bunten Werbefl\u00e4chen aus, die auf grauen Betonfl\u00e4chen oder direkt an den nicht weniger eint\u00f6nigen Hochh\u00e4usern angebracht sind. Die Gl\u00fccksversprechen des Konsums wirken dabei entlarvend und bet\u00e4ubend zugleich.<\/p>\n<h3>Das Ende der Zukunft<\/h3>\n<p>Es ist ein Merkmal der globalisierten Welt, dass die allgegenw\u00e4rtige Sehnsucht nach Gl\u00fcck nicht in einer freien, gemeinschaftlichen Entfaltung m\u00fcndet, sondern in Konsumprodukten eine scheinbare Befriedigung findet. Um ein autorit\u00e4res System langfristig aufrecht zu erhalten, bedarf es nicht nur einer milit\u00e4rischen St\u00e4rke. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, die entsprechenden Strukturen auch im Bewusstsein der Menschen zu verankern. Die Ausrichtung an der konfuzianischen Lebensphilosophie in Verbindung mit konsumorientierten Werten erweist sich dabei als besonders effektiv.<\/p>\n<p>Shanghai verk\u00f6rpert wie kaum eine andere Mega-City die globalisierte Moderne. Hohe Wachstumsraten und technologischer Fortschritt lassen Shanghai als Stadt der Zukunft erscheinen. Wer jedoch hinter die Fassaden blickt, dem offenbart sich schnell, dass Wachstum im Kern auch R\u00fcckschritt bedeuten kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer ist schneller? In vielen Taxis in Shanghai sind zur Unterhaltung der Fahrg\u00e4ste Bildschirme installiert, auf denen in st\u00e4ndiger Wiederholung Werbeclips, Animationen und auch einige Sketche laufen. In einer dieser kurzen, inhaltlich eher schlicht gehaltenen Filmsequenzen sieht man mehrere Personen an einer Stra\u00dfe warten. 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