{"id":10863,"date":"2011-10-01T00:00:55","date_gmt":"2011-09-30T22:00:55","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10863"},"modified":"2022-07-26T14:22:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:35","slug":"anarchisten-auf-der-gangway","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/anarchisten-auf-der-gangway\/","title":{"rendered":"Anarchisten auf der Gangway"},"content":{"rendered":"<p>In den USA, in Kanada und Britannien hat die Erforschung anarchistischer                 und anarchosyndikalistischer Bewegungen rund um den Globus eine                 seit den 1960er Jahren nicht mehr gekannte Dynamik erreicht. <\/p>\n<p>Seit der libert\u00e4re Anthropologe David Graeber die Antiglobalisierungsbewegung                 in die N\u00e4he des Anarchismus ger\u00fcckt hat, nimmt auch die Diskussion                 um anarchistische Organisationsformen in der soziologischen Bewegungsforschung                 international zu. Postmoderne Theoretikerinnen und Theoretiker                 loten M\u00f6glichkeiten und Grenzen des Anarchismus als Option f\u00fcr                 eine zukunftsf\u00e4hige linke Politik aus.<\/p>\n<p>Fast im Wochentakt erscheinen neue Arbeiten. Benedict Anderson                 sah &#8222;eine mittlere Lawine exzellenter Studien&#8220; \u00fcber den K\u00f6pfen                 der Interessierten niedergehen.<\/p>\n<p>Nur an deutschen Universit\u00e4ten schl\u00e4ft man noch den Schlaf des                 (Selbst)Gerechten. Eine ernstzunehmende historische Anarchismusforschung                 zu Spanien ist hierzulande im Grunde seit den Arbeiten von Walther                 L. Bernecker nicht mehr unternommen worden. W\u00e4hrend auf der iberischen                 Halbinsel mittlerweile sogar an Eliteuniversit\u00e4ten des <i>Opus                 Dei<\/i> Doktortitel f\u00fcr Forschungsarbeiten zum spanischen Anarchismus                 vergeben werden, erscheinen in Deutschland allenfalls hier und                 da einmal vereinzelte Publikationen.<\/p>\n<p>Oft sind es wohlmeinende, dem aktuellen Forschungsstand aber                 kaum entsprechende Amateurversuche aus dem anarchistischen Umfeld,                 die hartn\u00e4ckig jene altbekannten Heldenm\u00e4rchen erz\u00e4hlen, die es                 libert\u00e4ren Revolutionsnostalgikern so mollig warm und wohlig in                 ihrer Gesinnung machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn es in Deutschland aber zur Zeit auch keine ernstzunehmende                 universit\u00e4re Anarchismusforschung gibt, so bedeutet dies nicht,                 dass es keine <i>Anarchismusforscher<\/i> g\u00e4be. Einer der besten                 ist Dieter Nelles, der mit seinen Arbeiten zum deutschen Anarchosyndikalismus                 einen Standard gesetzt hat, der den Vergleich mit der internationalen                 Anarchismusforschung nicht zu scheuen braucht. <\/p>\n<p>Nun ist in Spanien ein von Carlos Garc\u00eda und Harald Piotrowski                 zusammengestellter und erarbeiteter Band erschienen, der ein wenig                 bekanntes Kapitel der Geschichte des Spanischen B\u00fcrgerkriegs aufschl\u00e4gt:                 die Anwesenheit deutscher Anarchosyndikalistinnen und Anarchosyndikalisten                 im revolution\u00e4ren Barcelona, namentlich der 1933 gegr\u00fcndeten Gruppe                 <i>Deutsche Anarchosyndikalisten<\/i> (DAS), der w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs                 unter anderem der Schriftsteller Carl Einstein angeh\u00f6rte. <\/p>\n<p>Kernst\u00fcck des Buches ist ein \u00fcber hundert Seiten starker Aufsatz                 von Nelles, der bereits 2008 in franz\u00f6sischer Sprache erschien                 und den er f\u00fcr die spanische \u00dcbersetzung \u00fcberarbeitet und mit                 neuem Material erg\u00e4nzt hat. Dieser Text wird eingerahmt von einem                 erkennbar \u00e4lteren Text von Ulrich Linse und insgesamt acht neu                 erarbeiteten Beitr\u00e4gen der Herausgeber, die sich zu einem schl\u00fcssigen                 Ganzen f\u00fcgen. &#8222;Antifascistas alemanes en Barcelona (1936-1939)&#8220;                 [&#8218;Deutsche Antifaschisten in Barcelona (1936-1939)&#8216;] ist somit                 eine innovative Mischung aus Sammelband und Monographie: eine                 wissenschaftliche Zusammenarbeit \u00fcber nationale Grenzen hinweg                 und ein Dialog von Texten, die sich gegenseitig erg\u00e4nzen und vervollst\u00e4ndigen.                 Dabei wird rasch deutlich, dass der Band trotz seines durchg\u00e4ngig                 hohen Niveaus ohne den Beitrag von Nelles wohl nur die H\u00e4lfte                 wert gewesen w\u00e4re. Es ist ein Jammer, dass die deutsche Forschung                 solch einen informierten Fachmann \u00fcber den Umweg einer <i>spanischen<\/i>                 Ver\u00f6ffentlichung (wieder)entdecken muss. Aber wer wollte sich                 beklagen? Besser so als nie.<\/p>\n<p>Nelles untersucht, gest\u00fctzt auf eine F\u00fclle von historischen Prim\u00e4rquellen                 (namentlich privaten Briefen, wie etwa jenen des deutschen Anarchosyndikalisten                 Helmut R\u00fcdiger), das Schicksal deutscher Anarchosyndikalistinnen                 und Anarchosyndikalisten, die sich in den Jahren 1936-1939 an                 den revolution\u00e4ren K\u00e4mpfen in Spanien beteiligten oder zur Front                 abr\u00fcckten, um die Truppen Francos zu bek\u00e4mpfen. Er bleibt dabei                 so eng wie m\u00f6glich am Material. Nelles entwirft fast so etwas                 wie das politische Stimmungsbild des Sommers 1936: ein Bild hoher                 Hoffnungen, aber auch kleinlicher Zerw\u00fcrfnisse, Eifers\u00fcchteleien                 und Konflikte. So stand es z.B. um das Verh\u00e4ltnis zwischen in                 der <i>Internationalen Arbeiterassoziation<\/i> (IAA) organisierten,                 internationalistisch orientierten Anarchosyndikalisten (wie Arthur                 Lehning oder dem erw\u00e4hnten Helmut R\u00fcdiger) und der spanischen                 <i>Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo<\/i> (CNT) als dem st\u00e4rksten                 Verband der IAA nicht zum Besten. F\u00fcr R\u00fcdiger war die CNT eine                 &#8222;sozialistische Bewegung mit nationalem Charakter&#8220;, die sich um                 nichtspanische Verb\u00e4nde wenig schere.<\/p>\n<p>Kenntnisreich und kritisch erl\u00e4utert Nelles, dass hinter solchen                 Vorw\u00fcrfen zwar einerseits oft (auch) gekr\u00e4nkte Eitelkeiten und                 pers\u00f6nliche Animosit\u00e4ten verborgen gewesen seien, dass aber andererseits                 die CNT-Verantwortlichen wenig daf\u00fcr getan h\u00e4tten, ihren Ruf als                 etwas \u00fcberhebliche, an den Dingen au\u00dferhalb Spaniens nicht wirklich                 interessierte <i>Iberomanen<\/i> zu korrigieren. Ein Vertreter                 der CNT definierte das Verh\u00e4ltnis seiner Gewerkschaft zum Internationalismus                 so: &#8222;Wir in Spanien machen die Revolution. Ihr macht sie nach.                 <i>Das<\/i> ist unser Internationalismus.&#8220; <\/p>\n<p>Auch Nelles Darstellung der Kontroversen sowohl innerhalb der                 pro-republikanischen Milizeinheiten als auch zwischen den Einheiten                 der unterschiedlichen politischen Fraktionen (namentlich der Anarchisten                 und der Kommunisten) um die Frage der Militarisierung geh\u00f6rt zum                 Besten, was zu diesem Thema bislang zu lesen war. <\/p>\n<p>Garc\u00eda und Piotrowski r\u00e4umen in ihrer Einleitung freim\u00fctig ein,                 dass Nelles Aufsatz am Anfang ihres Projekts gestanden habe. Dennoch                 liegt die St\u00e4rke von &#8222;Antifascistas alemanes en Barcelona&#8220; vor                 allem in der Zusammenstellung der sich erg\u00e4nzenden Beitr\u00e4ge mit                 ihren unterschiedlichen Schwerpunkten und Perspektiven. Auch Ulrich                 Linses Text ist klug ausgew\u00e4hlt und aufschlussreich. Er ist vor                 allem deshalb wertvoll, weil er den politischen, sozialen und                 geistesgeschichtlichen Kontext beschreibt, der das Verh\u00e4ltnis                 deutscher und spanischer Anarchosyndikalisten zu Beginn des 20.                 Jahrhunderts pr\u00e4gte. So hatte, um nur ein Beispiel zu nennen,                 der Sturz des deutschen Kaiserreichs 1918 Deutschland f\u00fcr eine                 Weile \u00e4hnlich attraktiv f\u00fcr spanische Arbeitsmigrantinnen und                 Migranten gemacht, wie es 1936 das revolution\u00e4re Spanien f\u00fcr deutsche                 Fl\u00fcchtlinge war. Die Kontakte zwischen der Arbeiterschaft beider                 L\u00e4nder bestanden demnach schon vor dem Ausbruch des B\u00fcrgerkriegs,                 und sich wandelnde politische Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zogen sich                 ver\u00e4ndernde Migrationsbewegungen nach sich, die teils politisch,                 teils \u00f6konomisch begr\u00fcndet waren. Proletarische Solidarit\u00e4t war                 oft nicht die Verwirklichung einer revolution\u00e4ren Utopie, sondern                 schiere \u00dcberlebensnotwendigkeit. <\/p>\n<p>Garc\u00eda und Piotrowski wenden sich detailliert der Rolle der DAS                 w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs zu. Sie st\u00fctzen sich dabei, \u00e4hnlich wie                 Nelles, auf zum Teil neues Material. Milit\u00e4risch fiel der Beitrag                 deutscher Anarchosyndikalisten in Spanien nicht ins Gewicht. Daf\u00fcr                 leisteten sie, wie Garc\u00eda und Piotrowski nachweisen, einen wichtigen                 Beitrag, Strukturen der <i>Geheimen Staatspolizei<\/i> (Gestapo)                 in Barcelona auszuheben. <\/p>\n<p>Nationalsozialistische Geheimdienste hatten mithilfe patriotischer                 Vereine, kultureller Einrichtungen und einer gro\u00dfen nationalsozialistischen                 Diaspora ein Spinnennetz der \u00dcberwachung \u00fcber die Stadt gesponnen,                 in dem sich (schon vor dem B\u00fcrgerkrieg) immer wieder fl\u00fcchtige                 deutsche Arbeiteraktivistinnen und Aktivisten verfingen.<\/p>\n<p>So konnte es geschehen, dass deutsche Fl\u00fcchtlinge von ihrem eigenen                 Konsulat (!) an die spanische Fremdenpolizei verraten wurden,                 wenn ihre Gesinnung den Machthabern in Berlin nicht gefiel. 1936                 schob Helmut Kirschey, Mitglied der DAS, pers\u00f6nlich den nationalsozialistischen                 Konsul mit dem Gewehr im Anschlag die Gangway eines Schiffes hinauf,                 das ihn au\u00dfer Landes bringen sollte. <\/p>\n<p>Nach der Niederlage der linksrevolution\u00e4ren Arbeiterbewegungen                 in Deutschland und fortgesetzter politischer Schikanen muss diese                 Szene im Hafen von Barcelona f\u00fcr die vertriebenen deutschen Anarchosyndikalisten                 ein Triumph gewesen sein.<\/p>\n<p>Garc\u00eda und Piotrowski analysieren die keineswegs unproblematische                 Aufl\u00f6sung nationalsozialistischer Strukturen in Barcelona an konkreten                 Beispielen, lassen auch die diplomatischen Verwicklungen nicht                 au\u00dfer acht und wenden sich abschlie\u00dfend den Auseinandersetzungen                 zwischen DAS und stalinistischen Kommunisten zu, die f\u00fcr viele                 der Erstgenannten grausam endeten. <\/p>\n<p>&#8222;Antifascistas alemanes en Barcelona&#8220; geh\u00f6rt zu den besten und                 differenziertesten Ver\u00f6ffentlichungen zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg,                 die in den letzten zwei Jahren erschienen sind.<\/p>\n<p>Obwohl keiner der Beitr\u00e4ger unzul\u00e4ssig vom Thema abschweift und                 die Argumentation eng an den Quellen erfolgt, ist das Buch mehr                 als &#8222;nur&#8220; die Geschichte einer winzigen Gruppe junger, deutscher                 Anarchosyndikalisten in Spanien. <\/p>\n<p>Ausgehend vom geschichtlichen Detail entsteht ein genaues, fundiertes                 und faszinierendes Bild der revolution\u00e4ren Prozesse in Barcelona,                 das frei ist von heroisierendem Pinselstrich oder schwarz-roter                 Monochromie.<\/p>\n<p>Ein umfangreich kommentiertes, biographisches Personenregister                 am Ende des Bandes sorgt daf\u00fcr, dass das Buch auch als praktisches                 Referenzwerk f\u00fcr k\u00fcnftige Forschungen verwendet werden kann. Man                 kann nur hoffen, dass &#8222;Antifascistas Alemanes&#8220; bald ins Deutsche                 (r\u00fcck)\u00fcbersetzt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA, in Kanada und Britannien hat die Erforschung anarchistischer und anarchosyndikalistischer Bewegungen rund um den Globus eine seit den 1960er Jahren nicht mehr gekannte Dynamik erreicht. 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