{"id":10879,"date":"2011-10-01T00:00:48","date_gmt":"2011-09-30T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10879"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"prinzipienfest-und-pragmatisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/prinzipienfest-und-pragmatisch\/","title":{"rendered":"Prinzipienfest und pragmatisch"},"content":{"rendered":"<p>Sam Dolgoff (1902-1990), geb\u00fcrtiger Wei\u00dfrusse, der seinem vom                 Kriegsdienst fl\u00fcchtenden Vater in die USA folgte, hatte ein bewegtes                 Leben, wie seine nun auch in deutscher Sprache vorliegenden Memoiren                 eindrucksvoll zeigen. Als &#8222;ausgebeuteter Lohnsklave&#8220; und aufgrund                 seines &#8222;rebellischen Temperaments&#8220;, f\u00fcr die &#8222;Botschaft des Sozialismus&#8220;                 empf\u00e4nglich, wird er 1919 Mitglied der <i>Young People&#8217;s Socialist                 League<\/i> (19).<\/p>\n<p>Da in den Zusammenh\u00e4ngen der Sozialistischen Partei allerdings                 &#8222;nicht das geringste F\u00fcnkchen revolution\u00e4ren Geistes&#8220; existiert                 habe und sich alles um die parlamentarische Agitation &#8211; den &#8222;Wahlschwindel&#8220;                 (22) &#8211; drehte, beschlie\u00dft Dolgoff seinen Austritt, wobei man ihm                 mit einem Ausschlussverfahren zuvorkommt. <\/p>\n<p>Von hier an datiert Dolgoffs &#8222;Mitgliedschaft&#8220; in der anarchistischen                 Bewegung, gekennzeichnet durch zahlreiche Aktionen: Organisationsgr\u00fcndungen,                 Zeitungsprojekte, gewerkschaftliche K\u00e4mpfe etc. &#8211; immer durch                 den Versuch gekennzeichnet, den Kontakt mit den Massen nicht zu                 verlieren, bzw. \u00fcberhaupt erst zu kn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Dolgoff, der sich selbst als Anarchosyndikalisten und kommunistischen                 Anarchisten definiert (25), beeinflusst wohl vor allem durch den                 russischen Anarchosyndikalisten Maximov (56ff.), hat in diesem                 Kontext Wert auf eine funktionierende Organisation gelegt und                 gegen die &#8222;infantile Ablehnung jeglicher Form von Organisation&#8220;                 Stellung bezogen (83). <\/p>\n<p>Immer wieder kommt er auf den desolaten Zustand der anarchistischen                 Bewegung zu sprechen: &#8222;Im <i>Road to Freedom<\/i>-Kollektiv sprengten                 wie in vielen anarchistischen und anderen Gruppen Sektierertum                 und belanglose pers\u00f6nliche Streitigkeiten den Gruppenzusammenhang                 und machten jedes gemeinsame Vorgehen unm\u00f6glich.&#8220; (24 vgl. auch                 155). Dolgoff kritisiert Bookchin u.a. daf\u00fcr, dass dieser &#8222;seine                 Hoffnungen auf eine Revolution auf ein unverantwortliches Konglomerat                 disparater, kurzlebiger, marginaler Ad-hoc-Gr\u00fcppchen&#8220; gr\u00fcnde (94),                 merkt aber an, dass es nicht darum gehe, &#8222;an einem Rebellen herumzukritisieren,                 der neue Wege zur Freiheit sucht&#8220; (95). <\/p>\n<p>Dies ist bezeichnend: Dolgoff vertritt eigene Standpunkte und                 schreckt vor Kritik auch anarchistischer &#8222;Gr\u00f6\u00dfen&#8220; nicht zur\u00fcck,                 bem\u00fcht sich aber stets um Fairness. Beispielhaft in diesem Zusammenhang,                 wenn er kritisiert, dass Rudolf Rocker in seinen letzten Lebensjahren                 den &#8222;revolution\u00e4ren Anarchismus&#8220; aufgegeben (123) und sich &#8222;(nat\u00fcrlich                 unabsichtlich) zum Sprachrohr konventioneller b\u00fcrgerlicher Ideen&#8220;                 gemacht h\u00e4tte (125). \u00c4hnlich beurteilt er Augustin Souchy (126),                 verurteilt aber &#8222;die beleidigende Art, in der ein Mann von Souchys                 Format und Ruf in der revolution\u00e4ren Bewegung behandelt wurde&#8220;                 (128), vor allem beim internationalen anarchistischen Kongress                 von Paris (1971). <\/p>\n<p>Neben vielerlei Reflexionen \u00fcber ProtagonistInnen der anarchistischen                 Bewegung &#8211; dankenswerterweise vor allem auch \u00fcber &#8222;die anonymen                 Helden&#8220; (153), die in der Geschichtsschreibung zumeist vernachl\u00e4ssigt                 werden &#8211; und den ern\u00fcchternden Einblicken, die gegeben werden                 (z.B. auch in die Zust\u00e4nde der &#8222;modernen Schule&#8220; und diverser                 Kolonieprojekte) trifft man aber auch auf Humoristisches und die                 Unzul\u00e4nglichkeiten der eigenen Praxis, z.B. beim gescheiterten                 Versuch, Angestellte eines Sch\u00f6nheitssalons f\u00fcr die Gewerkschaft                 zu interessieren (146). <\/p>\n<p>Ebenfalls finden sich viele interessante Anmerkungen \u00fcber damalige                 Debatten innerhalb der anarchistischen Bewegung, z.B. \u00fcber die                 Rolle des Regierungseintritts der CNT-FAI in die spanische Regierung                 im Kontext des spanischen B\u00fcrgerkriegs oder die Einsch\u00e4tzung des                 Zweiten Weltkrieges (120ff.).<\/p>\n<p>Dolgoffs Ansatz zeigt sich bei alldem einerseits prinzipienfest                 wie andererseits pragmatisch: &#8222;Entscheidende Probleme kann man                 nicht umgehen, indem man sie auf eine ferne Zukunft verschiebt                 &#8211; vielleicht auf das n\u00e4chste oder \u00fcbern\u00e4chste Jahrhundert, wenn                 Anarchismus erst einmal vollst\u00e4ndig verwirklicht sein wird und                 die Massen zu \u00fcberzeugten und engagierten Anarchokommunisten geworden                 sind. Wir Anarchisten m\u00fcssen eine eigene L\u00f6sung haben, wenn wir                 nicht die Rolle &#8217;nutzloser und unf\u00e4higer Querulanten&#8216; spielen                 wollen, w\u00e4hrend die Autorit\u00e4ren an die Macht kommen, weil sie                 pragmatischer und skrupelloser sind.&#8220; (205). Und: &#8222;Es gibt keinen                 &#8218;reinen&#8216; Anarchismus. Es gibt nur die Anwendung anarchistischer                 Prinzipien auf die Realit\u00e4ten des gesellschaftlichen Lebens. Das                 einzige und alleinige Ziel des Anarchismus ist es, <i>die Gesellschaft                 in eine anarchistische Richtung zu lenken<\/i>.&#8220; (207) <\/p>\n<p>Insgesamt vermittelt das Buch eine ern\u00fcchternde Bestandaufnahme                 der anarchistischen Bewegung der USA, die einen leider an Engels&#8216;                 Polemik erinnern l\u00e4sst, wonach &#8222;die Anarchisten denn auch lauter                 &#8218;Einzige&#8216; geworden&#8220; seien, &#8222;so einzig, dass ihrer keine zwei sich                 vertragen k\u00f6nnen&#8220; (MEW 37: 293).<\/p>\n<p>Vielleicht aufgrund eines schlechten Gewissens wegen seiner Offenheit                 endet Dolgoff dann mit einem &#8222;hoffnungsvollen Ausklang&#8220;: &#8222;All                 diese Jahre habe ich Bewegungen wachsen und Bewegungen verschwinden,                 Leute kommen und Leute gehen sehen. Aber mich erh\u00e4lt die \u00dcberzeugung                 aufrecht, dass der stetige Kampf f\u00fcr Freiheit und soziale Gerechtigkeit                 weitergehen wird.&#8220; (178f.) <\/p>\n<p>Dolgoffs Memoiren sind sehr zu empfehlen. Sie stehen in der Tradition                 derjenigen anarchistischen AktivistInnen, die die Augen vor den                 Unzul\u00e4nglichkeiten der eigenen Bewegung nicht verschlossen. Sie                 sind aufmunternd und zeigen, dass es immer wieder Leute gab, die                 sich nicht unterkriegen lie\u00dfen und erstaunliche Biographien aufweisen,                 derer man sich erinnern sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sam Dolgoff (1902-1990), geb\u00fcrtiger Wei\u00dfrusse, der seinem vom Kriegsdienst fl\u00fcchtenden Vater in die USA folgte, hatte ein bewegtes Leben, wie seine nun auch in deutscher Sprache vorliegenden Memoiren eindrucksvoll zeigen. Als &#8222;ausgebeuteter Lohnsklave&#8220; und aufgrund seines &#8222;rebellischen Temperaments&#8220;, f\u00fcr die &#8222;Botschaft des Sozialismus&#8220; empf\u00e4nglich, wird er 1919 Mitglied der Young People&#8217;s Socialist League (19). 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