{"id":10875,"date":"2011-10-01T00:00:37","date_gmt":"2011-09-30T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10875"},"modified":"2022-07-26T14:22:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:22:35","slug":"dialog-in-zeiten-des-misstrauens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/dialog-in-zeiten-des-misstrauens\/","title":{"rendered":"Dialog in Zeiten des Misstrauens"},"content":{"rendered":"<p>Mag auch die damalige Zuspitzung der Konkurrenz zwischen privat-                 und staatkapitalistisch dominierten Systemen in Ost und West in                 einem &#8222;Kalten Krieg&#8220; die politische Situation kennzeichnen, in                 der die Begegnungen zwischen Buber und Hammarskj\u00f6ld stattfanden,                 so geht es doch nicht blo\u00df um eine historisch \u00fcberwundene Fragestellung.               <\/p>\n<p>Lou Marins Buch ist ein Beitrag zur Biographie von Dag Hammarskj\u00f6ld,                 arbeitet die Elemente und Implikationen der Dialogphilosophie                 Bubers und der Interessen Hammarskj\u00f6lds heraus und unternimmt                 den Versuch, das wechselseitige Interesse der beiden Pers\u00f6nlichkeiten                 aneinander abzutasten. Zudem betrachtet er die Konsequenzen der                 beiden politischen Konzepte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ist der Beitrag eine Darstellung der Kontakte zwischen                 dem UNO-Generalsekret\u00e4r Dag Hammarskj\u00f6ld, der 1961 im Kongo unter                 ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam,                 und dem Sozialphilosophen Martin Buber, der zu den freiheitlichen                 Sozialisten gez\u00e4hlt werden kann und sich in Israel schon fr\u00fch                 f\u00fcr einen Verst\u00e4ndigungsfrieden zwischen Juden und Arabern eingesetzt                 hat. Von Bedeutung ist Marins Neugier auf die Ber\u00fchrungspunkte                 zwischen einem von einem freiheitlichen Sozialismus herkommenden                 Philosophen, der zu den Freunden von Gustav Landauer geh\u00f6rte und                 dessen Sozialismusbegriff als t\u00e4tiges Schaffen von um das Ziel                 der menschlichen Freiheit vereinten Menschen begriff und in seinem                 Buch &#8222;Pfade in Utopia&#8220; ausarbeitete und dem aus einem konservativen                 protestantischen Milieu herkommenden Politiker, der in der Sph\u00e4re                 der Kompromisse, der Diplomatie, der versteckten Botschaften,                 der Sklavensprache der internationalen Beziehungen in einer Atmosph\u00e4re                 der latenten und offenen Kriegsdrohungen und Stellvertreterkonflikte                 zu handeln hatte. <\/p>\n<p>F\u00fcr beide war das Interesse am offenen Gespr\u00e4ch ein gemeinsamer                 Schnittpunkt. Aber sie kamen von unvereinbaren Richtungen her.                 Bubers Ansatz war dabei, dass &#8222;die Menschheit zunehmend technische                 Erfindungen aufgeh\u00e4uft (habe), aber der Kern menschlicher Entwicklung                 sei noch immer die Erschaffung einer sozialen Lebenswelt durch                 gegenseitige Hilfe (wie sie durch Kropotkin definiert worden ist)                 gewesen. Buber war der Meinung, dass die menschliche Entwicklung                 inzwischen weit hinter den technischen Fortschritt zur\u00fcckgefallen                 war.&#8220;(S. 40) <\/p>\n<p>Marin betont die herrschaftsablehnende Skepsis Bubers gegen\u00fcber                 der Sph\u00e4re der Politik, der Hammarskj\u00f6ld verhaftet war.<\/p>\n<p>Den Aufbau einer dem Menschen gerecht werdenden Gesellschaft                 traute Buber der Politik nicht zu. Er sah seinen Beruf nicht darin,                 die politische Sph\u00e4re zu reorganisieren oder zu rekonstruieren.                 Der geistige Mensch sei nicht zur Macht berufen. &#8222;Er hat keine                 Idee, er hat nur eine Botschaft. Er hat nichts zu gr\u00fcnden, er                 hat nur etwas auszurufen. Was er auszurufen hat, ist Kritik und                 Forderung.&#8220; (S. 54) <\/p>\n<p>Zwar begr\u00fc\u00dfte Buber die Versuche Hammarskj\u00f6lds, gegen Gefahren                 der waffenstarrenden Konfrontation zwischen Ost und West zu agieren,                 aber von der politischen Sph\u00e4re versprach er sich nichts dauerhaft                 Konstruktives f\u00fcr die menschliche Gesellschaft. Die Diskussionen                 zwischen den beiden w\u00e4ren danach von einem grandiosen Missverst\u00e4ndnis                 zwischen einem Spezialphilosophen und einem humanistischen Politiker                 gepr\u00e4gt: Beide meinten mit Dialog zwar eine Technik zwischenmenschlicher                 Kommunikation, sie siedelten sie aber in unterschiedlichen Sph\u00e4ren                 an und betrieben sie zu unterschiedlichen Zwecken, bei dem Hammarskj\u00f6ld                 sie f\u00fcr eine effektive Politik, Buber zu ihrer \u00dcberwindung beitragen                 wollte.<\/p>\n<\/p>\n<h3>Buber wollte viel mehr <\/h3>\n<p>Buber wollte mit dem Ich-Du-Dialog eine Antwort auf die Frage,                 wie man das &#8222;Problem des Menschen&#8220; l\u00f6sen konnte, wie man in einem                 Zeitalter der Aufl\u00f6sung &#8222;organischer menschlicher Gemeinschaften&#8220;                 zu lebendigen Beziehungen kommen k\u00f6nnte, in denen Verantwortung                 sich auch auf das Gegen\u00fcber erstreckt. Dar\u00fcber schreibt Marin                 eindringlich in dem Kapitel &#8222;Perspektiven des Dialogs&#8220;.<\/p>\n<p>Hier entwickelt er die verschiedenen Anl\u00e4ufe und Zug\u00e4nge Bubers                 und grenzt sie gegen die beschr\u00e4nkten Fragestellungen Hammarskj\u00f6lds                 ab. Besonders die Passagen zu &#8222;Verantwortung und Gewissen in Bubers                 &#8218;Fragen an den Einzelnen'&#8220; (S.97 ff.) und &#8222;Bubers Fragen in &#8218;Das                 Problem des Menschen'&#8220; (S. 107) lesen sich mit Gewinn, da es Marin                 gelingt, die Grundz\u00fcge dieser humanen und friedvollen Philosophie                 darzustellen.<\/p>\n<p>In seinem Ausblick stellt Marin die Konsequenzen aus den unterschiedlichen                 Ans\u00e4tzen der Dialogpartner vor. Bei Hammarskj\u00f6ld lief alles darauf                 hinaus, die Herstellung des Weltfriedens und der Konfliktl\u00f6sungen                 durch eine St\u00e4rkung der politischen Autorit\u00e4t des UNO-Generalssekretariats,                 damit seiner pers\u00f6nlichen politischen Kompetenzen anzustreben.                 Das Mittel dazu sah er u.a. in der Schaffung von Friedenstruppen,                 ein Konzept, das bereits im Katanga-Konflikt 1960 eine Dynamik                 zu immer weiter gehenden Kompetenzerweiterungen und eng gef\u00fchrten                 milit\u00e4rstrategischen Diskussionen ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber sind die Alternativen, die Buber entwickelt, die                 friedensf\u00f6rdernden und demokratischeren. Dies beginnt mit seiner                 Forderung nach einer &#8222;Erziehung einer Generation mit wahrhaft                 sozialen Ansichten und wahrhaft sozialem Willen&#8220; (S. 133), geht                 \u00fcber den zivilen Ungehorsam, der keinen Widerspruch zwischen &#8222;Wort&#8220;                 und gewaltfreiem Kampf aufkommen l\u00e4sst und m\u00fcndet in der Bildung                 von Internationalen Friedensbrigaden, die &#8222;lokale Aktivistinnen                 sozialer Bewegungen, Gewerkschafterinnen oder Menschenrechtsaktivistinnen                 in Weltregionen&#8230;begleiten, in denen es \u00fcberdurchschnittlich                 starke Regierungsgewalt oder gar B\u00fcrgerkrieg gibt, um f\u00fcr sie                 internationalen Schutz zu gew\u00e4hrleisten und die Verletzung ihrer                 Rechte aufzuzeigen oder zu bezeugen.&#8220; (S. 150)<\/p>\n<p>So ist dieses Buch im Ergebnis eine interessante Einf\u00fchrung in                 das Werk und Denken Martin Bubers, die gerade in der Konfrontation                 mit den Ans\u00e4tzen und Handlungen eines philosophisch und theoretisch                 hochgebildeten humanistisch orientierten Politikers Grenzen und                 Gefahren einer letztlich auf die Nutzung von Verwaltungsapparaten                 und Milit\u00e4r f\u00fcr die Gewinnung von Frieden und menschlichere Entwicklung                 aufzeigt.<\/p>\n<p>Dabei ist allerdings f\u00fcr uns Heutige kein Politiker in Sicht,                 der wie Hammarskj\u00f6ld intellektuelle und politische Bildung mit                 dem Willen zu einer humanen Entwicklung der Welt und unbedingtem                 pers\u00f6nlichen Einsatz verbindet. Insoweit ist Marins Schrift auch                 eine W\u00fcrdigung eines Menschen, der seinen Einsatz f\u00fcr den Frieden                 in der Welt und f\u00fcr die Freiheit eines afrikanischen Volkes mit                 seinem Leben bezahlt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mag auch die damalige Zuspitzung der Konkurrenz zwischen privat- und staatkapitalistisch dominierten Systemen in Ost und West in einem &#8222;Kalten Krieg&#8220; die politische Situation kennzeichnen, in der die Begegnungen zwischen Buber und Hammarskj\u00f6ld stattfanden, so geht es doch nicht blo\u00df um eine historisch \u00fcberwundene Fragestellung. 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