{"id":10869,"date":"2011-10-01T00:00:25","date_gmt":"2011-09-30T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10869"},"modified":"2022-07-26T14:12:27","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:27","slug":"copy-and-paste-syndikalismusforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/copy-and-paste-syndikalismusforschung\/","title":{"rendered":"Copy-and-paste-Syndikalismusforschung"},"content":{"rendered":"<p>In der Einleitung \u00fcber die Presse der syndikalistischen Arbeiterbewegung schreibt Helge D\u00f6hring:<\/p>\n<p>&#8222;Es ist wichtig, dass ein so bedeutender Teilbereich von Geschichte in geordneter Form vorliegt, um ihn inhaltlich weiter erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. (\u2026) Konzipiert ist der Text als Werkzeug, welches einmal gr\u00fcndlich vollendet, Generationen an Interessierten n\u00fctzlich sein kann. Die Sozialdemokraten haben es, die Kommunisten haben es, nun haben es auch die Syndikalisten. Eine ausf\u00fchrliche Bibliographie \u00fcber ihre Presse f\u00fcr die historisch bedeutendste Zeit ihrer Existenz.&#8220; (S. 9)<\/p>\n<p>Bescheidenheit und wissenschaftliche Redlichkeit sind keine Tugenden D\u00f6hrings, denn sonst h\u00e4tte er erw\u00e4hnt, dass es diese ausf\u00fchrliche Bibliographie zum deutschen Syndikalismus schon l\u00e4ngst gibt: In kurzer Form in Hartmut R\u00fcbners Arbeit &#8222;Freiheit und Brot&#8220; (S. 279 &#8211; 294) und mit Detailhinweisen zu AutorInnen sowie Inhaltsangaben in der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) von G\u00fcnter H\u00f6rig und Jochen Schm\u00fcck.<\/p>\n<p>Insofern hantiert der Autor mit bereits gebrauchten Werkzeugen. Es w\u00fcrde den Rahmen dieser Rezension sprengen, jeweils nachzuweisen, dass sich D\u00f6hring bei seinen Angaben auf die DadA-Datenbank st\u00fctzt, sie zum Teil verk\u00fcrzt, um sie dann mit erg\u00e4nzenden Informationen wieder anzureichern; bezeichnenderweise um Artikel aus der syndikalistischen Presse, deren Quellenhinweise er wiederum der DadA-Datenbank entnommen hat. W\u00e4hrend diese ausf\u00fchrliche Bestandsverzeichnisse der Standorte enth\u00e4lt, f\u00fchrt D\u00f6hring diese nur summarisch an. Den Gebrauchswert der Angaben schm\u00e4lert dies erheblich, weil viele Zeitungen in den Bibliotheken oder Archiven nur l\u00fcckenhaft \u00fcberliefert sind.<\/p>\n<p>H\u00e4tte D\u00f6hring kenntlich gemacht, dass es sich bei seiner Bibliographie um eine erweiterte Printfassung der DadA &#8211; Datenbank handelt, w\u00e4re nichts dagegen einzuwenden, sofern ein Einverst\u00e4ndnis bestanden h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Denn jedes der von ihm aufgef\u00fchrten Bl\u00e4tter war und ist dort bereits zu finden. Aber dass die genannten Autoren in seiner im copy-and-paste-Verfahren hergestellten Arbeit \u00fcberhaupt keine Erw\u00e4hnung finden, kann man nur als dreist bezeichnen.<\/p>\n<p>Auch in D\u00f6hrings Arbeit \u00fcber die Schwarzen Scharen klafft eine gro\u00dfe L\u00fccke zwischen Anspruch und den tats\u00e4chlichen Ergebnissen seiner Forschungen.<\/p>\n<p>Als sich gegen Ende der zwanziger Jahre die Auseinandersetzungen zwischen der Arbeiterbewegung und der SA versch\u00e4rften, gr\u00fcndeten im Oktober 1929 oberschlesische Anarchosyndikalisten um Paul Czakon und Alfons Pilarski in Ratibor und Beuthen militante, uniformierte und zum Teil bewaffnete Kampforganisationen &#8211; die Schwarzen Scharen.<\/p>\n<p>Neben Oberschlesien gab es noch \u00e4hnliche Gruppen u.a. in Berlin, Darmstadt, Kassel und Wuppertal. Neben ihren antifaschistischen Aktivit\u00e4ten, die teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen des linken Spektrums durchgef\u00fchrt wurden, sind die Schwarzen Scharen auch als ein Versuch zu werten, in der \u00d6ffentlichkeit verst\u00e4rkt Pr\u00e4senz zu zeigen und durch spektakul\u00e4re Propagandaaktionen (Musikz\u00fcge, motorisierte Demonstrationsz\u00fcge, Theatergruppen usw.) dem andauernden Niedergang der FAUD als einer politischen &#8222;Kampforganisation&#8220; zu entgehen. Trotz der zum Teil recht massiven Kritik innerhalb der FAUD an der Uniformierung und Militarisierung der Kampfformen, blieb die eigentliche Zielsetzung, neue Mitglieder zu gewinnen nicht ohne Resonanz.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu den bisherigen Arbeiten, so jedenfalls schreibt D\u00f6hring, gelange er &#8222;zu einem Gesamtbild mit generellen Aussagen&#8220; (S. 10).<\/p>\n<p>Seine Arbeit &#8222;speise sich fast ausschlie\u00dflich aus Quellen&#8220; und nicht aus der bisherigen Forschung, &#8222;um eine Voreingenommenheit&#8220; auszuschlie\u00dfen (S. 11). Diese angeblich unvoreingenommene Vorgehensweise sieht in der Praxis so aus, dass er die vorliegenden Erkenntnisse der vorhandenen Arbeiten um lange Zitate aus den Quellen erweitert, ohne diese aber zu analysieren, geschweige denn zu neuen Befunden zu gelangen.<\/p>\n<p>Dieses Unverm\u00f6gen wird dann in der folgenden unverst\u00e4ndlichen Formulierung deutlich.<\/p>\n<p>Er k\u00f6nne der These Ulrich Linses, die Gr\u00fcndung der Schwarzen Scharen sei ein Ausdruck des Wunsches gerade der jungen Anarchosyndikalisten nach aktiverem antifaschistischen Engagement, &#8222;im Ganzen nicht und nur in wenigen begrenzten Ausnahmen in einzelnen F\u00e4llen zustimmen&#8220; (S. 133).<\/p>\n<p>Linse habe das Konzept der Schwarzen Scharen mit demjenigen der Kartellbildung verwechselt. Diese Kritik enth\u00e4lt vor allem deshalb einen bitteren Nachgeschmack, da ein unver\u00f6ffentlichtes Manuskript Linses vorliegt, das auch D\u00f6hring bekannt ist, in dem Linse ausf\u00fchrlich diesen Aspekt thematisiert:- &#8222;Militante Abwehr des Nationalsozialismus 1929-1933. &#8218;Schwarze Scharen&#8216; und &#8218;Kampfgemeinschaften gegen Reaktion und Faschismus'&#8220;.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise pickt D\u00f6hring sich aus Linses Manuskript nur die Aspekte heraus, die f\u00fcr ihn &#8218;verwertbar&#8216; sind. Linse geht dort auf lokale Gruppen der Schwarzen Scharen ein, deren &#8222;Entdeckung&#8220; D\u00f6hring dann f\u00fcr sich reklamiert und analysiert, lokale antifaschistische B\u00fcndnisse, in denen Anarchosyndikalisten sogar mit Kommunisten zusammen arbeiteten. Dies passt aber offensichtlich nicht zu D\u00f6hrings Auffassung, dass ideologische und organisatorische Grenzen gegen\u00fcber anderen Str\u00f6mungen der Arbeiterbewegung immer eingehalten wurden:<\/p>\n<p>Zu D\u00f6hrings selektivem Umgang mit Literatur und Quellen sollen an dieser Stelle zwei Beispiele gen\u00fcgen. Alfons Pilarski hat entgegen D\u00f6hrings Darstellung, er habe bis 1938 in Spanien gek\u00e4mpft (S. 144), dieses Land nie betreten. Es k\u00f6nnte f\u00fcr die Leserinnen und Leser indessen interessanter sein, n\u00e4heres \u00fcber dessen Aktivit\u00e4ten in der polnischen Gewerkschafts- und Widerstandsbewegung zu erfahren. Doch dar\u00fcber schweigt sich das Buch aus. Im Anhang findet sich ohne Quellenangabe eine unkommentierte Liste der Mitglieder der Schwarzen Scharen in Schlesien mitsamt deren Beurteilung durch die Polizeibeh\u00f6rden. Bei dieser Liste handelt es sich aber um eine 1937 f\u00fcr das Geheime Staatspolizeiamt verfasste Aufstellung der Gestapoleitstelle Oppeln \u00fcber Mitglieder der FAUD in Oberschlesien. Die Mitgliedschaft in der FAUD und den Schwarzen Scharen \u00fcberschnitt sich in vielen F\u00e4llen, war aber nicht identisch.<\/p>\n<p>Durch beide Arbeiten zieht sich ein h\u00f6chst nachl\u00e4ssiger Umgang mit den Quellen.<\/p>\n<p>Infolge der Ausblendung der wichtigsten Sekund\u00e4rliteratur entsteht der Eindruck, der Verfasser k\u00f6nne eigene Rechercheergebnisse pr\u00e4sentieren. Stattdessen hat er seine Befunde ohne jedwede Verweise im Wesentlichen aus den von ihm so konsequent ausgeblendeten Studien \u00fcbernommen. Deshalb kann der Rezensent beide Arbeiten nicht zur Lekt\u00fcre empfehlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Einleitung \u00fcber die Presse der syndikalistischen Arbeiterbewegung schreibt Helge D\u00f6hring: &#8222;Es ist wichtig, dass ein so bedeutender Teilbereich von Geschichte in geordneter Form vorliegt, um ihn inhaltlich weiter erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. (\u2026) Konzipiert ist der Text als Werkzeug, welches einmal gr\u00fcndlich vollendet, Generationen an Interessierten n\u00fctzlich sein kann. 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