{"id":10899,"date":"2011-11-01T00:00:35","date_gmt":"2011-10-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=10899"},"modified":"2022-07-26T14:12:25","modified_gmt":"2022-07-26T12:12:25","slug":"occupy-wall-street","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/occupy-wall-street\/","title":{"rendered":"Occupy Wall Street"},"content":{"rendered":"<p>In vielen hundert St\u00e4dten weltweit fand diese Bewegung ihren Widerhall. Politisch bisher nie in Erscheinung getretene Teile der Bev\u00f6lkerung besetzten den \u00f6ffentlichen Raum in unmittelbarer N\u00e4he von \u00f6konomischen Machtzentren. Am 15. Oktober 2011 demonstrierten in Deutschland \u00fcber 40.000 Menschen daf\u00fcr, dass die Kosten der von Konzernen und Banken verursachten Krise nicht auf den R\u00fccken der einfachen Leute abgew\u00e4lzt werden.<\/p>\n<p>Diese wunderbar unkonventionell agierende Bewegung bewirkte auch in der BRD eine nicht geringe Verwunderung bei denjenigen, die bisher nur den altbekannten Aufmarsch der braven Parteisoldaten als Ma\u00dfstab des Fortschritts kannten: &#8222;Etwas Neues bahnt sich ameisengleich den Weg. (&#8230;) Es kommt in chaotischer Formation und ohne einheitliches Kommando. Und es kommt mit dem Zelt&#8220; ((1)).<\/p>\n<p>Die bunt zusammengew\u00fcrfelten Menschen haben keine Hierarchien aufgebaut. Sie agieren in horizontalen Strukturen. G\u00e4ngelnde und sich selbst in den Vordergrund r\u00fcckende ParteivertreterInnen sind unerw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Damit die Libert\u00e4ren nicht allzu sehr \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen, tritt die ehemals alternative taz auf den Plan.<\/p>\n<p>Sie dr\u00e4ngt die Rebellen durch ihren Kolumnisten Matthias Greffrath: &#8222;Lasst euch vereinnahmen!&#8220; ((2)) Denn dauerhaft Erfolg zu haben, bedeutet seiner Meinung nach &#8222;in nervigen Ortsvereinen Lebenszeit zu opfern&#8220;!<\/p>\n<p>Selbst Bewegungsprofessor Grottian ist ein wenig irritiert, als die VeranstalterInnen von Occupy ganz &#8222;rigide&#8220; forderten, Parteifahnen wieder einzurollen: &#8222;Ich war dabei, als das geschah&#8220;. Er r\u00e4t der Bewegung: &#8222;Auf Dauer wird sie aber nicht darum herumkommen, auch die Aufm\u00fcpfigen in den jeweiligen Parteien f\u00fcr sich zu gewinnen.&#8220; ((3)) Angela Merkel hat angesichts der Eurokrise bereits Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die &#8222;Sorgen und N\u00f6te&#8220; der B\u00fcrger gezeigt.<\/p>\n<p>Die &#8222;Interventionistische Linke&#8220; gibt in einer Erkl\u00e4rung zu, &#8222;dass gerade die Linke ersteinmal zuh\u00f6ren&#8220; ((4)) und nicht wieder vorschnell mit eignen Welterkl\u00e4rungszumutungen eine neu entstehende Bewegung bevormunden sollte. Und beklagt gleich im ersten Abschnitt dieser Erkl\u00e4rung, dass sie leider angesichts der schnell voranschreitenden Entwicklung keine Zeit mehr gefunden habe, eine eigene interne Absprache &#8222;\u00fcber m\u00f6gliche Forderungen, Losungen oder Erkennungsworte&#8220; (!) zu organisieren. Andere freuten sich \u00fcber die vielen nicht von Gro\u00dforganisationen vorgefertigten, sondern selbstgemalten phantasievollen Plakate der DemonstrantInnen. Und wunderten sich \u00fcber das fehlende, in ihren Augen scheinbar obligatorische &#8222;Front(!)transparent&#8220; ((5)) bei einer Demo in Berlin. Wie verr\u00e4terisch die Sprache, wie eingefahren die Denkmuster doch sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Parteipolitische Resonanzb\u00f6den&#8220;, in Massen herbeieilende Gewerkschaftsmitglieder und flammende Appelle der Intellektuellen vermisst Tom Strohschneider auf der Titelseite des &#8222;Freitag&#8220; ((6)) in der BRD. Ausgerechnet diejenigen kreuzbraven Mainstreamgewerkschaften und von Eigeninteressen geleiteten Parteien, die in der Vergangenheit die Hartz IV-Proteste in eine kontinuierlich schrumpfende Ansammlung g\u00e4hnender Langweiler verwandelt haben, sollen jetzt zus\u00e4tzlich frischen Wind in die Auseinandersetzungen bringen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wissen wir um das l\u00e4ngerfristige Auf und Ab bei politischen Bewegungen und stellen nicht in Abrede, dass vorhandene Bewegungsstrukturen stabilisiert werden sollten. Der US-amerikanische Bewegungsforscher Bill Moyer hat in seinem &#8222;Movement Action Plan &#8211; MAP&#8220; schon vor Jahrzehnten auf die sich erg\u00e4nzenden Rollen von &#8222;Rebellen&#8220;, ReformerInnen und aktiven B\u00fcrgerInnen bei der erfolgreichen Entfaltung von Protesten hingewiesen.<\/p>\n<p>Doch fest steht ebenfalls, dass der sich entwickelnde weltweite Protest auch deswegen entstanden ist, weil sich unz\u00e4hlige Menschen nicht mehr durch die bestehenden Parteien und Organisationen vertreten f\u00fchlen und sich von ihnen nichts mehr sagen lassen wollen. In den l\u00e4ngerfristig angelegten Camps und neu entstandenen Zusammenh\u00e4ngen wird Basisdemokratie praktiziert, die Zeit kostet und manchmal anstrengend sein kann.<\/p>\n<p>Neue Aktions- und Kommunikationsformen entstehen. Zum Beispiel das &#8222;human microphone&#8220;, bei dem die DemonstrantInnen in Ermangelung einer Lautsprecheranlage jeden Satz eines Redners oder einer Rednerin im Chor laut nachsprechen und damit das Gesagte eindrucksvoll bekr\u00e4ftigen und ein Gemeinschaftsgef\u00fchl entwickeln.<\/p>\n<p>Die bisherigen von linken Parteien und Gruppen angebotenen schnellen und oberfl\u00e4chlich-verbalradikalen L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge haben in der Vergangenheit nicht weitergeholfen und werden von den neuen Protestlern mit berechtigter Skepsis gesehen. Wenn diese linken Parteig\u00e4ngerInnen in sch\u00f6ner Gemeinschaft mit der etablierten Politik sich inzwischen dar\u00fcber mokieren und lustig machen, dass die neue Bewegung nicht in Sekundenschnelle das richtige Forderungs-Kaninchen aus dem Zylinder hervorzaubert, so zeigt das nur, dass beide in \u00e4hnlichen politischen Kategorien denken.<\/p>\n<p>Insbesondere die entstehende Occupy-Bewegung in den USA zeigt, dass viele vom sozialen Abstieg bedrohte Menschen jahrelang die neoliberale Politik ohne \u00e4u\u00dferlich sichtbare Zeichen von Widerstand \u00fcber sich ergehen lie\u00dfen. Aber sie sind nicht bl\u00f6d. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem sie aufstehen. Die mediengesch\u00fcrte ideologische Dominanz der reaktion\u00e4ren Tea Party wird in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Erstmals seit Jahren werden wieder die richtigen Fragen gestellt. Wer profitiert von der &#8222;Bankenkrise&#8220;? Auf welcher Seite stehst du? Was muss getan werden? &#8211;<\/p>\n<p>Nach jahrzehntelanger Lethargie k\u00f6nnen diese Fragen nicht schnell und nicht einfach beantwortet werden. Aber sie werden jetzt endlich gestellt und diskutiert. Ein Anfang ist gemacht. Das allein ist schon ein Fortschritt.<\/p>\n<p>Sicherlich wird der Winter \u00fcber die Protestcamps kommen und auch die PolitikerInnen werden eiskalt versuchen, die guten Absichten der neuen Bewegung zu okkupieren und zu vereinnahmen. Es liegt an uns, sie mit der Sonne der Solidarit\u00e4t zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vielen hundert St\u00e4dten weltweit fand diese Bewegung ihren Widerhall. Politisch bisher nie in Erscheinung getretene Teile der Bev\u00f6lkerung besetzten den \u00f6ffentlichen Raum in unmittelbarer N\u00e4he von \u00f6konomischen Machtzentren. Am 15. Oktober 2011 demonstrierten in Deutschland \u00fcber 40.000 Menschen daf\u00fcr, dass die Kosten der von Konzernen und Banken verursachten Krise nicht auf den R\u00fccken der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2011\/11\/occupy-wall-street\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Occupy Wall Street - graswurzelrevolution","description":"In vielen hundert St\u00e4dten weltweit fand diese Bewegung ihren Widerhall. Politisch bisher nie in Erscheinung getretene Teile der Bev\u00f6lkerung besetzten den \u00f6ffent"},"footnotes":""},"categories":[612,1042],"tags":[],"class_list":["post-10899","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-363-november-2011","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10899","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10899"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10899\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10899"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10899"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10899"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}