{"id":10854,"date":"2011-10-01T00:00:35","date_gmt":"2011-09-30T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10854"},"modified":"2022-07-26T14:12:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:27","slug":"zartliche-cousinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/zartliche-cousinen\/","title":{"rendered":"Z\u00e4rtliche Cousinen?"},"content":{"rendered":"<h3>Was trennt eigentlich AnarchistInnen und MarxistInnen? <\/h3>\n<p>Eine Frage, die in Philippe Kellermanns Sammelband &#8222;Begegnungen                 feindlicher Br\u00fcder&#8220; im Fokus zu stehen scheint.<\/p>\n<p>Wenn etwa der Bakunin-Experte Wolfgang Eckhardt den Reigen mit                 dem &#8222;Klassiker&#8220;, dem Streit zwischen Marx und Bakunin, er\u00f6ffnet                 und zu dem Fazit kommt, dass selbst die Bezeichnung &#8222;feindliche                 Br\u00fcder&#8220; noch eine unhistorische Idyllisierung unvereinbarer Gegens\u00e4tze                 sei, Jens Kastner die Anarchismusfeindlichkeit Antonio Gramscis                 unterstreicht, Gerhard Hanloser die historisch-materialistische                 Schicksalsgl\u00e4ubigkeit der deutschen R\u00e4tekommunisten betont oder                 der Herausgeber in seinem Beitrag \u00fcber den syndikalistischen Schreibtischt\u00e4ter                 George Sorel zumindest implizit Marx der &#8222;Eselei&#8220; bezichtigt,                 so muss man meinen, hier soll schlicht \u00d6l in die erl\u00f6schende Flamme                 gegossen werden. Aber das ist nicht Intention des Buches, wie                 man bald feststellt.<\/p>\n<p>Am deutlichsten wird dies in den Beitr\u00e4gen Robert Foltins und                 Karl Reitters. Foltins Ansatz einer Synthese von Anarchismus und                 Marxismus geht dabei vom Postoperaismus aus. Aus dieser Perspektive                 analysiert er theoretische L\u00fccken des Anarchismus in Sachen Staat                 wie auch Arbeit und Kapital.<\/p>\n<p>Reitters Ansatz geht noch weiter: Er schert sich nicht um ideologische                 Differenzen, sondern konzentriert sich darauf, Marx&#8216; Beitrag zur                 Staatskritik als Essenz des Anarchismus, zu referieren.<\/p>\n<p>Beitr\u00e4ge dieser Art h\u00e4tte man sich mehr gew\u00fcnscht. Denn die &#8222;feindlichen                 Br\u00fcder&#8220; m\u00fcssen sich keineswegs begegnen, um einander &#8222;R\u00fcstzeug&#8220;                 f\u00fcr eine revolution\u00e4re Praxis zu liefern.<\/p>\n<p>AnarchistInnen d\u00fcrfen antimarxistisch sein und bleiben, wenn                 sie dennoch die Marxsche Staatskritik zur Kenntnis nehmen. Viele                 TheoretikerInnen waren einer anarchistischen Theoriebildung in                 diesem Sinne n\u00fctzlich. <\/p>\n<p>Bei aller Anarchismusfeindlichkeit Gramscis sehen wir das z.B.                 in Jens Kastners Beitrag.<\/p>\n<p>Den Nutzen marxistisch orientierter Methodik zur Einordnung von                 Anarchismen stellt beeindruckend &#8211; ein absoluter Highlight des                 Sammelbandes &#8211; Christoph J\u00fcnke in seiner Auseinandersetzung mit                 Wolfgang Harichs ber\u00fchmter &#8222;Kritik der revolution\u00e4ren Ungeduld&#8220;                 dar. Ausgehend von einer antistalinistischen Kritik an Harichs                 Schrift gelingt J\u00fcnke eine materialistische Einordnung und Beurteilung                 des Anarchismus jenseits von Vorurteilen und Urteilen.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist nicht gepr\u00e4gt von den Streitigkeiten zwischen                 Anarchismus und Marxismus, dies anzunehmen, ist eine Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung                 von beiden Seiten. Dass dieser Streit ein von IdeologInnen konstruierter                 Mythos ist, macht Antje Schrupp in der Kontrastierung der &#8222;feindlichen                 Br\u00fcder&#8220; mit dem Feminismus sehr sch\u00f6n deutlich.<\/p>\n<p>Eckhardt nennt am Ende seines Beitrags Verfechter &#8222;marxistisch-anarchistischer[r]                 Syntheseversuche der Gegenwart&#8220; naiv, denn &#8222;sie ignorieren die                 Entwicklungsgeschichte des Sozialismus&#8220;. Aber vielleicht ist es                 genau diese Geschichtskenntnis, die eine &#8222;wirkliche Bewegung&#8220;                 verhindert. <\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir einfach aufh\u00f6ren, uns mit Geschichte und                 historischen Differenzen zu besch\u00e4ftigen, wenn die &#8222;wirkliche                 Bewegung&#8220; von Wisconsin bis Shanghai und London bis Kairo stattfindet.               <\/p>\n<p>Marx h\u00e4tte diese Bewegung im Sinne eines historischen Materialismus                 genau so bezeichnet, w\u00e4hrend Bakunin hingereist w\u00e4re und mitgek\u00e4mpft                 h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Vergessen wir doch einfach die ideologischen Polemiken &#8211; wie                 auch die &#8222;Opfer&#8220; und &#8222;M\u00e4rtyrer&#8220;, auf die sich eh&#8216; niemand berufen                 sollte &#8211; und pr\u00fcfen wir erneut, was uns Schriften von Marx, Luxemburg                 oder Gramsci einerseits und Bakunin, Kropotkin, Goldman andererseits                 in der heutigen Realit\u00e4t nutzen k\u00f6nnen. So gelesen liefert Kellermanns                 Sammelband Ans\u00e4tze, die es weiter zu verfolgen gilt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was trennt eigentlich AnarchistInnen und MarxistInnen? Eine Frage, die in Philippe Kellermanns Sammelband &#8222;Begegnungen feindlicher Br\u00fcder&#8220; im Fokus zu stehen scheint. 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