{"id":10848,"date":"2011-10-01T00:00:52","date_gmt":"2011-09-30T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10848"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"solidarische-postwachstumsokonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/solidarische-postwachstumsokonomie\/","title":{"rendered":"Solidarische Postwachstums\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Er war im Mai 2011 Thema eines vom globalisierungskritischen                 Netzwerk attac veranstalteten Kongresses. <\/p>\n<p>\u00dcber 2.000 Menschen, davon viele Junge, diskutierten einen Ansatz,                 den Matthias Schmelzer und Alexis Passadakis in einem attac-Basistext                 als &#8222;Solidarische Postwachstums\u00f6konomie&#8220; bezeichnen. <\/p>\n<h3>Auf der Suche nach Antworten<\/h3>\n<p>Sie entwickeln damit eine Antwort auf die sich abzeichnende Zivilisationskrise,                 &#8222;einer Krise der Gesellschaften, die auf unkontrollierbare Gro\u00dftechnologien                 und destruktive Energieformen angewiesen sind, um kontinuierliches                 Wirtschaftswachstum zu befeuern&#8220;. ((1))               <\/p>\n<p>Und das, um den Bequemlichkeiten einer kleinen Minderheit der                 Weltbev\u00f6lkerung dienlich zu sein und mit ihrer imperialen Lebensweise                 zugleich auch deren imperialen Habitus und die dazugeh\u00f6rigen Denkweisen                 am Laufen zu halten (&#8222;kosmopolitische Pl\u00fcnderungs\u00f6konomie&#8220;). <\/p>\n<p>Damit wollen Schmelzer\/Passadakis sich von den Wachstumskritikern                 absetzen, die wie der neoliberale Meinhard Miegel das Wirtschaftswachstum                 aus einer reaktion\u00e4ren Perspektive kritisieren und sozialstaatliche                 Regulierungen als wesentliche Wachstumstreiber ausmachen.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber ist daran festzuhalten, dass erst die Durchsetzung                 der kapitalistischen Produktionsweise das wirtschaftliche Wachstum                 forcierte und zu expansiver Warenproduktion f\u00fchrte. \u00dcber 800 Jahre                 lang vor dem kapitalistischen 19. Jahrhundert wuchsen Bruttoinlandprodukt                 und Bev\u00f6lkerung dagegen parallel und sehr langsam. <\/p>\n<p>Das Wachstumskonzept ist ein hegemoniales Projekt, dem sich nahezu                 alle politischen Akteure verpflichtet haben. Und dies, obwohl                 Wachstum per se weder ein gutes Leben erm\u00f6glicht noch Armut und                 Ungleichheit verringert, einen Beitrag zum Abbau von Massenarbeitslosigkeit                 leistet oder Umweltschutz erm\u00f6glicht. L\u00e4ngst ist bekannt, dass                 im Gegenteil die Kosten des Wachstums gr\u00f6\u00dfer als die Vorteile                 der gesteigerten Produktion sind. ((2))               <\/p>\n<p>Dass dies so nicht weitergehen kann, d\u00e4mmert auch Sozialdemokratie,                 Gr\u00fcnen ((3)) und etablierten                 Umweltverb\u00e4nden. Sie favorisieren die Vorstellung, durch die Installation                 eines \u00d6ko-Keynesianismus oder der Entkoppelung von Wachstum und                 Ressourcenverbrauch k\u00f6nnte es gelingen, eine zwar kapitalistische,                 aber nachhaltige Wirtschaftsweise zu erzeugen. Dieses Konzept                 verkennt u.a. die Wirkung des &#8222;Rebound-Effektes&#8220;. Danach f\u00fchrt                 jeder Effizienzgewinn letztlich zu einer Erh\u00f6hung der Nachfrage                 und hat im Ergebnis sogar einen negativen Gesamteffekt: Diese                 Politik versch\u00e4rft den Ressourcenverbrauch und die kapitalistische                 Indienstnahme der Welt.<\/p>\n<p>Dem wird eine Solidarische Postwachstums\u00f6konomie gegen\u00fcbergestellt,                 &#8222;eine konsequente sozial-\u00f6kologische Transformation der Produktions-                 und Lebensweise und eine demokratisch organisierte Reduktion von                 Produktion und Konsum. Ziel ist eine \u00d6konomie, die global soziale                 Rechte f\u00fcr alle sichert und die \u00f6kologischen Grenzen nicht \u00fcberschreitet.&#8220;                  ((4)) <\/p>\n<h3>\u00d6konomie des Schrumpfens<\/h3>\n<p>Dies bedeutet im Klartext, dass eine \u00d6konomie des Schrumpfens                 organisiert und eine Lebensweise des &#8222;Genug&#8220; etabliert werden                 muss. <\/p>\n<p>Diese &#8222;gro\u00dfen Erz\u00e4hlung&#8220; nach dem Ende der anderen &#8222;gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen&#8220;                 muss die \u00f6kologische und die soziale Fragen nicht nur stellen,                 sondern auch zusammenbringen. <\/p>\n<p>&#8222;Wer soll ein solches Projekt schlie\u00dflich ins Werk setzen? Notgedrungen                 f\u00e4llt die Antwort vage aus, denn eine Koalition von gesellschaftlichen                 Akteuren, die sich f\u00fcr eine \u00f6kologisch-solidarische Lebensweise                 in einer \u00d6konomie jenseits des Wachstums aussprechen, gibt es                 bisher nicht.&#8220; ((5)) <\/p>\n<p>Eine solche Koalition ist in Deutschland und den nordeurop\u00e4ischen                 L\u00e4ndern nicht absehbar. Industrie- und wachstumskritische Stimmen                 sind in diesen Regionen mit ihrem \u00fcberw\u00e4ltigenden \u00dcbergewicht                 etatistischer Traditionen seit \u00fcber 100 Jahren auf ein minorit\u00e4res                 Dasein am Rande der gro\u00dfen progressiven Str\u00f6mungen und Organisationen,                 auch der Arbeiterbewegung, verwiesen. <\/p>\n<p>Ans\u00e4tze finden wir hier bei Gustav Landauer; den Naturfreunden                 und fortschrittlichen Str\u00f6mungen in der Jugendbewegung, nach 1945                 bei den Hippies, den niederl\u00e4ndischen Kabouters, Ivan Illich;                 den fr\u00fchen Gr\u00fcnen zwischen Gr\u00fcndung und dem Sieg des Realofl\u00fcgels,                 Bahro, Kreisen der Graswurzelrevolution. <\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber tr\u00e4umten die Mehrheitsfraktionen der sozialistischen                 Bewegung vom menschlichen Fortschritt und einer gerechten Gesellschaft                 entweder als Sowjet(=Partei)macht und Elektrifizierung und\/oder                 von einem (von ihnen) b\u00fcrokratisch verwalteten, aber kapitalistisch                 gef\u00fchrten Wohlfahrtsstaat. <\/p>\n<p>Im Kern blieben diese Vorstellungen Kapitel in der &#8222;gro\u00dfen Erz\u00e4hlung&#8220;                 von der Wohlfahrt durch Industrialismus und unterliegen damit                 auch deren Beschr\u00e4nkungen und Historizit\u00e4t.<\/p>\n<p>Mit dieser Denkweise muss nun gebrochen werden, wenn eine menschenw\u00fcrdige                 und solidarische Welt entstehen soll.<\/p>\n<h3>Ankn\u00fcpfungspunkte<\/h3>\n<p>In S\u00fcdeuropa gibt es Traditionen, an die hier angekn\u00fcpft werden                 kann. Serge Latouche reklamiert zu Recht &#8222;Decroissance ((6))                 als Projekt der Politischen Linken&#8220; ((7)):                 Sie ist ein Projekt, dass die urspr\u00fcnglichen Ideen des Sozialismus                 wieder aufgreift, als da sind: eine radikale Kritik der Konsumgesellschaft,                 eine radikale Kritik am Liberalismus und eine Kritik an der Arbeit                 als Lebensinhalt &#8211; hier im Rekurs auf den von Marx und den MarxistInnen                 angegriffenen Paul Lafargue (&#8222;Recht auf Faulheit&#8220;). <\/p>\n<p>Latouche bezieht sich dabei auch auf Jacques Ellul, Illich, Gorz,                 Charbonneau, Castoriadis, Tolstoi, Gandhi oder Thoreau. Wenn,                 wie Latouche sagt, der &#8222;Kuchen nicht mehr wachsen kann&#8220;, ja, nicht                 mehr wachsen darf, dann bedarf es einer Umwertung: &#8222;\u2026 die Werte,                 an die wir glauben und nach denen wir unser Leben gestalten, (m\u00fcssen                 wir &#8211; d.V.) einer Pr\u00fcfung&#8230; unterziehen und diejenigen \u00e4ndern,                 die einer \u00c4nderung bed\u00fcrfen. <\/p>\n<p>Es muss kaum besonders herausgestellt werden, welche Werte hier                 an die Stelle der derzeit vorherrschenden zu treten h\u00e4tten: Altruismus                 statt Egoismus, Zusammenarbeit statt Konkurrenzwahn, Vergn\u00fcgen                 am Gestalten freier Zeit und Ethos des Spielerischen statt Arbeitsbesessenheit,                 gemeinschaftliches Leben statt schrankenloser Konsum, regionale                 Wirtschaftsmodelle statt globaler, Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung,                 Sch\u00f6nheit handwerklicher Fertigung statt industrieller Massenproduktion,                 sch\u00f6pferisches Denken statt Effizienzdenken, Relationales statt                 Materielles und so weiter.&#8220; ((8))               <\/p>\n<h3>Quellen und Aktionsformen<\/h3>\n<p>Besonders der Beitrag von Federico Demaria u.a. &#8222;Degrowth in                 S\u00fcdeuropa: Komplementarit\u00e4t in der Vielfalt&#8220; bietet einen guten                 \u00dcberblick \u00fcber Quellen und Aktionsformen, von denen sich f\u00fcr die                 deutsche Diskussion manches lernen lie\u00dfe. ((9))               <\/p>\n<p>Ausgehend von Frankreich, hat sich die Degrowth-Idee etwa seit                 2001 \u00fcber Italien und Spanien mittlerweile auch in den frankophonen                 Teilen von Belgien und der Schweiz entwickelt, beteiligt sich                 ein Netz von Umweltorganisationen, AltermondistInnen und kleinen                 dissidenten Gewerkschaftsorganisationen an der Debatte.<\/p>\n<p>Sie treibt der Kampf gegen die Kommodifizierung menschlicher                 Beziehungen, die kulturelle Uniformierung und der Entwicklungskritik                 an. Sie stellt die Frage nach dem &#8222;Sinn des Lebens unter der Annahme,                 dass nicht-materieller Austausch und &#8218;die Poesie des Lebens&#8216; fundamental                 sind. Degrowth fordert auch eine (direktere und partizipatorische)                 Vertiefung und Ausweitung von Demokratie. Der Diskurs zur \u00d6kologie                 ist eine selbstverst\u00e4ndliche Quelle\u2026 Schlie\u00dflich ist die Gerechtigkeitsperspektive                 ein Hauptanliegen bei den sozialen und \u00f6konomischen Dimensionen                 von Degrowth.&#8220; ((10)) <\/p>\n<p>Dabei legen die Autoren gro\u00dfen Wert darauf, dass ideologischer                 Reduktionismus vermieden wird. Die &#8222;Entstehung eines neuen fremdbestimmten                 Ungeheuers, bei dem ein strikter Top-Down-Plan f\u00fcr Degrowth verfolgt                 wird (eine Art UdSSR, diesmal f\u00fcr Degrowth)&#8220; wird zu Recht abgelehnt.<\/p>\n<h3>Phantasie<\/h3>\n<p>Ja, wir brauchen diese Phantasie, diesen unorthodoxen Umgang                 mit unserem theoretischen Erbe, einen lebendigen Pluralismus der                 Ideen, Projekte und Konzepte. Wir brauchen diese Vorbereitung                 f\u00fcr einen Paradigmenwechsel, f\u00fcr ein neues Imagin\u00e4res, an dessen                 Geburt wir beteiligt sein k\u00f6nnen, wenn wir uns trauen, die Fakten                 ernst zu nehmen. <\/p>\n<p>Und wir m\u00fcssen von dem unm\u00f6glichen Traum Abschied nehmen, der                 die quantitative Akkumulation von immer mehr Waren f\u00fcr ein gutes                 Leben h\u00e4lt. Einem Traum, der auch von der Arbeiterbewegung in                 ihren revolution\u00e4ren und reformistischen Abteilungen getr\u00e4umt                 (und gelebt) wurde und der immer noch wie Mehltau auf unserer                 gesellschaftlichen Phantasie liegt: Nun sollen es &#8222;Effizienzrevolutionen&#8220;                 und &#8222;\u00d6kokeynesianismus&#8220; sein, die uns retten sollen. Dabei sollten                 wir aber nicht vergessen, dass unser Impuls &#8222;Menschenw\u00fcrde und                 ein gutes Leben f\u00fcr alle&#8220; war und ist &#8211; und nicht die Hoffnung                 auf die n\u00e4chste technologische Revolution.<\/p>\n<p>Mag sein, dass damit &#8222;keine Politik zu machen ist&#8220;. Daher scheint                 das Konzept des &#8222;Green New Deal&#8220; nicht so sehr von einer &#8222;Solidarischen                 Postwachstums\u00f6konomie&#8220;, sondern eher von der &#8222;neoliberalen Wachstumskritik&#8220;                 herausgefordert zu werden. <\/p>\n<p>Auf der Ebene institutionalisierbarer Politik hat ein Green New                 Deal die besseren Chancen gegen\u00fcber dem Konzept eines &#8222;Buen Vivir&#8220;.                 Wir sollten aber aus der Vergangenheit der Arbeiterbewegung lernen.               <\/p>\n<p>Die neuerliche Halbherzigkeit und die Illusionen einer solchen                 Politik werden mittelfristig dazu beitragen, die dem Wachstumsparadigma                 verhafteten Mittelschichten und Arbeitnehmermilieus dem Rechtspopulismus                 zuzutreiben. <\/p>\n<p>Sie werden sich dann als Abwehrstrategie gegen bef\u00fcrchtete Wohlstandeinbu\u00dfen                 mobilisieren. Es w\u00e4re dann m\u00f6glich, dass nach einer neuerlichen                 Wende oder dem Sturz Merkels ein industrialistisches Roll-Back                 seitens der CDU organisiert wird. Vielleicht in Gestalt eines                 autorit\u00e4ren Kapitalismus, der die Verteidigung des herrschenden                 Wachstumskonzeptes nach innen und au\u00dfen noch offensiver, auch                 milit\u00e4risch betreibt. Es gibt diese Zeichen an der Wand.<\/p>\n<p>Die parlamentarische Linke hat in Westeuropa dem Verlangen des                 wachsenden Autoritarismus bisher wenig entgegenzusetzen, wie am                 Ausgang der letzten Wahlen in Belgien, den Niederlanden, D\u00e4nemark                 und Schweden mit einem immensen Wachstum rassistischer und wohlstandschauvinistischer                 Parteien, in Spanien und Portugal an den Siegen reaktion\u00e4rer Parteien                 abzulesen ist. <\/p>\n<p>Die Gewerkschaften scheinen mehrheitlich paralysiert und waren                 bisher nicht in der Lage, auch nur Konversionsdebatten aus der                 herrschenden CO\u00b2-Wirtschaft heraus zu organisieren.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich werden wir in einem solchen Fall keine gro\u00dfen                 Chancen f\u00fcr unser emanzipatorisches Projekt haben, nicht vor dem                 Hintergrund einer gesellschaftlichen Polarisierung und kriegerischen                 Auseinandersetzungen um schwindende nat\u00fcrliche Ressourcen.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Libert\u00e4re Basisdemokratie<\/h3>\n<p>Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die beginnende Diskussion                 um eine solidarische Postwachstums\u00f6konomie mit Beitr\u00e4gen f\u00fcr eine                 libert\u00e4re Basisdemokratie zu bereichern, denn je drohender Ressourcenverknappung                 und Klimawandel sich abzeichnen, muss die Degrowth-Bewegung eine                 freiheitliche Antwort auf die Frage entwickeln: Wie soll von wem                 nach welchen Regeln dar\u00fcber bestimmt werden, was wie von wem wie                 viele Mal produziert wird? <\/p>\n<p>Wie sind solidarische Produktionskreisl\u00e4ufe m\u00f6glich? <\/p>\n<p>Wie werden Angelegenheiten von transnationaler Reichweite geregelt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war im Mai 2011 Thema eines vom globalisierungskritischen Netzwerk attac veranstalteten Kongresses. \u00dcber 2.000 Menschen, davon viele Junge, diskutierten einen Ansatz, den Matthias Schmelzer und Alexis Passadakis in einem attac-Basistext als &#8222;Solidarische Postwachstums\u00f6konomie&#8220; bezeichnen. 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