{"id":10831,"date":"2011-10-01T00:00:50","date_gmt":"2011-09-30T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10831"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"junge-welt-alte-mauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/junge-welt-alte-mauern\/","title":{"rendered":"junge Welt, alte Mauern"},"content":{"rendered":"<p>Hohensch\u00f6nhausen ist nicht nur irgendein beliebiger Stadtbezirk von Berlin, sondern war von 1951 bis 1989 das zentrale Gef\u00e4ngnis der Stasi, in dem auch physisch gefoltert und die H\u00e4ftlinge psychologisch zerm\u00fcrbt wurden.<\/p>\n<p>Einer der Einsitzenden war der bekannte Dissident und Reform-Sozialist Rudolf Bahro.<\/p>\n<p>Hubertus Knabe ist der Sohn des &#8222;Die Gr\u00fcnen&#8220;-Mitbegr\u00fcnders Wilhelm Knabe, der sich ab 1978 intensiv f\u00fcr die Freilassung Bahros eingesetzt hatte. Seit 2001 ist der von der jW geschm\u00e4hte Hubertus Knabe Direktor der Gedenkst\u00e4tte Hohensch\u00f6nhausen, in der \u00fcber die Verbrechen der DDR-Diktatur informiert wird. Indem die jW sich positiv auf &#8222;28 Jahre Hohensch\u00f6nhausen ohne Hubertus Knabe&#8220; bezieht und sich f\u00fcr den alten Betrieb als Stasigef\u00e4ngnis bedankt, lebt sie heute noch unverhohlen ihren Hass gegen\u00fcber den Menschen aus, die dem Sozialismus als DissidentInnen ein menschliches Antlitz geben wollten.<\/p>\n<p>Die als Dankesch\u00f6n deklarierte Rechtfertigung der DDR-Diktatur hat f\u00fcr viel \u00c4rger gesorgt und zu Boykottaufrufen innerhalb der Linkspartei gef\u00fchrt. Hierdurch aufgeschreckt, haben sich 30 Bundestagsabgeordnete der Linkspartei mit der jW solidarisiert und Sanktionen wie Anzeigenboykott abgelehnt. Sogar ein &#8222;kritischer&#8220; Satz gegen\u00fcber der jW findet sich in ihrer Stellungnahme: &#8222;Die Titelseite, mit der die junge Welt zum 50. Jahrestag des Mauerbaus aufgemacht hat, fanden wir unhistorisch, unpassend und geschmacklos.&#8220; &#8211; Das Gegenteil ist jedoch richtig: Ist es nicht ein Zeichen f\u00fcr eine sehr bemerkenswerte historische Kontinuit\u00e4t, wenn eine Zeitung, die jahrzehntelang das Sprachrohr der hyperstaatstreuen &#8222;Freien Deutschen Jugend&#8220; (FDJ) war, auch noch 22 Jahre nach dem Fall der Mauer von dem Chefredakteur Arnold Sch\u00f6lzel geleitet wird? Eben jener Sch\u00f6lzel ((2)), der es auch heute noch v\u00f6llig richtig findet und in einem Dokumentarfilm bekr\u00e4ftigt, bis 1989 als eingeschleuster Stasi-Mitarbeiter in einer studentischen Oppositionsgruppe (unter anderem \u00fcber Wolfgang Templin) Informationen weitergeleitet zu haben? Am Ende dieser Entwicklung landete Templin &#8211; in Hohensch\u00f6nhausen! Passender geht&#8217;s nicht.<\/p>\n<p>Die jW kritisiert detailreich, kontinuierlich und scharf die Vers\u00e4umnisse und verpassten Chancen von Regierungsbeteiligungen der Linkspartei. Das macht sie bei den Regierungssozialisten, die sich wie zum Hohn teilweise auch noch &#8222;Emanzipatorische Linke&#8220; nennen, \u00e4u\u00dferst unbeliebt. Mit dem Aufruf die jW zu boykottieren, sowie Medienpartnerschaften und Anzeigenschaltungen aufzuk\u00fcndigen, nutzt die &#8222;Emanzipatorische Linke&#8220; die langherbeigesehnte g\u00fcnstige Gelegenheit, den Einfluss unliebsamer innerparteilicher KonkurrentInnen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Die Boykottaufrufe lassen den autorit\u00e4ren Charakter ihrer InitiatorInnen deutlich hervortreten. Sie wollen einfach eliminieren, was ihnen im Wege steht. Auch das hat in dieser Partei Tradition.<\/p>\n<p>Unter anderem im Sommer 2006 haben wir in der Graswurzelrevolution (Nr. 310) ausf\u00fchrlich die unkritische N\u00e4he der jW zu autorit\u00e4r regierten Staaten und Despoten kritisiert. Selbst vor f\u00fcnf Jahren noch hat die jW auf ihrer Wissenschaftsseite Werbung f\u00fcr Atomkraft gemacht und gleichzeitig vor den &#8222;t\u00f6dlichen Gefahren&#8220; von Biogasanlagen gewarnt. Das war keine Satire, sondern ernst gemeint. Kaum eine Peinlichkeit wurde von dieser Zeitung ausgelassen.<\/p>\n<p>Und doch sind in der jW auch wichtige Artikel zu finden, die man in anderen Zeitungen vergeblich sucht. Es gibt nur noch drei bis vier halbwegs akzeptable Tageszeitungen auf dem Markt. F\u00fcr viele kritische JournalistInnen bestehen kaum noch Bet\u00e4tigungsm\u00f6glichkeiten in konventionellen Medien. Nur deswegen schreiben Viele in der jW. Den anr\u00fcchigen Teil der jW m\u00fcssen sie notgedrungen in Kauf nehmen, wenn sie \u00fcberhaupt noch etwas f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Publikum schreiben wollen. Auf den t\u00e4glichen Doppelseiten der jW kann man auch interessante Artikel lesen, die es in pseudoliberale Gazetten nicht mehr geschafft haben. Von daher hat die jW immer noch auch eine nicht zu untersch\u00e4tzende Funktion bei der Herstellung von Gegen\u00f6ffentlichkeit. Allerdings wird dieser Wert durch eine ganze Reihe dubioser Artikel in Frage gestellt, die gleich nebenan stehen. Qualit\u00e4tsjournalismus sieht anders aus.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, dass 22 Jahre nach dem Fall der Mauer allen Ernstes wieder unter Linken diskutiert werden muss, ob diese Grenze ein legitimes Mittel zur Sicherung angeblich sozialistischer Errungenschaften war. Zu einer klaren Ablehnung des eingemauerten &#8222;Sozialismus&#8220; kann sich in Internetforen, Blogs und Mailgroups ein Teil der Linken immer noch nicht durchringen! Dieses Armutszeugnis macht kenntlich, wie gro\u00df die Defizite in ihrem demokratischen Bewusstsein heute tats\u00e4chlich noch sind.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise ist diese verschroben-autorit\u00e4re Linke gesamtgesellschaftlich so marginal, dass sie auf absehbare Zeit keine Gelegenheit haben wird, uns ihre Vorstellungen von Mauer-Sozialismus aufzuzwingen.<\/p>\n<p>In der jetzt stattfindenden Diskussion versucht sich die jW als das Opfer darzustellen, dem durch Parteirechte das Leben schwer gemacht wird. Jetzt sieht sie pl\u00f6tzlich die Pressefreiheit in Gefahr, w\u00e4hrend sie andererseits selbst die Meinungen ihrer langj\u00e4hrigen AutorInnen, die sich in ausf\u00fchrlichen kritischen Artikeln zur jW-Krise \u00e4u\u00dfern wollten, nicht abdruckte. Erst vier Wochen sp\u00e4ter dokumentierte diese &#8222;hochaktuelle&#8220; Tageszeitung auf einer Sonderseite einige wenige kritische Zuschriften. Hiermit offenbarte sie \u00e4hnliche Probleme mit Realit\u00e4tswahrnehmung und Kritikverarbeitung, wie sie bei nordafrikanischen Despoten kurz vor ihrem Fall vorgekommen sind. Sch\u00f6lzels Stigmatisierung von Kritik an der jW als &#8222;Krawall&#8220; (10.9.2011) bezeugt die mangelnde Lernf\u00e4higkeit f\u00fchrender Figuren dieses Blattes.<\/p>\n<p>Diejenigen jedoch, die &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; gegen die jW fordern, werden sich fragen lassen m\u00fcssen, wie laut und wie eifrig sie in der Vergangenheit protestiert haben, als Zeitungen wie zum Beispiel taz, Frankfurter Rundschau, ZEIT und Jungle World Kriegseins\u00e4tze im Ausland oder die Hartz IV-Gesetze sch\u00f6ngeredet haben. Die BoykotteurInnen w\u00fcrden mit ihren Ma\u00dfnahmen nicht nur den DDR-nostalgischen und autorit\u00e4ren Teil der jW treffen, sondern auch das kleine bisschen noch existierender Gegen\u00f6ffentlichkeit mitzerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Letztendlich bleibt f\u00fcr uns Libert\u00e4re festzustellen, dass nur noch sehr wenige Medien existieren, die unser ureigenes Anliegen einem gr\u00f6\u00dferem LeserInnenkreis einigerma\u00dfen korrekt vermitteln. Um diesen Missstand zu beheben, sollten wir selbst etwas zur Verst\u00e4rkung unserer eigenen Medien tun, um in Zukunft weniger vom Wohlwollen Anderer abh\u00e4ngig zu sein. Dies w\u00e4re f\u00fcr uns ebenfalls eine wichtige Lehre, die aus der jW-Krise zu ziehen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hohensch\u00f6nhausen ist nicht nur irgendein beliebiger Stadtbezirk von Berlin, sondern war von 1951 bis 1989 das zentrale Gef\u00e4ngnis der Stasi, in dem auch physisch gefoltert und die H\u00e4ftlinge psychologisch zerm\u00fcrbt wurden. Einer der Einsitzenden war der bekannte Dissident und Reform-Sozialist Rudolf Bahro. 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