{"id":10883,"date":"2011-10-01T00:00:59","date_gmt":"2011-09-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10883"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"wahrheit-und-genuss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/wahrheit-und-genuss\/","title":{"rendered":"Wahrheit und Genuss"},"content":{"rendered":"<p>Der Berliner Verlag Edition Tiamat legt jetzt einen Band mit                 Briefen des franz\u00f6sischen Enfant terrible Guy Debord (1931-94)                 vor, die aus der siebenb\u00e4ndigen Originalausgabe zusammengestellt                 wurden.<\/p>\n<p>Debord, der als Autor, Filmemacher und Politaktivist u.a. die                 Situationistische Internationale (SI) mitbegr\u00fcndete, jene Bewegung                 von K\u00fcnstlerInnen und Revolution\u00e4rInnen, die in den 1950er Jahren                 entstand, ma\u00dfgeblich den Pariser Mai 1968 beeinflusste und sich                 1972 aufl\u00f6ste, kann wohl zu den radikalsten &#8211; oder auch eigenwilligsten                 &#8211; Denkern des 20. Jahrhunderts gez\u00e4hlt werden. Seine Theorien,                 die keine sein sollten, sein umfangreiches Werk, welches ihn auf                 keinen Fall in die Position eines Lehrers oder F\u00fchrers versetzen                 sollte, seine Kunst (und die seiner Mitstreiter), die keiner Verwertbarkeit                 unterliegen sollte, und sein Handeln, das immer politisch sein                 sollte &#8211; bis zur Aufl\u00f6sung. Jede Anstrengung politischer Parteien                 empfand er als sinnlos, gar reaktion\u00e4r: &#8222;Die &#8218;Denker&#8216; der Linken                 sagen, man m\u00fcsse alles radikal \u00fcberdenken: so banal war ihr Denken                 noch nie.&#8220; (8.8.1958). Alles ist eben Spektakel.<\/p>\n<p>Die Briefe offenbaren allerdings kaum Geheimnisse. Debord war                 wohl ein Mensch, der etwa seine politischen und kulturellen Gegner                 nicht nur in Briefen beleidigte, sondern dies auch gerne \u00f6ffentlich                 tat. Er scheute keine Auseinandersetzung, was ihm auch prompt                 die Observierung durch die Polizei einbrachte. Seine T\u00e4tigkeiten                 in der Lettristischen und Situationistischen Internationale waren                 oft &#8222;halb-klandestin&#8220;. <\/p>\n<p>Als gro\u00dfer Netzwerker &#8211; in einer Zeit ohne Computer &#8211; war er                 derjenige, der Verbindungen in die (meist franz\u00f6sischsprechende)                 Welt kn\u00fcpfte. Auch als sich die Situationistische Internationale                 als Bewegung aufl\u00f6ste, die bis heute recht spannende An- und Einsichten                 bietet, lie\u00df er keineswegs locker, seine Ideen zu proklamieren.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend ist zu lesen, wie viele radikale Ans\u00e4tze bereits                 vor den sogenannten 68ern hier angedacht wurden. Wieder einmal                 ein Beweis daf\u00fcr, dass die 68er eigentlich eher das Ende einer                 Epoche darstellen, weniger den Beginn, denn dieses, was den genannten                 immer wieder zugeordnet wird, wurde bereits 10 Jahre zuvor diskutiert.<\/p>\n<p>Und wen soll es verwundern, wenn Debord erkl\u00e4rt: &#8222;Ich z\u00e4hle nicht                 zu den Bewunderern der Situationistischen Internationale.&#8220; Bei                 ihm wei\u00df man, dass dies kein Kokettieren ist, sondern die Negation                 eines l\u00e4ngst vergangenen Spektakels.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich hat mich das Verh\u00e4ltnis von Debord zum legend\u00e4ren                 Verlag Champ libre (deren Pendants in Deutschland etwa die Edition                 Nautilus und die Edition Tiamat darstellen) interessiert. Nat\u00fcrlich                 hat Debord (auch) hier einige F\u00e4den im Hintergrund gezogen, und                 es ist bemerkenswert, wenn er etwa in seinem Brief vom 16. April                 1972 an den Million\u00e4r und zuk\u00fcnftigen Verleger G\u00e9rard Lebovici                 &#8222;ein paar Notizen zu den B\u00fcchern, \u00fcber die wir neulich gesprochen                 haben&#8220; liefert: eine ganze Reihe deutscher, englischer und spanischer                 Titel aus den Bereichen Politik, Philosophie und Literatur. Bemerkenswert                 ist seine &#8222;Erkl\u00e4rung&#8220; vom M\u00e4rz 1979 im Namen des Verlages und                 der Autoren, die 11 Jahre lang in den Katalogen des Verlags Champ                 libre abgedruckt wurde, wo es hei\u00dft, dass Rezensionsexemplare                 nicht verschickt werden. Die (b\u00fcrgerlichen) Medien wurden als                 Feinde angesehen, und deren Journaille sollte sich bei Interesse                 die B\u00fccher eben kaufen. Soweit w\u00fcrde in Deutschland ein halbwegs                 erfolgreicher Verlag nie gehen.<\/p>\n<p>Aber auch sonst gibt es zahlreiche unterschiedliche Aspekte in                 den Briefen zu entdecken.<\/p>\n<p>Wir, als dieses elendige &#8222;Land der Dichter und Denker&#8220;, k\u00f6nnen                 nur neidvoll &#8211; und das seit Jahrhunderten &#8211; auf unseren Nachbarn                 Frankreich schauen, wo Intellektuelle wie Debord einen realen                 Einfluss auf die Gesellschaft hatten und haben.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es ja auch an derart markanten Selbsterkenntnissen                 wie der des gerade mal 29j\u00e4hrigen Debord: &#8222;Weder Freiheit noch                 Intelligenz sind einem ein f\u00fcr allemal gegeben.&#8220; (25.8.1960)<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, die nicht vertraut mit der Geschichte der SI sind,                 werden die Briefe wohl nur zur H\u00e4lfte gewinnbringend sein, aber                 daf\u00fcr wohl ein Ansporn, sich mit dieser libert\u00e4ren disziplin\u00fcbergreifenden                 Str\u00f6mung eingehender zu besch\u00e4ftigen. Es ist durchaus ein Fanprojekt.<\/p>\n<p>Aber durch die hervorragenden Anmerkungen und Erkl\u00e4rungen der                 \u00dcbersetzerInnen d\u00fcrfte hier einiges verst\u00e4ndlicher wirken.<\/p>\n<p>Dass die Herausgabe dieses Auswahl-Bandes mit Unterst\u00fctzung des                 &#8222;F\u00f6rderprogramms des franz\u00f6sischen Au\u00dfenministeriums&#8220; zustande                 kam, h\u00e4tte Debord, dessen Radikalit\u00e4t in seiner Freiheit auch                 den Freitod mit einbezog, u.U. befremdet, um so mehr d\u00fcrften vermutlich                 die \u00dcbersetzerInnen davon profitiert haben.<\/p>\n<p>Ein brillantes Zeugnis kaum geschliffener Diamanten einer radikalen                 Geisteshaltung, wo Wahrheit und Genuss als Voraussetzung f\u00fcr die                 Befreiung aller Menschen Grundlagen finden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Berliner Verlag Edition Tiamat legt jetzt einen Band mit Briefen des franz\u00f6sischen Enfant terrible Guy Debord (1931-94) vor, die aus der siebenb\u00e4ndigen Originalausgabe zusammengestellt wurden. 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