{"id":10891,"date":"2011-10-01T00:00:38","date_gmt":"2011-09-30T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10891"},"modified":"2022-07-26T14:12:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:26","slug":"die-sache-mit-den-cashewkernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/10\/die-sache-mit-den-cashewkernen\/","title":{"rendered":"Die Sache mit den Cashewkernen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ren\u00e9: Ihr habt Euch 1984 kennengelernt, ward bereits lange politisch aktiv, 1997 habt Ihr das &#8222;Cinema&#8220; \u00fcbernommen. Erz\u00e4hlt doch etwas dazu.<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>1984 hatten wir beide jeweils Zivildienst gemacht.<\/p>\n<p>Jens in D\u00fcsseldorf. Ich auf Sylt. Dann haben wir \u00fcberlegt, ob wir totalverweigern sollten. Wir sind zu einem Prozess gefahren, als Entscheidungshilfe. Ich kam in den Gerichtssaal, und da war nur noch ein Platz frei, neben Jens. So haben wir uns kennengelernt. Vier Tage sp\u00e4ter waren wir in K\u00f6ln beim Graswurzelrevolution-Treffen, haben aber davon nur am Rande etwas mitbekommen, weil wir die ganze Zeit h\u00e4ndchenhaltend am Rhein entlanggelaufen sind.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Wir haben eine unterschiedliche Sozialisation &#8230; Du als Gewerkschafter oder Azubi, und ich Abiturient und nichts mit Gewerkschaften am Hut. Trotzdem hatten wir viele Gemeinsamkeiten, was z.B. politische Ansichten anging.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Wie seid Ihr in politische Kontexte reingekommen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Ich war fr\u00fch politisch engagiert, was vermutlich viel mit der Zeit zu tun hatte. Als 62er haben wir die 68er nicht bewusst mitgekriegt. Meine \u00e4lteren Geschwister waren auch politisch aktiv, in der Sch\u00fclerverwaltung. Ich glaube, so haben sich die auslaufenden End-60er r\u00fcbergerettet. Unsere Generation ist in einem politischen Kontext gro\u00dfgeworden. Bei mir war das eher ein b\u00fcrgerlicher: Fahrradinitiative, Umweltpolitik, Friedensbewegung, Anti-AKW, hinterher Schwulenarbeit. Aber das war nichts Gewerkschaftliches.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Du bist da so reingewachsen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Es hatte viel mit Antikriegspolitik zu tun. F\u00fcr keinen von uns war es denkbar, zur Bundeswehr zu gehen. Das hatte sicher damit zu tun, dass meine Eltern als Kinder den Krieg miterlebt haben. Mein Vater war Wei\u00dfer Jahrgang, musste also nicht zur Armee. Dann kam die Wiederbewaffnung. Aber auch eine Generation, die f\u00fcr die 68er zu alt war. Die waren dazwischen, so eine Kriegskindergeneration. Meine Eltern hatten eine zutiefst antimilitaristische Haltung, ohne das explizit vor sich herzutragen. Auf Demos gehen, das macht meine Mutter jetzt mit 75. Bei den 80er Friedensbewegungen, das haben die nicht gemacht. Das ist aber ein Punkt, der mich politisierte. Und da war dann der NATO-Doppelbeschluss 1979.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Wie war&#8217;s bei Dir, Thomas?<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>\u00c4hnlich. Ich habe zwei Br\u00fcder, und es war keine gro\u00dfe \u00dcberraschung, als ich totalverweigert habe. Meine Mutter war katholisch, mein Vater liberal-humanistisch. Wir waren nicht wirklich eine politische Familie. Politik spielte eine Rolle, als ich mit 18 Jahren in der Ausbildung nach Konstanz gezogen und in die Gewerkschaftsjugend eingetreten bin. Wo ich eigentlich eher so DKP-nah war und wir die UZ abonniert hatten in der WG. (Peinliches R\u00e4uspern und Lachen)<\/p>\n<p>Das war 1980. Das waren Solidarnosc-Zeiten und davor Friedensbewegung. Da hatte ich die damals noch verurteilt, die w\u00e4ren antikommunistisch. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><em>Jens<\/em> (scherzhaft): Da haben wir uns ja doch unterschieden.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: In welchem Rahmen kam dann der Wechsel?<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Der kam w\u00e4hrend des Zivildienstes. Da hatte man wenig zu tun. Abends Zivildienstgesetz lesen, da habe ich mich mehr mit Friedensfragen besch\u00e4ftigt, aber auch mit der Gesellschaft, in der ich leben will. Da kam heraus, dass ich eine herrschaftslose Gesellschaft sehr viel mehr bevorzuge, als eine, die von irgendwelchen Menschen beherrscht wird, auch wenn&#8217;s Kommunisten sind.<\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Also, zu der Zeit war f\u00fcr mich schon viel passiert. Was Demos angeht, Friedensbewegung oder Solidarnosc. Da habe ich mir schon Sticker gemacht, so &#8222;Solidarit\u00e4t mit Solidarnosc&#8220; (Thomas: Oh Gott\u2026) oder &#8222;H\u00e4nde weg von Solidarnosc&#8220;\u2026<strong><\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Da m\u00fcssen wir uns sp\u00e4ter kennen gelernt haben. (Beide lachen)<\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Ich bin nie ein Theoretiker gewesen, der Bakunin oder libert\u00e4re Theorien nachgelesen hat, aber ich habe mich f\u00fcr libert\u00e4r denkend gehalten. Ich habe Protestbriefe in die DDR geschrieben. Nicht dass das per se das schlechtere System war. Es war f\u00fcr mich egal, welches System das war. Es ging mir vor allem darum, dass die Menschen Freiheit und keine Repression erleben. Das galt im Westen wie im Osten, im S\u00fcden wie im Norden.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Theorie spielte keine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr Euch?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Ich habe mal von Emma Goldman ein Buch gelesen. Oder so zwei, drei kleine anarchistische B\u00fccher.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Keine marxistischen Lesezirkel?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Nee. Das war nicht meine Szene. Wir haben eher Aktionen vorbereitet und Aktionsformen diskutiert, als uns damit theoretisch auseinander zu setzen. Diese normalen Sachen haben mir nicht gereicht. Ich fand, dass Sitzblockaden sein m\u00fcssen, auch wenn andere das eher bel\u00e4chelt haben. In dem Kontext war dann auch die Totalverweigerung f\u00fcr mich logisch. F\u00fcr mich war immer die Devise: Was ich mache, dazu stehe ich, was nicht hei\u00dfen muss, dass ich mich freiwillig ausforschen lasse. Aber das war ein bewusster Gesetzesversto\u00df, und den mache ich auch in dem Bewusstsein, dass es richtig und legitim ist, gegen Gesetze zu versto\u00dfen, und ich machte es nicht heimlich, damit man mich nicht erwischte. Da wurde dann der Prozess der Strafverfolgung Teil der politischen Aktion.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Die Totalverweigerung bedeutete f\u00fcr mich: &#8218;Ich muss mein eigenes Leben leben&#8216;. Das war konsequent als Bruch gesehen. Dass ich gedacht habe: Ich bin schwul &#8211; ich muss offen schwul leben. Ich find das nicht richtig, dass die Leute beim Zivildienst verarscht werden, also muss man totalverweigern. Ich muss versuchen, mich von vielen Zw\u00e4ngen freizumachen, auch wenn&#8217;s ein Gesetzesversto\u00df ist. Das Zivildienstgesetz ist praktisch wie das Wehrdienstgesetz. Ich wollte \u00fcberhaupt nichts f\u00fcr die Bundeswehr machen und keinen Krieg unterst\u00fctzen. Ich finde das okay, dass Leute f\u00fcr die Gesellschaft etwas machen. F\u00fcrs Gemeinwohl. Aber das muss man selber entscheiden k\u00f6nnen. Aber Zivildienst ist ziviler Kriegsdienst.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Ihr ward deswegen auch im Knast?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Im Knast, in Polizeigewahrsam waren wir wegen Wackersdorf.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Zusammen im Knast\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Jens: Ja, aber in getrennten Zellen\u2026 (Lachen)<\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>Da haben wir gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf demonstriert. Man nicht sagen, dass wir besonders auff\u00e4llig gewesen sind. Wir haben in einem Zelt geschlafen. Am n\u00e4chsten Morgen um sechs kamen die Bullen und haben uns mitgenommen. Da waren wir dann zwei Tage in Polizeigewahrsam. Danach haben wir weiter demonstriert. Haben uns zwischen die Wasserwerfer und die Steine schmei\u00dfenden Demonstrierenden gestellt. Das war unsere Idee von gewaltfreiem Widerstand. Dass wir uns mit unseren \u00d6ljacken gegen den Strahl der Wasserwerfer stellen, um zu zeigen, wie sinnlos das ist, was die da mit dem Wasser machen. Aber die Demonstrierenden, die Steine schmei\u00dfen wollten, die waren sauer, weil wir dann davor standen. (Lachen)<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Ihr werdet im n\u00e4chsten Jahr beide 50. Ihr macht viel Kulturarbeit. Gibt&#8217;s verschiedene Schwerpunkte, die Ihr im R\u00fcckblick als wichtig betrachtet?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Ich habe versucht, mein politisches Engagement in meinen Alltag zu integrieren. Ohne dass ich politischer Arbeiter bin, parlamentarisch oder antiparlamentarisch. Faktisch versuche ich das \u00fcbers Kino und unser Programm. Aber ansonsten\u2026 Mein politisches Engagement erscheint mir oft schon schwach. Das w\u00fcrde ich mir anders w\u00fcnschen.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Als wir nach M\u00fcnster gekommen sind, waren wir in einer gewaltfreien Aktionsgruppe, da ging es um Atomtransporte und um Wehrpflichtige, die wir am Bahnhof informiert hatten, dass sie besser nicht Wehrpflicht leisten sollten.<\/p>\n<p>Dann kamen die <em>Rosa Linse<\/em> und schwul-lesbische Filmarbeit.<\/p>\n<p>Danach <em>Rosa Geschichten<\/em> mit der schwulen Geschichtswerkstatt. Wir hatten auch eine Arbeitsgemeinschaft <em>Lesben, Schwule und Versicherung<\/em>, weil diese da oft diskriminiert wurden. Das war in den 90ern. Da zog sich das durch mit lesbisch-schwulen Themen und war mit einem Netzwerkgedanken verbunden.<\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>F\u00fcr mich ist das Thema: &#8222;Es gibt kein richtiges Leben im falschen.&#8220; Also, wenn ich gegen Ausbeutung in der Dritten Welt bin, muss ich entsprechend einkaufen. Wenn ich gegen Atomstrom bin, darf ich den auch nicht beziehen, usw.<\/p>\n<p>Das war mit der Totalverweigerung vielleicht der Anfang. Was ich inhaltlich bek\u00e4mpfe, dazu muss ich mich entsprechend verhalten. So versuchen wir auch, das Kino zu betreiben: m\u00f6glichst fair, \u00f6kologisch, ohne Atomstrom usw.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus als System funktioniert nicht. Nicht im \u00f6kologischen Sinne, nicht im sozialen Sinne und nicht im demokratischen Sinne. Das kulminiert f\u00fcr mich immer mehr. Schwulenpolitik war f\u00fcr mich ein Randthema. Es ging immer um Diskriminierung. Aber ich versuchte auch, mich gegen die Diskriminierung von Frauen und Behinderten einzusetzen.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Psychiatrie war auch ein Thema, schon Anfang der 1990er. Also psychische Erkrankungen, wenn man die so nennen will.<\/p>\n<p>Dann hatten wir mit &#8222;Kino der Welten&#8220; angefangen, mit der Idee, fremde Lebensweisen sichtbar zu machen und Identit\u00e4ten zu schaffen.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Kino bildet in seiner Breite alles ab. Ob politischer Diskurs oder Unterhaltungsfilm, es werden andere Lebenswelten, andere Lebensrealit\u00e4ten dargestellt, nicht fernab von den Menschen diskutiert. Da kann man noch so hehre Ideale haben, aber sie messen sich letztlich an der Realit\u00e4t, wenn du an Grenzen st\u00f6\u00dft oder auf Situationen, mit denen du dich auseinandersetzen musst. Du kannst zwar sagen, Psychiatrie soll abgeschafft werden. Aber irgendwie st\u00f6\u00dft sich das dann doch an der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p><em><strong>Ren\u00e9: <\/strong><\/em><strong>Seht Ihr zwischen verschiedenen Bereichen Beziehungen? Ich bin ein wenig verwundert, dass Schwulenpolitik f\u00fcr Dich nicht so wichtig gewesen ist. <em><\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Wir waren auch schwulenpolitisch aktiv. Aber wir haben das an vielen Stellen gar nicht vertreten. Also z. B. die Forderung nach Homoehe. Das sollte eigentlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein. Aber die Ehe haben wir nie als erstrebenswert angesehen. Daher war ich eher schwulenkulturell aktiv.<\/p>\n<p>Ob Film oder Theatergruppen, Schwulenreferent an der Fachhochschule. In der Hinsicht fand ich viele Forderungen klar. Aber es hat mir nicht weit genug gegriffen.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Es gab bestimmte Sachen, die mussten wir machen, das betraf nun mal Schwule.<\/p>\n<p>Aber Homophobie kann man nicht isoliert betrachten. Wir haben bei den Demos, z.B. am 1. Mai, Transparente gemacht: <em>Anders ist normal<\/em>. Wo wir gemeinsam f\u00fcr Schwule, Behinderte, Lesben, psychisch Kranke, Prostituierte, also Leute, die anders von der Norm gelebt haben, zusammen einen Banner machen wollten. Ich fand eine Bildung von einem Lesben- und Schwulenzentrum ungeschickt. Mir w\u00e4re lieber gewesen, das w\u00e4re ein kulturelles Zentrum gewesen, wo sich verschiedene Gruppen treffen, die politisch arbeiten. Das war fr\u00fcher mal Thema: eigene R\u00e4ume schaffen f\u00fcr eine bestimmte Szene.<\/p>\n<p>Es war selbstverst\u00e4ndlich, dass sich Schwule und Lesben in der [alternativen, ehemals besetzten] Frauenstra\u00dfe 24 in M\u00fcnster getroffen haben oder im Caf\u00e9 Regenbogen in der Sonnenstra\u00dfe, dass Lesben und Schwule mehr in anderen sozialen Bewegungen pr\u00e4sent waren. Ende der 80er, Anfang der 90er gab es einen R\u00fcckzug. Die hatten dann ein eigenes Zentrum und waren wieder weg.<\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>F\u00fcr eine bestimmte Zeit war es logisch und hilfreich, eigene R\u00e4ume zu haben. Das hatte seine Berechtigung. Wir wollten aber mit unserer schwulen Filmreihe nicht ins &#8218;Ghetto&#8216; gehen, b\u00f6se gesagt. Wir wollten in ein soziales Zentrum, wo auch andere Gruppen und Impulse sind und uns vernetzen. Viele Forderungen sind f\u00fcr mich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, Lebensformen zum Beispiel.<\/p>\n<p>Wenn Leute heiraten wollen, dann sollen sie heiraten k\u00f6nnen, egal, welche sexuelle Identit\u00e4t und welche Geschlechter sie haben. Aber genauso muss es m\u00f6glich sein, dass sich Menschen zu dritt oder zu viert verpartnern k\u00f6nnen. Das ist dann schon wieder dem verhaftet, was als Lebensform vorgegeben ist, und das greift eigentlich schon zu eng. Warum wird nicht jeder Mensch erstmal f\u00fcr sich gesehen und jede Beziehung, die Menschen miteinander haben, auch f\u00fcr sich? Jede Beziehung verdient Respekt, Beachtung und Schutz. Angeblich ist die Ehe ein besonders sch\u00fctzenswerter Raum. F\u00fcr jede Beziehung gilt das doch. Egal, ob sie sexuell ist oder nicht.<\/p>\n<p>Egal, wie intensiv sie ist. Das greift mir zu kurz zu sagen: Schwule m\u00fcssen auch heiraten d\u00fcrfen. Oder wenn es um Menschenrechte ging, dann ging es in der Schwulenbewegung immer um &#8218;unsere&#8216; Forderungen. Es ist schon viel internationaler. Klar, fr\u00fcher gab es noch den \u00a7175, aber da ging es vielen Schwulen und Lesben und Transgenderleuten viel \u00fcbler in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Viele Themen zu Homosexualit\u00e4t werden mittlerweile in den Medien liberaler behandelt. Ich habe das Gef\u00fchl, dass viele Schwule und Lesben das unterschiedlich interpretieren. Dass die einen das positiv werten, w\u00e4hrend die anderen sagen, dass alte Forderungen eher verw\u00e4ssern.<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Die meisten haben sich eingerichtet in ihrem b\u00fcrgerlichen Dasein, und die Leute, die wirklich auff\u00e4llig sind, weil sie z.B. als M\u00e4nner Kleider tragen oder sich sexuell anders definieren, sind heutzutage noch mehr drau\u00dfen als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Damals gab&#8217;s noch eine Bewegung. Heute habe ich das Gef\u00fchl, dass sich viele zur\u00fccklehnen und sagen: &#8218;Ach das betrifft mich nicht. Wir sind doch eigentlich jetzt ziemlich gleichberechtigt.&#8216; Die, die davon nicht erfasst sind, die stehen ein bisschen allein im Regen.<\/p>\n<p>Du hast mal das Thema Klappensex angesprochen. Also \u00f6ffentliche Toiletten, wo Schwule in den 70ern und 80ern ziemlich offensiv ihren Sex betrieben haben. Diese R\u00e4ume sind verschwunden, eine gewisse Subkultur ist verschwunden.<\/p>\n<p>Das hat zu einer Assimilation an vielen Stellen gef\u00fchrt. Andere Lebensformen oder eben offene Beziehung, das wurde in den 80ern oder 90ern mehr diskutiert als heute. ((1)) Das ist fast schon wie in Heterobeziehungen, wo du bei jeder zweiten Ehe mitkriegst, dass vor allem die M\u00e4nner sich damit r\u00fchmen, was sie an Seitenspr\u00fcngen hatten, wo ich gedacht habe: Anscheinend ist das f\u00fcr die normal.<\/p>\n<p>Aber einfach bigott, doppeldeutig. Das wird nicht offen gelebt als Teil einer Beziehung, wie man sie gemeinsam definiert, sondern es wird heimlich gemacht. Oder es wird nur behauptet. Ich habe das Gef\u00fchl, das greift auch auf die schwul-lesbische Szene \u00fcber. F\u00fcr uns geh\u00f6rt es dazu, dass man auch mit anderen M\u00e4nnern oder auch von mir aus Frauen Sex hat. Das wird meistens nicht thematisiert. Weil &#8218;wir&#8216; jetzt so sch\u00f6n akzeptiert sind, und wenn man das dann doch zu sehr macht, ist das vielleicht auch nicht so ganz gut\u2026<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: M\u00fcsste man da nicht eine Unterscheidung machen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Aus einer heterosexuellen Perspektive w\u00e4re bei mir die Frage, ob das mit dem Klappensex nicht auch eine Notl\u00f6sung war. Und wenn das verschwindet, das w\u00fcrde ich ja erstmal nicht negativ sehen. Wenn anonymer Sex nicht mehr heimlich auf Toiletten passieren muss.<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Ich glaube schon, dass es Leute gibt, die darauf stehen, anonymen Sex zu haben. Das meine ich damit, dass solche R\u00e4ume domestiziert werden.<\/p>\n<p>Das wird weggelassen als Ort und das wird auch in der \u00d6ffentlichkeit weggelassen. Diese heterosexuelle Welt wird dann auf schwul oder auf lesbisch kopiert\u2026 Das ist in vielen Bereichen eine Assimilation nach au\u00dfen. F\u00fcr uns ist es zum Beispiel wichtig, dass man sieht, dass es Liebe nicht nur zwischen zwei Menschen gibt, sondern auch zwischen mehreren. Und dass das nebeneinander stehen kann. Weil das auch eine Kultur im sozialen Kontext ver\u00e4ndert, wenn man das lebt und kultiviert.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Aber k\u00f6nnte man nicht sagen, dass da auch in der heterosexuellen Welt viel getan wird? Da wird \u00fcber Swingercluberfahrungen gesprochen. Ich kenne immer mehr Heteros, die sagen, dass sie offene Beziehungen toll finden, wobei da die Frage ist, wie sie das definieren. Oder dass die Bedeutung von Ehe verschwindet. Dass auch die Zweierbeziehung von vielen gar nicht mehr als das Absolute gesehen wird.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Einige sogar sagen, dass sie das als etwas Negatives betrachten, weil sie sich nicht flexibel f\u00fchlen. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdet Ihr das deuten?<\/strong><\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Ich habe da zu wenig Erfahrung. Was ich beobachte, ist etwas Ambivalentes. Wie das statistisch ist, wei\u00df ich jetzt nicht, dass immer mehr Leute jung heiraten. ((2))<\/p>\n<p>Die Leute wissen, dass dieses Konzept, ein Leben lang mit einem Menschen alt werden usw. und f\u00fcreinander da sein, nicht mehr funktioniert.<\/p>\n<p>Die Scheidungsraten sind hoch. Bei den Leuten, die jetzt 18 sind, sieht man, dass es nicht funktioniert.<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass die Leute das nicht wirklich f\u00fcllen k\u00f6nnen. Ein Bewusstsein f\u00fcr eine soziale Familie z. B. kommt zu langsam.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ich find es erstaunlicher, dass junge Heteros, so lange die zusammen sind, noch in verschiedenen WGs leben und noch ihre verschiedenen Bez\u00fcge haben. Da kann man von neuen Mustern reden.<\/p>\n<p>Aber sobald das erste Kind kommt, fallen die meisten Heteros um. Dann ist es doch wieder Ehe, und dass meistens <em>er<\/em> zur Arbeit geht, weil er besser gestellt ist als sie. Dann ist all das, was an Ans\u00e4tzen da war, wieder weg. Da find ich&#8217;s interessant, dass gerade die, die unser Alter haben oder noch \u00e4lter sind, anders leben und dass z. B. eine Frau mit ihrem Mann zusammenlebt, aber sie ist mittlerweile offen lesbisch und die Kinder akzeptieren das; da ist eine Offenheit f\u00fcr andere Lebenskonzepte.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Schwule und Lesben waren vor die Situation gestellt, dass sie sich andere Muster erarbeiten mussten. Den Schritt haben viele Heteros noch nicht gemacht. Ich glaube, dass sie auf dem Weg sind, weil sie realisieren, dass das alte Modell, das ihnen ihre Eltern vielleicht noch vorgaukeln, eigentlich nicht funktioniert. Die ganze Gesellschaft ist auf der Suche. Auch alte Menschen suchen nach Lebensformen, weil sie merken, dass Familie in der Form nicht mehr funktioniert.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Du hattest gerade gesagt, dass viele Schwule und Lesben sich aufgrund ihrer Position in unserer Gesellschaft \u00fcber viele Dinge mehr Gedanken machen. Und wenn sich jetzt in der &#8222;heterosexuellen Welt&#8220; auch was tut, da frage ich mich, ob das das Gleiche ist. Wenn Menschen von &#8222;offenen Beziehungen&#8220; oder von Swingerclubs sprechen, ob da von heterosexueller Seite nicht Gleichstellungen aufgebaut werden, die vielleicht gar nicht der Fall sind. <\/strong><\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Ich denke, das kann man insofern nicht vergleichen, weil die Suche nach einer sexuellen Identit\u00e4t und Lebenskonzepten bei Schwulen und Lesben oder eben Menschen, die sich nicht heterosexuell im eigentlichen Sinne definieren, aus einer Not heraus entstanden ist. Die Frage nach der traditionellen Ehe hat sich in dem Moment nicht mehr gestellt, wo man gemerkt hat, dass man anders f\u00fchlt. Das hat dann dazu gef\u00fchrt, dass man sich erstmal in Frage stellen musste oder zumindest die Realit\u00e4t um einen herum sich in Frage stellen lie\u00df. Eben aus dieser Diskriminierungserfahrung. Ich empfinde auch heute Diskriminierung. Das f\u00e4ngt da an, wenn ich die Stra\u00dfe entlang gehe und da eine Gruppe Jugendlicher steht, die mir ein bisschen gef\u00e4hrlicher vorkommt, dass ich die Frage habe, ob ich jetzt Thomas Hand halte oder nicht, oder von einem anderen Mann. Allein wenn sich die Frage stellt, ist das schon eine Erfahrung von Diskriminierung.<\/p>\n<p>Ich glaube, eine \u00e4hnliche Situation haben Heterosexuelle auch, nicht aufgrund einer Diskriminierungserfahrung, sondern dass sie auch die Erfahrung machen: &#8222;Ich muss mich irgendwie anders orientieren, weil es nicht mehr funktioniert, was mir an Lebensrealit\u00e4t geboten wurde.&#8220; Dadurch ergibt sich auch eine Art Sinnsuche, und so was wie Swingerclubs sind dann vielleicht etwas, was viele als M\u00f6glichkeit f\u00fcr sich in Betracht ziehen. Aber ich habe auch immer das Bild, dass es was mit sexueller Ausbeutung zu tun hat, was halt Quatsch ist, weil das ja gar nicht so sein muss. Weil ich auch davon ausgehen k\u00f6nnte, dass Swingerclubs so etwas sind wie schwule Saunen, wo sich Menschen treffen, um einvernehmlich Sex zu haben. Das ist auch eine Option, ich finde das auch erstmal legitim. Die Frage ist, ob das das ist, worum es geht. Oder ob es nicht eigentlich um Beziehung, um Verbindlichkeit, um Liebe geht. Da ist die Gesellschaft noch nicht so weit. Auch in Bezug auf die Frage, welche Bedeutung biologische Familie und welche Bedeutung soziale Familie hat. Das Bewusstsein daf\u00fcr, dass soziale Familie auch etwas ist, was man gestalten muss und was einen Wert hat und was letztendlich das Eigentliche gibt.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Es ging mir auch eher um diese Differenz. Dass ich denke, dass offener Sex bei vielen Homosexuellen aufgrund der Situation eher mit einer kritischen Reflexion verbunden ist, w\u00e4hrend ich mich bei vielen Heteros frage, ob das nicht eher mit einem Machogehabe zu tun hat und da im Kopf diese Trennung herrscht: Ich habe eine Freundin, mit der bin ich zusammen, und alles andere ist nur Sex. Vielleicht sagt Thomas mal was zu dem Konzept, mehrere Menschen zu lieben. Da w\u00fcrdest Du doch schon sagen, dass das geht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>(Alle drei lachen)<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ja, klar geht das. Dieses Konzept muss man sich erarbeiten. Das finde ich auch schade im Kino, dass es immer nur die klassische Zweierbeziehung als das erstrebenswerte Happy End anbietet. Aber das wei\u00df ja jeder und jede, dass es mehrere Leute im Leben gibt, die einem wichtig sind und mit denen man auf unterschiedlichen Ebenen und Gebieten intensive Erfahrungen macht, das ist klar, dass eine Zweierbeziehung ein Konstrukt ist. Ich w\u00fcrde nie Leute verurteilen, die in einer Zweierbeziehung leben und damit klarkommen, aber das ist eigentlich nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig. (Lachen)<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Aber da k\u00f6nnte man sagen, dass viele Menschen mit Mehrfachbeziehungen auch negative Erfahrungen machen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Es ist anstrengend.<\/p>\n<p>Man muss sich damit mehr auseinandersetzen und reflektieren, wenn man mehrere Menschen hat, die einem wichtig sind und mit denen man das Leben teilen will, als wenn es nur einen Menschen gibt, auf den man alles fixiert. Aber das ist etwas, was man lernen muss.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Eifersucht ist Euch fremd? <\/strong><\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Das ist mir fremd. Eifersucht hatte ich noch nie.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ich kenne das schon, kannte Eifersucht und kenne das immer noch. Das geh\u00f6rt zum Leben. Und damit umzugehen lernen und immer zu hinterfragen: &#8218;Warum bin ich jetzt eifers\u00fcchtig. Ist das nicht totaler Quatsch?&#8216; Eifersucht ist immer dann da, wenn man denkt, man kriegt zu wenig Aufmerksamkeit oder zu wenig Liebe. Man kann Eifersucht nicht verurteilen. Das ist dann einfach da. Man kann aber daran arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Hat sich in der Schwulenbewegung etwas ge\u00e4ndert? <\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ich finde, dass die j\u00fcngeren Lesben und Schwulen selbstverst\u00e4ndlicher lesbisch und schwul sind. Aber mit dem Nachteil, dass sie sich wenig mit der Geschichte der Homosexualit\u00e4ten besch\u00e4ftigen. Z.B. mit der Verfolgung im Nationalsozialismus oder auch in der BRD der 50er, 60er und 70er Jahre. Die sind mittlerweile selbstverst\u00e4ndlich in einem schwul-lesbischen Fu\u00dfballfanclub. Das kann man positiv, aber auch negativ sehen. Dass sie teilweise vielleicht nicht mehr diese Diskriminierungserfahrungen machen, wie wir sie noch gemacht haben.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Vielleicht nur anders in der Erfahrung und in der Intensit\u00e4t. Gerade in Gro\u00dfst\u00e4dten kannst du dich in sozialen Vierteln aufhalten, wo du dich abgeschottet und relativ sicher f\u00fchlen kannst. Aber wenn du bestimmte Viertel meidest, dann meidest du auch die Erfahrungen.<\/p>\n<p>Das ist dann nicht so, dass Du keine Diskriminierung erf\u00e4hrst, die Frage ist, ob Du sie bewusst wahrnimmst. Wer sich nicht bewegt, sp\u00fcrt auch seine Fesseln nicht. &#8218;Du musst Deinen Partner ja nicht auf der Stra\u00dfe k\u00fcssen.&#8216;<\/p>\n<p>Das ist auch die Frage, wie du das lebst und ob du dich dem aussetzt oder das meidest.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Es gibt jetzt offen lesbische und schwule Politikerinnen und Politiker, und ich glaube, dass die Politik insgesamt nicht offen homophob ist. Aber sie tut auch wenig f\u00fcr eine richtige Liberalisierung. Was z.B. Adoptionsrechte angeht, da haben Lesben und Schwule immer noch schlechte Chancen.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Jetzt seid Ihr seit einigen Jahren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Kinos. W\u00fcrdet Ihr Euch noch als Anarchisten definieren? Gibt es da noch Bez\u00fcge? <\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Vom Prinzip her definier ich mich so. ((3)) Wir wollten das Kino machen, ein Wirtschaftsunternehmen, im Kapitalismus. Da mussten wir uns bestimmten Zw\u00e4ngen beugen.<\/p>\n<p>Ich kann ja nicht warten, ein Kino zu machen, bis wir Anarchie haben. Ich will trotzdem meine Projekte verwirklichen, und das geht dann eben nur in diesem Rahmen. Aber die Idee, die ich da habe, die dann irgendwann\u2026 in vierhundert Jahren mal kommt (beide lachen)&#8230; das ist dann eben schon eine anarchistische Gesellschaft. Nur dass wir jetzt irgendwie langsam so Steinchen auswerfen in die Richtung. Dass wir gerne mit dem Kino das Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung in eine andere Richtung lenken wollen.<\/p>\n<p>Und das Andere ist das mit dem Anders-Wirtschaften. Ich hatte damals die Idee, dass wir ein Kollektiv machen. Dda habe ich gemerkt, dass die Leute, die im Kino gearbeitet hatten, keine Lust dazu hatten. Das war ein Arbeitsplatz f\u00fcr die, mehr haben die damit nicht verbunden. F\u00fcr mich war klar, ich wollte damit viel gestalten und etwas ver\u00e4ndern und anders wirtschaften. Und die Leute wollten ihr Geld verdienen oder in ihrer Freizeit andere Sachen machen. So ist das nach au\u00dfen eine stinknormale GmbH geworden. Aber ich hoffe schon, dass da eine andere Atmosph\u00e4re und ein anderer Geist vorherrschen.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Ich wei\u00df gar nicht, ob ich mich als Anarchisten bezeichnen w\u00fcrde oder jemals bezeichnet h\u00e4tte. Dazu m\u00fcsste ich auch in theoretischer Hinsicht mehr wissen. Ich habe bestimmte Forderungen, das sind bestimmt anarchistische Forderungen oder Utopien. Ich finde zum Beispiel, Nationalstaaten geh\u00f6ren abgeschafft, wie Grenzen abgeschafft geh\u00f6ren, wie Migrationshindernisse abgeschafft geh\u00f6ren usw.<\/p>\n<p>Wir bewegen uns im kapitalistischen System. Mir war immer wichtig, dass ich in allem, was ich mache, mein eigener Herr bin\u2026 Ich h\u00e4tte jetzt auch Kino nicht als Angestellter von irgendjemanden gemacht. Letztendlich haben wir eine GmbH in einer kapitalistischen Gesellschaft gegr\u00fcndet, und daraus ergeben sich f\u00fcr mich Logiken und bestimmte Hierarchien, die ich in der Realit\u00e4t akzeptiere und versuche auszuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Ich glaube, da unterschieden Thomas und ich uns auch ein bisschen. Ich bin da schon eher Chef, oder bestimmte Sachen, die Thomas lieber mit allen diskutiert, muss ich nicht mit allen diskutieren. Viele Entscheidungen sind schon Entscheidungen, wo wir denken, unterm Strich werden hinterher alle begeistert sein. Ich glaube, dass wir bewusst versuchen, innerhalb dieses Rahmens m\u00f6glichst sozial, verantwortungsvoll und nachhaltig zu agieren. Ob das jetzt Tantiemen sind oder sonst was\u2026 Aber man darf sich \u00fcber bestimmte Sachen nicht hinwegt\u00e4uschen. Jemand, der bei uns arbeitet, darf nicht die Illusion haben, dass er gleichberechtigt ist. Das ist kein anarchistischer Betrieb, keine Genossenschaft.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Eine abschlie\u00dfende Frage. Ihr seid seit 26 Jahren zusammen, macht das Kino zusammen, wohnt zusammen\u2026 Klappt das? <\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Das ist die abschlie\u00dfende Frage? Da finde ich ja eher noch die Frage interessant nach der Biographie, ob wir zufrieden sind. Oder ob wir da gro\u00dfe Br\u00fcche sehen.<\/p>\n<p><strong>Ren\u00e9: Ja, sag mal\u2026<\/strong><\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Das kann dann Jens erz\u00e4hlen\u2026 (Lachen)<\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Nee, also ich merke schon, ich bin m\u00fcde, so viel Verantwortung zu haben. Ich sehne mich nach kleinr\u00e4umigeren Arbeitsformen oder zeitlich begrenzten Sachen. Ich sehne mich nach Theaterarbeit und dem, was damit verbunden war. Also kleine Teams, intensive Arbeit, aber Leute, die hoch motiviert sind, bei dem, was sie machen, weil sie da Herzblut rein stecken. Ich probiere ja jetzt aus, Regie wieder nebenher zu machen. Ein Solo erstmal. Und dann mal gucken, meine Erfahrungen sammeln. Was mir fehlt, ist eine Prozesshaftigkeit.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ich hatte ja den Traum, als ich die Drogerie meiner Eltern \u00fcbernehmen wollte, dass ich da ein Caf\u00e9 einbaue. Das Caf\u00e9 ist im Kino, was ich besser finde als die Drogerie. Eigentlich bin ich zufrieden. Ich wollte nie Chef sein, und jetzt bin ich es auf einmal irgendwie\u2026 Ich kann mir nicht vorstellen, dieses Kino die n\u00e4chsten zwanzig Jahre zu machen. Ich finde es im Kulturbereich wichtig, dass man nicht ewig das Gleiche macht, da stumpft man irgendwie ab und dann wird Kultur nur noch zum Gesch\u00e4ft. Kultur muss sich immer hinterfragen. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, irgendwann mal was anderes zu machen.<\/p>\n<p>Ich denke, ich bin mir nicht total untreu geworden in meinen Idealen. Als 18-J\u00e4hriger tr\u00e4umte ich davon, einen <em>Bus of Peace<\/em> zu machen. Damals gab es ja schon den Israel-Pal\u00e4stina-Konflikt, und um da zu vermitteln, muss man den Leuten einfach nur einen Platz geben zum Reden. Dann dachte ich an einen Bus, man f\u00e4hrt hin und her und irgendwann reden die Leute, und es gibt Frieden auf der Welt. Naja, jetzt haben wir das Kino, da kann man auch reden, aber es bewirkt nicht so viel, zumindest was Israel-Pal\u00e4stina angeht. (Gel\u00e4chter)<\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>Was war jetzt die letzte Frage? Ach das mit den 26 Jahren\u2026 Na klar geht man sich manchmal auch auf die Nerven. Oder nicht?<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Ich finde, die Beziehung zu Thomas ist das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das ich gekriegt habe, bisher. Ich kann eine offene Beziehung f\u00fchren. Mit wem kann ich das? Ich kann \u00fcber unsere Beziehung reden, ich f\u00fchle mich geborgen, f\u00fchle mich wohl, ich kann Arbeit, Beruf und Privates unter einen Hut bringen und kann das mit ihm leben. Dass das m\u00f6glich ist, macht es viel spannender, interessanter und ich habe das Gef\u00fchl, das ist viel n\u00e4her an meinen Bed\u00fcrfnissen. Wenn wir dieses Postulat einer Zweierbeziehung h\u00e4tten, wei\u00df ich nicht, ob wir noch zusammen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Also, das ist ein elementarer Grund, weil das viel aussagt, wie wir die Beziehung leben.<\/p>\n<p>Wir arbeiten uns an vielen Sachen ab. Das macht so eine Beziehung aus, dass man sich streiten kann. Letztlich w\u00e4chst man daran.<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ja, das stimmt. Wir wissen genau, wie der andere tickt, was die Reizthemen sind, was man ausklammert.<\/p>\n<p>(Lachen)<\/p>\n<p><em>Jens: <\/em>Ich kaufe immer zu viel Gem\u00fcse!<\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>Und ich habe heute die Cashewkerne zu lange im Backofen gelassen.<\/p>\n<p>Es war vor einigen Jahren schon so, wo wir \u00fcberlegt haben: Arbeiten wir lieber zusammen oder wohnen wir lieber zusammen? Jens meinte, er wohnt lieber mit mir zusammen. Es war die Idee, ob wir mal auseinanderziehen. Ich arbeite lieber mit Jens zusammen und konnte mir vorstellen, dass Jens zu seinem Freund nach Rotterdam zieht.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Da sind wir eingespielt. Du kannst respektvoll bestimmte Sachen akzeptieren und sagen: &#8218;Okay, das ist nicht so, wie ich mir das vorstelle. Und der andere tickt da eben anders.&#8216; Ich habe das Gef\u00fchl, da gibt es Paare, die dann anfangen, sich zu zerfleischen. Oder es gibt Paare, die nicht mehr miteinander gl\u00fccklich sind und die das, was sie haben, dann damit zerst\u00f6ren. Anstatt zu sagen, bestimmte Sachen funktionieren nicht mehr und andere sind aber sch\u00f6n, und das dann zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Beziehungen zwischen Menschen sind etwas, was sich immer ver\u00e4ndert, etwas Dynamisches. Genauso haben wir Phasen, wo wir viel und andere, wo wir gar keinen Sex haben. Und Phasen, wo wir uns ganz nah f\u00fchlen, und andere, wo wir gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig alleine sind. Aber ich bin ziemlich sicher, dass wir immer befreundet sein werden. Dass Thomas immer jemand ist, der f\u00fcr mich wichtig ist, egal in welcher Form wir dann eine Beziehung haben werden.<\/p>\n<p>Aber es gibt genug Gr\u00fcnde, warum man sich irgendwann trennt oder sich etwas ver\u00e4ndert. Wenn man nicht akzeptiert, dass sich Sachen auch ver\u00e4ndern und man sich voneinander entfernt, hat das keine M\u00f6glichkeit\u2026 (nachdenklich) Das ist meine tiefe \u00dcberzeugung. Das ist es auch, warum wir im Moment ganz gl\u00fccklich sind damit. Oder?<\/p>\n<p><em>Thomas:<\/em> Ja, ich glaube auch, dass wir wissen, dass wir nicht immer Recht haben und dass der andere vielleicht auch mal Recht hat. Und dass wir nicht so darauf beharren, dass unser Weg der richtige ist.<\/p>\n<p><em>Jens:<\/em> Auch bei den Cashewkernen.<\/p>\n<p><em>Thomas: <\/em>Und bei zu viel Gem\u00fcse im K\u00fchlschrank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ren\u00e9: Ihr habt Euch 1984 kennengelernt, ward bereits lange politisch aktiv, 1997 habt Ihr das &#8222;Cinema&#8220; \u00fcbernommen. Erz\u00e4hlt doch etwas dazu. Thomas: 1984 hatten wir beide jeweils Zivildienst gemacht. Jens in D\u00fcsseldorf. Ich auf Sylt. Dann haben wir \u00fcberlegt, ob wir totalverweigern sollten. 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