{"id":1088,"date":"1997-04-01T00:00:50","date_gmt":"1997-03-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=1088"},"modified":"2022-07-26T13:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:58","slug":"eine-sternstunde-gewaltfreier-aktion-und-sozialer-verteidigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/04\/eine-sternstunde-gewaltfreier-aktion-und-sozialer-verteidigung\/","title":{"rendered":"Eine Sternstunde gewaltfreier Aktion und Sozialer Verteidigung"},"content":{"rendered":"<p>Wer meine Analysen des wendl\u00e4ndischen Widerstandes kennt, wei\u00df bereits, mit welchem Thema ich am liebsten beginne: mit dem Wetter.<\/p>\n<p>Die bisherigen Transporte wurden 1995 im April und 1996 im Mai nach Gorleben gebracht. Und jedesmal war es so, da\u00df zwei Tage vor dem Beginn der &#8222;hei\u00dfen Protestphase der Fr\u00fchling im Wendland begonnen hatte. Wer schon mal dabei war, kann beurteilen, da\u00df dies ein durchaus wesentlicher Faktor daf\u00fcr war, da\u00df so viele Menschen mit so gro\u00dfer Kraft mehrere Tage und N\u00e4chte unter freiem Himmel aktiv waren. Und die lebendige Natur hat dazu beigetragen, da\u00df der Frust nach erfolgter Einlagerung schnell einem unb\u00e4ndigen Lebenswillen gewichen ist, der sich in Planungen f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag X manifestierte.<\/p>\n<p>Die PolizeiplanerInnen hatten daraus (vermeintlich) gelernt. Der diesj\u00e4hrige &#8222;Gro\u00dfkampftag&#8220; wurde auf Anfang M\u00e4rz terminiert, in der Hoffnung, da\u00df die sp\u00e4twinterlichen Verh\u00e4ltnisse angesichts drohender Wasserwerfereins\u00e4tze die Menschen davon abhalten sollten, mit aller Kraft Widerstand zu leisten. Aber auf das wendl\u00e4ndische Wetter bleibt Verla\u00df. P\u00fcnktlich zur Gro\u00dfdemonstration knallte am 1. M\u00e4rz in L\u00fcneburg die Sonne vom Himmel und das wundersch\u00f6ne warme Klima blieb bis zum Tag X\u00b3\u00a0erhalten. \u00c4tsch!<\/p>\n<h3>Kommunen und Kinder zeigen Courage<\/h3>\n<p>Was da federf\u00fchrend vom Innenministerium in Hannover geplant wurde, hatte erschreckende Ausma\u00dfe. Waren beim ersten Castor noch 15 000 und beim zweiten 19 000 PolizistInnen im Einsatz, so mu\u00dften diesmal 30 000 Mann und Frau dazu beitragen, einen neuen Wahnsinns- Rekord f\u00fcr bundesrepublikanische Polizeieins\u00e4tze aufzustellen. Abgesehen davon, da\u00df die sechs Castor-Beh\u00e4lter aus Gundremmingen, Neckarwestheim und La Hague irgendwann in Gorleben angekommen sind (und das ist wirklich nur noch ein Nebenaspekt), hat diese Demonstration des &#8222;starken Staates&#8220; v\u00f6llig versagt.<\/p>\n<p>Schon im Vorfeld wurde deutlich, da\u00df die Widerst\u00e4ndlerInnen im Wendland und ihre unz\u00e4hligen FreundInnen aus der ganzen Republik aus den bisher zwei Transporten eine Menge gelernt haben. Die Einbeziehung aller Bev\u00f6lkerungsschichten und Berufsgruppen setzt kreative und praktische Potentiale frei, denen der Staat kaum noch gewachsen ist. Die Praxis der Bewegung wird zur Lehrstunde der Sozialer Verteidigung innerhalb einer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Daran beteiligt sind inzwischen nicht mehr nur Einzelpersonen und Basisinitiativen, sondern auch kommunale Organe. So war es zu Recht im Vorfeld des Transportes Schlagzeilen wert, als die Gemeinden in L\u00fcchow-Dannenberg der Polizei das Recht verwehrten, die Turnhallen als Massenquartiere zu benutzen, als der Kreistag anordnete, da\u00df der Landkreis in diesem Jahr kein Demonstrationsverbot zu erlassen habe und als schlie\u00dflich als Kr\u00f6nung des Ganzen der Wasserbeschaffungsverband Hitzacker-Dannenberg mit gro\u00dfer Mehrheit beschlo\u00df, den Wasserwerfern der Polizei kein Wasser zur Verf\u00fcgung zu stellen. Auch die Tatsache, da\u00df die Landesregierung daraufhin die Kommunen rechtswidrig umging, das Versammlungsverbot durch die Bezirksregierung erlassen wurde und die Turnhallen beschlagnahmt werden sollten, \u00e4nderte nichts an der politischen Wirksamkeit dieser Beschl\u00fcsse.<\/p>\n<p>Sie f\u00fchrten schlie\u00dflich auch dazu, da\u00df Sch\u00fclerInnen die Hallen gemeinsam mit LehrerInnen und Eltern besetzten und die &#8222;B\u00e4uerliche Notgemeinschaft&#8220; alle Zufahrten blockierte. In Dannenberg und Hitzacker nahm jeweils die halbe Stadt Anteil an der Besetzung, versorgte die Kids mit Lebensmitteln und bangte um den weiteren Verlauf. Die Polizei lavierte tagelang herum, um die Bilder von polizeilich ger\u00e4umten Kindern zu vermeiden. Die Dannenberger Sch\u00fclerInnen konnten schlie\u00dflich in knallharten Verhandlungen mit der Einsatzleitung durchsetzen, da\u00df die gr\u00f6\u00dfte Halle der Stadt nicht von der Polizei genutzt wurde. Ein riesiger erster Erfolg, der nicht nur den Kindern und Jugendlichen auf einen Schlag deutlich machte, was mit Zivilcourage zu erreichen ist.<\/p>\n<h3>Streckenkonzept, Stunkparade und U-Bahn-Bau<\/h3>\n<p>Als n\u00e4chstes zeigten die Organisationstalente aus den Castor-Ortsgruppen im Landkreis gemeinsam mit st\u00e4dtischen Initiativen aus dem ganzen Bundesgebiet, was in ihnen steckt. 12 Camps entlang der Schienen- und Stra\u00dfenstrecke wurden eingerichtet und boten Platz und Infrastruktur f\u00fcr mehr als 10 000 Menschen.<\/p>\n<p>Da waren mehrere Gro\u00dfk\u00fcchen damit besch\u00e4ftigt, t\u00e4glich drei Essen f\u00fcr die Massen zu zaubern. Die Camps, teilweise mitten im Wald, verf\u00fcgten \u00fcber Telefonanschl\u00fcsse, Toiletten, Strom- und Wasserversorgung. Es war f\u00fcr wichtiges Werkzeug gesorgt, f\u00fcr Lautsprecheranlagen, es gab Wechselklamotten und warme Decken (Wasserwerfer!), Sanistationen und mehrere Pressestellen. Die Bauern und B\u00e4uerinnen hatten Wagen so mit Stroh und Planen ausstaffiert, damit viele Leute einen halbwegs behaglichen Schlafplatz finden konnten. Zirkuszelte und Scheunen dienten als Versammlungsr\u00e4ume, Infostellen nahmen sich der Neuank\u00f6mmlinge an, an allen Brennpunkten waren Lautsprecherwagen im Einsatz, der Ermittlungsausschu\u00df k\u00fcmmerte sich fl\u00e4chendeckend um die durch polizeiliche &#8222;Ma\u00dfnahmen&#8220; Betroffenen. Festgenommene wurden, soweit die Polizei dies zulie\u00df, durch einen &#8222;anwaltlichen Notdienst&#8220; betreut, an dem sich mehr als 20 Anw\u00e4ltInnen aus ganz Norddeutschland beteiligten. Im Camp von &#8222;X-tausendmal quer&#8220; gab es eine Art &#8222;Arbeitsamt&#8220;, bei dem die vielen zum Funktionieren von Camp und Blockade notwendigen Unterst\u00fctzungsarbeiten koordiniert wurden.<\/p>\n<p>Der hohe Organisationsgrad war kein Selbstzweck, sondern trug wesentlich zum Funktionieren der Aktionen bei. Auch &#8222;Neue&#8220; konnten sich so auf den Widerstand selbst konzentrieren. Das neu konzipierte &#8222;Streckenkonzept mit den dezentralen Camps trug dazu bei, da\u00df nicht nur an einem Ort Aktionen liefen, sondern die Polizei an allen m\u00f6glichen Transportstrecken st\u00e4ndig mit Aktivit\u00e4ten rechnen mu\u00dfte. Da\u00df sie dabei anfangs heillos \u00fcberfordert war, wurde schon am Sonntagabend nach der b\u00e4uerlichen &#8222;Stunkparade&#8220; klar.<\/p>\n<p>Von 900 H\u00f6fen im Wendland beteiligten sich 570 Trecker an dem mehr als 8 Kilometer langen Zug, den 20 000 Menschen an den Stra\u00dfen begleiteten. Im Anschlu\u00df an diese gr\u00f6\u00dfte Treckerdemonstration, die das Wendland je gesehen hatte, wurden in einer Blitzaktion 70 Trecker mitten im Dorf Splietau so ineinander verkeilt, da\u00df es selbst zu Fu\u00df nur noch ge\u00fcbten KletterInnen m\u00f6glich war, die Blockade zu passieren. in der darauffolgenden Nacht wurde die Stra\u00dfe vor und hinter den Treckern von wendl\u00e4ndischen W\u00fchlm\u00e4usen unterh\u00f6hlt. Es sah aus, als bek\u00e4me Splietau eine U-Bahn-Station. Damit war die Hauptstrecke f\u00fcr den Castor unpassierbar. Ein Riesenerfolg f\u00fcr die &#8222;B\u00e4uerliche Notgemeinschaft&#8220;, nachdem die Polizei im letzten Jahr fast alle Trecker weitab der Transportstrecke lahmgelegt hatte.<\/p>\n<p>Der Castor-Konvoi, das war bereits am Montagmorgen absehbar, mu\u00dfte die n\u00f6rdliche Ausweichroute nehmen. Die n\u00e4chsten zwei Tage und N\u00e4chte verbrachte die Polizei damit, alle erlaubten und unerlaubten Mittel anzuwenden, um diese letzte verbleibende Route freizuhalten. Trotzdem gelangen mehrere Teil-Unterh\u00f6hlungen, die allerdings schnell wieder hergerichtet wurden.<\/p>\n<p>War es der Staatsmacht in den letzten Jahren gelungen, wenigstens bis zur Abfahrt der Stra\u00dfentransportfahrzeuge in Dannenberg den selbst gesteckten Zeitplan einzuhalten, so geriet in diesem Jahr, trotz praktischer Verdopplung der Kr\u00e4fte, alles durcheinander. Kam der Castor-Zug am Montagabend noch halbwegs p\u00fcnktlich in L\u00fcneburg an, brauchte er f\u00fcr die letzten 50 Schienenkilometer bis zum Verladekran neun Stunden. \u00dcberall war die Strecke blockiert, wurde zum Teil unterh\u00f6hlt und es brannten etliche Feuer auf den Gleisen. Wirklich effektiv waren aber drei Aktionen gewaltfreier Gruppen, bei denen sich Einzelne so an den Schienen befestigten, da\u00df die Polizei erstmal ratlos war (siehe Berichte in dieser GWR).<\/p>\n<h3>&#8222;X-tausendmal quer&#8220;<\/h3>\n<p>Da ein ganzer Tag zum Umladen der sechs Beh\u00e4lter vorgesehen war, war der Zeitplan wieder halbwegs im Lot. Doch die vorgesehene Abfahrt vom Verladekran am Mittwochmorgen (5. M\u00e4rz) mu\u00dfte um Sage und Schreibe sechs Stunden verschoben werden und zwar deshalb, weil 9 000 Menschen gewaltfrei aber unbeirrbar auf der Stra\u00dfe vor dem Kran sa\u00dfen und weil vier Leute weit oben zwischen den Alleeb\u00e4umen Seilt\u00e4nze vollf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Damit haben selbst die gr\u00f6\u00dften OptimistInnen nicht gerechnet: &#8222;X-tausendmal quer&#8220; war die gr\u00f6\u00dfte Sitzblockade in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt 52 Stunden war die Castor- Transportstrecke vor dem Dannenberger Verladekran trotz Versammlungsverbotes dicht. Neun Stunden hat die Polizei gebraucht, um die Blockade zu r\u00e4umen. Und dies ist ihr nur mit rechtswidriger brutaler Gewalt gelungen. Trotzdem lie\u00dfen sich 9 000 Menschen nicht provozieren. Selbst die mit eskalierender Absicht gew\u00e4hlte Nachtr\u00e4umung ab 1 Uhr brachte nicht das von der Polizei erhoffte Ergebnis. Die Disziplin, W\u00fcrde und Standhaftigkeit der Menschen auf der Stra\u00dfe war unfa\u00dfbar.<\/p>\n<p>Fast alle Beteiligten an der Blockade waren sehr zufrieden, waren \u00fcberw\u00e4ltigt von der Kraft und der gegenseitigen Solidarit\u00e4t, die durch diese gewaltfreie Aktion entstanden ist. Ein Beispiel: Als die Polizei kurz vor 5 Uhr morgens (bei Minusgraden) den Einsatz von Wasserwerfern ank\u00fcndigte, war in den vorderen Blockade-Reihen die Spannung gro\u00df, wieviele Menschen jetzt aufstehen w\u00fcrden, um nicht durchn\u00e4\u00dft zu werden. Es ist kein\/e Einzige\/r aufgestanden. In Minutenschnelle waren Tausende unter gro\u00dfen Planen halbwegs gesch\u00fctzt und als der Wasserstrahl losprasselte, sangen sie &#8222;Yellow Submarine&#8220;. Waren die BeamtInnen beim Wegtragen noch 40 Meter pro Stunden vorw\u00e4rtsgekommen, so waren es mit dem Wasserwerfer nur noch 30 Meter.<\/p>\n<p>Die BlockiererInnen hielten ihre angek\u00fcndigte Gewaltfreiheit durch. Die Polizei merkte bald, da\u00df der Zeitplan nur noch durch eine Eskalation zu retten war. Doch selbst nachdem die BeamtInnen immer h\u00e4rter vorgingen und es gegen Ende der R\u00e4umung zu unglaublich brutalen Szenen kam, bekam die Polizeif\u00fchrung keine Bilder von &#8222;Ausschreitungen&#8220;, auf die sie so inst\u00e4ndig gehofft hatte.<\/p>\n<h3>Was hat es gebracht?<\/h3>\n<p>Die Diffamierungskampagne von Politik und Medien ist nicht aufgegangen. Kanther, Merkel, Schr\u00f6der und Glogowski versuchten vergeblich, die &#8222;Ausschreitungen&#8220; herbeizureden und den gewaltfreien Widerstand zu entlegitimieren. Sie wollten die ultimative &#8222;Schlacht um Gorleben&#8220; die jeglichen zuk\u00fcnftigen Protest denunziert, aber sie haben sie nicht bekommen.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil: Es ist gelungen, die Polizei und ihre politische F\u00fchrung in eine Legitimit\u00e4ts- und Legalit\u00e4tskrise zu bringen. Die Bilder von der R\u00e4umung der Blockade gingen um den Globus. Trotz zum Teil entstellender Berichterstattung der deutschen Medien ist vielen Menschen deutlich geworden, da\u00df die umstrittene Energiepolitik nur noch mit massiver staatlicher Gewalt gegen die &#8222;eigene&#8220; Bev\u00f6lkerung durchsetzbar ist. Polizei und Regierung haben sich \u00f6ffentlich ins Unrecht gesetzt, haben demonstriert, da\u00df sie den Profitinteressen einiger Konzerne eine gr\u00f6\u00dfere Loyalit\u00e4t entgegenbringen als denjenigen Menschen, die sich dagegen wehren, den kommenden Generationen immer mehr strahlendes Erbe zu hinterlassen.<\/p>\n<p>Der Mut und die Entschlossenheit der Einzelnen ist durch den organisatorischen, strukturellen und inhaltlichen Rahmen von &#8222;X-tausendmal quer&#8220; gewachsen. Nur ein Teil der BlockiererInnen hatte die Selbstverpflichtung unterzeichnet, trotzdem war es m\u00f6glich, die vielen Tausend unorganisierten, spontan dazu gekommenen Menschen in die Blockade zu integrieren (siehe Artikel). Viele waren das erste Mal dabei und konnten durch den Rahmen von &#8222;X-tausendmal quer&#8220; Kr\u00e4fte entwickeln, die sogar dem Wasserwerfer bei Minusgraden trotzten.<\/p>\n<p>Den vorliegenden Berichten einiger BlockiererInnen ist zu entnehmen, da\u00df innerhalb weniger Tage oder gar Stunden pers\u00f6nliche Lern- und Reifeprozesse ungeahnten Ausma\u00dfes stattgefunden haben. So steht die Wirkung &#8222;nach innen&#8220; der politischen Wirkung &#8222;nach au\u00dfen&#8220; in nichts nach. Schon jetzt ist klar, da\u00df dadurch bei einem n\u00e4chsten Castor-Transport nochmals deutlich mehr Menschen auf die Stra\u00dfe gehen werden und auch bereit sind, der Polizeigewalt zu trotzen.<\/p>\n<h3>\u00dcbersprungeffekte<\/h3>\n<p>Die kollektive weitgehend positive Erfahrung X-tausender mit dem organisierten gewaltfreien Widerstand wird auf Jahre hinaus die Protestbewegungen in der Bundesrepublik g\u00fcnstig beeinflussen.<\/p>\n<p>Dieser Einflu\u00df war bereits in den Wochen nach dem Tag X\u00b3 sp\u00fcrbar. Im &#8222;Spiegel&#8220; vom 17.3. findet sich ein Beitrag, der beschreibt, wie die Bilder aus dem Wendland die protestierenden Bergleute und BauarbeiterInnen beeinflu\u00dften, wie der Mut zum Zivilen Ungehorsam pl\u00f6tzlich in breiten Gesellschaftsschichten angekommen ist:<\/p>\n<p>&#8222;Geht nach Hause&#8220;, hatte Gewerkschaftschef Hans Berger befohlen, und mehr als 10 000 Bergleute aus dem Ruhrgebiet zogen tats\u00e4chlich ab. Doch die saarl\u00e4ndischen Kumpel blieben. Tagelang hatten sie diese Bilder im Fernsehen gesehen: Gorleben. Da sa\u00dfen diese Milchb\u00e4rte unter Wasserwerfern; entschlossene Leute, die nicht einfach nach Hause gingen, wenn jemand sagte: Jetzt ist Schlu\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>Klar geht es beim Protest der Kumpel und derer vom Bau zum Teil auch um Verteilungsk\u00e4mpfe um die immer weniger werdende bezahlte Arbeit. Doch systemkritische T\u00f6ne nehmen zu. Wenn die StahlarbeiterInnen von Thyssen und Krupp Filialen der Deutschen Bank besetzen und ihre Konten k\u00fcndigen, dann haben sie zum einen erkannt, wer wirklich hinter der Bedrohung ihrer Arbeitspl\u00e4tze steckt, und zum anderen, da\u00df mit den gew\u00f6hnlichen gewerkschaftlichen Kampfmitteln nur noch wenig zu erreichen ist. Es w\u00e4re angesichts staatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik und dem nur noch auf Aktienkurse fixierten Handeln der Konzernvorst\u00e4nde doch nicht das Schlechteste, wenn die Leute am Beispiel Castor-Widerstand gelernt h\u00e4tten, da\u00df es sich lohnt, wenn mensch sich wehrt.<\/p>\n<p>Auch die Anti-Atom-Bewegung selbst hat einen dramatischen Reifeproze\u00df durchgemacht. Und das Sch\u00f6ne ist, da\u00df &#8222;X-tausendmal quer&#8220; eben nur ein Teil des vielf\u00e4ltigen und erfolgreichen Widerstandes ist. Manchem\/r mag der Hinweis auf die mehrmalige Verz\u00f6gerung um etliche Stunden wie &#8222;Erbsenz\u00e4hlerei&#8220; vorkommen. doch liegt in diesen &#8222;Zeitgewinnen&#8220; angesichts des gr\u00f6\u00dften Polizeiaufgebotes in der Geschichte der Republik mehr als nur symbolische Bedeutung. All dies tr\u00e4gt dazu bei, einen n\u00e4chsten Castor-Transport unwahrscheinlicher zu machen.<\/p>\n<p>Auch wenn jetzt insgesamt acht Castor-Beh\u00e4lter in der Gorlebener Lagerhalle vor sich hinstrahlen, ist f\u00fcr die AtomstrategInnen aus Regierung und Industrie nichts gewonnen. Der Widerstand gegen die verfehlte Energiepolitik geht gest\u00e4rkt aus diesen Tagen hervor. Die AtomikerInnen werden es nicht einfacher haben, selbst wenn der vielbeschworene und doch so unsinnige &#8222;Entsorgungskonsens&#8220; zustandekommt.<\/p>\n<h3>Wie weiter?<\/h3>\n<p>Es ist theoretisch m\u00f6glich, da\u00df der n\u00e4chste Transportversuch nach Gorleben, begr\u00fcndet mit Landtags- und Bundestagswahl (d.h. wegen der St\u00e4rke des Widerstandes) bis zu zwei Jahre auf sich warten l\u00e4\u00dft. Sicher ist dies allerdings nicht und mensch sollte auf alles vorbereitet sein.<\/p>\n<p>Die Betreiber des AKW Neckarwestheim haben f\u00fcr den Herbst einen Castor-Transport ins westf\u00e4lische Zwischenlager Ahaus angek\u00fcndigt. Allerdings steht daf\u00fcr die letzte Genehmigung noch aus. Ob es nur ein Testballon war oder konkrete Pl\u00e4ne dahinterstecken, wird sich in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten zeigen. Klar ist, da\u00df sich auch in Ahaus X-tausende querstellen werden. Die Anti-Atom-Bewegung hat durch die Gorleben- Transporte so gro\u00dfen Zulauf aus der ganzen Republik erhalten, da\u00df ein Ausweichen ins M\u00fcnsterland nicht mehr reibungslos funktionieren wird.<\/p>\n<p>Ob es f\u00fcr einen m\u00f6glichen neuen Transport eine neue &#8222;X-tausendmal quer&#8220;-Kampagne geben wird, ob es jetzt eine \u00e4hnliche Aktion in Ahaus, Greifswald oder Morsleben geben sollte, ob andere Ans\u00e4tze direkter gewaltfreier Aktion verst\u00e4rkt werden, all dies kann erst nach einer Auswertungsphase und in Abstimmung mit anderen Gruppen des Widerstandes entschieden werden. Deshalb ist es wichtig, jetzt nicht vorschnell und unkoordiniert neue \u00fcberregionale Aktionsaufrufe zu starten, sondern gemeinsam mit allen zu beraten, wie es nach dem erfolgreich verlaufenen Gorleben-Widerstand weitergeht.<\/p>\n<p>1997 kann das Jahr der gewaltfreien Aktion werden. Es kommt darauf an, was die Bewegung aus dem neu gewonnenen Potential und den Erfahrungen aus dem Wendland macht. Und es kommt darauf an, ob es gelingt, gemeinsam zu handeln und die neue St\u00e4rke nicht durch Grabenk\u00e4mpfe zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer meine Analysen des wendl\u00e4ndischen Widerstandes kennt, wei\u00df bereits, mit welchem Thema ich am liebsten beginne: mit dem Wetter. Die bisherigen Transporte wurden 1995 im April und 1996 im Mai nach Gorleben gebracht. Und jedesmal war es so, da\u00df zwei Tage vor dem Beginn der &#8222;hei\u00dfen Protestphase der Fr\u00fchling im Wendland begonnen hatte. 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