{"id":10872,"date":"2011-11-01T00:00:21","date_gmt":"2011-10-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10872"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"dichtung-als-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/dichtung-als-wahrheit\/","title":{"rendered":"Dichtung als Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich ist Gianni Sparapans Roman gut zu lesen. Der italienische Lehrer erz\u00e4hlt darin die Geschichte von Eolo Boccato, der in den Jahren 1944\/45 in der unteren Poebene als Kopf einer Partisanengruppe bewaffnet gegen die Faschisten der &#8222;Republik von Sal\u00f2&#8220; k\u00e4mpfte, bis er verraten wurde.<\/p>\n<p>Der antifaschistischen Gruppe um Boccato hat Sparapan den Roman gewidmet. Er beschreibt, wie der junge Eolo als \u00e4ltester Sohn des sympathischen Anarchisten und Fotogesch\u00e4ftbesitzers Amerigo Boccato in der Kleinstadt Adria im Norden des Po-Deltas aufw\u00e4chst. Inspiriert durch seinen Vater und in Opposition zum System in Mussolinis Italien, politisiert und radikalisiert sich Eolo zunehmend. Er rebelliert gegen rechte Lehrer, Nachbarn und Stadtverwaltung. Als Kind aus anarchistischem Elternhaus verabscheut er die faschistischen Gesellschaftsstrukturen.<\/p>\n<p>1940 kann sich Eolo seinem Einberufungsbefehl nicht entziehen. Als Soldat ist er in Kroatien an dem brutalen Krieg gegen die Tito-PartisanInnen beteiligt und wird traumatisiert. Sparapan beschreibt, wie Eolo widerwillig an der befohlenen Ermordung von jungen Partisanen teilnimmt (S. 82). 1942 kommt Eolo aufgrund einer chronischen Bronchitis mit Verdacht auf Tuberkulose ins Lazarett und wird schlie\u00dflich ausgemustert. Im Sommer 1944 geht er in den Untergrund und k\u00e4mpft fortan gemeinsam mit anderen Partisanen gegen die deutschen und italienischen Faschisten.<\/p>\n<p>Nachdem er hilflos mit ansehen muss, wie sein Bruder Espero von Faschisten bestialisch zu Tode gefoltert wird, geht Eolo unbarmherziger vor, wird zum Vergewaltiger und schreckt nicht einmal davor zur\u00fcck, Kinder von Faschisten zu ermorden.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn jemand ihm sagte, dieser oder jener sei ein Faschist, gen\u00fcgte es und Eolo zog los: rote Jacke, Fahrrad, die Tasche am Lenker, die Parabellum in der Tasche, und ab, sofort, zu jeder Stunde. Um ihn aus der Welt zu schaffen!&#8220; (S. 130)<\/p>\n<p>Eolo wird hier als vom Hass getriebener, skrupelloser Killer dargestellt. Dabei sind alle Dialoge und zum Teil auch die Personen von Sparapan frei erfunden. Und genau hier liegt das Problem. Die Zitate, die der Autor den Personen in den Mund legt, wirken teils banal, teils \u00fcbertrieben und unrealistisch.<\/p>\n<p>Zunehmend schlich sich bei mir beim Lesen das Gef\u00fchl ein, dass hier ein Anti-Anarchist versucht, einen Anarchisten mit den Faschisten gleichzusetzen.<\/p>\n<p>Die frei erfundenen Dialoge erinnern bisweilen an die rei\u00dferische Art, mit der Stefan Aust seine erdachten Dialoge dem &#8222;Teufel&#8220; Andreas Baader angedichtet hat. Anders als bei &#8222;Der Baader-Meinhof-Komplex&#8220; geht es dem Autor von &#8222;Eolo&#8220; aber nicht in erster Linie um die Unterhosen des Hauptdarstellers.<\/p>\n<p>Der &#8222;Roman&#8220; zeige, so der Donat Verlag, &#8222;wie Gewalt die Menschen ver\u00e4ndert, zu neuer Gewalt f\u00fchrt und das Wertesystem menschlichen Zusammenlebens au\u00dfer Kraft setzt: Der Verfolgte wird zum T\u00e4ter, dessen Grausamkeit der Grausamkeit seiner Verfolger nicht nachsteht. Das Buch ist eine Anklage gegen jedes politische System, das sich auf Gewalt, Unterdr\u00fcckung und Intoleranz gr\u00fcndet, eine Parabel zu dem Wort, das Schiller dem alten Piccolomini in den Mund legt: &#8218;Das eben ist der Fluch der b\u00f6sen Tat, dass sie, fortzeugend, immer B\u00f6ses muss geb\u00e4ren.'&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Eolo&#8220; sei nach intensiver historischer Forschung entstanden und basiere auf Fakten. Welche Quellen der Autor genutzt hat, wird aber nicht klar. Dabei sind gewisse Quellen, wie z.B. die 1944\/45 erschienenen faschistischen Zeitungen, mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht zu betrachten, da sie sicher ein propagandistisches Zerrbild von &#8222;Boccatos Terrorbande&#8220; gezeichnet haben.<\/p>\n<p>Im Buch wird das, was den Anarchismus ausmacht, das Streben nach einer solidarischen, herrschaftsfreien Gesellschaft, nicht herausgearbeitet. Wie der Autor zu libert\u00e4r-sozialistischen Ideen steht, wird nicht klar. Das macht mich skeptisch. Mein Eindruck ist, dass Sparapan den Klischeevorstellungen vom &#8222;anarchistischen Gewaltt\u00e4ter&#8220; anh\u00e4ngt und, \u00e4hnlich wie der Verfassungsschutz, zur Gleichsetzung von AnarchistInnen mit extremen Rechten neigt.<\/p>\n<h3>Vorurteilsfrei? Ich habe Zweifel<\/h3>\n<p>Sparapan sei ein &#8222;scharfer &#8230; Beobachter des Zeitgeschehens&#8220;. &#8222;Seine vorurteilsfreie Sicht der schmerzlichen Ereignisse der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs brachten ihm viel Anerkennung ein, aber auch scharfe Angriffe sowohl von denjenigen, die die Partisanen verherrlichen wollen, als auch von ihren rechten Gegnern.&#8220;<\/p>\n<p>Als Gewaltfreier Anarchist habe ich keineswegs vor, die Partisanen zu verherrlichen oder Gewalt zu besch\u00f6nigen.<\/p>\n<p>Problematisch finde ich aber, wenn ein im Februar 1945 von Faschisten ermordeter 27j\u00e4hriger Anarchist posthum mit Hilfe von <strong>fiktiven<\/strong> Dialogen in einem vermeintlich &#8222;authentischen&#8220; Buch als blindw\u00fctiger M\u00f6rder beschrieben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tats\u00e4chlich ist Gianni Sparapans Roman gut zu lesen. 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